Übersetzung: Regiere den Staat auf dem rechten Weg, setze das Heer mit überraschender Strategie ein und gewinne die Welt durch Nicht-Handeln (无为) und Nicht-Eingreifen.
Deutung: Drei aufeinander aufbauende Stufen: Geradheit zum Regieren des Staates, List zum Einsatz des Heeres, Nicht-Eingreifen zum Gewinnen der Welt. Der Schlüssel liegt jedoch im dritten Satz — die beiden ersten sind lediglich Behelfsmittel; nur das „Nicht-Eingreifen" (无事) vermag die Welt wahrhaft zu gewinnen. Wang Bi kommentiert: „以道治国则国平,以正治国则奇正起也,以无事则能取天下也" — „Regiert man den Staat mit dem Tao (道), herrscht Friede; regiert man mit Geradheit, entsteht das Wechselspiel von Orthodoxem und Überraschendem; nur das Nicht-Eingreifen kann die Welt gewinnen." Sowohl Geradheit als auch List gehören noch der Ebene des „zielgerichteten Handelns" (有为) an; nur das „Nicht-Eingreifen" erhebt sich auf die Ebene des Tao.
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „以道治国则国平,以正治国则奇正起也,以无事则能取天下也" — „Regiert man den Staat mit dem Tao, herrscht Friede; regiert man mit Geradheit, entsteht das Wechselspiel von Orthodoxem und Überraschendem; nur das Nicht-Eingreifen kann die Welt gewinnen."
Übersetzung: Regiere den Staat durch Verwaltungserlasse, setze das Heer mit Hinterlist ein und gewinne die Welt durch Nicht-Eingreifen.
Deutung: Heshanggong deutet „正" (Geradheit) als ein politisches Mittel, das „奇" (List) entspricht: „天使正身之人,使有国也" — „Der Himmel bestimmt den rechtschaffenen Menschen, damit er den Staat besitze." „以无事无为之人,使取天下为之主" — „Der Himmel bestimmt den Menschen des Nicht-Handelns und Nicht-Eingreifens, damit er die Welt gewinne und ihr Herrscher werde." Diese Deutung enthält implizit den Gedanken des Himmelsmandats — es ist der Himmel, der verschiedenen Menschen verschiedene Rollen zuweist.
Ähnliche Ansichten: Heshanggong: „以,至也。天使正身之人,使有国也。奇,诈也。以无事无为之人,使取天下为之主" — „‚以' bedeutet ‚gelangen'. Der Himmel bestimmt den rechtschaffenen Menschen, damit er den Staat besitze. ‚奇' bedeutet Hinterlist. Der Himmel bestimmt den Menschen des Nicht-Handelns und Nicht-Eingreifens, damit er die Welt gewinne und ihr Herrscher werde."
Übersetzung: Woher weiß ich, dass es so ist? Aus den folgenden Tatsachen:
Deutung: Diese Formulierung teilt dieselbe „以此"-Struktur (durch Folgendes) mit den Kapiteln 21 und 54 — eine für Laozi charakteristische Argumentationsweise: Zunächst wird die These aufgestellt, dann werden Erfahrungstatsachen als Beleg angeführt.
Ähnliche Ansichten: Übereinstimmend mit der Frage-Antwort-Struktur der Kapitel 21 und 54.
Übersetzung: Je mehr Verbote es in der Welt gibt, desto ärmer wird das Volk; je mehr Ränke und nützliche Werkzeuge das Volk besitzt, desto verwirrter wird der Staat; je mehr Geschicklichkeit und Schlauheit die Menschen besitzen, desto mehr seltsame Dinge entstehen; je ausgefeilter die Gesetze und Erlasse, desto mehr Diebe und Räuber gibt es.
