Übersetzung: Das Tao (道) erzeugt das Ur-Qi (气), das Ur-Qi differenziert sich in die beiden Atemkräfte Yin und Yang, Yin und Yang vereinigen sich und erzeugen das harmonisierende Qi (das dritte Element), und das harmonisierende Qi bringt die zehntausend Dinge hervor.
Deutung: Heshanggongs kosmogonische Interpretation. Tao → Ur-Qi → Yin und Yang → harmonisierendes Qi → zehntausend Dinge — dies bildet eine klare Kette der kosmischen Schöpfung. Die „Drei" bezieht sich auf die drei Qi von Yin, Yang und Harmonie oder auf die drei Mächte Himmel, Erde und Menschheit. Sein Kommentar erläutert: „天地人共生万物也,天施地化,人长养之也" („Himmel, Erde und Menschheit bringen alle Dinge gemeinsam hervor; der Himmel spendet, die Erde wandelt, und der Mensch nährt"). Diese Deutung wurde zur Grundlage der späteren daoistischen Kosmologie.
Ähnliche Ansichten: Heshanggong: „道使所生者一也" („Was das Tao hervorbringt, ist die Eins"). „一生阴与阳也" („Die Eins erzeugt Yin und Yang"). „阴阳生和、清、浊三气" („Yin und Yang erzeugen die drei Qi der Harmonie, Klarheit und Trübheit"). „天地人共生万物也" („Himmel, Erde und Menschheit bringen alle Dinge gemeinsam hervor").
Übersetzung: Das Tao (道) lässt die Einheit (die Eins) entstehen; die Einheit differenziert sich in Gegensätze (die Zwei); die Gegensätze bringen durch ihre Wechselwirkung neue Wesen hervor (die Drei); und so entfalten sich unaufhörlich die zehntausend Dinge.
Deutung: Wang Bis ontologische Deutung ist abstrakter: „由无乃一,一可谓无,已谓之一,岂得无言乎。有言有一,非二如何,有一有二,遂生乎三,从无之有,数尽乎斯" („Aus dem Nicht-Sein entsteht die Eins; die Eins kann Nicht-Sein genannt werden, doch sobald wir sie ‚Eins' nennen, wie kann die Sprache dann vermieden werden? Sobald es Sprache und die Eins gibt, wie kann es dann nicht die Zwei geben? Sobald es die Eins und die Zwei gibt, entsteht unweigerlich die Drei — vom Nicht-Sein zum Sein sind alle Zahlen hierin erschöpft"). Sobald man vom „Nicht-Sein" (das Tao) ins „Sein" (die Eins) übergeht, entstehen zwangsläufig Unterscheidungen (die Zwei), und mit den Unterscheidungen kommt die Vielheit (die Drei) bis hin zu den zehntausend Dingen. Die Zahlen sind nicht wörtlich, sondern stellen die logische Entfaltung vom Nicht-Sein zum Sein dar.
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „万物万形,其归一也,何由致一,由于无也。从无之有,数尽乎斯" („Die zehntausend Dinge mit ihren zehntausend Formen kehren alle zur Eins zurück; wie gelangt man zur Eins? Durch das Nicht-Sein. Vom Nicht-Sein zum Sein sind alle Zahlen hierin erschöpft").
Übersetzung: Alle zehntausend Dinge tragen das Yin auf dem Rücken und umfangen das Yang in ihren Armen; die beiden Atemkräfte stoßen aufeinander und durchdringen sich gegenseitig, wodurch Harmonie erreicht wird.
Deutung: Die am weitesten verbreitete Interpretation. Alle Dinge enthalten beide Attribute — Yin außen (auf dem Rücken getragen) und Yang innen (umfangen). Die beiden Atemkräfte stehen nicht in statischer Opposition, sondern in ständiger dynamischer Wechselwirkung, die durch ihre Bewegung ein dynamisches Gleichgewicht (Harmonie) erreicht. Heshanggong kommentiert: „万物中皆有元气,得以和柔" („In allen Dingen befindet sich das Ur-Qi, durch das sie Harmonie und Geschmeidigkeit erlangen") — das Ur-Qi (harmonisierendes Qi) in allen Dingen erhält das Gleichgewicht von Yin und Yang aufrecht.
