Übersetzung: Wenn man einen großen Groll zu schlichten versucht, bleibt unweigerlich ein Restgroll bestehen.
Deutung: Tiefverwurzelte Feindschaft kann selbst bei erzwungener Vermittlung nicht vollständig aufgelöst werden — an der Oberfläche mag die Versöhnung erreicht sein, doch im Herzen bleibt der Groll bestehen. Laozi leitet damit seinen zentralen Gedanken ein: Statt nachträglich wiedergutmachen zu wollen, ist es besser, von vornherein keinen Groll zu erzeugen.
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Übersetzung: Selbst wenn man einen großen Groll unterdrückt, bleibt unvermeidlich ein Restgroll zurück.
Deutung: Hier nimmt 和 (hé) die Bedeutung „unterdrücken, beschwichtigen" an. Selbst wenn der Groll mit Gewalt niedergehalten wird, bleiben seine Keime bestehen — der Groll verschwindet nicht dadurch, dass er unterdrückt wird; im Gegenteil, er sammelt sich an und wird tiefer.
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Übersetzung: Wie kann dies als angemessene Vorgehensweise gelten?
Deutung: Eine rhetorische Frage. Da selbst nach der Versöhnung ein Restgroll verbleibt, ist die Versöhnung keine wahre Lösung. Was Laozi aufzeigen möchte, ist Folgendes: Das grundlegende „Gute" besteht nicht in nachträglicher Wiedergutmachung, sondern darin, von Anfang an keinen Groll zu erzeugen.
Ähnliche Ansichten: Konsens unter den Kommentatoren.
Übersetzung: Daher hält der Weise (圣人), obgleich er die linke Vertragshälfte (den Gläubigeranteil) besitzt, keine Schuld von anderen ein.
Deutung: In alter Zeit wurden Verträge in Bambus oder Holz geritzt und in zwei Hälften geteilt; der Gläubiger behielt die linke Hälfte. Der Weise besitzt zwar das Recht, seine Schuld einzufordern (mit voller Berechtigung), wählt jedoch, auf die Forderung zu verzichten — „im Recht sein und dennoch niemanden bedrängen". Dies ist die grundlegende Methode, „keinen Groll zu erzeugen": Man nimmt lieber selbst den Verlust in Kauf, als bei anderen Groll hervorzurufen. Kommentar von Heshanggong: „圣人执左契而合之,不责于人" („Der Weise hält die linke Vertragshälfte und fügt sie zusammen, ohne jedoch von anderen zu fordern").
Ähnliche Ansichten: Kommentar von Heshanggong.
Übersetzung: Der Weise bewahrt den Vertrag (Treu und Glauben), macht anderen jedoch keine Vorwürfe.
Deutung: Hier nimmt 责 (zé) die Bedeutung „Vorwürfe machen, tadeln" an. Der Weise begegnet anderen mit Treu und Glauben (Vertragstreue), verlangt aber nicht streng, dass andere ebenso handeln. Nachsichtig gegenüber anderen, streng gegenüber sich selbst — dies ist der grundlegende Weg, die Entstehung von Groll zu verhindern.
Ähnliche Ansichten: Deutungen, die 责 als „Vorwürfe machen, tadeln" glossieren.
Übersetzung: Wer die Tugend/Te (德) besitzt, verwaltet die Verträge (behandelt andere mit Treu und Glauben); wer ohne Tugend ist, verwaltet die Steuereintreibung (bedrängt andere mit harten Abgaben).
Deutung: Vertrag und Steuer stehen für zwei verschiedene Regierungsweisen. Der Tugendhafte regiert im Geiste des Vertrags (gegenseitiges Vertrauen, kein Schuldeintreiben); der Tugendlose regiert durch erdrückende Besteuerung (Erzwingung durch Gewalt). 彻 (chè) bezeichnet das Steuersystem der Zhou-Dynastie und wird hier als allgemeiner Begriff für unterdrückerische Besteuerung verwendet.
