Tao Te Ching Kapitel 79: Der vollständige Kommentar

Der folgende Inhalt bietet eine multiperspektivische Tiefenanalyse jedes Satzes dieses Kapitels, die traditionelle Kommentare, philologische Analysen, philosophische Interpretationen und weitere Dimensionen umfasst. Grundtext: Wang Bis Kommentar zum Daode Zhenjing, Ausgabe des Zhengtong Daozang
Die „Kombination"-Bezeichnung jeder Deutung folgt dem Format „Zeichen + Bedeutungsnummer" (z.B. „dàoC-A"), d.h. diese Deutung verwendet Bedeutung C von „dào" und Bedeutung A von „". Das vollständige Glossar finden Sie am Ende dieses Kapitels: [Anhang: Glossar der Schlüsselzeichen].

[Satz 1] yuànyǒuyuàn;(Wenn man einen großen Groll zu schlichten versucht, bleibt unweigerlich ein Restgroll bestehen.)

Kapitel 79 · Satz 1: yuànyǒuyuàn

[Deutung 1] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: A-A-yuànA-A-yuànA
Übersetzung: Wenn man einen großen Groll zu schlichten versucht, bleibt unweigerlich ein Restgroll bestehen.
Deutung: Tiefverwurzelte Feindschaft kann selbst bei erzwungener Vermittlung nicht vollständig aufgelöst werden — an der Oberfläche mag die Versöhnung erreicht sein, doch im Herzen bleibt der Groll bestehen. Laozi leitet damit seinen zentralen Gedanken ein: Statt nachträglich wiedergutmachen zu wollen, ist es besser, von vornherein keinen Groll zu erzeugen.
Ähnliche Ansichten: Konsens unter den Kommentatoren.
Kapitel 79 · Satz 1: yuànyǒuyuàn

[Deutung 2] Traditionell · Mittlere Glaubwürdigkeit

Kombination: B-A-yuànA-A-yuànA
Übersetzung: Selbst wenn man einen großen Groll unterdrückt, bleibt unvermeidlich ein Restgroll zurück.
Deutung: Hier nimmt (hé) die Bedeutung „unterdrücken, beschwichtigen" an. Selbst wenn der Groll mit Gewalt niedergehalten wird, bleiben seine Keime bestehen — der Groll verschwindet nicht dadurch, dass er unterdrückt wird; im Gegenteil, er sammelt sich an und wird tiefer.
Ähnliche Ansichten: Die Kernlogik von Wang Bis Kommentar zu diesem Kapitel.

[Satz 2] ānwèishàn?(Wie kann dies als eine gute Lösung gelten?)

Kapitel 79 · Satz 2: ānwèishàn

[Deutung 1] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: ānA-shànB
Übersetzung: Wie kann dies als angemessene Vorgehensweise gelten?
Deutung: Eine rhetorische Frage. Da selbst nach der Versöhnung ein Restgroll verbleibt, ist die Versöhnung keine wahre Lösung. Was Laozi aufzeigen möchte, ist Folgendes: Das grundlegende „Gute" besteht nicht in nachträglicher Wiedergutmachung, sondern darin, von Anfang an keinen Groll zu erzeugen.
Ähnliche Ansichten: Konsens unter den Kommentatoren.

[Satz 3] shìshèngrénzhízuǒérrén。(Daher hält der Weise die linke Vertragshälfte, ohne jedoch Forderungen an andere zu stellen.)

Kapitel 79 · Satz 3: shìshèngrénzhízuǒérrén

[Deutung 1] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: zhíA-zuǒA-A-A-A-A-rénA
Übersetzung: Daher hält der Weise (shèngrén), obgleich er die linke Vertragshälfte (den Gläubigeranteil) besitzt, keine Schuld von anderen ein.
Deutung: In alter Zeit wurden Verträge in Bambus oder Holz geritzt und in zwei Hälften geteilt; der Gläubiger behielt die linke Hälfte. Der Weise besitzt zwar das Recht, seine Schuld einzufordern (mit voller Berechtigung), wählt jedoch, auf die Forderung zu verzichten — „im Recht sein und dennoch niemanden bedrängen". Dies ist die grundlegende Methode, „keinen Groll zu erzeugen": Man nimmt lieber selbst den Verlust in Kauf, als bei anderen Groll hervorzurufen. Kommentar von Heshanggong: „shèngrénzhízuǒérzhīrén" („Der Weise hält die linke Vertragshälfte und fügt sie zusammen, ohne jedoch von anderen zu fordern").
Ähnliche Ansichten: Kommentar von Heshanggong.
Kapitel 79 · Satz 3: shìshèngrénzhízuǒérrén

[Deutung 2] Neuartig · Mittlere Glaubwürdigkeit

Kombination: zhíA-zuǒA-A-A-B-A-rénA
Übersetzung: Der Weise bewahrt den Vertrag (Treu und Glauben), macht anderen jedoch keine Vorwürfe.
Deutung: Hier nimmt (zé) die Bedeutung „Vorwürfe machen, tadeln" an. Der Weise begegnet anderen mit Treu und Glauben (Vertragstreue), verlangt aber nicht streng, dass andere ebenso handeln. Nachsichtig gegenüber anderen, streng gegenüber sich selbst — dies ist der grundlegende Weg, die Entstehung von Groll zu verhindern.
Ähnliche Ansichten: Deutungen, die als „Vorwürfe machen, tadeln" glossieren.