Deutung: Vier Reihen von Kausalbeziehungen, Schicht um Schicht fortschreitend, allesamt auf die kontraproduktiven Wirkungen des „zielgerichteten Regierens" zeigend. Dies ist Laozis glänzendste Kritik der politischen Ökonomie. Wang Bi fasst zusammen: „皆舍本以治末,故以致此也" — „Alle vernachlässigen die Wurzel, um die Zweige zu behandeln, und darum kommen diese Ergebnisse zustande." Jede Form der Regulierung schafft neue Probleme: Verbote erzeugen Armut, Ränke erzeugen Verwirrung, Geschicklichkeit bringt abweichende Erscheinungen hervor, und Gesetze fabrizieren Verbrecher.
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „立正欲以息邪,而奇兵用多;忌讳欲以耻贫,而民弥贫。利器欲以强国者也,而国愈昏多。皆舍本以治末,故以致此也" — „Geradheit aufzurichten zielt darauf, die Verderbnis zu löschen, doch unorthodoxe Militärstrategien mehren sich; Verbote zielen darauf, die Armut zu beseitigen, doch das Volk verarmt noch mehr. Scharfe Werkzeuge zielen darauf, den Staat zu stärken, doch der Staat versinkt noch tiefer in Verwirrung. Alle vernachlässigen die Wurzel, um die Zweige zu behandeln, und darum kommen diese Ergebnisse zustande."
Übersetzung: Je mehr Tabus und Verbote es in der Welt gibt, desto ärmer wird das Volk; je mehr Waffen das Volk besitzt, desto chaotischer wird der Staat; je mehr Geschicklichkeit und Schlauheit die Menschen besitzen, desto mehr seltsame Dinge häufen sich; je ausgefeilter die Gesetze, desto mehr Diebe und Räuber gibt es.
Deutung: Heshanggongs konkretisierende Deutung: „忌讳者防禁也。今烦则奸生,禁多则下诈" — „Tabus sind vorbeugende Verbote. Werden sie lästig, entsteht Arglist; mehren sich die Verbote, breitet sich Betrug in der Tiefe aus." „利器者,权也。民多权则视者眩于目" — „‚Scharfe Werkzeuge' bedeutet Macht. Besitzt das Volk zu viel Macht, werden die Beobachtenden geblendet." Diese Deutung verankert jede Aussage in konkreten gesellschaftlichen Erscheinungen. Insbesondere der Ausdruck „法物滋彰" erhält von Heshanggong eine alternative Lesart — er deutet „法物" als „好物" (kostbare Güter): Je mehr kostbare und erlesene Güter es gibt, desto mehr Diebe und Räuber wachsen heran.
Ähnliche Ansichten: Heshanggong: „忌讳者防禁也。今烦则奸生,禁多则下诈,相殆故贫" — „Tabus sind vorbeugende Verbote. Werden sie lästig, entsteht Arglist; mehren sich die Verbote, breitet sich Betrug in der Tiefe aus; sie gefährden einander und erzeugen so Armut."
Übersetzung: Darum spricht der Weise (圣人): Ich übe Nicht-Handeln (无为), und das Volk wandelt sich natürlich von selbst; ich liebe die Stille, und das Volk wird natürlich aufrichtig; ich greife in nichts ein, und das Volk gedeiht natürlich; ich bin ohne Begierden, und das Volk wird natürlich schlicht und unverziert.
Deutung: Die vier Sätze „Ich … und das Volk natürlich …" bilden die positive Schlussfolgerung des gesamten Kapitels und stehen in vollkommenem Kontrast zu den vier vorangehenden Reihen negativer Erscheinungen (Verbote/Armut, scharfe Werkzeuge/Verwirrung, Geschicklichkeit/seltsame Dinge, Gesetze/Diebe). Wang Bi fasst dies als „崇本以息末" zusammen — „die Wurzel ehren, um die Zweige zur Ruhe zu bringen" — Probleme an ihrer Quelle lösen, statt an der Oberfläche herumzuflicken. Die entscheidende Einsicht lautet: Die Ursache gesellschaftlicher Probleme liegt oben, nicht unten — wenn „ich" mich ändere, ändert sich das „Volk" natürlich und unwillkürlich mit.
