Tao Te Ching Kapitel 71: Der vollständige Kommentar

Der folgende Inhalt bietet eine multiperspektivische Tiefenanalyse jedes Satzes dieses Kapitels, die traditionelle Kommentare, philologische Analysen, philosophische Interpretationen und weitere Dimensionen umfasst. Grundtext: Wang Bis Kommentar zum Daode Zhenjing, Ausgabe des Zhengtong Daozang
Die „Kombination"-Bezeichnung jeder Deutung folgt dem Format „Zeichen + Bedeutungsnummer" (z.B. „dàoC-A"), d.h. diese Deutung verwendet Bedeutung C von „dào" und Bedeutung A von „". Das vollständige Glossar finden Sie am Ende dieses Kapitels: [Anhang: Glossar der Schlüsselzeichen].

[Satz 1] zhīzhīshàngzhīzhībìng。(Zu wissen, dass man nicht weiß, ist das Höchste; nicht zu wissen und zu glauben, man wisse, ist ein Makel.)

Kapitel 71 · Satz 1: zhīzhīshàngzhīzhībìng

[Deutung 1] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: shàngA-bìngA
Übersetzung: Zu wissen, dass man nicht weiß — das ist die höchste (Weisheit); nicht zu wissen und doch zu glauben, man wisse — das ist ein Makel (der Erkenntnis).
Deutung: Die Kernthese. Laozi formuliert eine grundlegende erkenntnistheoretische Unterscheidung: Wahre Weisheit besteht nicht darin, viel zu wissen, sondern darin, zu wissen, dass man nicht weiß. „zhīzhī" (wissen, dass man nicht weiß) entspricht dem sokratischen „Ich weiß, dass ich nichts weiß" — dem Ausgangspunkt aller Erkenntnis. „zhīzhī" (nicht wissen und doch vorgeben zu wissen) ist Selbsttäuschung — Unwissenheit als Wissen auszugeben, ist das größte Hindernis der Erkenntnis.
Ähnliche Ansichten: Heshanggongs Kommentar: „zhīdàoyánzhīshìnǎizhīshàngzhīdàoyánzhīshìnǎizhībìng。" („Das Tao kennen und sagen, man kenne es nicht — das ist die höchste Tugend. Das Tao nicht kennen und sagen, man kenne es — das ist ein Makel der Tugend.")
Kapitel 71 · Satz 1: zhīzhīshàngzhīzhībìng

[Deutung 2] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: shàngA-bìngA
Übersetzung: (Das Tao) kennen und doch sagen „Ich weiß nicht" — das ist die höchste Tugend; (das Tao) nicht kennen und doch sagen „Ich weiß" — das ist ein Makel des Charakters.
Deutung: Heshanggongs Interpretation aus der Perspektive der Selbstkultivierung. „zhīzhī" ist nicht nur eine kognitive Haltung, sondern eine Frage der moralischen Kultivierung — wer das Tao besitzt, sagt selbst im Wissen bescheiden, er wisse nicht, denn das Tao ist unaussprechlich. Ein oberflächlicher Mensch mit nur bruchstückhaftem Verständnis stellt sein Wissen überall zur Schau. Diese Deutung verwandelt eine erkenntnistheoretische Aussage in eine moralische.
Ähnliche Ansichten: Heshanggongs Kommentar: „zhīdàoyánzhīshìnǎizhīshàng。" („Das Tao kennen und sagen, man kenne es nicht — das ist die höchste Tugend.")

[Satz 2] wéibìngbìngshìbìng。(Nur wer den Makel als Makel erkennt, bleibt von ihm frei.)

Kapitel 71 · Satz 2: wéibìngbìngshìbìng

[Deutung 1] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: bìngA-bìngB
Übersetzung: Gerade weil man „nicht wissen und doch glauben zu wissen" als Makel betrachtet, begeht man diesen Makel nicht.
Deutung: Eine überaus feine logische Konstruktion. „bìngbìng" — den „Makel" als „Makel" behandeln, d.h. ihm gegenüber wachsam bleiben. Wenn ein Mensch die Gefahr der Selbsttäuschung erkennt und sich ständig davor hütet, vorzugeben, zu wissen, was er nicht weiß, kann er diesen Fehler vermeiden. Dies ist eine Erkenntnismethodik durch Selbstreflexion.
Ähnliche Ansichten: Heshanggongs Kommentar: „wéinéngbìngzhòngrényǒuqiángzhīzhībìngshìbìng。" („Nur wer darunter leidet, dass die Menschen den Makel des vorgetäuschten Wissens haben, kann sich selbst davor bewahren.")

[Satz 3] shèngrénbìngbìngbìngshìbìng。(Der Weise ist frei von diesem Makel, denn er erkennt den Makel als Makel, und deshalb ist er davon frei.)

