Übersetzung: Wer tiefe und lautere Tugend (德) in sich birgt, kann mit einem Neugeborenen verglichen werden.
Deutung: Laozi nimmt das Neugeborene als Gleichnis für die Tugend in ihrer höchsten Reinheit. Ein Säugling ist ohne Wissen und ohne Begehren, verletzt die äußeren Dinge nicht, und darum verletzen die äußeren Dinge ihn nicht — dies ist das Kennzeichen tiefer Tugend. Wang Bi kommentiert: „赤子无求无欲,不犯众物,故毒虫之物无犯之人也" — „Das Neugeborene hat weder Forderungen noch Begierden, verletzt die Vielzahl der Dinge nicht; daher greifen giftige Kreaturen einen solchen Menschen nicht an."
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „赤子无求无欲,不犯众物,故毒虫之物无犯之人也" — „Das Neugeborene hat weder Forderungen noch Begierden, verletzt die Vielzahl der Dinge nicht; daher greifen giftige Kreaturen einen solchen Menschen nicht an." Heshanggong: „谓含怀道德之厚也" — „Dies bezeichnet jenen, der die Fülle der Tugend in sich trägt und umfängt."
Übersetzung: Wespen, Skorpione, Vipern und Schlangen stechen es nicht; wilde Tiere packen es nicht; Raubvögel schlagen nicht nach ihm.
Deutung: Das Neugeborene schadet den Dingen nicht, und die Dinge schaden ihm ebenso wenig. Dies ist kein übernatürliches Wunder, sondern die natürliche Wirkung eines „Geistes ohne Schaden" — wer die äußeren Dinge nicht aktiv angreift, wird auch von ihnen nicht angegriffen. Heshanggong führt dies weiter zum Ideal einer friedvollen Welt: „有刺之物,还返其本,有毒之虫,不伤于人" — „Kreaturen mit Stacheln kehren zu ihrer ursprünglichen Natur zurück, und giftige Insekten verletzen die Menschen nicht."
Ähnliche Ansichten: Heshanggong: „赤子不害于物,物亦不害之" — „Das Neugeborene schadet den Dingen nicht, und die Dinge schaden ihm ebenso wenig."
Übersetzung: Seine Knochen sind weich und seine Sehnen geschmeidig, und doch ist sein Griff fest.
Deutung: Dies ist Laozis Beweis dafür, dass die Weichheit die Härte besiegt. Die Knochen des Säuglings sind weich und seine Sehnen geschmeidig, und doch greift er am festesten zu — weil sein Geist und sein Wille ungeteilt und unwandelbar sind („以其意心不移也" — „weil sein Geist und sein Wille nicht wanken"). Dies dient als Gleichnis für die Kultivierung des Tao: Wahre Stärke entspringt der Geschmeidigkeit, nicht der Starrheit. Wang Bi: „以柔弱之故,故握能周固" — „Gerade wegen seiner Weichheit und Schwäche kann sein Griff so vollkommen fest sein."
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „以柔弱之故,故握能周固" — „Wegen seiner Weichheit und Schwäche kann sein Griff vollkommen fest sein." Heshanggong: „以其意心不移也" — „Weil sein Geist und sein Wille nicht wanken."
Übersetzung: Ohne die Vereinigung von Männlichem und Weiblichem zu kennen, regt sich sein Organ — dies ist die Vollendung der Lebensessenz (精).
Deutung: Der Säugling weiß nichts vom Begehren, und doch richtet sich sein Geschlechtsorgan auf natürliche Weise auf — dies zeigt, dass seine Lebensessenz (精) von Natur aus im Überfluss vorhanden ist, nicht durch Begehren angetrieben. „精之至" bedeutet, dass die angeborene Lebensessenz den reinsten und vollständigsten Zustand erreicht hat. Heshanggong kommentiert: „由精气多之所致也" — „Dies wird durch die Fülle der Lebensessenz und des Qi (气) bewirkt."
Ähnliche Ansichten: Heshanggong: „赤子未知男女会合而阴阳作怒者,由精气多之所致也" — „Der Säugling kennt die Vereinigung von Mann und Frau noch nicht, und doch regt sich sein Yin und Yang — dies wird durch die Fülle der Lebensessenz und des Qi bewirkt."
Übersetzung: Ohne die Vereinigung von Männlichem und Weiblichem zu kennen, wächst es dennoch zur Vollständigkeit heran — dies geschieht, weil seine Lebensessenz den höchsten Grad erreicht hat.
