Übersetzung: Das Tao (道) ist die Zuflucht und der Schutzort aller Dinge.
Deutung: Die vorherrschende Auslegung. „奥" (ào) bezeichnet den tiefsten Winkel eines Hauses — warm, verborgen, sicher. Das Tao ist gleichsam die „innere Kammer" aller Dinge; alle Dinge finden in ihm Schutz und Geborgenheit. Wang Bis Kommentar: „奥,犹曖也,可得庇荫之辞" — „‚奥' gleicht ‚Wärme'; es ist ein Ausdruck für das, was Schutz und Schatten bietet." Das Tao ist kein Herrscher, der von oben herab regiert, sondern die verborgene Tiefe, die still alle Dinge beschirmt.
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „奥,犹曖也,可得庇荫之辞" — „‚奥' gleicht ‚Wärme'; es ist ein Ausdruck für das, was Schutz und Schatten bietet."
Übersetzung: Das Tao ist der Gebieter aller Dinge.
Deutung: „奥" wird in der Bedeutung von „Gebieter" oder „Herr" aufgefasst. Obwohl das Tao keine Herrschaft für sich beansprucht, ist es tatsächlich die lenkende Kraft hinter dem Wirken aller Dinge. Heshang Gongs Kommentar: „道为万物之藏" — „Das Tao ist die Schatzkammer aller Dinge." Das Tao birgt alle Dinge in sich und dient zugleich als ihr Beschützer und ihr Gebieter.
Ähnliche Ansichten: Heshang Gong: „道为万物之藏" — „Das Tao ist die Schatzkammer aller Dinge."
Übersetzung: Das Tao ist der Schatz des Guten und die Zuflucht des Nicht-Guten.
Deutung: Der Kerngedanke: Das Tao beschirmt nicht nur die Guten, sondern auch die Nicht-Guten. Der gute Mensch schätzt das Tao als Schatz und nutzt es zur Selbstkultivierung und zur Führung seiner Angelegenheiten; der nicht-gute Mensch, obwohl unwissend über das Tao, wird dennoch von ihm geschützt — bewahrt vor Unheil. Wang Bis Kommentar: „道者……善人得之以为宝,不善人赖之以免罪" — „Das Tao … die Guten erlangen es als Schatz, und die Nicht-Guten verlassen sich auf es, um von Schuld befreit zu werden." Dies verkörpert die Unparteilichkeit und Allumfassendheit des Tao — wie Sonnenlicht und Regen bescheint das Tao alle Dinge, ohne zwischen Gut und Böse zu unterscheiden.
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „不善人以免其咎,故曰不善人之所保也" — „Die Nicht-Guten nutzen es, um dem Unheil zu entgehen; darum heißt es: ‚die Zuflucht des Nicht-Guten.'"
Übersetzung: Schöne Worte können Achtung gewinnen; edle Taten können einen über andere erheben.
Deutung: Anknüpfend an das Vorangehende: Da das Tao so kostbar ist (Schatz des Guten, Zuflucht des Nicht-Guten), besitzen Worte und Taten, die mit dem Tao übereinstimmen, natürlich einen ungeheuren Wert — gute Worte gewinnen Achtung, edle Taten erheben über andere. Dieser Satz bereitet den nächsten vor: „Wer nicht gut ist — warum sollte man ihn verstoßen?"
Ähnliche Ansichten: Heshang Gong deutet diesen Satz als Ausdruck der Kraft von Worten und Taten.
Übersetzung: Selbst wenn ein Mensch Fehler hat — warum sollte man ihn verstoßen?
Deutung: Dies ist der mitfühlendste Satz des gesamten Kapitels. Das Tao verstößt die Nicht-Guten nicht; ebenso sollte ein Herrscher niemals die Nicht-Guten unter seinem Volk verstoßen. Wang Bis Kommentar: „虽有珍宝骏马,非道之所急也,故求以得,罪以免,道之大也" — „Obgleich es seltene Juwelen und edle Pferde gibt, sind dies nicht die Dinge, die das Tao vorrangig sucht; dass man suchen und erlangen kann und dass der Schuldige begnadigt werde — darin liegt die Größe des Tao." Die Größe des Tao liegt in seiner Allumfassendheit: Es verstößt nicht einmal die Nicht-Guten. Dies steht in Einklang mit Kapitel 27: „善人者,不善人之师;不善人者,善人之资" — „Die Guten sind die Lehrer der Nicht-Guten; die Nicht-Guten sind die Lehrmittel der Guten."
Ähnliche Ansichten: Kapitel 27: „故善人者,不善人之师;不善人者,善人之资" — „Darum sind die Guten die Lehrer der Nicht-Guten; die Nicht-Guten sind die Lehrmittel der Guten."
