Übersetzung: Wenn die Regierung großzügig und scheinbar wirr ist, ist das Volk schlicht und aufrichtig; wenn die Regierung peinlich genau und forschend ist, wird das Volk oberflächlich und verschlagen.
Deutung: Die Eröffnung des Kapitels enthüllt sogleich das zentrale Paradoxon von Laozis politischer Philosophie: Eine Regierung, die stumpf und unfähig erscheint (闷闷), fördert in Wahrheit die Schlichtheit des Volkes, während eine Regierung, die scharfsichtig und durchdringend erscheint (察察), im Gegenteil eine kleinliche Gesellschaft hervorbringt. Dies steht in Einklang mit dem Grundsatz aus Kapitel 57 — „je mehr Verbote und Tabus es gibt, desto ärmer wird das Volk" — je mehr Kontrolle ausgeübt wird, desto schlechter wird die Gesellschaft. Der Kontrast zwischen „闷闷" (dumpf) und „察察" (scharf) ist eindrücklich und tiefgründig.
Ähnliche Ansichten: Heshanggong: „政教宽大,故民醇醇富厚。政教急疾,民不聊生,故缺缺日以踈薄" — „Wenn Regierung und Unterweisung großzügig und weit sind, ist das Volk wohlhabend und aufrichtig. Wenn Regierung und Unterweisung streng und eilig sind, kann das Volk nicht überleben und wird von Tag zu Tag oberflächlicher und kleinlicher."
Übersetzung: Wenn die Regierung dumpf und unauffällig ist und sich jeder Einmischung enthält, wird das Volk auf natürliche Weise schlicht und aufrichtig.
Deutung: Wang Bi kommentiert: „善治之极,闷闷然而天下大化" — „Der Gipfel guten Regierens besteht darin, dumpf und unauffällig zu erscheinen, während die ganze Welt eine große Verwandlung durchläuft." „闷闷" zu sein bedeutet nicht, tatsächlich unfähig zu sein, sondern bezeichnet eine Regierungsweise, die sich nicht zur Schau stellt — scheinbar nichts zu tun, während in Wirklichkeit die Welt tiefgreifend verwandelt wird. Dies ist genau die Erscheinungsform des „Regierens durch Nicht-Handeln (无为)". Die höchste Stufe der Regierung des Weisen (圣人) besteht darin, das Volk nicht einmal spüren zu lassen, dass es überhaupt regiert wird.
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „唯无可正举,无可形名,闷闷然而天下大化,是其极也" — „Nur wenn es nichts gibt, das als richtig hervorgehoben werden kann, nichts, dem Form oder Name gegeben werden kann, und die Regierung dumpf erscheint, während die ganze Welt eine große Verwandlung durchläuft — das ist die höchste Vollendung."
Übersetzung: Das Unglück — das Glück stützt sich darauf; das Glück — das Unglück verbirgt sich darin. Wer kann die letzte Grenze davon kennen?
Deutung: Dies ist einer der klassischsten Ausdrücke der altchinesischen Dialektik. Unglück und Glück sind keine absoluten Gegensätze, sondern sind wechselseitig abhängig und wandeln sich ineinander um — im Unglück verbirgt sich der Keim einer Wendung (福之所倚, das Glück stützt sich darauf), und im Glück lauert das Potential einer Krise (祸之所伏, das Unglück verbirgt sich darin). „孰知其极" (Wer kennt die letzte Grenze?) drückt Ehrfurcht vor diesem Verwandlungsprozess aus — niemand kann die Grenze oder den Zeitpunkt des Umschlags zwischen Unglück und Glück vorhersehen.
Ähnliche Ansichten: Heshanggong: „人遭祸而能悔过责己,修道行善,则祸去福来。人得福而为骄恣,则福去祸来" — „Wenn ein Mensch Unglück erleidet und fähig ist, zu bereuen und sich selbst zu prüfen, das Tao zu pflegen und Gutes zu tun, dann weicht das Unglück und das Glück kommt. Wenn ein Mensch Glück erlangt und hochmütig und zügellos wird, dann weicht das Glück und das Unglück kommt."
Übersetzung: Das Unglück — das Glück entsteht in seinem Inneren; das Glück — das Unglück verbirgt sich darin.
Deutung: Dies ist Heshanggongs dynamische Deutung. „倚" wird im Sinne von „因" (Ursache, hervorgehen aus) verstanden — das Glück „entsteht" aus dem Unglück (es lehnt sich nicht bloß daneben, sondern wird in seinem Inneren geboren). Das Unglück ist nicht nur der Begleiter des Glücks, sondern sein Inkubator; das Glück birgt nicht nur den Keim des Unglücks, sondern dient als dessen Vorspiel. Dies geht eine Stufe tiefer als bloße „wechselseitige Abhängigkeit" und betont die kausale und erzeugende Beziehung zwischen Unglück und Glück.
