Übersetzung: Meine Worte sind sehr leicht zu verstehen und sehr leicht in die Tat umzusetzen. Doch niemand in der Welt kann sie verstehen, und niemand kann sie in die Tat umsetzen.
Deutung: Laozis eigene Klage. Die Grundsätze des Tao (道) sind von Natur aus äußerst einfach — Nicht-Handeln (无为), Nicht-Streiten, Weichheit, Demut — ohne irgendetwas Obskures oder Schwieriges. Doch die Menschen der Welt, „verwirrt von rastlosen Begierden" und „verirrt in Ruhm und Gewinn" (Wang Bis Worte), betrachten gerade diese einfachen Wahrheiten als schwer verständlich und schwer zu praktizieren. Je einfacher ein Grundsatz ist, desto schwerer ist er zu befolgen — denn der menschliche Instinkt neigt zu Handeln, Wetteifer, Stärke und Selbsterhöhung.
Ähnliche Ansichten: Wang Bis Kommentar: „可不出户窥牖而知,故曰甚易知也。无为而成,故曰甚易行也。惑于躁欲,故曰莫之能知也。迷于荣利,故曰莫之能行也。" („Man kann es erkennen, ohne das Haus zu verlassen oder durch das Fenster zu spähen, daher heißt es ‚sehr leicht zu verstehen'. Es wird durch Nicht-Handeln vollendet, daher heißt es ‚sehr leicht in die Tat umzusetzen'. Verwirrt von rastlosen Begierden, daher heißt es ‚niemand kann es verstehen'. Verirrt in Ruhm und Gewinn, daher heißt es ‚niemand kann es in die Tat umsetzen'.")
Übersetzung: Meine Worte haben ein Leitprinzip; meine Angelegenheiten haben eine lenkende Grundregel.
Deutung: Laozi sagt, seine Worte seien nicht zerstreut und ungeordnet, sondern besäßen einen einheitlichen Kern — das Tao (道). Alle seine konkreten Lehren (Nicht-Handeln, Nicht-Streiten, Weichheit usw.) kreisen um dieses zentrale Prinzip des Tao. Die Menschen der Welt sehen nur die einzelnen Lehren, ohne das vereinigende Grundprinzip zu erfassen.
Ähnliche Ansichten: Heshanggongs Kommentar: „我言以道为宗,以德为君。" („Meine Worte nehmen das Tao als Leitprinzip und die Tugend als Herrscher.")
Übersetzung: Meine Worte wurzeln im Ahnherrn aller Dinge (dem Tao); meine Angelegenheiten werden vom Herrscher aller Dinge (dem Tao) geleitet.
Deutung: Wang Bis Lesart setzt „宗" (Ahnherr) und „君" (Herrscher) unmittelbar mit dem Tao gleich. Alle Worte und Handlungen Laozis nehmen das Tao als ihren letzten Grund — „宗" steht für das Tao als Ursprung aller Dinge, während „君" für das Tao als Herrscher aller Dinge steht. Eben weil sie im Tao wurzeln, sind sie einfach und doch unbegreiflich.
Ähnliche Ansichten: Wang Bis Kommentar: „宗,万物之宗也。君,万物之主也。" („宗 ist der Ahnherr aller Dinge. 君 ist der Herr aller Dinge.")
Übersetzung: Gerade weil den Menschen die Kenntnis [des Tao] fehlt, verstehen sie mich nicht.
Deutung: Die Menschen verstehen Laozi nicht, weil seine Worte zu dunkel wären, sondern weil ihnen ein grundlegendes Bewusstsein für das Tao fehlt. Laozi verwendet „不我知" (eine Objektinversion, die „不知我" bedeutet, „verstehen mich nicht"), um ein tiefes Gefühl der Einsamkeit auszudrücken — der Verkünder der Wahrheit wird stets missverstanden.
Ähnliche Ansichten: Wang Bis Kommentar: „以其言有宗,事有君之故,故有知之人不得不知之也。" („Weil seine Worte ein Leitprinzip und seine Angelegenheiten einen Herrscher haben, kann ein Mensch, der Erkenntnis besitzt, nicht umhin, sie zu verstehen.")
Übersetzung: Die mich verstehen, sind selten; die mir nacheifern, sind kostbar.