Kapitel 71 · Satz 3: shèngrénbìngbìngbìngshìbìng

[Deutung 1] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: shèngrénA
Übersetzung: Der Weise (shèngrén) ist frei von diesem Makel, weil er diesen Makel als Makel behandelt, und deshalb begeht er ihn nicht.
Deutung: Die Zusammenfassung des gesamten Kapitels. Der Grund, warum der Weise den Makel des „nicht wissen und doch glauben zu wissen" nicht besitzt, liegt genau darin, dass er diesem gegenüber stets wachsam bleibt. Darin liegt eine tiefe Wahrheit: Ein wahrhaft Weiser ist nicht jemand, der alles weiß, sondern jemand, der seiner eigenen Unwissenheit gegenüber vollkommen aufmerksam bleibt. „Frei vom Makel" zu sein, kommt nicht von einer vollkommenen Natur, sondern von beständiger Selbstreflexion.
Ähnliche Ansichten: Wang Bis Kommentar: „zhīzhīzhīrènbìng。" („Nicht zu wissen, dass das Wissen nicht ausreicht, um sich darauf zu verlassen — das ist der Makel.")
Kapitel 71 · Satz 3: shèngrénbìngbìngbìngshìbìng

[Deutung 2] Traditionell · Mittlere Glaubwürdigkeit

Kombination: shèngrénA
Übersetzung: Der Weise (shèngrén) ist frei vom Makel vorgetäuschten Wissens, weil er beständig unter dem Makel anderer leidet, und deshalb begeht er ihn selbst nicht.
Deutung: Heshanggong erweitert „bìngbìng" auf die gesellschaftliche Dimension — der Weise reflektiert nicht nur seine eigenen kognitiven Mängel, sondern sorgt sich auch um den Makel der „vorgetäuschten Kenntnis" (Vorgeben zu wissen und unbedacht handeln), an dem die ganze Welt leidet. Daraus ergibt sich ein eindrucksvoller Kontrast: Der Weise „怀huáitōngzhīzhītuōzhī" („besitzt durchdringendes Wissen, vertraut sich aber dem Nicht-Wissen an"), während der niedere Mensch „zhīdàowàngxíngqiángzhīxiǎnzhùnèishāngjīngshénjiǎn寿shòuxiāonián" („den Sinn des Tao nicht versteht, leichtfertig Wissen vortäuscht, um sich hervorzutun, dabei innerlich seinen Geist verletzt und seine Lebensjahre verkürzt").
Ähnliche Ansichten: Heshanggongs Kommentar: „shèngrén怀huáitōngzhīzhītuōzhīzhě使shǐtiānxiàzhìzhōngzhèngshǒuchúnxìng。" („Der Weise besitzt durchdringendes Wissen, vertraut sich aber dem Nicht-Wissen an und möchte, dass alle unter dem Himmel schlicht, treu, aufrichtig bleiben und ihre reine Natur bewahren.")

Zusammenfassung des Kapitels

Dieses Kapitel enthält 5 Deutungskombinationen.

[Kerndifferenzen]

Kapitel 71 ist Laozis erkenntnistheoretisches Meisterwerk, das mit dem „Ich weiß, dass ich nichts weiß" des griechischen Philosophen Sokrates übereinstimmt. Das gesamte Kapitel entfaltet sich durch ein überaus feines Wortspiel — drei Ebenen des Zeichens „bìng" (Makel/Gebrechen) bilden eine selbstreflexive kognitive Struktur: (1) „zhīzhī" ist ein Makel — vorgeben zu wissen, was man nicht weiß; (2) „bìngbìng" — den Makel als Makel behandeln, d.h. gegenüber Selbsttäuschung wachsam bleiben; (3) der Weise „bìngbìngshìbìng" — beständige Selbstreflexion ist die einzige Methode zur Überwindung kognitiver Mängel. Heshanggong geht noch weiter und verbindet die erkenntnistheoretische Frage mit der Selbstkultivierung: „wàngxíngqiángzhīxiǎnzhùnèishāngjīngshénjiǎn寿shòuxiāonián" („leichtfertig Wissen vortäuschen, um sich hervorzutun, verletzt innerlich den Geist und verkürzt die Lebensjahre") — vorgetäuschtes Wissen ist nicht nur ein intellektueller Mangel, sondern schadet auch der körperlichen und geistigen Gesundheit.

Anhang: Glossar der Schlüsselzeichen

zhī
A. [Verb] Wissen; verstehen
Quelle: Grundbedeutung.
shàng
A. [Adj.] Überlegen; das Beste
Quelle: Grundbedeutung. Die höchste Stufe.
bìng
A. [Subst.] Makel; Mangel
Quelle: Erweiterte Bedeutung. Ein moralischer oder kognitiver Mangel.
B. [Subst.] Schaden; Nachteil
Quelle: Erweiterte Bedeutung. Der Schaden der Wissensanmaßung.
shèngrén
A. [Subst.] Der Weise; einer, der das Tao erlangt hat
Quelle: Die ideale Persönlichkeit in Laozis Philosophie.