Übersetzung: Wenn das Tao (道) in der Welt herrscht, werden die Kriegspferde zurückgeschickt, um die Felder zu düngen.
Deutung: Die gängigste Auslegung. In einer friedlichen und gut regierten Ära besteht kein Bedarf an Krieg; die Kriegspferde werden ausgemustert und dem Ackerland zurückgegeben — Waffen werden zu Pflugscharen, Kriegspferde werden zu Ackerpferden. Dies ist Laozis Darstellung einer idealen Gesellschaft: kein Krieg, keine Expansion, alle leben in Frieden und Zufriedenheit. Wang Bi (王弼) kommentiert: „天下有道,知足知止,无求于外,各修其内而已,故却走马以治田粪也" — „Wenn das Tao in der Welt herrscht, kennt man Genügsamkeit und weiß innezuhalten, sucht nichts im Äußeren, jeder pflegt sein Inneres — daher werden die Kriegspferde zurückgeschickt, um die Felder zu bearbeiten und zu düngen." Das Grundprinzip einer Ära mit dem Tao liegt im „Genügsamkeit kennen und innehalten können".
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „天下有道,知足知止,无求于外,各修其内而已,故却走马以治田粪也" — „Wenn das Tao in der Welt herrscht, kennt man Genügsamkeit und weiß innezuhalten, sucht nichts im Äußeren, jeder pflegt sein Inneres — daher werden die Kriegspferde zurückgeschickt, um die Felder zu bearbeiten und zu düngen."
Übersetzung: Wenn das Tao in der Welt herrscht, werden die Kriegspferde für die Landwirtschaft zurückgezogen; (metaphorisch: Der Praktizierende der Selbstkultivierung bewahrt die Lebensessenz, um den Körper zu nähren.)
Deutung: Heshang Gongs eigenständige Auslegung zur Selbstkultivierung: „兵甲不用,却走马治农田,治身者却阳精以粪其身" — „Waffen und Rüstungen werden nicht mehr gebraucht, die Kriegspferde werden für die Feldarbeit zurückgeschickt; wer seinen Körper pflegt, bewahrt die Yang-Essenz, um die eigene Person zu nähren." Es handelt sich nicht nur um eine politische Metapher, sondern auch um eine Metapher der Selbstkultivierung: „die Yang-Essenz bewahren, um den Körper zu nähren" bedeutet, das Qi (气) zu bewahren, ohne es zu zerstreuen, und dadurch sich selbst zu nähren. Diese Deutung stellt einen frühen Ausdruck des daoistischen Kultivierungsdenkens dar.
Ähnliche Ansichten: Heshang Gong: „兵甲不用,却走马治农田,治身者却阳精以粪其身" — „Waffen und Rüstungen werden nicht mehr gebraucht, die Kriegspferde werden für die Feldarbeit zurückgeschickt; wer seinen Körper pflegt, bewahrt die Yang-Essenz, um die eigene Person zu nähren."
Übersetzung: Wenn das Tao in der Welt fehlt, vermehren sich die Kriegspferde an den Grenzgebieten und sind dort stationiert.
Deutung: Dieser Vers bildet einen scharfen Kontrast zum vorhergehenden. In einer Ära mit dem Tao kehren die Kriegspferde auf die Felder zurück; in einer Ära ohne das Tao vermehren sich die Kriegspferde an den Grenzen — ein Zeichen dafür, dass der Krieg endlos andauert und selbst die Stuten auf dem Schlachtfeld ihre Fohlen zur Welt bringen. Heshang Gong kommentiert: „战伐不止,戎马生于郊境之上,久不还也" — „Die Feldzüge hören nie auf; die Kriegspferde vermehren sich an den Grenzgebieten und können lange nicht zurückkehren." Der Krieg dauert so lange, dass die Stuten an der Front Fohlen gebären — welch ein Grauen. Wang Bi (王弼) kommentiert: „贪欲无厌,不修其内,各求于外,故戎马生于郊也" — „Gier und Begierde sind unersättlich; man pflegt nicht das Innere, jeder sucht im Äußeren — daher vermehren sich die Kriegspferde an den Grenzen." Die Grundursache ist „unersättliche Gier und Begierde".
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „贪欲无厌,不修其内,各求于外,故戎马生于郊也" — „Gier und Begierde sind unersättlich; man pflegt nicht das Innere, jeder sucht im Äußeren — daher vermehren sich die Kriegspferde an den Grenzen." Heshang Gong: „战伐不止,戎马生于郊境之上,久不还也" — „Die Feldzüge hören nie auf; die Kriegspferde vermehren sich an den Grenzgebieten und können lange nicht zurückkehren."
Übersetzung: Kein Unheil ist größer als die Ungenügsamkeit.
Deutung: Die Grundursache der „Welt ohne das Tao" wird hier auf die „Ungenügsamkeit" zurückgeführt — die Quelle aller Kriege und allen Chaos ist unersättliche Begierde. Heshang Gong kommentiert: „富贵不能自禁止也" — „Selbst in Reichtum und hoher Stellung kann man sich nicht zügeln." Sich selbst nicht beherrschen zu können, obwohl man bereits Reichtum und Ehre erlangt hat — das ist die größte Ursache allen Unheils. Dieser Satz korrespondiert mit Kapitel 44: „知足不辱" („Wer Genügsamkeit kennt, vermeidet Schande").
