Tao Te Ching Kapitel 70: Der vollständige Kommentar

Der folgende Inhalt bietet eine multiperspektivische Tiefenanalyse jedes Satzes dieses Kapitels, die traditionelle Kommentare, philologische Analysen, philosophische Interpretationen und weitere Dimensionen umfasst. Grundtext: Wang Bis Kommentar zum Daode Zhenjing, Ausgabe des Zhengtong Daozang
Die „Kombination"-Bezeichnung jeder Deutung folgt dem Format „Zeichen + Bedeutungsnummer" (z.B. „dàoC-A"), d.h. diese Deutung verwendet Bedeutung C von „dào" und Bedeutung A von „". Das vollständige Glossar finden Sie am Ende dieses Kapitels: [Anhang: Glossar der Schlüsselzeichen].

[Satz 1] yánshènzhīshènxíngtiānxiànéngzhīnéngxíng。(Meine Worte sind sehr leicht zu verstehen und sehr leicht in die Tat umzusetzen. Doch niemand in der Welt kann sie verstehen, und niemand kann sie in die Tat umsetzen.)

Kapitel 70 · Satz 1: yánshènzhīshènxíngtiānxiànéngzhīnéngxíng

[Deutung 1] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: A-zhīA-xíngA
Übersetzung: Meine Worte sind sehr leicht zu verstehen und sehr leicht in die Tat umzusetzen. Doch niemand in der Welt kann sie verstehen, und niemand kann sie in die Tat umsetzen.
Deutung: Laozis eigene Klage. Die Grundsätze des Tao (dào) sind von Natur aus äußerst einfach — Nicht-Handeln (wèi), Nicht-Streiten, Weichheit, Demut — ohne irgendetwas Obskures oder Schwieriges. Doch die Menschen der Welt, „verwirrt von rastlosen Begierden" und „verirrt in Ruhm und Gewinn" (Wang Bis Worte), betrachten gerade diese einfachen Wahrheiten als schwer verständlich und schwer zu praktizieren. Je einfacher ein Grundsatz ist, desto schwerer ist er zu befolgen — denn der menschliche Instinkt neigt zu Handeln, Wetteifer, Stärke und Selbsterhöhung.
Ähnliche Ansichten: Wang Bis Kommentar: „chūkuīyǒuérzhīyuēshènzhīwèiérchéngyuēshènxínghuòzàoyuēzhīnéngzhīróngyuēzhīnéngxíng。" („Man kann es erkennen, ohne das Haus zu verlassen oder durch das Fenster zu spähen, daher heißt es ‚sehr leicht zu verstehen'. Es wird durch Nicht-Handeln vollendet, daher heißt es ‚sehr leicht in die Tat umzusetzen'. Verwirrt von rastlosen Begierden, daher heißt es ‚niemand kann es verstehen'. Verirrt in Ruhm und Gewinn, daher heißt es ‚niemand kann es in die Tat umsetzen'.")

[Satz 2] yányǒuzōngshìyǒujūn。(Meine Worte haben ein Leitprinzip; meine Angelegenheiten haben einen Herrscher.)

Kapitel 70 · Satz 2: yányǒuzōngshìyǒujūn

[Deutung 1] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: zōngA-jūnA
Übersetzung: Meine Worte haben ein Leitprinzip; meine Angelegenheiten haben eine lenkende Grundregel.
Deutung: Laozi sagt, seine Worte seien nicht zerstreut und ungeordnet, sondern besäßen einen einheitlichen Kern — das Tao (dào). Alle seine konkreten Lehren (Nicht-Handeln, Nicht-Streiten, Weichheit usw.) kreisen um dieses zentrale Prinzip des Tao. Die Menschen der Welt sehen nur die einzelnen Lehren, ohne das vereinigende Grundprinzip zu erfassen.
Ähnliche Ansichten: Heshanggongs Kommentar: „yándàowèizōngwèijūn。" („Meine Worte nehmen das Tao als Leitprinzip und die Tugend als Herrscher.")
Kapitel 70 · Satz 2: yányǒuzōngshìyǒujūn

[Deutung 2] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: zōngB-jūnB
Übersetzung: Meine Worte wurzeln im Ahnherrn aller Dinge (dem Tao); meine Angelegenheiten werden vom Herrscher aller Dinge (dem Tao) geleitet.
Deutung: Wang Bis Lesart setzt „zōng" (Ahnherr) und „jūn" (Herrscher) unmittelbar mit dem Tao gleich. Alle Worte und Handlungen Laozis nehmen das Tao als ihren letzten Grund — „zōng" steht für das Tao als Ursprung aller Dinge, während „jūn" für das Tao als Herrscher aller Dinge steht. Eben weil sie im Tao wurzeln, sind sie einfach und doch unbegreiflich.
Ähnliche Ansichten: Wang Bis Kommentar: „zōngwànzhīzōngjūnwànzhīzhǔ。" („zōng ist der Ahnherr aller Dinge. jūn ist der Herr aller Dinge.")

