Übersetzung: Wer das Lernen verfolgt, vermehrt täglich sein Wissen; wer das Tao (道) verfolgt, vermindert täglich seine Wahnvorstellungen.
Deutung: Dies ist Laozis klassischste Erörterung über den Gegensatz zwischen „Lernen" und „dem Tao (道)". Die Richtung des „Lernens" ist die Ansammlung nach außen — das Wissen nimmt stetig zu; die Richtung des „Tao" ist die Verminderung nach innen — Begierden und Anhaftungen nehmen stetig ab. Beide Wege sind gegensätzlich: Das Lernen schreitet durch Hinzufügen voran, das Tao schreitet durch Vermindern voran. Wang Bi: „务欲进其所能,益其所习" — „Man strebt danach, seine Fähigkeiten voranzubringen und seine Kenntnisse zu vermehren" im Gegensatz zu „务欲反虚无也" — „Man strebt danach, zur Leere und zum Nichts zurückzukehren." Dies ist keine Leugnung des Wertes des Lernens, sondern die Feststellung, dass die Kultivierung des Tao die Subtraktion erfordert, nicht die Addition.
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „务欲进其所能,益其所习" — „Man strebt danach, seine Fähigkeiten voranzubringen und seine Kenntnisse zu vermehren." „务欲反虚无也" — „Man strebt danach, zur Leere und zum Nichts zurückzukehren."
Übersetzung: Wenn man die weltliche Regierungskunst, Riten und Musik studiert, nehmen Begierden und Verzierungen von Tag zu Tag zu; wenn man den natürlichen Weg des Tao beschreitet, nehmen Begierden und Verzierungen von Tag zu Tag ab.
Deutung: Heshanggong präzisiert das „Lernen" als die konfuzianische Lehre von „Regierung, Unterweisung, Riten und Musik" und weist auf deren Nebenwirkung hin — Begierden und oberflächlicher Zierrat nehmen entsprechend zu. Dies ist eine typische Interpretation von Laozis Kritik an der konfuzianischen Tendenz, dass „der Schmuck über das Wesen siegt". „Das Tao" besteht dann darin, diese erworbenen Verzierungen abzulegen und zur natürlichen Echtheit zurückzukehren.
Ähnliche Ansichten: Heshanggong: „学谓政教礼乐之学也。情欲文饰日以益多" — „Das Lernen bezeichnet das Studium von Regierung, Unterweisung, Riten und Musik. Begierden und Verzierungen nehmen von Tag zu Tag zu."
Übersetzung: Vermindern und abermals vermindern, bis man schließlich den Zustand des Nicht-Handelns (无为) erreicht. Im Nicht-Handeln bleibt nichts ungetan.
Deutung: Dies ist eines der berühmtesten Paradoxa Laozis. Der Prozess des „Verminderns" beginnt mit der Beseitigung festgefahrener Ansichten und Begierden, Schicht um Schicht reduzierend bis zum „Nicht-Handeln (无为)" — dem Fehlen jeder künstlichen Absicht. In diesem Stadium bleibt paradoxerweise „nichts ungetan" — da alle künstlichen Hindernisse und Eingriffe beseitigt wurden, wirken und vollenden sich alle Dinge gemäß ihrer eigenen Natur. Wang Bi: „有为则有所失,故无为乃无所不为也" — „Absichtsvolles Handeln bringt unweigerlich Verluste mit sich; daher kann nur durch Nicht-Handeln nichts ungetan bleiben."
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „有为则有所失,故无为乃无所不为也" — „Absichtsvolles Handeln bringt unweigerlich Verluste mit sich; daher kann nur durch Nicht-Handeln nichts ungetan bleiben."
Übersetzung: Die Begierden vermindern und abermals vermindern, bis man gelassen und frei von Künstlichkeit wird wie ein Säugling. Wenn die Begierden abgeschnitten sind und die Tugend (德) mit dem Tao verschmilzt, bleibt nichts ungetan.
Deutung: Heshanggongs auf Selbstkultivierung ausgerichtete Deutung: „损情欲也。又损之,所以渐去。当恬淡如婴儿,无所造为也。情欲断绝,德于道合,则无所不施,无所不为也" — „Die Begierden vermindern. Sie abermals vermindern, um sie allmählich zu beseitigen. Man soll gelassen werden wie ein Säugling, frei von jeder Künstlichkeit. Wenn die Begierden abgeschnitten sind und die Tugend mit dem Tao verschmilzt, gibt es nichts, das nicht verwirklicht werden kann, nichts, das ungetan bleibt." Die Kultivierung des Tao ist ein schrittweiser Prozess der Beseitigung von Begierden: zuerst die großen Begierden, dann die kleinen, dann die feinsten, bis man die Gelassenheit eines Säuglings erreicht. In diesem Zustand verschmilzt die Tugend mit dem Tao, und man erlangt grenzenlose Kraft.
