Übersetzung: Einen großen Staat zu regieren ist wie einen kleinen Fisch zu kochen.
Deutung: Ein Aphorismus für die Ewigkeit. Das Entscheidende beim Kochen eines kleinen Fisches ist, ihn nicht zu häufig umzurühren, sonst zerfällt das Fleisch — ebenso beim Regieren eines großen Staates: Man darf die Erlasse nicht von einem Tag auf den anderen ändern, nicht ständig herumwirtschaften und nicht übermäßig eingreifen. Heshanggongs Kommentar ist von großer Schärfe: „烹小鱼,不去肠,不去鳞,不敢挠,恐其糜也。治国烦则下乱,治身烦则精散" („Beim Kochen eines kleinen Fisches entfernt man weder die Eingeweide noch die Schuppen, man wagt nicht umzurühren — aus Furcht, er könnte zerfallen. Wenn die Regierung geschäftig ist, gerät das Volk in Unordnung; wenn die Selbstpflege geschäftig ist, zerstreut sich die Lebensessenz"). Wang Bis Kommentar: „不扰也。躁则多害,静则全真" („Nicht stören. Rastlosigkeit bringt viel Schaden; Stille bewahrt die Echtheit"). Der Kern beider Kommentare ist ein einziges Wort: „Nicht-Störung" — je weniger man eingreift, desto mehr verwirklicht man das Nicht-Handeln (无为).
Ähnliche Ansichten: Heshanggong: „烹小鱼,不去肠,不去鳞,不敢挠,恐其糜也" („Beim Kochen eines kleinen Fisches entfernt man weder die Eingeweide noch die Schuppen, man wagt nicht umzurühren — aus Furcht, er könnte zerfallen"). Wang Bi: „不扰也" („Nicht stören").
Übersetzung: Einen großen Staat zu regieren ist wie einen kleinen Fisch zu kochen — auch die Selbstkultivierung folgt demselben Prinzip: Man darf weder hasten noch sich aufreiben.
Deutung: Heshanggong ergänzt die Dimension der Selbstkultivierung: „治身烦则精散" („Wenn die Selbstpflege geschäftig ist, zerstreut sich die Lebensessenz"). Parallel zur Staatsführung — Selbstkultivierung darf nicht überstürzt werden, und man sollte Körper und Geist nicht durch übermäßige Übungen strapazieren. Gelassenes Nicht-Handeln (无为) ist die beste Strategie. Innen und Außen sind eins: Die Staatsführung hat Nicht-Störung als Grundlage; die Selbstkultivierung hat Gelassenheit als wesentliches Prinzip.
Ähnliche Ansichten: Heshanggong: „治身烦则精散" („Wenn die Selbstpflege geschäftig ist, zerstreut sich die Lebensessenz").
Übersetzung: Wenn man die Welt mittels des Tao (道) regiert, offenbaren die Geister und Dämonen ihre übernatürlichen Kräfte nicht.
Deutung: Regiert man durch das Tao, herrscht Friede in der Welt, und selbst die Geister treten nicht hervor, um Unheil zu stiften. Wang Bis Kommentar: „以道莅天下,则鬼神不敢见其灵异" („Wenn man die Welt mittels des Tao regiert, wagen die Geister nicht, ihre übernatürlichen Kräfte zu zeigen") — sobald das Tao die Welt durchdringt, halten sich selbst die Geister zurück. „Ihre Kräfte nicht offenbaren" bedeutet nicht, dass die Geister nicht existieren, sondern dass sie, obgleich vorhanden, nicht zu schaden wagen.
Ähnliche Ansichten: Wang Bis Kommentar zu diesem Satz betont die „Nicht-Störung".
Übersetzung: Wenn man die Welt mittels des Tao regiert, hören alle dunklen Kräfte auf, Unheil zu stiften.
Deutung: „Geister" (鬼) bezieht sich hier allgemein auf verschiedene dunkle und bösartige gesellschaftliche Kräfte. Unter einer vom Tao geleiteten Regierung sind die gesellschaftlichen Sitten aufrecht, und Intriganten können kein Unheil stiften — nicht weil sie ausgerottet wurden, sondern weil die vom Tao geprägte Umgebung ihnen keinen Raum zum Schaden lässt. Diese Deutung verwandelt die übernatürlichen „Geister" in eine Metapher für dunkle gesellschaftliche Kräfte.
Ähnliche Ansichten: Eine gesellschaftspolitische Deutung.
Übersetzung: Es ist nicht so, dass den Geistern die übernatürliche Kraft fehlte; vielmehr schaden sie den Menschen selbst dann nicht, wenn sie sich offenbaren.
