Übersetzung: Ein großer Staat sollte wie der Unterlauf eines Flusses sein — der Ort, an dem alle Ströme unter dem Himmel zusammenfließen.
Deutung: Regierungskunst wird mit dem Wasser verglichen. Je größer ein Fluss, desto tiefer liegt er, und alle Zuflüsse strömen ihm auf natürliche Weise zu. Ebenso sollte ein großer Staat eine bescheidene Position einnehmen, damit sich alle Teile der Welt auf natürliche Weise zu ihm hinwenden. Der Kommentar von Wang Bi lautet: „江海所以为百谷王者,以善下之。大国以下小国则天下流之" — „Der Grund, warum Flüsse und Meere Könige aller Täler sein können, ist, dass sie sich vortrefflich unten halten. Wenn ein großer Staat sich vor kleinen Staaten niedrig hält, fließt ihm alles unter dem Himmel zu." Diese Deutung enthüllt die Kernweisheit der Großmacht-Diplomatie: die Welt durch Demut gewinnen.
Ähnliche Ansichten: Kapitel 66: „江海所以能为百谷王者,以其善下之" — „Der Grund, warum Flüsse und Meere Könige aller Täler sein können, ist, dass sie sich vortrefflich unten halten."
Übersetzung: Ein großer Staat nimmt eine niedrige Position ein und dient als Treffpunkt für alles unter dem Himmel.
Deutung: Der Kommentar von Heshanggong lautet: „大国者天下士民之所交会" — „Ein großer Staat ist der Ort, an dem Gelehrte und Volk von allem unter dem Himmel zusammenströmen." Ein großer Staat ist gerade deshalb groß, weil er sich unten zu halten weiß — nur indem er eine niedrige Position einnimmt, kann er zum Zentrum werden, an dem sich alle versammeln. Das Zeichen „交" (jiāo) trägt Konnotationen der Vereinigung von Yin und Yang (阴阳) und verweist voraus auf das „weibliche" Prinzip (牝, pìn), das im Folgenden erörtert wird.
Ähnliche Ansichten: Heshanggong: „大国者天下士民之所交会" — „Ein großer Staat ist der Ort, an dem Gelehrte und Volk von allem unter dem Himmel zusammenströmen."
Übersetzung: Ein großer Staat sollte wie das Weibliche von allem unter dem Himmel sein. Das Weibliche besiegt stets das Männliche durch Stille, denn Stille bedeutet, die niedrigere Position einzunehmen.
Deutung: Laozi verwendet die Metapher von Weiblichem und Männlichem, um den Weg der nachgiebigen Stärke in den internationalen Beziehungen zu veranschaulichen. Das Weibliche erscheint schwächer als das Männliche, doch durch Stille und Nachgiebigkeit setzt es sich letztlich durch — mütterliche Empfänglichkeit und Umfassung besitzen eine dauerhaftere Kraft als männliche Eroberung und Aggression. Ein großer Staat sollte in seinen internationalen Beziehungen die „Stille" und die „Niedrigkeit" des Weiblichen nachahmen. Der Kommentar von Heshanggong lautet: „女所以屈于男者,以安静故能胜男" — „Der Grund, warum die Frau sich dem Mann beugt, ist, dass sie ihn durch Stille besiegen kann."
Ähnliche Ansichten: Heshanggong: „女所以屈于男者,以安静故能胜男" — „Der Grund, warum die Frau sich dem Mann beugt, ist, dass sie ihn durch Stille besiegen kann." Kapitel 28: „知其雄,守其雌" — „Das Männliche kennen, aber am Weiblichen festhalten."
Übersetzung: Wenn sich ein großer Staat vor kleinen Staaten niedrig hält, gewinnt er ihre Gefolgschaft; wenn sich ein kleiner Staat vor einem großen Staat niedrig hält, erhält er dessen Schutz.
Deutung: Dies ist die Weisheit einer wechselseitig vorteilhaften Diplomatie. Der große Staat zeigt Ehrerbietung → der kleine Staat unterwirft sich freiwillig; der kleine Staat zeigt Respekt → der große Staat ist bereit, Schutz zu gewähren. Beide Seiten erhalten, was sie wünschen, indem sie sich „niedrig halten". Wang Bis Kommentar ist knapp, aber tiefgründig: „以下则得" — „Durch das Sich-Niedrig-Halten erlangt man." Vor über zweitausend Jahren hatte Laozi bereits das Prinzip gegenseitig vorteilhafter internationaler Beziehungen formuliert.