[Satz 4] yǒuchè。(Der Tugendhafte verwaltet den Vertrag; der Tugendlose verwaltet die Steuer.)

Kapitel 79 · Satz 4: yǒuchè

[Deutung 1] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: yǒuA-A-A-A-A-A-A-chèA
Übersetzung: Wer die Tugend/Te () besitzt, verwaltet die Verträge (behandelt andere mit Treu und Glauben); wer ohne Tugend ist, verwaltet die Steuereintreibung (bedrängt andere mit harten Abgaben).
Deutung: Vertrag und Steuer stehen für zwei verschiedene Regierungsweisen. Der Tugendhafte regiert im Geiste des Vertrags (gegenseitiges Vertrauen, kein Schuldeintreiben); der Tugendlose regiert durch erdrückende Besteuerung (Erzwingung durch Gewalt). chè (chè) bezeichnet das Steuersystem der Zhou-Dynastie und wird hier als allgemeiner Begriff für unterdrückerische Besteuerung verwendet.
Ähnliche Ansichten: Heshanggong: „yǒuzhīréncháyuēshùzhīrénrénsuǒchè" („Der tugendhafte Mensch überwacht und reguliert mit Zurückhaltung. Der tugendlose Mensch überwacht das, was eingetrieben werden soll").
Kapitel 79 · Satz 4: yǒuchè

[Deutung 2] Neuartig · Mittlere Glaubwürdigkeit

Kombination: yǒuA-A-A-A-A-A-A-chèB
Übersetzung: Der Tugendhafte stützt sich auf den Vertrag (behandelt andere großzügig); der Tugendlose verfolgt die Angelegenheit bis zum Ende (bedrängt andere hart).
Deutung: Hier nimmt chè (chè) die Bedeutung „bis zum Ende verfolgen, gründlich untersuchen" an. Selbst wenn andere ihm etwas schulden, bewahrt der Tugendhafte lediglich den Beleg mit Milde; der Tugendlose hingegen verfolgt die Sache unerbittlich und treibt sie bis zum Äußersten. Diese Deutung schließt unmittelbar an den vorhergehenden Vers an: „die linke Vertragshälfte halten, ohne Forderungen an andere zu stellen".
Ähnliche Ansichten: Deutungen, die chè als „bis zum Ende verfolgen" glossieren.

[Satz 5] tiāndàoqīnchángshànrén。(Das Tao des Himmels kennt keine Günstlinge; es steht stets dem guten Menschen bei.)

Kapitel 79 · Satz 5: tiāndàoqīnchángshànrén

[Deutung 1] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: tiāndàoA-A-qīnA-chángA-A-shànA-rénA
Übersetzung: Das Tao des Himmels kennt keine Parteilichkeit; es steht stets dem guten Menschen bei.
Deutung: Die Schlussfolgerung des gesamten Kapitels und einer der berühmtesten Leitsätze des ganzen Werks. Das Tao des Himmels bevorzugt niemanden (qīn, „keine Parteilichkeit" = Kapitel 5: „Himmel und Erde sind nicht gütig"), doch objektiv ist es stets der gute Mensch, der Nutzen zieht — denn sein Handeln steht im Einklang mit dem Tao (dào), und so empfängt er natürlicherweise die „Hilfe" des Tao. Dies geschieht nicht durch bewusste Absicht des Himmels, sondern durch das Wirken des Naturgesetzes.
Ähnliche Ansichten: Konsens unter den Kommentatoren.
Kapitel 79 · Satz 5: tiāndàoqīnchángshànrén

[Deutung 2] Neuartig · Mittlere Glaubwürdigkeit

Kombination: tiāndàoA-A-qīnA-chángA-B-shànB-rénA
Übersetzung: Das Tao des Himmels kennt keine Günstlingswirtschaft; es nähert sich stets denen, die geschickt darin sind, dem Tao zu folgen.
Deutung: Hier nimmt (yǔ) die Bedeutung „sich nähern, sich auf die Seite stellen" an, und shàn (shàn) die Bedeutung „geschickt im (Befolgen des Tao)". Das Tao des Himmels belohnt nicht die moralisch „Guten" als solche; vielmehr gravitiert es natürlicherweise zu denen hin, die geschickt darin sind, dem Tao zu folgen — dies ist Kausalität, kein moralisches Urteil. Wer mit dem Tao im Einklang steht, empfängt die natürliche Antwort des Tao.
Ähnliche Ansichten: Moderne Deutungen aus der Perspektive der Kausalität statt des Moralgesetzes.

