Übersetzung: Wer das Tao (道) wahrhaft versteht, redet nicht viel; wer viel redet, versteht das Tao nicht wahrhaft.
Deutung: Eine der berühmtesten Thesen Laozis. Das Tao übersteigt die Sprache; wer wahre Erkenntnis besitzt, lässt Taten statt Worte sprechen. Heshanggong kommentiert: „知者贵行不贵言也" („Wer weiß, schätzt das Handeln, nicht die Worte"). Dies korrespondiert mit Kapitel 1: „Das Tao, das ausgesprochen werden kann, ist nicht das ewige Tao" — sobald das Tao in Worte gefasst wird, hört es auf, das Tao zu sein.
Ähnliche Ansichten: Heshanggong: „知者贵行不贵言也。驷不及舌,多言多患" („Wer weiß, schätzt das Handeln mehr als die Worte. Ein Viergespann kann die Zunge nicht einholen; zu viel Reden bringt zu viel Unheil").
Übersetzung: Wer das Tao wahrhaft versteht, folgt dem natürlichen Lauf der Dinge (ohne Zwischenfälle zu schaffen); wer Zwischenfälle schafft, versteht das Tao nicht.
Deutung: Wang Bi kommentiert, dass der Wissende „因自然也" („dem Natürlichen folgt"), während der Sprechende „造事端也" („Zwischenfälle schafft"). Diese Deutung hebt „言" (sprechen) auf die Bedeutung von „Machenschaften" — nicht nur Geschwätzigkeit, sondern jede Form künstlichen Eingreifens, das gegen die natürliche Ordnung verstößt. Der wahrhaft Wissende folgt der Natur; der Leichtfertige schafft Zwischenfälle.
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „因自然也" („Folgt dem Natürlichen"). „造事端也" („Schafft Zwischenfälle").
Übersetzung: Die Sinnesöffnungen verstopfen, die Tore der Begierde verschließen, die scharfen Kanten abstumpfen, die Streitigkeiten lösen, den Glanz mildern, damit er nicht blendet, sich unter den Staub der Welt mischen — dies nennt man „Geheimnisvolle Einheit" (玄同), eine tiefe Einswerdung mit dem Tao.
Deutung: Sechs Handlungen bilden einen fortschreitenden Weg der Kultivierung: Öffnungen verstopfen und Tore verschließen (die Sinne zurückziehen) → Schärfen abstumpfen (Kanten beseitigen) → Streitigkeiten lösen (Konflikte auflösen) → den Glanz mildern und sich unter den Staub mischen (sich in die Welt einfügen, ohne das wahre Wesen zu verlieren). Das letzte Ziel ist die „Geheimnisvolle Einheit" (玄同) — nicht die Auslöschung der Unterschiede, sondern die Transzendenz der Unterschiede hin zu einer tieferen Einheit. Dieser Abschnitt ist nahezu identisch mit Kapitel 4 und stellt ein zentrales Programm der Kultivierung dar, das Laozi immer wieder betont.
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „含守质也。除争原也。无所特显则物无所偏争也。无所特贱则物无所偏耻也" („Das wahre Wesen bewahren und hüten. Die Quellen des Streits beseitigen. Wenn nichts besonders hervorgehoben wird, rivalisiert nichts mit Parteilichkeit. Wenn nichts besonders herabgesetzt wird, empfindet nichts parteiliche Scham").
Übersetzung: Die Sinne verstopfen, die Tore verschließen, die Schärfen abstumpfen, den unterscheidenden Geist auflösen, den Glanz mildern und sich unter den Staub mischen — dies nennt man, den Weg mit dem Himmel zu teilen.
Deutung: Heshanggong deutet „Geheimnisvolle Einheit" (玄同) als „den Weg mit dem Himmel teilen". „Die Verwirrungen lösen" bedeutet hier nicht nur die Auflösung äußerer Konflikte, sondern auch die Auflösung des inneren unterscheidenden Geistes. Die „Geheimnisvolle Einheit" zu erreichen bedeutet, eins mit dem Weg des Himmels zu werden — in der profanen Welt zu leben, ohne von ihr befleckt zu werden.
Ähnliche Ansichten: Heshanggong: „玄,天也。人能行此上事,是谓与天同道也" („Xuan bedeutet Himmel. Wer diese oben genannten Dinge praktizieren kann, von dem sagt man, er teile den Weg mit dem Himmel").
Übersetzung: Daher kann man ihm nicht nahekommen und ihn nicht fernhalten; man kann ihm nicht nützen und ihm nicht schaden; man kann ihn nicht adeln und ihn nicht erniedrigen.
