Tao Te Ching Kapitel 62: Der vollständige Kommentar

Der folgende Inhalt bietet eine multiperspektivische Tiefenanalyse jedes Satzes dieses Kapitels, die traditionelle Kommentare, philologische Analysen, philosophische Interpretationen und weitere Dimensionen umfasst. Grundtext: Wang Bis Kommentar zum Daode Zhenjing, Ausgabe des Zhengtong Daozang
Die „Kombination"-Bezeichnung jeder Deutung folgt dem Format „Zeichen + Bedeutungsnummer" (z.B. „dàoC-A"), d.h. diese Deutung verwendet Bedeutung C von „dào" und Bedeutung A von „". Das vollständige Glossar finden Sie am Ende dieses Kapitels: [Anhang: Glossar der Schlüsselzeichen].

[Satz 1] dàozhěwànzhīào。(Das Tao ist die Zuflucht aller Dinge.)

Kapitel 62 · Satz 1: dàozhěwànzhīào

[Deutung 1] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: dàoA-àoA
Übersetzung: Das Tao (dào) ist die Zuflucht und der Schutzort aller Dinge.
Deutung: Die vorherrschende Auslegung. „ào" (ào) bezeichnet den tiefsten Winkel eines Hauses — warm, verborgen, sicher. Das Tao ist gleichsam die „innere Kammer" aller Dinge; alle Dinge finden in ihm Schutz und Geborgenheit. Wang Bis Kommentar: „àoyóuàiyīnzhī" — „‚ào' gleicht ‚Wärme'; es ist ein Ausdruck für das, was Schutz und Schatten bietet." Das Tao ist kein Herrscher, der von oben herab regiert, sondern die verborgene Tiefe, die still alle Dinge beschirmt.
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „àoyóuàiyīnzhī" — „‚ào' gleicht ‚Wärme'; es ist ein Ausdruck für das, was Schutz und Schatten bietet."
Kapitel 62 · Satz 1: dàozhěwànzhīào

[Deutung 2] Traditionell · Mittlere Glaubwürdigkeit

Kombination: dàoA-àoB
Übersetzung: Das Tao ist der Gebieter aller Dinge.
Deutung: ào" wird in der Bedeutung von „Gebieter" oder „Herr" aufgefasst. Obwohl das Tao keine Herrschaft für sich beansprucht, ist es tatsächlich die lenkende Kraft hinter dem Wirken aller Dinge. Heshang Gongs Kommentar: „dàowèiwànzhīcáng" — „Das Tao ist die Schatzkammer aller Dinge." Das Tao birgt alle Dinge in sich und dient zugleich als ihr Beschützer und ihr Gebieter.
Ähnliche Ansichten: Heshang Gong: „dàowèiwànzhīcáng" — „Das Tao ist die Schatzkammer aller Dinge."

[Satz 2] shànrénzhībǎoshànrénzhīsuǒbǎo。(Der Schatz des Guten, die Zuflucht des Nicht-Guten.)

Kapitel 62 · Satz 2: shànrénzhībǎoshànrénzhīsuǒbǎo

[Deutung 1] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: shànrénA-bǎoA-shànrénA-bǎoA
Übersetzung: Das Tao ist der Schatz des Guten und die Zuflucht des Nicht-Guten.
Deutung: Der Kerngedanke: Das Tao beschirmt nicht nur die Guten, sondern auch die Nicht-Guten. Der gute Mensch schätzt das Tao als Schatz und nutzt es zur Selbstkultivierung und zur Führung seiner Angelegenheiten; der nicht-gute Mensch, obwohl unwissend über das Tao, wird dennoch von ihm geschützt — bewahrt vor Unheil. Wang Bis Kommentar: „dàozhě……shànrénzhīwèibǎoshànrénlàizhīmiǎnzuì" — „Das Tao … die Guten erlangen es als Schatz, und die Nicht-Guten verlassen sich auf es, um von Schuld befreit zu werden." Dies verkörpert die Unparteilichkeit und Allumfassendheit des Tao — wie Sonnenlicht und Regen bescheint das Tao alle Dinge, ohne zwischen Gut und Böse zu unterscheiden.
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „shànrénmiǎnjiùyuēshànrénzhīsuǒbǎo" — „Die Nicht-Guten nutzen es, um dem Unheil zu entgehen; darum heißt es: ‚die Zuflucht des Nicht-Guten.'"