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „上之所欲,民从之速也。我之所欲,唯无欲而民亦无欲自朴也。此四者,崇本以息末也" — „Was die Oberen begehren, dem folgt das Volk rasch. Was ich begehre, ist einzig, ohne Begierden zu sein, und das Volk wird ebenfalls ohne Begierden und natürlich schlicht. Diese vier Vorschriften ehren die Wurzel, um die Zweige zur Ruhe zu bringen."
Übersetzung: Ich pflege das Tao und folge dem Himmel, ändere nichts, und das Volk wandelt sich natürlich von selbst; ich liebe die Stille und sehe von Belehrung ab, und das Volk wird natürlich treu und aufrichtig; ich erlege weder Frondienst noch Aushebung auf, und das Volk widmet sich natürlich seinen Beschäftigungen und gedeiht; ich bin ohne Begierden und entsage dem Prunk, und das Volk folgt mir natürlich zur Schlichtheit.
Deutung: Heshanggong konkretisiert jedes der vier „von selbst" (自)-Ergebnisse: „化" ist Wandlung durch Einfluss, „正" ist treue Aufrichtigkeit, „富" ist friedliches Sich-Einrichten im Lebensunterhalt, und „朴" ist die Abkehr vom Prunk zugunsten der Substanz. Die abschließende Zusammenfassung lautet: „圣人言,我修道守真,绝去六情,民自随我而清也" — „Der Weise spricht: Ich pflege das Tao, bewahre die Echtheit und trenne mich von den sechs Leidenschaften, und das Volk folgt mir natürlich zur Lauterkeit." Diese Deutung liefert konkrete Einzelheiten der Regierungsführung für das „Regieren durch Nicht-Handeln" (无为而治).
Ähnliche Ansichten: Heshanggong: „圣人言,我修道承天,无所改作,而民自化成也" — „Der Weise spricht: Ich pflege das Tao und folge dem Himmel, ändere nichts, und das Volk wandelt und vollendet sich natürlich von selbst."
Dieses Kapitel enthält 7 Deutungskombinationen.
[Kerndifferenzen]
Kapitel 57 bietet die vollständigste Pro-und-Kontra-Argumentation zur Theorie des „Regierens durch Nicht-Handeln" (无为而治) im gesamten Tao Te Ching. Die erste Hälfte versammelt vier Reihen negativer Tatsachen nach dem Muster „je mehr … desto mehr …" (Verbote/Armut, scharfe Werkzeuge/Verwirrung, Geschicklichkeit/seltsame Dinge, Gesetze/Diebe), um das Scheitern des „zielgerichteten Handelns" zu belegen; die zweite Hälfte stellt vier Reihen positiver Vorschriften „Ich … und das Volk von selbst …" auf (Nicht-Handeln/Wandlung, Stille/Aufrichtigkeit, Nicht-Eingreifen/Gedeihen, Begierdelosigkeit/Schlichtheit), um den Erfolg des „Nicht-Handelns" zu zeigen. Wang Bi fasst dies scharfsinnig als „崇本以息末" (die Wurzel ehren, um die Zweige zur Ruhe zu bringen) zusammen — alle gesellschaftlichen Probleme werden durch Politiken des „zielgerichteten Handelns" verursacht, die „die Wurzel vernachlässigen, um den Zweigen nachzujagen". Dieser Gedanke findet ein erstaunliches Echo in der zeitgenössischen Ökonomie: Über-Regulierung schafft Möglichkeiten zur Renten-Abschöpfung (Verbote/Armut), Machtinstrumente werden missbraucht (scharfe Werkzeuge/Verwirrung), technologische Entfremdung bringt bizarre Produkte hervor (Geschicklichkeit/seltsame Dinge), und je ausgefeilter die Gesetze, desto mehr Schlupflöcher entstehen (Gesetze/Diebe). Laozis Einsicht in das „Regulierungsversagen" von vor über zweitausend Jahren behält tiefgreifende zeitgenössische Relevanz.