Ähnliche Ansichten: Heshanggong: „倚,因也。夫福因祸而生。祸伏匿于福中" — „‚倚' bedeutet ‚hervorgehen aus'. Das Glück entsteht aus dem Unglück. Das Unglück verbirgt und versteckt sich im Glück."
Übersetzung: Es gibt keinen festen Maßstab. Das Gerade kann zum Krummen werden; das Gute kann zum Ungeheuerlichen werden. Die Verwirrung der Menschen darüber währt schon seit sehr langer Zeit.
Deutung: In Fortführung der Erörterung über die Umwandlung von Unglück und Glück — es gibt keinen absolut unveränderlichen Maßstab in der Welt. Das Gerade kann sich in das Krumme verwandeln, und das Gute kann zum Ungeheuerlichen werden — alle Werte und Urteile befinden sich in ständigem Wandel. „人之迷,其日固久" (Die Verwirrung der Menschen darüber währt schon seit langer Zeit) ist ein Seufzer des Bedauerns, der darauf hinweist, dass die Menschen an festen Maßstäben von Gut und Böse, Gerade und Krumm festhalten, ohne zu erkennen, dass sich diese Gegensätze wechselseitig verwandeln. Diese Verwirrung besteht seit undenklichen Zeiten.
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „以正治国,则便复以奇用兵矣。立善以和万物,则便复有妖之患也。言人之迷惑失道,固久矣" — „Wenn man den Staat durch Geradheit regiert, wird man folglich zur List beim Einsatz des Heeres greifen. Wenn man das Gute errichtet, um alle Dinge zu harmonisieren, wird man dadurch das Unheil des Ungeheuerlichen herbeiführen. Dies besagt, dass die Verwirrung der Menschen und ihr Verlust des Tao schon seit langer Zeit bestehen."
Übersetzung: (Wenn der Herrscher) sich selbst nicht berichtigt, werden selbst die Aufrechten hinterlistig, und selbst die Guten werden ungeheuerlich.
Deutung: Heshanggong deutet „正" als „die eigene Person berichtigen": Wenn der Herrscher sich nicht berichtigt, wird das oben gegebene Beispiel unten nachgeahmt — die Aufrechten werden hinterlistig, und die Guten werden ungeheuerlich. Diese Deutung verwandelt eine abstrakte Dialektik in eine konkrete politische Kritik — die eigentliche Ursache des moralischen Verfalls der Gesellschaft liegt im Mangel an Rechtschaffenheit des Herrschers selbst.
Ähnliche Ansichten: Heshanggong: „无,不也。谓人君不正其身,其无国也" — „‚无' bedeutet ‚nicht'. Dies bedeutet, dass der Herrscher, der seine eigene Person nicht berichtigt, seinen Staat verlieren wird."
Übersetzung: Darum ist der Weise (圣人) rechtschaffen und aufrecht, ohne andere zu schneiden, lauter ohne andere zu verletzen, gerade ohne sich aufzudrängen, leuchtend ohne zu blenden.
Deutung: Dies ist der Schluss des gesamten Kapitels — die Art des Weisen, sich in der Welt zu bewegen, besteht darin, Tugend zu besitzen, ohne andere zu verletzen. Vier Begriffspaare, die durch „und doch nicht" (而不) verbunden sind, begründen das vollkommene Gleichgewicht des Charakters des Weisen: aufrecht und doch nicht streng, lauter und doch nicht scharf, gerade und doch nicht anmaßend, leuchtend und doch nicht blendend. Dies ist kein prinzipienloser Kompromiss, sondern die konkrete Entfaltung von „das größte Rechteck hat keine Ecken", „die größte Geradheit scheint krumm" und „das leuchtende Tao scheint dunkel" — die höchste Tugend (德) gebraucht die Tugend nicht, um andere zu verletzen.
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „以方导物,舍去其邪,不以方割物,所谓大方无隅。以光鉴其所以迷,不以光照求其隐慝也,所谓明道若昧也" — „Mit Rechtschaffenheit die Dinge leiten und das Krumme beiseitelegen, ohne mit Rechtschaffenheit die Dinge zu schneiden — das ist gemeint mit ‚das größte Rechteck hat keine Ecken'. Mit Licht die Ursachen der Verwirrung erhellen, ohne mit Licht verborgene Fehler aufzuspüren und bloßzustellen — das ist gemeint mit ‚das leuchtende Tao scheint dunkel'."