[Satz 3] měiyánshìzūnměixíngjiārén。(Schöne Worte können Achtung gewinnen; edle Taten können andere übertreffen.)

Kapitel 62 · Satz 3: měiyánshìzūnměixíngjiārén

[Deutung 1] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: měiyánA-shìzūnA-měixíngA-jiārénA
Übersetzung: Schöne Worte können Achtung gewinnen; edle Taten können einen über andere erheben.
Deutung: Anknüpfend an das Vorangehende: Da das Tao so kostbar ist (Schatz des Guten, Zuflucht des Nicht-Guten), besitzen Worte und Taten, die mit dem Tao übereinstimmen, natürlich einen ungeheuren Wert — gute Worte gewinnen Achtung, edle Taten erheben über andere. Dieser Satz bereitet den nächsten vor: „Wer nicht gut ist — warum sollte man ihn verstoßen?"
Ähnliche Ansichten: Heshang Gong deutet diesen Satz als Ausdruck der Kraft von Worten und Taten.

[Satz 4] rénzhīshànzhīyǒu?(Wer nicht gut ist — warum sollte man ihn verstoßen?)

Kapitel 62 · Satz 4: rénzhīshànzhīyǒu

[Deutung 1] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: zhīyǒuA
Übersetzung: Selbst wenn ein Mensch Fehler hat — warum sollte man ihn verstoßen?
Deutung: Dies ist der mitfühlendste Satz des gesamten Kapitels. Das Tao verstößt die Nicht-Guten nicht; ebenso sollte ein Herrscher niemals die Nicht-Guten unter seinem Volk verstoßen. Wang Bis Kommentar: „suīyǒuzhēnbǎojùnfēidàozhīsuǒqiúzuìmiǎndàozhī" — „Obgleich es seltene Juwelen und edle Pferde gibt, sind dies nicht die Dinge, die das Tao vorrangig sucht; dass man suchen und erlangen kann und dass der Schuldige begnadigt werde — darin liegt die Größe des Tao." Die Größe des Tao liegt in seiner Allumfassendheit: Es verstößt nicht einmal die Nicht-Guten. Dies steht in Einklang mit Kapitel 27: „shànrénzhěshànrénzhīshīshànrénzhěshànrénzhī" — „Die Guten sind die Lehrer der Nicht-Guten; die Nicht-Guten sind die Lehrmittel der Guten."
Ähnliche Ansichten: Kapitel 27: „shànrénzhěshànrénzhīshīshànrénzhěshànrénzhī" — „Darum sind die Guten die Lehrer der Nicht-Guten; die Nicht-Guten sind die Lehrmittel der Guten."

[Satz 5] tiānzizhìsāngōngsuīyǒugǒngxiānzuòjìndào。(Darum, wenn man den Sohn des Himmels inthronisiert und die Drei Höchsten Minister einsetzt — obgleich man Jadescheiben in beiden Armen darreicht, gefolgt von einem Viergespann, wäre es besser, dieses Tao darzubringen.)

Kapitel 62 · Satz 5: tiānzizhìsāngōngsuīyǒugǒngxiānzuòjìndào

[Deutung 1] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: tiānziA-sāngōngA-gǒngA-A-zuòjìndàoA
Übersetzung: Darum, wenn man den Sohn des Himmels inthronisiert und die Drei Höchsten Minister einsetzt — obgleich man Jadescheiben in beiden Armen darreicht, gefolgt von einem Viergespann in feierlicher Zeremonie, wäre es besser, dieses Tao darzubringen.
Deutung: Im Altertum wurde die Inthronisierung eines Sohns des Himmels oder die Einsetzung der Drei Höchsten Minister von prachtvollen Gaben begleitet: Jadescheiben und Viergespanne. Doch Laozi sagt: Kein materielles Geschenk, und sei es noch so kostbar, kommt der „Darbringung dieses Tao" gleich — den Staat durch das Tao zu lenken. Der Wert des Tao übersteigt alle weltlichen Schätze.
Ähnliche Ansichten: Sowohl Heshang Gong als auch Wang Bi erklären diesen Satz durch die Unschätzbarkeit des Tao.
Kapitel 62 · Satz 5: tiānzizhìsāngōngsuīyǒugǒngxiānzuòjìndào

