Tao Te Ching Kapitel 60: Der vollständige Kommentar

Der folgende Inhalt bietet eine multiperspektivische Tiefenanalyse jedes Satzes dieses Kapitels, die traditionelle Kommentare, philologische Analysen, philosophische Interpretationen und weitere Dimensionen umfasst. Grundtext: Wang Bis Kommentar zum Daode Zhenjing, Ausgabe des Zhengtong Daozang
Die „Kombination"-Bezeichnung jeder Deutung folgt dem Format „Zeichen + Bedeutungsnummer" (z.B. „dàoC-A"), d.h. diese Deutung verwendet Bedeutung C von „dào" und Bedeutung A von „". Das vollständige Glossar finden Sie am Ende dieses Kapitels: [Anhang: Glossar der Schlüsselzeichen].

[Satz 1] zhìguóruòpēngxiǎoxiān。(Einen großen Staat zu regieren ist wie einen kleinen Fisch zu kochen.)

Kapitel 60 · Satz 1: zhìguóruòpēngxiǎoxiān

[Deutung 1] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: zhìA-guóA-ruòA-pēngA-xiǎoxiānA
Übersetzung: Einen großen Staat zu regieren ist wie einen kleinen Fisch zu kochen.
Deutung: Ein Aphorismus für die Ewigkeit. Das Entscheidende beim Kochen eines kleinen Fisches ist, ihn nicht zu häufig umzurühren, sonst zerfällt das Fleisch — ebenso beim Regieren eines großen Staates: Man darf die Erlasse nicht von einem Tag auf den anderen ändern, nicht ständig herumwirtschaften und nicht übermäßig eingreifen. Heshanggongs Kommentar ist von großer Schärfe: „pēngxiǎochánglíngǎnnáokǒngzhìguófánxiàluànzhìshēnfánjīngsàn" („Beim Kochen eines kleinen Fisches entfernt man weder die Eingeweide noch die Schuppen, man wagt nicht umzurühren — aus Furcht, er könnte zerfallen. Wenn die Regierung geschäftig ist, gerät das Volk in Unordnung; wenn die Selbstpflege geschäftig ist, zerstreut sich die Lebensessenz"). Wang Bis Kommentar: „rǎozàoduōhàijìngquánzhēn" („Nicht stören. Rastlosigkeit bringt viel Schaden; Stille bewahrt die Echtheit"). Der Kern beider Kommentare ist ein einziges Wort: „Nicht-Störung" — je weniger man eingreift, desto mehr verwirklicht man das Nicht-Handeln (wèi).
Ähnliche Ansichten: Heshanggong: „pēngxiǎochánglíngǎnnáokǒng" („Beim Kochen eines kleinen Fisches entfernt man weder die Eingeweide noch die Schuppen, man wagt nicht umzurühren — aus Furcht, er könnte zerfallen"). Wang Bi: „rǎo" („Nicht stören").
Kapitel 60 · Satz 1: zhìguóruòpēngxiǎoxiān

[Deutung 2] Traditionell · Mittlere Glaubwürdigkeit

Kombination: Aus der Perspektive der Selbstkultivierung gedeutet
Übersetzung: Einen großen Staat zu regieren ist wie einen kleinen Fisch zu kochen — auch die Selbstkultivierung folgt demselben Prinzip: Man darf weder hasten noch sich aufreiben.
Deutung: Heshanggong ergänzt die Dimension der Selbstkultivierung: „zhìshēnfánjīngsàn" („Wenn die Selbstpflege geschäftig ist, zerstreut sich die Lebensessenz"). Parallel zur Staatsführung — Selbstkultivierung darf nicht überstürzt werden, und man sollte Körper und Geist nicht durch übermäßige Übungen strapazieren. Gelassenes Nicht-Handeln (wèi) ist die beste Strategie. Innen und Außen sind eins: Die Staatsführung hat Nicht-Störung als Grundlage; die Selbstkultivierung hat Gelassenheit als wesentliches Prinzip.
Ähnliche Ansichten: Heshanggong: „zhìshēnfánjīngsàn" („Wenn die Selbstpflege geschäftig ist, zerstreut sich die Lebensessenz").