Übersetzung: Rechtschaffen zu sein dient dazu, das Volk zu leiten, nicht es zu zerschneiden; lauter zu sein dient dazu, das Volk zu verwandeln, nicht es zu verletzen; gerade zu sein, dabei nachgiebig und entgegenkommend, ohne sich übermäßig durchzusetzen; leuchtend zu sein, dabei dunkel erscheinend, ohne zu blenden und die Herzen zu verwirren.
Deutung: Heshanggong deutet dies auf praktischere Weise: Die vier Tugenden des Weisen haben jeweils einen klaren Zweck (die Wesen leiten, das Volk verwandeln, das Schiefe beseitigen, die Verwirrung erhellen), aber auch klare Grenzen (nicht schneiden, nicht verletzen, sich nicht übermäßig ausdehnen, nicht blenden). In scharfem Kontrast zur Zeitkritik: „今则不然,正己以害人也" — „Heutzutage ist es anders — sie gebrauchen ihre eigene Rechtschaffenheit, um anderen zu schaden." Die Herrscher jener Zeit benutzten moralische Maßstäbe als Waffen, um die Menschen zu verletzen.
Ähnliche Ansichten: Heshanggong: „圣人行方正者,欲以率下,不以割截人也。圣人廉清,欲以化民,不以伤害人也" — „Der Weise übt Rechtschaffenheit, um die Unteren zu führen, nicht um die Menschen zu zerschneiden und zu teilen. Der Weise ist lauter und rein, um das Volk zu verwandeln, nicht um ihm zu schaden."
Übersetzung: Rechtschaffen ohne zu schneiden, kantig ohne zu verletzen, gerade ohne sich aufzudrängen, leuchtend ohne zu blenden — dies heißt, die Wurzel zu ehren und die Verzweigungen zur Ruhe zu bringen.
Deutung: Wang Bi fasst diese vier Formeln mit dem Grundsatz zusammen: „崇本以息末,不攻而使复之" — „Die Wurzel ehren, um die Verzweigungen zur Ruhe zu bringen; nicht angreifen, sondern die Dinge von selbst zurückkehren lassen." Der Weise greift die Fehler der Menschen nicht direkt an (Rechtschaffenheit zum Schneiden, Lauterkeit zum Verletzen einsetzen), sondern kehrt zur Wurzel zurück (Rechtschaffenheit, Lauterkeit, Geradheit, Leuchtkraft), damit sich die Verzweigungen auf natürliche Weise auflösen. Dies ist die Erscheinungsform von Laozis „Nicht-Handeln (无为)" im Bereich der Tugend (德) — das Böse nicht angreifen, sondern den rechten Weg verkörpern, und das Böse wird von selbst zurückweichen.
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „此皆崇本以息末,不攻而使复之也" — „All dies ehrt die Wurzel, um die Verzweigungen zur Ruhe zu bringen; es greift nicht an, sondern lässt die Dinge von selbst zurückkehren."
Dieses Kapitel enthält 9 Deutungskombinationen.
[Kerndifferenzen]
Kapitel 58 ist das Meisterwerk von Laozis dialektischem Denken. Ausgehend von der Politik (dumpfe Regierung vs. scharfe Regierung) erhebt es sich zu einer kosmologischen Theorie der Umwandlung von Unglück und Glück (Unglück — das Glück lehnt sich daran; Glück — das Unglück lauert darin), um dann in der praktischen Weisheit des Umgangs des Weisen mit der Welt zu münden (rechtschaffen ohne zu schneiden). „祸兮福之所倚,福兮祸之所伏" (Unglück — das Glück lehnt sich daran; Glück — das Unglück lauert darin) ist einer der tiefgründigsten dialektischen Sätze in der Geschichte der chinesischen Philosophie. Die zentrale Frage des gesamten Kapitels lautet: In einer Welt, in der Gerades und Krummes, Gutes und Böses sich ständig ineinander verwandeln, wie soll der Weise handeln? Die Antwort liegt in den vier „und doch nicht" (而不) — mit Maß handeln: rechtschaffen und doch nicht schneidend, kantig und doch nicht verletzend, gerade und doch nicht sich aufdrängend, leuchtend und doch nicht blendend. Wang Bis Zusammenfassung — „崇本以息末、不攻而使复之" (Die Wurzel ehren, um die Verzweigungen zur Ruhe zu bringen; nicht angreifen, sondern die Dinge von selbst zurückkehren lassen) — erfasst diese Philosophie des Weltumgangs mit höchster Präzision: das Böse nicht angreifen, sondern das Gute verkörpern und das Böse von selbst zurückweichen lassen. Dies ist die eleganteste Entfaltung von Laozis „Nicht-Handeln (无为)" im Bereich der Ethik.