Übersetzung: Ohne die Tür zu verlassen, kann man alles unter dem Himmel wissen; ohne durch das Fenster zu spähen, kann man das Wirken des Weges des Himmels erkennen.
Deutung: Dies ist die zentrale These der Erkenntnistheorie Laozis. Wang Bi: „事有宗,而物有主,途虽殊而同归也,虑虽百而其致一也。道有大常,理有大致,执古之道,可以御今。" — „Die Angelegenheiten haben ihren Ursprung, und die Dinge haben ihren Herrn; obwohl die Wege verschieden sind, führen sie zum selben Ziel; obwohl die Überlegungen zahlreich sind, gelangen sie zum selben Ergebnis. Das Tao (道) hat seine große Beständigkeit, und das Prinzip hat seine große Richtung; indem man am Tao des Altertums festhält, kann man die Gegenwart regieren." Alle Dinge folgen grundlegenden Gesetzen; hat man dieses Gesetz (das Tao) erfasst, ist es nicht nötig, die zehntausend Dinge einzeln zu untersuchen. „Die Tür nicht verlassen" ist keine Ablehnung der Praxis, sondern die Bekräftigung, dass wahre Weisheit darin besteht, die Wurzel der Dinge zu durchdringen.
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „道有大常,理有大致,执古之道,可以御今。" — „Das Tao hat seine große Beständigkeit, und das Prinzip hat seine große Richtung; indem man am Tao des Altertums festhält, kann man die Gegenwart regieren."
Übersetzung: Ohne das Haus zu verlassen, kann man den Weg der Menschenwelt erkennen; ohne durch das Fenster zu spähen, kann man den Weg von Himmel und Erde durchschauen.
Deutung: Heshang Gongs Theorie des „Andere durch sich selbst Erkennens": „以己身知人身,以己家知人家,所以见天下也。天道与人道同,天人相通,精气相贯。" — „Durch den eigenen Leib erkennt man den Leib anderer; durch das eigene Haus erkennt man die Häuser anderer — so erkennt man alles unter dem Himmel. Der Weg des Himmels und der Weg des Menschen sind eins; Himmel und Mensch stehen in Verbindung, und das Qi (气) durchdringt beide gleichermaßen." Der Weise (圣人) kann durch die innere Betrachtung seiner selbst auf alles unter dem Himmel schließen — denn Himmel und Mensch sind miteinander verbunden, und das Selbst ist ein Mikrokosmos des Universums. Dies ist eine Erkenntnistheorie der inneren Kultivierung, gegründet auf dem Prinzip „der Leib als Universum".
Ähnliche Ansichten: Heshang Gong: „以己身知人身,以己家知人家。天道与人道同。" — „Durch den eigenen Leib erkennt man den Leib anderer; durch das eigene Haus erkennt man die Häuser anderer. Der Weg des Himmels und der Weg des Menschen sind eins."
Übersetzung: Je weiter man hinausgeht, desto weniger weiß man wirklich.
Deutung: Diese These ergänzt die paradoxe Aussage des vorhergehenden Satzes. Wang Bi: „无在于一而求之于众也……若其不知,出愈远愈迷也。" — „Das Wesentliche liegt im Einen, doch die Menschen suchen es unter der Vielfalt… Wenn man das Grundlegende nicht kennt, verirrt man sich umso mehr, je weiter man hinausgeht." Wenn man das grundlegende Tao nicht erfasst, erblickt man selbst auf einer Reise durch die ganze Welt nur eine Fülle von Erscheinungen und verliert dabei das Wesen aus dem Blick. Dies führt den Gedanken aus Kapitel 48 fort — „Im Streben nach Wissen gewinnt man täglich hinzu; im Streben nach dem Tao verliert man täglich" (为学日益,为道日损) — die Anhäufung von Wissen ist nicht dasselbe wie das Wachstum der Weisheit.
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „无在于一而求之于众也……出愈远愈迷也。" — „Das Wesentliche liegt im Einen, doch die Menschen suchen es unter der Vielfalt… Je weiter man hinausgeht, desto mehr verirrt man sich."
Übersetzung: Je mehr man nach außen strebt, desto weniger erkennt man.
Deutung: Heshang Gong: „谓去其家观人家,去其身观人身,所观益远,所见益少也。" — „Das bedeutet, das eigene Haus zu verlassen, um die Häuser anderer zu betrachten, das eigene Selbst zu verlassen, um das Selbst anderer zu betrachten — je weiter man schaut, desto weniger sieht man wirklich." Je weiter man sich vom Selbst entfernt, desto schwieriger wird es, den Kern der Wahrheit zu erfassen. Dies ist keine Ablehnung des Erfahrungswissens, sondern die Betonung, dass die wahre Quelle der Weisheit im Inneren liegt, nicht im Äußeren. Durch Selbstbetrachtung kann der Übende des Tao die Prinzipien aller Dinge verstehen; wer sich an die äußere Suche klammert, gibt die Wurzel auf und jagt den Zweigen nach.
Ähnliche Ansichten: Heshang Gong: „所观益远,所见益少也。" — „Je weiter man schaut, desto weniger sieht man wirklich."
Übersetzung: Daher weiß der Weise, ohne zu reisen, unterscheidet Richtig und Falsch, ohne zu sehen, und vollendet alle Dinge, ohne absichtlich zu handeln.