Übersetzung: Darum, wenn man den Sohn des Himmels inthronisiert und die Drei Höchsten Minister einsetzt — obgleich man Jadescheiben in beiden Armen darreicht, gefolgt von einem Viergespann in feierlicher Zeremonie, wäre es besser, dieses Tao darzubringen.
Deutung: Im Altertum wurde die Inthronisierung eines Sohns des Himmels oder die Einsetzung der Drei Höchsten Minister von prachtvollen Gaben begleitet: Jadescheiben und Viergespanne. Doch Laozi sagt: Kein materielles Geschenk, und sei es noch so kostbar, kommt der „Darbringung dieses Tao" gleich — den Staat durch das Tao zu lenken. Der Wert des Tao übersteigt alle weltlichen Schätze.
Ähnliche Ansichten: Sowohl Heshang Gong als auch Wang Bi erklären diesen Satz durch die Unschätzbarkeit des Tao.
Übersetzung: Es wäre besser, in der Stille zu sitzen und dieses Tao zu pflegen.
Deutung: „坐进" wird im Sinne von „in der Stille sitzen und eifrig voranschreiten" aufgefasst. Jadescheiben und Viergespanne stehen für äußeren Glanz; das Sitzen zur Pflege des Tao ist eine innere Übung. Anstatt materiellen Ehren nachzustreben, sollte man den Geist zur Ruhe bringen und das große Tao ergründen. Diese Lesart verschiebt den Satz vom Register der politischen Zeremonie zu dem der persönlichen Kultivierung und trägt einen tieferen Sinn der Transzendenz in sich.
Ähnliche Ansichten: Dies steht in Resonanz mit dem buddhistischen Konzept des „stillen Sitzens" (安坐) als Übungspraxis.
Übersetzung: Warum haben die Menschen dieses Tao seit alters her so hoch geschätzt?
Deutung: Eine rhetorische Frage, die die folgende Antwort einleitet.
Ähnliche Ansichten: Ein rhetorisches Mittel.
Übersetzung: Heißt es nicht: „Durch es kann der Suchende erlangen, und der Schuldige kann begnadigt werden"? Darum ist es das Kostbarste unter dem Himmel.
Deutung: Die Zusammenfassung des gesamten Kapitels. Das Tao wird geschätzt, weil es zwei große Funktionen erfüllt: (1) „Der Suchende kann erlangen" — die Guten nutzen das Tao zur Selbstkultivierung und Regierung und erreichen, wonach sie streben; (2) „Der Schuldige kann begnadigt werden" — selbst die Nicht-Guten können durch das Tao von Unheil befreit werden. Das Tao ist zugleich der Schatz der Guten und die Begnadigung der Schuldigen — diese unparteiische Allumfassendheit macht das Tao zur kostbarsten Existenz unter dem Himmel. Dies steht in Einklang mit Kapitel 27: „不贵其师,不爱其资,虽智大迷" — „Den Lehrer nicht zu ehren, das Lehrmittel nicht zu schätzen — auch wenn man klug ist, ist dies eine große Verirrung."
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „求以得,罪以免,道之大也" — „Dass man suchen und erlangen kann und dass der Schuldige begnadigt werde — darin liegt die Größe des Tao."
Dieses Kapitel enthält 9 Deutungskombinationen.
[Kerndifferenzen]
Kapitel 62 ist das Kapitel mit dem stärksten Geist der Allumfassendheit im Tao Te Ching. Sein Kerngedanke lautet: Das Tao umfasst alle Dinge und verstößt die Nicht-Guten nicht. Das Kapitel beginnt mit „道者万物之奥" (Das Tao ist die Zuflucht aller Dinge) und weist auf die unterschiedlichen Funktionen des Tao für die Guten und die Nicht-Guten hin — die Guten schätzen es als Schatz, die Nicht-Guten finden in ihm Zuflucht. Der bewegendste Satz ist „人之不善,何弃之有?" (Wer nicht gut ist — warum sollte man ihn verstoßen?) — das Tao gibt niemanden auf; die Guten wachsen durch das Tao, und die Nicht-Guten werden durch es von Unheil befreit. Abschließend fasst das Kapitel mit „求以得,有罪以免" (der Suchende kann erlangen, der Schuldige kann begnadigt werden) die beiden großen Funktionen des Tao zusammen — die Guten zu erfüllen und die Schuldigen zu begnadigen. Diese unparteiische Allumfassendheit geht über die menschlichen Urteile von Recht und Unrecht, Gut und Böse hinaus und verkörpert ein Mitgefühl von kosmischem Ausmaß.