Ähnliche Ansichten: Heshanggong: „有德之人,司察约束。无德之人,司人所彻" („Der tugendhafte Mensch überwacht und reguliert mit Zurückhaltung. Der tugendlose Mensch überwacht das, was eingetrieben werden soll").
Übersetzung: Der Tugendhafte stützt sich auf den Vertrag (behandelt andere großzügig); der Tugendlose verfolgt die Angelegenheit bis zum Ende (bedrängt andere hart).
Deutung: Hier nimmt 彻 (chè) die Bedeutung „bis zum Ende verfolgen, gründlich untersuchen" an. Selbst wenn andere ihm etwas schulden, bewahrt der Tugendhafte lediglich den Beleg mit Milde; der Tugendlose hingegen verfolgt die Sache unerbittlich und treibt sie bis zum Äußersten. Diese Deutung schließt unmittelbar an den vorhergehenden Vers an: „die linke Vertragshälfte halten, ohne Forderungen an andere zu stellen".
Ähnliche Ansichten: Deutungen, die 彻 als „bis zum Ende verfolgen" glossieren.
Übersetzung: Das Tao des Himmels kennt keine Parteilichkeit; es steht stets dem guten Menschen bei.
Deutung: Die Schlussfolgerung des gesamten Kapitels und einer der berühmtesten Leitsätze des ganzen Werks. Das Tao des Himmels bevorzugt niemanden (无亲, „keine Parteilichkeit" = Kapitel 5: „Himmel und Erde sind nicht gütig"), doch objektiv ist es stets der gute Mensch, der Nutzen zieht — denn sein Handeln steht im Einklang mit dem Tao (道), und so empfängt er natürlicherweise die „Hilfe" des Tao. Dies geschieht nicht durch bewusste Absicht des Himmels, sondern durch das Wirken des Naturgesetzes.
Ähnliche Ansichten: Konsens unter den Kommentatoren.
Übersetzung: Das Tao des Himmels kennt keine Günstlingswirtschaft; es nähert sich stets denen, die geschickt darin sind, dem Tao zu folgen.
Deutung: Hier nimmt 与 (yǔ) die Bedeutung „sich nähern, sich auf die Seite stellen" an, und 善 (shàn) die Bedeutung „geschickt im (Befolgen des Tao)". Das Tao des Himmels belohnt nicht die moralisch „Guten" als solche; vielmehr gravitiert es natürlicherweise zu denen hin, die geschickt darin sind, dem Tao zu folgen — dies ist Kausalität, kein moralisches Urteil. Wer mit dem Tao im Einklang steht, empfängt die natürliche Antwort des Tao.
Ähnliche Ansichten: Moderne Deutungen aus der Perspektive der Kausalität statt des Moralgesetzes.
Dieses Kapitel enthält 9 Deutungskombinationen.
[Kerndifferenzen]
Kapitel 79 setzt beim Problem der „Versöhnung von Groll" an und erhebt sich schließlich zur kosmischen Ethik des „Das Tao des Himmels kennt keine Günstlinge". Die Logik des Kapitels ist stringent: Einen großen Groll zu schlichten ist nicht so gut wie ihn gar nicht erst zu erzeugen (Vorbeugung statt Heilung) → Der Weise hält die linke Vertragshälfte, ohne Forderungen zu stellen (nachgeben, selbst wenn man im Recht ist) → Der Tugendhafte verwaltet den Vertrag, der Tugendlose die Steuer (Nachsicht vs. Strenge) → Das Tao des Himmels kennt keine Parteilichkeit, steht aber stets dem guten Menschen bei (Güte ist Einklang mit dem Tao, und Einklang mit dem Tao ist Güte). „天道无亲,常与善人" (Das Tao des Himmels kennt keine Günstlinge; es steht stets dem guten Menschen bei) ist eine der intellektuell spannungsreichsten Thesen des Tao Te Ching — sie verneint zugleich jeglichen anthropomorphen Willen des himmlischen Tao (keine Günstlinge) und bejaht die ethische Wirkung des himmlischen Wirkens (dem Guten beistehen) und schafft so ein kunstvolles Gleichgewicht zwischen Atheismus und Moralgesetz.