Übersetzung: Zu wissen, dass man nicht weiß — das ist die höchste (Weisheit); nicht zu wissen und doch zu glauben, man wisse — das ist ein Makel (der Erkenntnis).
Deutung: Die Kernthese. Laozi formuliert eine grundlegende erkenntnistheoretische Unterscheidung: Wahre Weisheit besteht nicht darin, viel zu wissen, sondern darin, zu wissen, dass man nicht weiß. „知不知" (wissen, dass man nicht weiß) entspricht dem sokratischen „Ich weiß, dass ich nichts weiß" — dem Ausgangspunkt aller Erkenntnis. „不知知" (nicht wissen und doch vorgeben zu wissen) ist Selbsttäuschung — Unwissenheit als Wissen auszugeben, ist das größte Hindernis der Erkenntnis.
Ähnliche Ansichten: Heshanggongs Kommentar: „知道言不知,是乃德之上。不知道言知,是乃德之病。" („Das Tao kennen und sagen, man kenne es nicht — das ist die höchste Tugend. Das Tao nicht kennen und sagen, man kenne es — das ist ein Makel der Tugend.")
Übersetzung: (Das Tao) kennen und doch sagen „Ich weiß nicht" — das ist die höchste Tugend; (das Tao) nicht kennen und doch sagen „Ich weiß" — das ist ein Makel des Charakters.
Deutung: Heshanggongs Interpretation aus der Perspektive der Selbstkultivierung. „知不知" ist nicht nur eine kognitive Haltung, sondern eine Frage der moralischen Kultivierung — wer das Tao besitzt, sagt selbst im Wissen bescheiden, er wisse nicht, denn das Tao ist unaussprechlich. Ein oberflächlicher Mensch mit nur bruchstückhaftem Verständnis stellt sein Wissen überall zur Schau. Diese Deutung verwandelt eine erkenntnistheoretische Aussage in eine moralische.
Ähnliche Ansichten: Heshanggongs Kommentar: „知道言不知,是乃德之上。" („Das Tao kennen und sagen, man kenne es nicht — das ist die höchste Tugend.")
Übersetzung: Gerade weil man „nicht wissen und doch glauben zu wissen" als Makel betrachtet, begeht man diesen Makel nicht.
Deutung: Eine überaus feine logische Konstruktion. „病病" — den „Makel" als „Makel" behandeln, d.h. ihm gegenüber wachsam bleiben. Wenn ein Mensch die Gefahr der Selbsttäuschung erkennt und sich ständig davor hütet, vorzugeben, zu wissen, was er nicht weiß, kann er diesen Fehler vermeiden. Dies ist eine Erkenntnismethodik durch Selbstreflexion.
Ähnliche Ansichten: Heshanggongs Kommentar: „夫唯能病苦众人有强知之病,是以不自病也。" („Nur wer darunter leidet, dass die Menschen den Makel des vorgetäuschten Wissens haben, kann sich selbst davor bewahren.")
Übersetzung: Der Weise (圣人) ist frei von diesem Makel, weil er diesen Makel als Makel behandelt, und deshalb begeht er ihn nicht.
Deutung: Die Zusammenfassung des gesamten Kapitels. Der Grund, warum der Weise den Makel des „nicht wissen und doch glauben zu wissen" nicht besitzt, liegt genau darin, dass er diesem gegenüber stets wachsam bleibt. Darin liegt eine tiefe Wahrheit: Ein wahrhaft Weiser ist nicht jemand, der alles weiß, sondern jemand, der seiner eigenen Unwissenheit gegenüber vollkommen aufmerksam bleibt. „Frei vom Makel" zu sein, kommt nicht von einer vollkommenen Natur, sondern von beständiger Selbstreflexion.
Ähnliche Ansichten: Wang Bis Kommentar: „不知知之不足任则病也。" („Nicht zu wissen, dass das Wissen nicht ausreicht, um sich darauf zu verlassen — das ist der Makel.")
Übersetzung: Der Weise (圣人) ist frei vom Makel vorgetäuschten Wissens, weil er beständig unter dem Makel anderer leidet, und deshalb begeht er ihn selbst nicht.
Deutung: Heshanggong erweitert „病病" auf die gesellschaftliche Dimension — der Weise reflektiert nicht nur seine eigenen kognitiven Mängel, sondern sorgt sich auch um den Makel der „vorgetäuschten Kenntnis" (Vorgeben zu wissen und unbedacht handeln), an dem die ganze Welt leidet. Daraus ergibt sich ein eindrucksvoller Kontrast: Der Weise „怀通达之知,托于不知" („besitzt durchdringendes Wissen, vertraut sich aber dem Nicht-Wissen an"), während der niedere Mensch „不知道意,妄行强知以自显著,内伤精神,减寿消年" („den Sinn des Tao nicht versteht, leichtfertig Wissen vortäuscht, um sich hervorzutun, dabei innerlich seinen Geist verletzt und seine Lebensjahre verkürzt").
Ähnliche Ansichten: Heshanggongs Kommentar: „圣人怀通达之知,托于不知者,欲使天下质朴忠正,各守纯性。" („Der Weise besitzt durchdringendes Wissen, vertraut sich aber dem Nicht-Wissen an und möchte, dass alle unter dem Himmel schlicht, treu, aufrichtig bleiben und ihre reine Natur bewahren.")
Dieses Kapitel enthält 5 Deutungskombinationen.
[Kerndifferenzen]
Kapitel 71 ist Laozis erkenntnistheoretisches Meisterwerk, das mit dem „Ich weiß, dass ich nichts weiß" des griechischen Philosophen Sokrates übereinstimmt. Das gesamte Kapitel entfaltet sich durch ein überaus feines Wortspiel — drei Ebenen des Zeichens „病" (Makel/Gebrechen) bilden eine selbstreflexive kognitive Struktur: (1) „不知知" ist ein Makel — vorgeben zu wissen, was man nicht weiß; (2) „病病" — den Makel als Makel behandeln, d.h. gegenüber Selbsttäuschung wachsam bleiben; (3) der Weise „以其病病,是以不病" — beständige Selbstreflexion ist die einzige Methode zur Überwindung kognitiver Mängel. Heshanggong geht noch weiter und verbindet die erkenntnistheoretische Frage mit der Selbstkultivierung: „妄行强知以自显著,内伤精神,减寿消年" („leichtfertig Wissen vortäuschen, um sich hervorzutun, verletzt innerlich den Geist und verkürzt die Lebensjahre") — vorgetäuschtes Wissen ist nicht nur ein intellektueller Mangel, sondern schadet auch der körperlichen und geistigen Gesundheit.