Ähnliche Ansichten: Heshanggong: „情欲断绝,德于道合,则无所不施" — „Wenn die Begierden abgeschnitten sind und die Tugend mit dem Tao verschmilzt, bleibt nichts unerreichbar."
Übersetzung: Die Welt zu regieren sollte stets durch Nicht-Eingreifen geschehen, ohne das Volk zu behelligen; wer durch übermäßiges Handeln Störungen verursacht, ist nicht fähig, die Welt zu regieren.
Deutung: Hier wird die Philosophie des Nicht-Handelns (无为) auf die politische Sphäre angewandt. „Nicht-Eingreifen" bedeutet nicht, überhaupt nichts zu tun, sondern vielmehr, das Volk nicht zu behelligen, keine Vorfälle zu schaffen und keine übermäßigen Erlasse zu verkünden. Wang Bi stellt knapp gegenüber: „动常因也" — „Handlungen sollten stets den natürlichen Ursachen folgen" im Gegensatz zu „自己造也" — „Angelegenheiten aus eigenem Antrieb schaffen." Gute Regierung ist jene, bei der das Volk kaum merkt, dass es regiert wird.
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „动常因也" — „Handlungen sollten stets den natürlichen Ursachen folgen." „自己造也" — „Angelegenheiten aus eigenem Antrieb schaffen." „失统本也" — „Dies bedeutet, das grundlegende Prinzip zu verlieren."
Übersetzung: Die Treue der Welt gewinnt man stets, indem man der Natur folgt und keine Angelegenheiten schafft; wenn man sich daran erfreut, Angelegenheiten zu schaffen, ist man nicht würdig, die Welt zu gewinnen.
Deutung: Heshanggong: „治天下当以无事,不当以劳烦也。及其好有事,则政教烦,民不安,故不足以治天下也" — „Die Welt zu regieren sollte durch Nicht-Eingreifen geschehen, nicht durch mühselige Belastung. Wenn man sich daran erfreut, Angelegenheiten zu schaffen, werden Regierung und Unterweisung beschwerlich, das Volk wird unruhig, und folglich ist man nicht fähig, die Welt zu regieren." Übermäßige Regierungserlasse beunruhigen die Herzen des Volkes — dieses Regierungsprinzip hat sich in der Geschichte immer wieder bestätigt. Die Qin-Dynastie ging an harten und übermäßigen Gesetzen zugrunde; die frühe Han-Dynastie erblühte durch die Regierung des Nicht-Handelns nach der Huang-Lao-Lehre.
Ähnliche Ansichten: Heshanggong: „及其好有事,则政教烦,民不安" — „Wenn man sich daran erfreut, Angelegenheiten zu schaffen, wird die Regierung beschwerlich und das Volk unruhig."
Dieses Kapitel enthält 6 Deutungskombinationen.
[Kerndifferenzen]
Kapitel 48 ist Laozis klassisches Kapitel über die Unterscheidung zwischen „Lernen" und „dem Tao", eng verbunden mit dem vorhergehenden Kapitel (Kapitel 47). „Wer das Lernen verfolgt, gewinnt täglich hinzu; wer das Tao verfolgt, verliert täglich" bildet das Leitmotiv des gesamten Kapitels und ist einer der einflussreichsten Sätze in der Geschichte der chinesischen Philosophie. Er begründet zwei grundlegend verschiedene Erkenntniswege: Der Weg des Lernens ist Ansammlung, nach außen gerichtet, zum Mehr, zur Komplexität; der Weg des Tao ist Verminderung, nach innen gerichtet, zum Weniger, zur Reinheit. „Vermindern und abermals vermindern, bis man das Nicht-Handeln erreicht" beschreibt den Fortschritt der Kultivierung des Tao — kein einmaliger Sprung, sondern eine schrittweise Reduktion, Schicht um Schicht Anhaftungen und Begierden beseitigend. Beim Erreichen des Zustands des „Nicht-Handelns (无为)" bleibt paradoxerweise „nichts ungetan (无不为)" — dies ist Laozis tiefsinnigstes Paradoxon. Wang Bi erfasst den Mechanismus in einem einzigen Satz: „有为则有所失" — „Absichtsvolles Handeln bringt unweigerlich Verluste mit sich": Wo immer absichtsvolles Handeln stattfindet, gibt es notwendigerweise Einseitigkeit und Verlust; nur durch Nicht-Handeln kann man Einseitigkeit und Verlust vermeiden und nichts unbeachtet lassen. Schließlich wird dies auf die politische Sphäre angewandt — „die Welt gewinnen geschieht stets durch Nicht-Eingreifen" übersetzt das philosophische „Nicht-Handeln (无为)" in das politische „Nicht-Eingreifen (无事)" und steht im Einklang mit Kapitel 57: „Ich greife nicht ein und das Volk gedeiht von selbst."