[Satz 2] dàotiānxiàguǐshén;(Wenn man die Welt mittels des Tao regiert, offenbaren die Geister ihre Kräfte nicht;)

Kapitel 60 · Satz 2: dàotiānxiàguǐshén

[Deutung 1] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: dàoA-A-guǐA-shénA
Übersetzung: Wenn man die Welt mittels des Tao (dào) regiert, offenbaren die Geister und Dämonen ihre übernatürlichen Kräfte nicht.
Deutung: Regiert man durch das Tao, herrscht Friede in der Welt, und selbst die Geister treten nicht hervor, um Unheil zu stiften. Wang Bis Kommentar: „dàotiānxiàguǐshéngǎnjiànlíng" („Wenn man die Welt mittels des Tao regiert, wagen die Geister nicht, ihre übernatürlichen Kräfte zu zeigen") — sobald das Tao die Welt durchdringt, halten sich selbst die Geister zurück. „Ihre Kräfte nicht offenbaren" bedeutet nicht, dass die Geister nicht existieren, sondern dass sie, obgleich vorhanden, nicht zu schaden wagen.
Ähnliche Ansichten: Wang Bis Kommentar zu diesem Satz betont die „Nicht-Störung".
Kapitel 60 · Satz 2: dàotiānxiàguǐshén

[Deutung 2] Neuartig · Mittlere Glaubwürdigkeit

Kombination: dàoA-A-guǐB-shénA
Übersetzung: Wenn man die Welt mittels des Tao regiert, hören alle dunklen Kräfte auf, Unheil zu stiften.
Deutung: „Geister" (guǐ) bezieht sich hier allgemein auf verschiedene dunkle und bösartige gesellschaftliche Kräfte. Unter einer vom Tao geleiteten Regierung sind die gesellschaftlichen Sitten aufrecht, und Intriganten können kein Unheil stiften — nicht weil sie ausgerottet wurden, sondern weil die vom Tao geprägte Umgebung ihnen keinen Raum zum Schaden lässt. Diese Deutung verwandelt die übernatürlichen „Geister" in eine Metapher für dunkle gesellschaftliche Kräfte.
Ähnliche Ansichten: Eine gesellschaftspolitische Deutung.

[Satz 3] fēiguǐshénshénshāngrén;(Nicht dass den Geistern die Kraft fehlte; vielmehr schadet ihre Kraft den Menschen nicht;)

Kapitel 60 · Satz 3: fēiguǐshénshénshāngrén

[Deutung 1] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: fēiA-shénshāngrénA
Übersetzung: Es ist nicht so, dass den Geistern die übernatürliche Kraft fehlte; vielmehr schaden sie den Menschen selbst dann nicht, wenn sie sich offenbaren.
Deutung: Eine Präzisierung von erlesener Feinheit. Es ist nicht so, dass die Geister wirklich verschwunden wären oder ihre Fähigkeiten verloren hätten; vielmehr behalten die Geister, sobald die Welt durch das Tao regiert wird, zwar ihre übernatürliche Kraft, schaden aber den Menschen nicht mehr. Dies ist weit tiefgreifender als einfach zu sagen, „die Geister wurden vernichtet" — die Macht des Tao liegt nicht in der Unterdrückung, sondern in der Verwandlung. Heshanggongs Kommentar: „guǐshéngǎnjiànjīnglíngfànrén" („Die Geister wagen nicht, ihre geistige Essenz zu offenbaren, um den Menschen zu schaden").
Ähnliche Ansichten: Heshanggong: „guǐshéngǎnjiànjīnglíngfànrén" („Die Geister wagen nicht, ihre geistige Essenz zu offenbaren, um den Menschen zu schaden").

[Satz 4] fēishénshāngrénshèngrénshāngrén。(Nicht nur schaden die Geister den Menschen nicht; auch der Weise schadet den Menschen nicht.)