[Deutung 2] Neuartig · Mittlere Glaubwürdigkeit

Kombination: zuòjìndàoB
Übersetzung: Es wäre besser, in der Stille zu sitzen und dieses Tao zu pflegen.
Deutung: zuòjìn" wird im Sinne von „in der Stille sitzen und eifrig voranschreiten" aufgefasst. Jadescheiben und Viergespanne stehen für äußeren Glanz; das Sitzen zur Pflege des Tao ist eine innere Übung. Anstatt materiellen Ehren nachzustreben, sollte man den Geist zur Ruhe bringen und das große Tao ergründen. Diese Lesart verschiebt den Satz vom Register der politischen Zeremonie zu dem der persönlichen Kultivierung und trägt einen tieferen Sinn der Transzendenz in sich.
Ähnliche Ansichten: Dies steht in Resonanz mit dem buddhistischen Konzept des „stillen Sitzens" (ānzuò) als Übungspraxis.

[Satz 6] zhīsuǒguìdàozhě?(Warum schätzten die Alten dieses Tao so hoch?)

Kapitel 62 · Satz 6: zhīsuǒguìdàozhě

[Deutung 1] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: guìA
Übersetzung: Warum haben die Menschen dieses Tao seit alters her so hoch geschätzt?
Deutung: Eine rhetorische Frage, die die folgende Antwort einleitet.
Ähnliche Ansichten: Ein rhetorisches Mittel.

[Satz 7] yuēqiúyǒuzuìmiǎnxiéwèitiānxiàguì。(Heißt es nicht: „Durch es kann der Suchende erlangen, und der Schuldige kann begnadigt werden"? Darum ist es das Kostbarste unter dem Himmel.)

Kapitel 62 · Satz 7: yuēqiúyǒuzuìmiǎnxiéwèitiānxiàguì

[Deutung 1] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: qiúA-yǒuzuìmiǎnA-wèitiānxiàguìA
Übersetzung: Heißt es nicht: „Durch es kann der Suchende erlangen, und der Schuldige kann begnadigt werden"? Darum ist es das Kostbarste unter dem Himmel.
Deutung: Die Zusammenfassung des gesamten Kapitels. Das Tao wird geschätzt, weil es zwei große Funktionen erfüllt: (1) „Der Suchende kann erlangen" — die Guten nutzen das Tao zur Selbstkultivierung und Regierung und erreichen, wonach sie streben; (2) „Der Schuldige kann begnadigt werden" — selbst die Nicht-Guten können durch das Tao von Unheil befreit werden. Das Tao ist zugleich der Schatz der Guten und die Begnadigung der Schuldigen — diese unparteiische Allumfassendheit macht das Tao zur kostbarsten Existenz unter dem Himmel. Dies steht in Einklang mit Kapitel 27: „guìshīàisuīzhì" — „Den Lehrer nicht zu ehren, das Lehrmittel nicht zu schätzen — auch wenn man klug ist, ist dies eine große Verirrung."
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „qiúzuìmiǎndàozhī" — „Dass man suchen und erlangen kann und dass der Schuldige begnadigt werde — darin liegt die Größe des Tao."

Zusammenfassung des Kapitels

Dieses Kapitel enthält 9 Deutungskombinationen.

[Kerndifferenzen]

Kapitel 62 ist das Kapitel mit dem stärksten Geist der Allumfassendheit im Tao Te Ching. Sein Kerngedanke lautet: Das Tao umfasst alle Dinge und verstößt die Nicht-Guten nicht. Das Kapitel beginnt mit „dàozhěwànzhīào" (Das Tao ist die Zuflucht aller Dinge) und weist auf die unterschiedlichen Funktionen des Tao für die Guten und die Nicht-Guten hin — die Guten schätzen es als Schatz, die Nicht-Guten finden in ihm Zuflucht. Der bewegendste Satz ist „rénzhīshànzhīyǒu?" (Wer nicht gut ist — warum sollte man ihn verstoßen?) — das Tao gibt niemanden auf; die Guten wachsen durch das Tao, und die Nicht-Guten werden durch es von Unheil befreit. Abschließend fasst das Kapitel mit „qiúyǒuzuìmiǎn" (der Suchende kann erlangen, der Schuldige kann begnadigt werden) die beiden großen Funktionen des Tao zusammen — die Guten zu erfüllen und die Schuldigen zu begnadigen. Diese unparteiische Allumfassendheit geht über die menschlichen Urteile von Recht und Unrecht, Gut und Böse hinaus und verkörpert ein Mitgefühl von kosmischem Ausmaß.