Zusammenfassung des Kapitels

Dieses Kapitel enthält 9 Deutungskombinationen.

[Kerndifferenzen]

Kapitel 79 setzt beim Problem der „Versöhnung von Groll" an und erhebt sich schließlich zur kosmischen Ethik des „Das Tao des Himmels kennt keine Günstlinge". Die Logik des Kapitels ist stringent: Einen großen Groll zu schlichten ist nicht so gut wie ihn gar nicht erst zu erzeugen (Vorbeugung statt Heilung) → Der Weise hält die linke Vertragshälfte, ohne Forderungen zu stellen (nachgeben, selbst wenn man im Recht ist) → Der Tugendhafte verwaltet den Vertrag, der Tugendlose die Steuer (Nachsicht vs. Strenge) → Das Tao des Himmels kennt keine Parteilichkeit, steht aber stets dem guten Menschen bei (Güte ist Einklang mit dem Tao, und Einklang mit dem Tao ist Güte). „tiāndàoqīnchángshànrén" (Das Tao des Himmels kennt keine Günstlinge; es steht stets dem guten Menschen bei) ist eine der intellektuell spannungsreichsten Thesen des Tao Te Ching — sie verneint zugleich jeglichen anthropomorphen Willen des himmlischen Tao (keine Günstlinge) und bejaht die ethische Wirkung des himmlischen Wirkens (dem Guten beistehen) und schafft so ein kunstvolles Gleichgewicht zwischen Atheismus und Moralgesetz.

Anhang: Glossar der Schlüsselzeichen

A. [Verb] Schlichten; versöhnen
Quelle: Grundbedeutung
B. [Verb] Unterdrücken; beschwichtigen
Quelle: Erweiterte Bedeutung
A. [Adj.] Groß; tiefgehend
Quelle: Grundbedeutung
yuàn
A. [Subst.] Groll; Feindschaft
Quelle: Grundbedeutung
A. [Adj.] Übrig; verbleibend
Quelle: Grundbedeutung
ān
A. [Adv.] Wie; wo (interrogativ)
Quelle: Frageadverb
shàn
A. [Adj.] Gut; tugendhaft
Quelle: Grundbedeutung
B. [Adj.] Angemessen; sachgerecht
Quelle: Erweiterte Bedeutung
zhí
A. [Verb] Halten; besitzen
Quelle: Grundbedeutung
zuǒ
A. [Adj.] Links (Seite)
Quelle: Bei antiken Verträgen, die in zwei Hälften geteilt wurden, behielt der Gläubiger die linke Hälfte.
A. [Subst.] Vertrag; Kerbholz
Quelle: Grundbedeutung. „wèi" (Holz kerben, um einen Vertrag zu machen).
A. [Verb] Einfordern; eintreiben
Quelle: Austauschbar mit zhài (Schuld). Geschuldetes einfordern.
B. [Verb] Vorwürfe machen; tadeln
Quelle: Grundbedeutung
A. [Part.] Gegenüber; von
Quelle: Grundbedeutung
rén
A. [Subst.] Andere; die Mitmenschen
Quelle: Grundbedeutung
yǒu
A. [Verb] Haben; besitzen
Quelle: Grundbedeutung
A. [Subst.] Tugend; moralische Kraft (Te)
Quelle: Grundbedeutung
A. [Verb] Verwalten; leiten
Quelle: Grundbedeutung
A. [Adj.] Ohne; nicht vorhanden
Quelle: Grundbedeutung
chè
A. [Subst.] Steuersystem (Besteuerung der Zhou-Dynastie)
Quelle: Mengzi: „zhōurénbǎiérchè" („Die Zhou besteuerten auf der Grundlage von hundert Morgen"). Bezeichnet die Besteuerung.
B. [Verb] Bis zum Ende verfolgen; gründlich untersuchen
Quelle: Erweiterte Bedeutung. Unerbittlich verfolgen.
tiān
A. [Subst.] Himmel; Natur
Quelle: Grundbedeutung
dào
A. [Subst.] Das Tao; der Weg des Himmels
Quelle: Zentrales Konzept bei Laozi
qīn
A. [Subst.] Parteilichkeit; Bevorzugung
Quelle: Grundbedeutung
cháng
A. [Adv.] Stets; ständig
Quelle: Grundbedeutung
A. [Verb] Helfen; gewähren
Quelle: Grundbedeutung
B. [Verb] Sich nähern; sich auf die Seite stellen
Quelle: Erweiterte Bedeutung