Deutung: Wer die „Geheimnisvolle Einheit" (玄同) erreicht hat, transzendiert alle binären Gegensätze — Nähe und Ferne, Nutzen und Schaden, Ehre und Schmach können ihn nicht berühren. Wang Bi argumentiert in aufsteigenden Schichten: „可得而亲,则可得而疏也" („Wenn man ihm nahekommen kann, dann kann man ihn auch fernhalten"). Sobald eine Seite ergriffen werden kann, wird die andere unweigerlich bloßgelegt. Nur wer die Dualität transzendiert, ist wahrhaft ungreifbar.
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „可得而亲,则可得而疏也。可得而利,则可得而害也。可得而贵,则可得而贱也" („Wenn man ihm nahekommen kann, dann kann man ihn fernhalten. Wenn man ihm nützen kann, dann kann man ihm schaden. Wenn man ihn adeln kann, dann kann man ihn erniedrigen").
Übersetzung: Daher kann man ihm nicht (durch Ehren) nahekommen und ihn nicht (durch Isolation) fernhalten; man kann ihn nicht (durch Gewinn) bestechen und ihn nicht (durch Drohungen) verletzen; man kann ihn nicht (durch Rang) erhöhen und ihn nicht (durch Armut) erniedrigen.
Deutung: Heshanggongs konkretisierte Deutung weist jedem Gegensatzpaar spezifische gesellschaftliche Bedeutungen zu. „Er erfreut sich nicht an Ehren und betrübt sich nicht über Einsamkeit" (jenseits von Nähe und Ferne); „Sein Leib begehrt nicht Reichtum, sein Mund begehrt nicht die fünf Geschmäcker" (jenseits von Nutzen und Schaden); „Er dient nicht als Herrscher einer chaotischen Epoche und besetzt keine Position unter einem verblendeten Fürsten" (jenseits von Ehre und Schmach). Solch ein Mensch lebt in der Welt, ohne von ihr gebunden zu sein.
Ähnliche Ansichten: Heshanggong: „不以荣誉为乐,独立为哀" („Er erfreut sich nicht an Ehren und betrübt sich nicht über Einsamkeit"). „不与贪争利,不与勇争气" („Er wetteifert nicht mit den Habgierigen um Gewinn und nicht mit den Mutigen um Vorherrschaft").
Übersetzung: Daher wird er von allen unter dem Himmel als der Kostbarste angesehen.
Deutung: Eine dialektische Schlussfolgerung: Gerade weil man ihm nicht nahekommen und ihn nicht fernhalten, ihm nicht nützen und ihm nicht schaden, ihn nicht adeln und ihn nicht erniedrigen kann, wird er paradoxerweise zum Kostbarsten unter dem Himmel. Wang Bi kommentiert: „无物可以加之也" („Nichts kann ihm hinzugefügt werden"). Heshanggong kommentiert: „其德如此,天子不得臣,诸侯不得屈" („So ist seine Tugend (德), dass der Himmelssohn ihn nicht zum Untertan machen und die Lehnsfürsten ihn nicht beugen können"). Wer alle Gegensätze transzendiert, erlangt paradoxerweise den höchsten Wert.
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „无物可以加之也" („Nichts kann ihm hinzugefügt werden"). Heshanggong: „天子不得臣,诸侯不得屈" („Der Himmelssohn kann ihn nicht zum Untertan machen; die Lehnsfürsten können ihn nicht beugen").
Dieses Kapitel enthält 7 Deutungskombinationen.
[Kerndifferenzen]
Kapitel 56 eröffnet mit „Wer weiß, spricht nicht; wer spricht, weiß nicht" und stellt damit die Spannung zwischen dem Tao und der Sprache heraus. Anschließend skizziert es den sechsstufigen Weg der Kultivierung von „Öffnungen verstopfen und Tore verschließen" bis „den Glanz mildern und sich unter den Staub mischen" und beschreibt den Weg zur „Geheimnisvollen Einheit" (玄同). Der subtilste Teil ist die zweite Hälfte mit den drei Paaren von „kann nicht erlangt werden" — Nähe/Ferne, Nutzen/Schaden, Ehre/Schmach —, die die drei Dimensionen menschlicher gesellschaftlicher Beziehungen ausschöpfen. Wer diese drei Gegensatzpaare transzendieren kann, dem „kann nichts hinzugefügt werden", und er wird paradoxerweise zum Kostbarsten unter dem Himmel. Die Tiefe dieses Kapitels liegt darin, dass die höchste „Ehre" gerade aus der Transzendenz von „Ehre und Schmach" erwächst — eine weitere brillante Demonstration von Laozis dialektischem Denken.