Kapitel 60 · Satz 4: fēishénshāngrénshèngrénshāngrén

[Deutung 1] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: shèngrénshāngrénA
Übersetzung: Nicht nur schaden die Geister den Menschen nicht; auch der Weise (shèngrén) — der Herrscher — schadet den Menschen nicht.
Deutung: Die entscheidende Wende des gesamten Kapitels. Dass die Geister den Menschen nicht schaden, ist bereits bemerkenswert, doch weitaus wichtiger ist, dass die Herrscher selbst dem Volk ebenfalls keinen Schaden zufügen. Dieser Satz lenkt den Blick von den übernatürlichen Geistern auf die Herrscher der wirklichen Welt — Tyrannei schadet den Menschen mehr als Gespenster. Der Weise (shèngrén), der durch das Tao regiert, stört das Volk nicht und fügt ihm keinen Schaden zu, und darin liegt die tiefste Bedeutung von „einen großen Staat zu regieren ist wie einen kleinen Fisch zu kochen".
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „dàotiānxiàshèngrénquánshānghàibǎixìng" („Wenn man die Welt mittels des Tao regiert, schadet der Weise dem Volk nicht durch Machtausübung").

[Satz 5] liǎngxiāngshāngjiāoguīyān。(Wenn beide Seiten einander nicht schaden, strömt die Tugend zusammen und kehrt zu allen zurück.)

Kapitel 60 · Satz 5: liǎngxiāngshāngjiāoguīyān

[Deutung 1] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: liǎngA-xiāngshāngA-A-jiāoguīA
Übersetzung: Wenn die Geister und der Weise (shèngrén) einander nicht schaden, strömt die Tugend/Te () zusammen und vereinigt sich.
Deutung: Die Zusammenfassung des gesamten Kapitels. Der höchste Zustand der Weltherrschaft durch das Tao: Die Geister schaden den Menschen nicht, der Weise schadet den Menschen nicht, beide Seiten greifen einander nicht an — die Tugend strömt dann zusammen und verschmilzt, und die Welt ist in vollkommener Ordnung. „Die Tugend strömt zusammen und kehrt zurück" (jiāoguī) beschreibt einen Zustand harmonischen Zusammenlebens — die menschliche Ordnung und die übernatürliche Ordnung befinden sich jeweils an ihrem rechten Platz, ohne einander zu übergreifen, und Güte fließt und sammelt sich auf natürliche Weise.
Ähnliche Ansichten: Heshanggongs Kommentar bietet eine Zusammenfassung.
Kapitel 60 · Satz 5: liǎngxiāngshāngjiāoguīyān

[Deutung 2] Neuartig · Mittlere Glaubwürdigkeit

Kombination: liǎngA-xiāngshāngA-B-jiāoguīB
Übersetzung: Wenn beide Seiten einander nicht schaden, kommen alle Vorteile letztlich dem Volk zugute.
Deutung: Hier wird „" als phonetische Entlehnung für „" (Gewinn, Nutzen) gelesen. Wenn die Geister den Menschen nicht schaden und der Weise den Menschen nicht schadet, werden alle Vorteile letztendlich vom Volk genossen. Diese Deutung hat eine stärkere politische Ausrichtung — der letzte Prüfstein der Regierung ist nicht, ob die Geister befriedet sind, sondern ob das Volk davon profitiert.
Ähnliche Ansichten: Eine am Volk orientierte politische Deutung.

Zusammenfassung des Kapitels

Dieses Kapitel enthält 8 Deutungskombinationen.

[Kerndifferenzen]

Kapitel 60 eröffnet mit dem zeitlosen Gleichnis „einen großen Staat zu regieren ist wie einen kleinen Fisch zu kochen" und enthüllt den Kern von Laozis politischer Philosophie — Nicht-Störung, kein unnötiges Eingreifen. Ein kleiner Fisch darf nicht zu häufig umgerührt werden (sonst zerfällt er); ein großer Staat darf nicht ständigen Politikwechseln unterworfen werden (sonst gerät das Volk in Unordnung). Die zweite Hälfte des Kapitels führt von der Vorstellung, dass die Geister den Menschen nicht schaden, zur Behauptung, dass auch der Weise den Menschen nicht schadet, und vollendet damit eine kunstvolle Analogie: Wenn selbst die Geister wissen, dass sie den Menschen nicht schaden sollen, sollten die Herrscher das Volk gewiss nicht schädigen. Das Kapitel schließt mit „wenn beide Seiten einander nicht schaden, strömt die Tugend zusammen und kehrt zurück" — die menschliche und die natürliche Ordnung, Herrscher und Geister, finden jeweils ihren Platz ohne gegenseitiges Übergreifen, und Güte fließt auf natürliche Weise.