Ähnliche Ansichten: Wang Bis Kommentar zu dieser Passage fasst die gesamte Bedeutung zusammen mit „以下则得" — „Durch das Sich-Niedrig-Halten erlangt man."
Übersetzung: So halten sich manche aktiv niedrig, um Gefolgschaft zu erlangen (der große Staat), während andere Schutz erlangen, weil sie sich von Natur aus in der niedrigeren Position befinden (der kleine Staat).
Deutung: Der Unterschied zwischen „下以取" (xiā yǐ qǔ) und „下而取" (xiā ér qǔ) liegt im Unterschied zwischen aktiv und passiv: Der große Staat wählt aktiv die Demut (以下, yǐ xià — „sich absichtlich niedrig halten"), während sich der kleine Staat von Natur aus in der niedrigeren Position befindet (而下, ér xià — „bereits unten seiend"). Beide profitieren jedoch davon. Laozi zeigt damit, dass das „Sich-Niedrig-Halten" — ob aktiv oder passiv — stets der Weg zum Gewinn ist.
Ähnliche Ansichten: Wang Bi unterscheidet die verschiedenen Kontexte, in denen sich große und kleine Staaten niedrig halten.
Übersetzung: Der große Staat wünscht nichts anderes, als mehr Menschen aufzunehmen und zu nähren; der kleine Staat wünscht nichts anderes, als sich dem großen Staat anzuschließen und dessen Schutz zu erlangen.
Deutung: Dieser Satz benennt die jeweiligen Bedürfnisse großer und kleiner Staaten: Der große Staat braucht Bevölkerung und Vasallen (兼畜人, jiān xù rén — „Menschen aufnehmen und nähren"), und der kleine Staat braucht Sicherheit und Schutz (入事人, rù shì rén — „in den Dienst treten"). Beide erhalten, was sie brauchen, indem sie sich „niedrig halten". Diese Passage enthüllt das Wesen der internationalen Beziehungen — Staaten unterschiedlicher Größe haben unterschiedliche Bedürfnisse, doch durch gegenseitige Ehrerbietung können alle zufriedengestellt werden.
Ähnliche Ansichten: Heshanggong erläutert separat die unterschiedlichen Ziele großer und kleiner Staaten.
Übersetzung: Beide Seiten können jeweils erhalten, was sie wünschen, doch die größere sollte als Erste die niedrigere Position einnehmen.
Deutung: Dies ist der krönende Satz des gesamten Kapitels. Obwohl sowohl große als auch kleine Staaten das „Sich-Niedrig-Halten" praktizieren müssen, betont Laozi besonders „大者宜为下" (dà zhě yí wéi xià) — „der Größere sollte die niedrigere Position einnehmen" —, denn der große Staat besitzt größere Stärke und Ressourcen und trägt daher eine größere Verantwortung, die Initiative der Ehrerbietung zu ergreifen. Dass der Starke sich freiwillig niedrig hält, ist kein Zeichen von Schwäche, sondern Ausdruck wahrer Größe. Dieser Gedanke hallt durch die Jahrtausende wider und findet sein Echo im modernen Konzept der „Großmachtverantwortung" in den internationalen Beziehungen.
Ähnliche Ansichten: Sowohl Wang Bi als auch Heshanggong betonen, dass die größere Seite als Erste die niedrigere Position einnehmen sollte.
Dieses Kapitel enthält 7 Deutungskombinationen.
[Kerndifferenzen]
Kapitel 61 ist das am stärksten auf internationale Beziehungen ausgerichtete Kapitel des Tao Te Ching. Es formuliert eine diplomatische Philosophie, in der große und kleine Staaten durch das „Sich-Niedrig-Halten" gegenseitigen Vorteil erzielen. Das Kapitel beginnt mit dem Bild des abwärts fließenden Wassers, führt das „weibliche" Prinzip (牝) ein — Stille, Nachgiebigkeit, Niedrigkeit — und analysiert dann die jeweiligen Bedürfnisse und Strategien großer und kleiner Staaten. Die brillanteste Einsicht kommt am Schluss: „大者宜为下" — Laozi ist der Auffassung, dass der Stärkere proaktiv die Verantwortung der Ehrerbietung übernehmen sollte. Dies ist keine Schwäche, sondern die wahre Weisheit eines großen Staates. Das Kapitel bildet ein intertextuelles Paar mit Kapitel 66 („江海所以能为百谷王者,以其善下之" — „Der Grund, warum Flüsse und Meere Könige aller Täler sein können, ist, dass sie sich vortrefflich unten halten"), wobei beide die Philosophie des Wassers nutzen, um die Kunst des Regierens darzulegen.