Deutung: Laozis einsame Selbstbetrachtung. Das Tao zu verstehen ist bereits schwierig; fähig zu sein, das Tao im eigenen Leben nachzuahmen, ist noch kostbarer. „知" (Erkennen) betrifft die kognitive Ebene, während „则" (Nacheifern) die praktische Ebene betrifft — der Sprung vom Wissen zum Handeln ist überaus schwierig.
Ähnliche Ansichten: Wang Bis Kommentar: „唯深故知者希也,知我益希,我亦无匹,故曰知我者希,则我者贵也。" („Weil es tief ist, sind die Verstehenden selten. Da die mich Verstehenden immer seltener werden und auch ich ohne Gleichen bin, heißt es: ‚Die mich verstehen, sind selten; die mir nacheifern, sind kostbar.'")
Übersetzung: Die mich verstehen, sind äußerst wenige, doch die mir nacheifern, sind die Vornehmsten.
Deutung: Diese Lesart versteht „贵" als „vornehm" oder „erhaben". Gerade weil jene, die das Tao verstehen und ihm nacheifern, so selten sind, werden diese Menschen zu den Vornehmsten der Welt. Hier liegt ein implizites Paradoxon: Wahre Vornehmheit kommt nicht von weltlichem Rang und Macht, sondern vom Verständnis und der Verwirklichung des Tao.
Ähnliche Ansichten: Dies korrespondiert mit dem folgenden Satz „被褐怀玉" (grobes Tuch tragen und Jade im Herzen bergen) — äußerlich schlicht, innerlich vornehm.
Übersetzung: Darum trägt der Weise (圣人) äußerlich grobes Tuch, birgt aber kostbare Jade in seinem Inneren.
Deutung: Ein berühmtes Wort durch die Jahrhunderte. Der Weise „trägt grobes Tuch" (被褐) — äußerlich schlicht, bescheiden und von gewöhnlichen Menschen nicht zu unterscheiden; „birgt Jade" (怀玉) — innerlich bewahrt er ein tiefes Verständnis des Tao und edle Tugend (德). Dies ist die Verkörperung von Laozis Konzept „sich mit dem Licht vereinen und sich mit dem Staub vermischen" (和光同尘). Ein Mensch, der wahrhaft das Tao besitzt, bedarf keiner äußeren Zeichen, um seinen Wert kundzutun.
Ähnliche Ansichten: Wang Bis Kommentar: „被褐者,同其尘;怀玉者,宝其真也。圣人之所以难知,以其同尘而不殊,怀玉而不渝。" („Grobes Tuch tragen heißt, sich mit dem Staub vermischen; Jade bergen heißt, das Echte schätzen. Der Weise ist schwer zu erkennen, weil er sich mit dem Staub vermischt, ohne sich zu unterscheiden, und Jade birgt, ohne sich je zu ändern.") Heshanggongs Kommentar: „被褐者薄外,怀玉者厚内,匿宝藏德,不以示人也。" („Grobes Tuch tragen macht das Äußere schlicht; Jade bergen bereichert das Innere. Er verbirgt seine Schätze und verhüllt seine Tugend, ohne sie je anderen zu zeigen.")
Dieses Kapitel enthält 7 Deutungskombinationen.
[Kerndifferenzen]
Kapitel 70 ist eines der seltenen Kapitel, in denen Laozi persönlich Zeugnis von seinem Inneren ablegt und seine tiefe Einsamkeit angesichts des Unverstandenseins des Tao offenbart. Das zentrale Paradoxon des Kapitels lautet: Die Grundsätze des Tao sind die einfachsten, aber am wenigsten verstanden; die leichtesten zu praktizieren, aber am wenigsten praktiziert. Wang Bi benennt den Grund präzise — die Menschen der Welt sind „verwirrt von rastlosen Begierden" und „verirrt in Ruhm und Gewinn", ihre Wahrnehmung einfacher Wahrheiten durch Verlangen und Eigeninteresse getrübt. „Grobes Tuch tragen und Jade im Herzen bergen" (被褐怀玉) wurde in späteren Jahrhunderten zum klassischen Bild für innere Kultivierung und bildet zugleich die geistesgeschichtliche Quelle des chinesischen Literatenwunschbilds „Der große Eremit verbirgt sich mitten im Marktgetriebe" (大隐隐于市).