Deutung: Wang Bi glossiert: „作,长也" — „作 bedeutet ‚wachsen'." Hier ist nicht die Erektion des Geschlechtsorgans gemeint, sondern das vollständige Wachstum und die Entwicklung des Säuglings. „无物以损其身,故能全长也" — „Nichts beschädigt seinen Körper, daher kann er vollständig heranwachsen." Diese Lesart ist verhaltener und versteht „全作" als das körperliche Gesamtwachstum.
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „作,长也。无物以损其身,故能全长也" — „‚作' bedeutet ‚wachsen'. Nichts beschädigt seinen Körper, daher kann er vollständig heranwachsen."
Übersetzung: Es schreit den ganzen Tag, ohne heiser zu werden — dies ist die Vollendung der uranfänglichen Harmonie (和).
Deutung: Der Säugling schreit den ganzen Tag, ohne dass sich seine Stimme verändert — weil sein harmonisches Qi (气) in Fülle vorhanden ist. „精至" (Vollendung der Essenz) und „和至" (Vollendung der Harmonie) bilden ein Paar: Die Essenz ist die materielle Grundlage der Lebenskraft, die Harmonie ist das optimale Gleichgewicht des geistigen Zustands. Je mehr Erwachsene ihre Stimme anstrengen, desto leichter werden sie heiser; der Säugling aber wird es nicht — weil er keine bewusste Anstrengung aufwendet und alles auf natürliche Weise hervorkommt.
Ähnliche Ansichten: Heshanggong: „赤子从朝至暮啼号声不变易者,和气多之所至也" — „Der Säugling schreit vom Morgen bis zum Abend, ohne dass sich seine Stimme verändert — dies wird durch die Fülle des harmonischen Qi bewirkt."
Übersetzung: Die Harmonie kennen heißt das ewige Tao (道) kennen; das ewige Tao kennen heißt Erleuchtung; (doch wenn man) das Leben künstlich mehrt, bringt dies Unheil.
Deutung: Die erste Hälfte bekräftigt die positive Stufenfolge: Harmonie erkennen → das Ewige erkennen → Erleuchtung. Die zweite Hälfte vollzieht einen abrupten Umschwung — „益生" (das Leben künstlich mehren, übermäßige Lebenspflege) ist nicht nur nutzlos, sondern schädlich, ein Vorzeichen des Unheils. Wang Bi kommentiert: „生不可益,益之则夭也" — „Das Leben kann nicht gemehrt werden; es zu mehren führt zum vorzeitigen Tod." Dies ist eine Kritik an der Schule der übermäßigen Lebenspflege.
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „物以和为常,故知和则得常也" — „Die Dinge haben die Harmonie als ihre Konstante; die Harmonie zu kennen heißt also das Ewige zu erlangen." „生不可益,益之则夭也" — „Das Leben kann nicht gemehrt werden; es zu mehren führt zum vorzeitigen Tod."
Übersetzung: Die Harmonie kennen heißt das ewige Tao kennen; das ewige Tao kennen heißt Erleuchtung; das Leben mehren führt zu (fortwährendem) Wachstum.
Deutung: Heshanggong glossiert „祥" als „长" (Wachstum) — das Leben zu mehren führt zu stetig zunehmendem Wachstum. Diese Lesart nimmt einen positiven Sinn an: Harmonie erkennen führt zum Ewigen; das Ewige führt zur Erleuchtung; Erleuchtung befähigt, das Leben zu mehren; das Leben zu mehren führt zu Wachstum. Dies steht im Einklang mit dem Langlebigkeitsgedanken in Kapitel 59: „深根固柢,长生久视之道也" — „Tiefe Wurzeln und feste Grundlagen — dies ist das Tao des langen Lebens und der dauernden Schau." Diese Deutung bleibt allerdings umstritten.
Ähnliche Ansichten: Heshanggong: „祥,长也。言益生欲自生,日以长大" — „‚祥' bedeutet ‚Wachstum'. Dies besagt, dass das Mehren des Lebens und das Streben nach Selbsterhaltung zu täglichem Wachstum führen."
Übersetzung: Wenn der Geist den Atem lenkt, nennt man dies Erzwingen.
Deutung: Wang Bi kommentiert: „心宜无有,使气则强" — „Der Geist sollte leer und ohne Inhalt sein; den Atem zu lenken heißt zu erzwingen." Der Geist sollte leer sein; wenn man mit Begehren den Atem lenkt, ist dies Erzwingen — das genaue Gegenteil des natürlichen Zustands des Nicht-Handelns (无为) des Säuglings. Bewusstes tiefes Atmen, rohe Kraftanstrengung und das Lenken des Qi (气) durch Zorn sind sämtlich Erscheinungsformen davon, dass „der Geist den Atem lenkt", und sie alle führen zu vorzeitigem Verfall.