Deutung: Dies ist die Zusammenfassung des gesamten Kapitels. Die drei „ohne" (不) steigern sich stufenweise: Wissen ohne zu reisen — hat man das Tao erfasst, kann man alle Angelegenheiten ableiten; Erkennen ohne zu sehen — hat man das Prinzip durchdrungen, kann man Richtig und Falsch unterscheiden; Vollenden ohne zu handeln — hat man sich der Natur angeglichen, vollenden sich alle Dinge von selbst. Wang Bi: „得物之致,故虽不行而虑可知也。识物之宗,故虽不见,而是非之理可得而名也。明物之性,因之而已。" — „Hat man das letzte Wesen der Dinge erlangt, kann man durch Nachdenken erkennen, ohne zu reisen. Hat man den Ursprung der Dinge erkannt, kann man die Prinzipien von Richtig und Falsch unterscheiden, ohne zu sehen. Hat man die Natur der Dinge verstanden, folgt man ihr einfach."
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „明物之性,因之而已。故虽不为而使之成矣。" — „Hat man die Natur der Dinge verstanden, folgt man ihr einfach. So bringt man, ohne zu handeln, alle Dinge zur Vollendung."
Übersetzung: Daher weiß der Weise, ohne in die Ferne reisen zu müssen, versteht, ohne mit eigenen Augen sehen zu müssen, und bewirkt, dass alle Dinge sich von selbst vollenden, ohne absichtlich zu handeln.
Deutung: Heshang Gong deutet dies aus der Perspektive der Staatsführung: „圣人不上天,不入渊,能知天下者,以心知之也。上好道,下好德……原小知大,察内知外。上无所为,则下无事,家给人足,万物自化就也。" — „Der Weise steigt nicht zum Himmel auf und taucht nicht in die Tiefe hinab; wenn er alles unter dem Himmel erkennen kann, so weil er es durch das Herz-Geist erkennt. Wenn der Herrscher oben das Tao liebt, liebt das Volk unten die Tugend (德)… Vom Kleinen erschließt man das Große; durch Betrachtung des Inneren erkennt man das Äußere. Wenn die Oberen Nicht-Handeln (无为) üben, haben die Unteren keine Lasten; die Haushalte sind versorgt, das Volk ist zufrieden, und die zehntausend Dinge wandeln und vollenden sich von selbst." Der Weise betrachtet alles unter dem Himmel durch das Tao und verbindet sich mit den zehntausend Dingen durch den inneren Geist; ohne Erlasse zu verkünden, regiert sich die Welt von selbst. Dies ist die konkrete Ausübung des „Regierens durch Nicht-Handeln".
Ähnliche Ansichten: Heshang Gong: „上无所为,则下无事,家给人足,万物自化就也。" — „Wenn die Oberen Nicht-Handeln üben, haben die Unteren keine Lasten; die Haushalte sind versorgt, das Volk ist zufrieden, und die zehntausend Dinge wandeln und vollenden sich von selbst."
Dieses Kapitel enthält 6 Deutungskombinationen.
[Kerndifferenzen]
Kapitel 47 ist der konzentrierte Ausdruck der Erkenntnistheorie Laozis. Die zentrale These lautet: Wahres Wissen entsteht nicht durch äußeres Streben, sondern durch das innere Erfassen des grundlegenden Gesetzes (des Tao). Die drei Sätze des Kapitels bilden eine strenge Argumentation: (1) positive These — ohne die Tür zu verlassen, kennt man alles unter dem Himmel; ohne durch das Fenster zu spähen, erkennt man den Weg des Himmels; (2) Beweis durch das Gegenteil — je weiter man hinausgeht, desto weniger weiß man; (3) Schlussfolgerung durch den Weisen — Wissen ohne zu reisen, Erkennen ohne zu sehen, Vollenden ohne zu handeln. Hinter dieser scheinbar extremen These stehen zwei verschiedene philosophische Stützen: Wang Bis „das Eine halten, um das Viele zu regieren" — obwohl die zehntausend Angelegenheiten der Welt komplex sind, ist ihr zugrunde liegendes Gesetz (das Tao) einheitlich; hat man dieses Gesetz erfasst, ist es nicht nötig, die Dinge einzeln zu untersuchen; Heshang Gongs „Verbindung von Himmel und Mensch" — der menschliche Leib ist selbst ein Mikrokosmos des Universums, und durch die Betrachtung der Bewegung des eigenen Qi kann man die Gesetze von Himmel und Erde ableiten. Beide weisen auf dieselbe praktische Schlussfolgerung hin: Der Weise beschäftigt sich nicht mit umfangreichem Lernen und ausgedehnter Beobachtung, sondern legt den Vorrang auf das Erfassen des Grundlegenden. Dieses Kapitel ist eng mit dem folgenden Kapitel (Kapitel 48) verbunden: „Im Streben nach Wissen gewinnt man täglich hinzu; im Streben nach dem Tao verliert man täglich" — Lernen ist die äußere Anhäufung von Wissen, während das Tao das innere Erfassen des Grundlegenden ist. Beide gehen in entgegengesetzte Richtungen, und Laozi wählt eindeutig das Letztere.