Anhang: Glossar der Schlüsselzeichen

zhì
A. [Verb] Regieren; verwalten
Quelle: Grundbedeutung.
guó
A. [Subst.] Ein großer Staat; ein großes Land
Quelle: Grundbedeutung.
ruò
A. [Verb] Wie; gleich wie
Quelle: Vergleichende Konjunktion.
pēng
A. [Verb] Kochen; sieden
Quelle: Grundbedeutung. Speisen mit Feuer kochen.
xiǎoxiān
A. [Subst.] Kleiner Fisch (frischer kleiner Fisch)
Quelle: Heshanggongs Kommentar: „pēngxiǎochánglíngǎnnáokǒng" („Beim Kochen eines kleinen Fisches entfernt man weder die Eingeweide noch die Schuppen, man wagt nicht umzurühren — aus Furcht, er könnte zerfallen").
dào
A. [Präp.-Phrase] Mittels des Tao; auf dem Weg des Tao
Quelle: Präpositionale Konstruktion.
A. [Verb] Regieren; vorstehen (ein Herrscher, der von einer Autoritätsposition aus regiert)
Quelle: Grundbedeutung. Erya: „lín" („ bedeutet vorstehen, gebieten").
guǐ
A. [Subst.] Geister; Seelen der Verstorbenen
Quelle: Grundbedeutung. guǐ = die Geister der Verstorbenen.
B. [Subst.] Gespenster; böse Wesen (allgemein für dunkle Kräfte)
Quelle: Erweiterte Bedeutung. Bezeichnet allgemein alle schadenstiftenden Kräfte.
shén
A. [Verb-Obj.] Keine übernatürliche Kraft offenbaren; keinen Spuk treiben
Quelle: shén = übernatürliche Kraft offenbaren. guǐshén = die Geister offenbaren ihre Kräfte nicht, um zu schaden.
fēi
A. [Adv.] Es ist nicht so, dass; nicht (eine korrigierende Wendung anzeigend)
Quelle: Grundbedeutung. Korrigiert ein mögliches Missverständnis des vorangehenden Textes.
shénshāngrén
A. [Subj.-Präd.] Ihre geistige Kraft schadet den Menschen nicht
Quelle: Obgleich die übernatürlichen Fähigkeiten der Geister bestehen bleiben, schaden sie den Menschen nicht.
shèngrénshāngrén
A. [Subj.-Präd.] Auch der Weise schadet den Menschen nicht
Quelle: Grundbedeutung. Der Weise schadet dem Volk ebenfalls nicht durch Machtausübung.
liǎng
A. [Pron.] Die beiden Seiten — Geister und der Weise
Quelle: Ergibt sich aus dem vorangehenden Text. „Beide" bezieht sich auf Geister und den Weisen.
xiāngshāng
A. [Verb] Einander nicht schaden; gegenseitige Unversehrtheit
Quelle: Grundbedeutung. Keine der beiden Seiten greift die andere an oder schadet ihr.
A. [Subst.] Tugend; Güte
Quelle: Grundbedeutung. Edle Eigenschaften und wohlwollende Gnade.
B. [Subst.] Gewinn; Nutzen
Quelle: Phonetische Entlehnung für „" (erlangen). Der erlangte Nutzen.
jiāoguī
A. [Verb] Wechselseitig zusammenströmen und sich sammeln (Tugend fließt gegenseitig an einem Ort zusammen)
Quelle: jiāo = wechselseitig. guī = zurückkehren, hinströmen zu.
B. [Verb] Gänzlich dem (Volk) zugutekommen; sich gemeinsam versammeln
Quelle: Dem Volk zugutekommen. Die Tugend beider Seiten kommt letztlich dem Volk zugute.