[Satz 3] wéizhīshìzhī。(Gerade weil sie [das Tao] nicht kennen, verstehen sie mich nicht.)

Kapitel 70 · Satz 3: wéizhīshìzhī

[Deutung 1] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: zhīA
Übersetzung: Gerade weil den Menschen die Kenntnis [des Tao] fehlt, verstehen sie mich nicht.
Deutung: Die Menschen verstehen Laozi nicht, weil seine Worte zu dunkel wären, sondern weil ihnen ein grundlegendes Bewusstsein für das Tao fehlt. Laozi verwendet „zhī" (eine Objektinversion, die „zhī" bedeutet, „verstehen mich nicht"), um ein tiefes Gefühl der Einsamkeit auszudrücken — der Verkünder der Wahrheit wird stets missverstanden.
Ähnliche Ansichten: Wang Bis Kommentar: „yányǒuzōngshìyǒujūnzhīyǒuzhīzhīrénzhīzhī。" („Weil seine Worte ein Leitprinzip und seine Angelegenheiten einen Herrscher haben, kann ein Mensch, der Erkenntnis besitzt, nicht umhin, sie zu verstehen.")

[Satz 4] zhīzhězhěguì。(Die mich verstehen, sind selten; die mir nacheifern, sind kostbar.)

Kapitel 70 · Satz 4: zhīzhězhěguì

[Deutung 1] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: A-A-guìA
Übersetzung: Die mich verstehen, sind selten; die mir nacheifern, sind kostbar.
Deutung: Laozis einsame Selbstbetrachtung. Das Tao zu verstehen ist bereits schwierig; fähig zu sein, das Tao im eigenen Leben nachzuahmen, ist noch kostbarer. „zhī" (Erkennen) betrifft die kognitive Ebene, während „" (Nacheifern) die praktische Ebene betrifft — der Sprung vom Wissen zum Handeln ist überaus schwierig.
Ähnliche Ansichten: Wang Bis Kommentar: „wéishēnzhīzhězhīyuēzhīzhězhěguì。" („Weil es tief ist, sind die Verstehenden selten. Da die mich Verstehenden immer seltener werden und auch ich ohne Gleichen bin, heißt es: ‚Die mich verstehen, sind selten; die mir nacheifern, sind kostbar.'")
Kapitel 70 · Satz 4: zhīzhězhěguì

[Deutung 2] Neuartig · Mittlere Glaubwürdigkeit

Kombination: A-A-guìB
Übersetzung: Die mich verstehen, sind äußerst wenige, doch die mir nacheifern, sind die Vornehmsten.
Deutung: Diese Lesart versteht „guì" als „vornehm" oder „erhaben". Gerade weil jene, die das Tao verstehen und ihm nacheifern, so selten sind, werden diese Menschen zu den Vornehmsten der Welt. Hier liegt ein implizites Paradoxon: Wahre Vornehmheit kommt nicht von weltlichem Rang und Macht, sondern vom Verständnis und der Verwirklichung des Tao.
Ähnliche Ansichten: Dies korrespondiert mit dem folgenden Satz „bèi怀huái" (grobes Tuch tragen und Jade im Herzen bergen) — äußerlich schlicht, innerlich vornehm.

[Satz 5] shìshèngrénbèi怀huái。(Darum trägt der Weise grobes Tuch, birgt aber Jade in seinem Inneren.)