Anhang: Glossar der Schlüsselzeichen

dào
A. [Subst.] Das grundlegende Tao des Universums
Quelle: Kernkonzept Laozis.
ào
A. [Subst.] Ein tiefer, verborgener Ort; Zuflucht oder Schutzstätte
Quelle: Grundbedeutung. Shuowen Jiezi: „àowǎn" (ào bedeutet „umschlossen"). Die Südwestecke eines Raumes — der am tiefsten verborgene Winkel. Erweitert zu einem Ort des Schutzes oder der Zuflucht.
B. [Subst.] Gebieter; Herr
Quelle: Erweiterte Bedeutung. ào = Herr. „wànzhīào" = der Gebieter aller Dinge.
shànrén
A. [Subst.] Ein guter Mensch; ein Mensch, der das Tao besitzt
Quelle: Grundbedeutung.
bǎo
A. [Subst.] Schatz; das Kostbarste
Quelle: Grundbedeutung. Die Guten betrachten das Tao als ihren größten Schatz.
shànrén
A. [Subst.] Ein nicht-guter Mensch; ein Mensch ohne das Tao
Quelle: Im Gegensatz zu shànrén (der gute Mensch).
bǎo
A. [Verb] Schützen; sich verlassen auf (das Tao schützt die Nicht-Guten vor dem Untergang)
Quelle: Wang Bis Kommentar: „shànrénmiǎnjiùyuēshànrénzhīsuǒbǎo" — „Die Nicht-Guten nutzen es, um dem Unheil zu entgehen; darum heißt es: ‚die Zuflucht des Nicht-Guten.'"
měiyán
A. [Subst.] Schöne Worte; wohlgesetzte Rede
Quelle: Grundbedeutung. Redegewandtheit.
shìzūn
A. [Verb+Obj.] Achtung auf dem Marktplatz eintauschen
Quelle: shì = tauschen, handeln. Durch schöne Worte die Achtung anderer gewinnen.
měixíng
A. [Subst.] Edle Taten; tugendhaftes Handeln
Quelle: Grundbedeutung. Vortrefflichkeit im Handeln.
jiārén
A. [Verb+Obj.] Andere übertreffen; sich über andere erheben
Quelle: jiā = übertreffen, übersteigen. Sich über die Menge erheben.
zhīyǒu
A. [rhetorisch] Warum sollte man ihn verstoßen? (Man sollte ihn nicht verstoßen)
Quelle: Rhetorische Frage, die besagt, dass man die Nicht-Guten nicht verstoßen sollte.
tiānzi
A. [Subst.] Sohn des Himmels; der Kaiser
Quelle: Grundbedeutung. Der höchste Herrscher.
sāngōng
A. [Subst.] Die Drei Höchsten Minister (Großer Lehrmeister, Großer Erzieher, Großer Beschützer — die höchsten Ministerämter)
Quelle: Grundbedeutung. Die ranghöchsten Minister des Altertums.
gǒng
A. [Subst.] Eine große Jadescheibe, die mit beiden Armen gehalten wird
Quelle: Ein überaus kostbarer Schatz. gǒng = mit beiden Armen umfassen.
A. [Subst.] Ein von vier Pferden gezogener Wagen
Quelle: Ein vornehmes Transportmittel des Altertums.
zuòjìndào
A. [Verb+Obj.] Sitzen und dieses Tao darreichen (das Tao als Gabe darbringen)
Quelle: Das Tao als Tribut darbringen, kostbarer als jeder Schatz.
B. [Verb+Obj.] In der Stille sitzen und dieses Tao pflegen
Quelle: Alternative Deutung. „zuòjìn" = in der Stille sitzen und eifrig voranschreiten; das Tao pflegen.
guì
A. [Verb] Hochschätzen; für wertvoll erachten
Quelle: Grundbedeutung. Als kostbar betrachten.
qiú
A. [Verb] Wer sucht, kann erlangen
Quelle: Das Tao erfüllt die Suchenden.
yǒuzuìmiǎn
A. [Verb] Wer sich versündigt hat, kann begnadigt werden
Quelle: Das Tao begnadigt die Fehlbaren.
wèitiānxiàguì
A. [Verb] Von allem unter dem Himmel geschätzt werden
Quelle: Grundbedeutung. Das Kostbarste unter dem Himmel werden.