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „心宜无有,使气则强" — „Der Geist sollte leer sein; den Atem zu lenken heißt zu erzwingen."
Übersetzung: Wenn der Geist das uranfängliche Qi antreibt, nennt man dies Erzwingen.
Deutung: Heshanggong erläutert: „心当专一和柔而神气实内,故形柔。而反使妄有所为,和气去于中,故形体日以刚强也" — „Der Geist sollte einpünktig, harmonisch und geschmeidig sein, sodass das geistige Qi das Innere erfüllt und der Körper geschmeidig bleibt. Doch wenn man stattdessen willkürlich und leichtfertig handelt, entweicht das harmonische Qi aus der Mitte, und der Körper wird Tag für Tag starrer und härter." Diese Deutung hat eine tiefere Bedeutung für die Lebenspflege: Das gewaltsame Lenken des uranfänglichen Qi durch den Willen (wie bei fehlgeleiteter Qi-Kultivierung) bewirkt, dass das harmonische Qi sich zerstreut und der Körper steif und hart wird — was genau den Beginn des Alterns darstellt.
Ähnliche Ansichten: Heshanggong: „心当专一和柔而神气实内" — „Der Geist sollte einpünktig, harmonisch und geschmeidig sein, sodass das geistige Qi das Innere erfüllt."
Übersetzung: Wenn die Dinge den Gipfel ihrer Kraft erreichen, altern sie unausweichlich; dies nennt man Abweichen vom Tao (道) — und was vom Tao abweicht, vergeht früh.
Deutung: Dies ist eine der klassischen Thesen der Dialektik Laozis. Der Umschlag der Extreme: Den Höhepunkt der Kraft zu erreichen ist der eigentliche Beginn des Verfalls. „Das Leben mehren", „den Geist den Atem lenken lassen" und „den Höhepunkt erreichen" sind allesamt Handlungen, die durch Erzwingen gegen die Natur verstoßen, und ihr unvermeidliches Ergebnis ist „vom Tao abweichen und früh vergehen" (不道早已). Dies ist auch der grundlegende Grund dafür, dass der Säugling (weich und schwach) dem erwachsenen Menschen in seiner Blüte (hart und stark) überlegen ist.
Ähnliche Ansichten: Heshanggong: „万物壮极则枯老也。枯老则不得道矣。不得道者早死" — „Wenn alle Dinge den Gipfel ihrer Kraft erreichen, verwelken und altern sie. Einmal verwelkt und gealtert, besitzen sie das Tao nicht mehr. Wer das Tao nicht besitzt, stirbt früh."
Dieses Kapitel enthält 11 Deutungskombinationen.
[Kerndifferenzen]
Kapitel 55 nimmt das „Neugeborene" (赤子) als zentrales Bild und entfaltet Laozis vollständige Abhandlung über die Lebenskraft und den Weg der Geschmeidigkeit. Der Säugling besitzt drei außergewöhnliche Eigenschaften: Giftige Kreaturen und wilde Tiere schaden ihm nicht („ohne Forderungen und Begierden verletzt er die Vielzahl der Dinge nicht"); seine Knochen sind weich und seine Sehnen geschmeidig, und doch ist sein Griff fest (Geschmeidigkeit besiegt Härte); er schreit den ganzen Tag, ohne heiser zu werden (sein harmonisches Qi ist von höchster Reinheit). Diese drei Eigenschaften entsprechen jeweils: der Fülle der Tugend → der Vollendung der Essenz → der Vollendung der Harmonie. Dann folgt ein abrupter Umschwung: Harmonie und das Ewige zu kennen ist Erleuchtung, doch „das Leben mehren" (übermäßige Pflege) bringt Unheil; „der Geist, der das Qi lenkt" (Qi durch Willen antreiben) ist Erzwingen; und „Dinge auf ihrem Höhepunkt" führen zum Altern — das gesamte Kapitel wendet sich von der positiven Tugend des Neugeborenen zu den negativen Folgen des Erzwingens. Die tiefgründigste Einsicht ist „wenn die Dinge ihren Höhepunkt erreichen, altern sie" — das Geheimnis der Lebenskraft liegt nicht im Streben nach Stärke, sondern im Bewahren der Geschmeidigkeit; nicht im bewussten Mehren, sondern im Folgen des natürlichen Laufs.