Kapitel 70 · Satz 5: shìshèngrénbèi怀huái

[Deutung 1] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: bèiA-A-A
Übersetzung: Darum trägt der Weise (shèngrén) äußerlich grobes Tuch, birgt aber kostbare Jade in seinem Inneren.
Deutung: Ein berühmtes Wort durch die Jahrhunderte. Der Weise „trägt grobes Tuch" (bèi) — äußerlich schlicht, bescheiden und von gewöhnlichen Menschen nicht zu unterscheiden; „birgt Jade" (怀huái) — innerlich bewahrt er ein tiefes Verständnis des Tao und edle Tugend (). Dies ist die Verkörperung von Laozis Konzept „sich mit dem Licht vereinen und sich mit dem Staub vermischen" (guāngtóngchén). Ein Mensch, der wahrhaft das Tao besitzt, bedarf keiner äußeren Zeichen, um seinen Wert kundzutun.
Ähnliche Ansichten: Wang Bis Kommentar: „bèizhětóngchén怀huáizhěbǎozhēnshèngrénzhīsuǒnánzhītóngchénérshū怀huáiér。" („Grobes Tuch tragen heißt, sich mit dem Staub vermischen; Jade bergen heißt, das Echte schätzen. Der Weise ist schwer zu erkennen, weil er sich mit dem Staub vermischt, ohne sich zu unterscheiden, und Jade birgt, ohne sich je zu ändern.") Heshanggongs Kommentar: „bèizhěbáowài怀huáizhěhòunèibǎocángshìrén。" („Grobes Tuch tragen macht das Äußere schlicht; Jade bergen bereichert das Innere. Er verbirgt seine Schätze und verhüllt seine Tugend, ohne sie je anderen zu zeigen.")

Zusammenfassung des Kapitels

Dieses Kapitel enthält 7 Deutungskombinationen.

[Kerndifferenzen]

Kapitel 70 ist eines der seltenen Kapitel, in denen Laozi persönlich Zeugnis von seinem Inneren ablegt und seine tiefe Einsamkeit angesichts des Unverstandenseins des Tao offenbart. Das zentrale Paradoxon des Kapitels lautet: Die Grundsätze des Tao sind die einfachsten, aber am wenigsten verstanden; die leichtesten zu praktizieren, aber am wenigsten praktiziert. Wang Bi benennt den Grund präzise — die Menschen der Welt sind „verwirrt von rastlosen Begierden" und „verirrt in Ruhm und Gewinn", ihre Wahrnehmung einfacher Wahrheiten durch Verlangen und Eigeninteresse getrübt. „Grobes Tuch tragen und Jade im Herzen bergen" (bèi怀huái) wurde in späteren Jahrhunderten zum klassischen Bild für innere Kultivierung und bildet zugleich die geistesgeschichtliche Quelle des chinesischen Literatenwunschbilds „Der große Eremit verbirgt sich mitten im Marktgetriebe" (yǐnyǐnshì).

Anhang: Glossar der Schlüsselzeichen

A. [Adj.] Leicht
Quelle: Grundbedeutung. Einfach; nicht schwierig.
zhī
A. [Verb] Verstehen; begreifen
Quelle: Grundbedeutung. Erkennen und verstehen.
xíng
A. [Verb] Praktizieren; verwirklichen
Quelle: Grundbedeutung. In die Tat umsetzen.
zōng
A. [Subst.] Leitprinzip; Grundlage
Quelle: Erweiterte Bedeutung. Der Kern und das Leitprinzip der Worte.
B. [Subst.] Ahnherr aller Dinge
Quelle: Wang Bis Kommentar: „zōngwànzhīzōng。" („zōng ist der Ahnherr aller Dinge.") Bezieht sich auf das Tao.
jūn
A. [Subst.] Herrscher; lenkendes Prinzip
Quelle: Erweiterte Bedeutung. Das lenkende Prinzip der Angelegenheiten.
B. [Subst.] Herr aller Dinge
Quelle: Wang Bis Kommentar: „jūnwànzhīzhǔ。" („jūn ist der Herr aller Dinge.") Bezieht sich auf das Tao.
zhī
A. [Verb] Keine Kenntnis (des Tao) besitzen
Quelle: Den Menschen der Welt fehlt das Bewusstsein für das Tao.
A. [Adj.] Selten; wenige
Quelle: Grundbedeutung. In äußerst geringer Zahl.
A. [Verb] Nacheifern; zum Vorbild nehmen
Quelle: Grundbedeutung. Als Maßstab nehmen.
guì
A. [Adj.] Kostbar; selten und wertvoll
Quelle: Grundbedeutung. Was selten ist, ist kostbar.
B. [Adj.] Vornehm; erhaben
Quelle: Erweiterte Bedeutung. Wer dem Tao nacheifert, ist von edlem Charakter.
bèi
A. [Verb] Tragen; anlegen
Quelle: Austauschbar mit „". Am Körper tragen.
A. [Subst.] Grobes Tuchgewand
Quelle: Grundbedeutung. Aus Wolle oder Hanf gefertigtes raues Kleidungsstück, das Armut und niedrigen Stand symbolisiert.
A. [Subst.] Feiner Jade; kostbarer Jade
Quelle: Grundbedeutung. Hier als Metapher für kostbare innere Qualitäten wie Tugend und Weisheit verwendet.