Deutung: Eine Präzisierung von erlesener Feinheit. Es ist nicht so, dass die Geister wirklich verschwunden wären oder ihre Fähigkeiten verloren hätten; vielmehr behalten die Geister, sobald die Welt durch das Tao regiert wird, zwar ihre übernatürliche Kraft, schaden aber den Menschen nicht mehr. Dies ist weit tiefgreifender als einfach zu sagen, „die Geister wurden vernichtet" — die Macht des Tao liegt nicht in der Unterdrückung, sondern in der Verwandlung. Heshanggongs Kommentar: „鬼神不敢见其精灵以犯人也" („Die Geister wagen nicht, ihre geistige Essenz zu offenbaren, um den Menschen zu schaden").
Ähnliche Ansichten: Heshanggong: „鬼神不敢见其精灵以犯人也" („Die Geister wagen nicht, ihre geistige Essenz zu offenbaren, um den Menschen zu schaden").
Übersetzung: Nicht nur schaden die Geister den Menschen nicht; auch der Weise (圣人) — der Herrscher — schadet den Menschen nicht.
Deutung: Die entscheidende Wende des gesamten Kapitels. Dass die Geister den Menschen nicht schaden, ist bereits bemerkenswert, doch weitaus wichtiger ist, dass die Herrscher selbst dem Volk ebenfalls keinen Schaden zufügen. Dieser Satz lenkt den Blick von den übernatürlichen Geistern auf die Herrscher der wirklichen Welt — Tyrannei schadet den Menschen mehr als Gespenster. Der Weise (圣人), der durch das Tao regiert, stört das Volk nicht und fügt ihm keinen Schaden zu, und darin liegt die tiefste Bedeutung von „einen großen Staat zu regieren ist wie einen kleinen Fisch zu kochen".
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „以道莅天下,圣人不以权力伤害百姓" („Wenn man die Welt mittels des Tao regiert, schadet der Weise dem Volk nicht durch Machtausübung").
Übersetzung: Wenn die Geister und der Weise (圣人) einander nicht schaden, strömt die Tugend/Te (德) zusammen und vereinigt sich.
Deutung: Die Zusammenfassung des gesamten Kapitels. Der höchste Zustand der Weltherrschaft durch das Tao: Die Geister schaden den Menschen nicht, der Weise schadet den Menschen nicht, beide Seiten greifen einander nicht an — die Tugend strömt dann zusammen und verschmilzt, und die Welt ist in vollkommener Ordnung. „Die Tugend strömt zusammen und kehrt zurück" (德交归) beschreibt einen Zustand harmonischen Zusammenlebens — die menschliche Ordnung und die übernatürliche Ordnung befinden sich jeweils an ihrem rechten Platz, ohne einander zu übergreifen, und Güte fließt und sammelt sich auf natürliche Weise.
Ähnliche Ansichten: Heshanggongs Kommentar bietet eine Zusammenfassung.
Übersetzung: Wenn beide Seiten einander nicht schaden, kommen alle Vorteile letztlich dem Volk zugute.
Deutung: Hier wird „德" als phonetische Entlehnung für „得" (Gewinn, Nutzen) gelesen. Wenn die Geister den Menschen nicht schaden und der Weise den Menschen nicht schadet, werden alle Vorteile letztendlich vom Volk genossen. Diese Deutung hat eine stärkere politische Ausrichtung — der letzte Prüfstein der Regierung ist nicht, ob die Geister befriedet sind, sondern ob das Volk davon profitiert.
Ähnliche Ansichten: Eine am Volk orientierte politische Deutung.
Dieses Kapitel enthält 8 Deutungskombinationen.
[Kerndifferenzen]
Kapitel 60 eröffnet mit dem zeitlosen Gleichnis „einen großen Staat zu regieren ist wie einen kleinen Fisch zu kochen" und enthüllt den Kern von Laozis politischer Philosophie — Nicht-Störung, kein unnötiges Eingreifen. Ein kleiner Fisch darf nicht zu häufig umgerührt werden (sonst zerfällt er); ein großer Staat darf nicht ständigen Politikwechseln unterworfen werden (sonst gerät das Volk in Unordnung). Die zweite Hälfte des Kapitels führt von der Vorstellung, dass die Geister den Menschen nicht schaden, zur Behauptung, dass auch der Weise den Menschen nicht schadet, und vollendet damit eine kunstvolle Analogie: Wenn selbst die Geister wissen, dass sie den Menschen nicht schaden sollen, sollten die Herrscher das Volk gewiss nicht schädigen. Das Kapitel schließt mit „wenn beide Seiten einander nicht schaden, strömt die Tugend zusammen und kehrt zurück" — die menschliche und die natürliche Ordnung, Herrscher und Geister, finden jeweils ihren Platz ohne gegenseitiges Übergreifen, und Güte fließt auf natürliche Weise.