Ähnliche Ansichten: Heshang Gong: „富贵不能自禁止也" — „Selbst in Reichtum und hoher Stellung kann man sich nicht zügeln." Kapitel 44: „知足不辱" („Wer Genügsamkeit kennt, vermeidet Schande").
Übersetzung: Kein Vergehen ist größer als die Habgier.
Deutung: Dieser Vers bildet eine Steigerung zum vorhergehenden: „Kein Unheil ist größer als die Ungenügsamkeit." „Ungenügsamkeit" ist eine Geisteshaltung, während „Habgier" eine Handlung ist — Unzufriedenheit treibt den Menschen dazu, unablässig zu streben und zu ergreifen, woraus Kampf und das Unheil des Krieges entstehen. Heshang Gong kommentiert: „欲得人物,利且贪也" — „Das Begehren nach dem Besitz anderer, zugleich profitsüchtig und gierig." Nach dem zu trachten, was anderen gehört, zugleich raffgierig und habsüchtig — das ist die Wurzel allen Vergehens.
Ähnliche Ansichten: Heshang Gong: „欲得人物,利且贪也" — „Das Begehren nach dem Besitz anderer, zugleich profitsüchtig und gierig."
Übersetzung: Daher ist die Genügsamkeit, die aus dem Wissen um das Genügen entsteht, ewige Genügsamkeit.
Deutung: Der Schlussgedanke des gesamten Kapitels und eine der wesentlichsten Lebensweisheiten des Buches. „知足之足" verwendet eine doppelte Schicht von „足" (Genügen/Genügsamkeit), und seine Bedeutung ist von großer Feinheit: Es geht nicht um das Streben nach äußerem „Genügen" (materiellem Überfluss), sondern um das innere Wissen um „Genügsamkeit" — zu wissen, dass Genügsamkeit selbst Genügen ist. Diese Art der Genügsamkeit hängt nicht von äußeren Bedingungen ab und ist daher „常足" — ewig unveränderlich. Heshang Gongs Kommentar ist knapp und doch tiefgründig: „守真根也" („Die wahre Wurzel bewahren") und „无欲心也" („Ein begierdeloses Herz"). Sein wahres Wesen bewahren, frei von Begierde und Verlangen, das ist ewige Genügsamkeit.
Ähnliche Ansichten: Heshang Gong: „守真根也" — „Die wahre Wurzel bewahren." „无欲心也" — „Ein begierdeloses Herz." Kapitel 33: „知足者富" („Wer Genügsamkeit kennt, ist reich"). Kapitel 44: „知足不辱" („Wer Genügsamkeit kennt, vermeidet Schande").
Übersetzung: Daher ist das Erfülltsein, das aus dem Wissen um Genügsamkeit entsteht, der einzige dauerhaft Reichtum.
Deutung: Äußerer Überfluss erreicht stets seine Grenzen — Reichtum kann verloren gehen, Macht kann genommen werden — doch das innere Gewahrsein der Genügsamkeit erlischt niemals. „常足" bedeutet nicht „materiell immer genug haben", sondern vielmehr „sich geistig ewig als genügend empfinden". Dies ist eine vollkommene Freiheit — nicht mehr von der Begierde getrieben, nicht mehr von dem Gefühl des Mangels gequält.
Ähnliche Ansichten: Steht in Resonanz mit dem buddhistischen Konzept von „少欲知足" (wenige Begierden und Wissen um Genügsamkeit).
Dieses Kapitel enthält 7 Deutungskombinationen.
[Kerndifferenzen]
Kapitel 46 verwendet Kriegspferde als Metapher, um einen scharfen Kontrast zwischen einer Ära mit dem Tao und einer Ära ohne das Tao darzustellen: In einer Ära mit dem Tao kehren die Kriegspferde auf die Felder zurück (Frieden); in einer Ära ohne das Tao vermehren sich die Kriegspferde an den Grenzen (Krieg). Dann weist es direkt auf die Grundursachen einer Ära ohne das Tao hin — die Ungenügsamkeit und die Habgier. Schließlich schließt es das Kapitel mit „die Genügsamkeit, die aus dem Wissen um das Genügen entsteht, ist beständige Genügsamkeit" und bietet damit das ultimative Heilmittel. Dieses Kapitel bildet ein Gegenstück zu Kapitel 44 („Wer Genügsamkeit kennt, vermeidet Schande"), indem es von der persönlichen Ebene (Kapitel 44) auf die Ebene von Tianxia — alles unter dem Himmel — (Kapitel 46) erweitert: Wenn der Einzelne keine Genügsamkeit kennt, schadet er sich selbst; wenn Tianxia keine Genügsamkeit kennt, marschieren die Heere. Die Struktur des Kapitels ist knapp und kraftvoll: Kontrastierung der Phänomene → Analyse der Grundursachen → Lösung.