Ähnliche Ansichten: Heshanggong: „万物无不负阴而向阳,回心而就日" („Alle Dinge ausnahmslos tragen das Yin und wenden sich dem Yang zu, richten ihr Herz zur Sonne"). „万物中皆有元气,得以和柔" („In allen Dingen befindet sich das Ur-Qi, durch das sie Harmonie und Geschmeidigkeit erlangen").
Übersetzung: Die zehntausend Dinge tragen das Yin auf dem Rücken und umfangen das Yang; durch leeres, gehaltloses Qi erreichen sie Harmonie.
Deutung: Hier wird „冲" im Sinne von „leer, gehaltlos" verstanden. Zwischen Yin und Yang muss ein „leerer" Zwischenraum bestehen, um zu vermitteln — ebenso wie in Kapitel 4: „道冲而用之或不盈" („Das Tao ist leer, und doch erschöpft sich sein Gebrauch nie"). Harmonie entsteht nicht durch den direkten Zusammenstoß von Yin und Yang, sondern durch das Gleichgewicht, das jener „leere" Raum zwischen ihnen aufrechterhält. Diese Deutung besitzt größere metaphysische Tiefe.
Ähnliche Ansichten: Kapitel 4: „道冲而用之或不盈" („Das Tao ist leer, und doch erschöpft sich sein Gebrauch nie").
Übersetzung: Was die Menschen verabscheuen, sind die Bezeichnungen „verwaist", „vereinsamt" und „unwürdig", doch Fürsten und Herzöge nehmen eben diese Begriffe als ihre eigenen Titel an.
Deutung: Jedermann verabscheut Einsamkeit, Mangel und Unwürdigkeit — doch Fürsten und Herzöge machen diese bewusst zu ihren Titeln. Dies verkörpert die Weisheit des „Sich-Unten-Haltens" und des „Bewahrens der Geschmeidigkeit". Je höher die Stellung, desto mehr sollte man die niedrigsten Titel verwenden, um sich an Demut zu erinnern. Heshanggong kommentiert: „孤寡不毂者,不祥之名,而王公以为称者,处谦卑,法空虚和柔" („‚Verwaist', ‚vereinsamt' und ‚unwürdig' sind unheilvolle Namen, doch Fürsten und Herzöge nehmen sie als Titel an, weil sie in Demut verweilen und Leere, Harmonie und Geschmeidigkeit nachahmen").
Ähnliche Ansichten: Heshanggong: „孤寡不毂者,不祥之名,而王公以为称者,处谦卑,法空虚和柔" („‚Verwaist', ‚vereinsamt' und ‚unwürdig' sind unheilvolle Namen, doch Fürsten und Herzöge nehmen sie an, weil sie in Demut verweilen und Leere, Harmonie und Geschmeidigkeit nachahmen"). Kapitel 39 enthält dieselbe Erörterung.
Übersetzung: Deshalb werden die Dinge bisweilen vermindert und dadurch vermehrt, bisweilen vermehrt und dadurch vermindert.
Deutung: Ein Kerngedanke der dialektischen Philosophie. Verminderung kann zu Vermehrung führen (wie wenn Fürsten und Herzöge demütige Titel annehmen und dafür größere Ehrerbietung erlangen), und Vermehrung kann zu Verminderung führen (wie wenn unersättliche Gier Unheil heraufbeschwört). Heshanggongs Kommentar ist unmissverständlich: „引之不得,推之必还" („Zieht man daran, kann man es nicht festhalten; stößt man es fort, kehrt es unweigerlich zurück"). „夫增高者志崩,贪富者致患" („Wer Höhe aufhäuft, bereitet seinen Zusammenbruch vor; wer Reichtum begehrt, zieht sich Unheil zu").
Ähnliche Ansichten: Heshanggong: „引之不得,推之必还" („Zieht man daran, kann man es nicht festhalten; stößt man es fort, kehrt es unweigerlich zurück"). „夫增高者志崩,贪富者致患" („Wer Höhe aufhäuft, bereitet seinen Zusammenbruch vor; wer Reichtum begehrt, zieht sich Unheil zu"). Kapitel 48: „为学日益,为道日损" („Im Streben nach Wissen gewinnt man täglich; im Streben nach dem Tao verliert man täglich").
Übersetzung: Was die Alten gelehrt haben, lehre auch ich den anderen.
Deutung: Wang Bi kommentiert: „我之非强使人从之也,而用夫自然,举其至理,顺之必吉,违之必凶" („Ich zwinge die Menschen nicht, mir zu folgen; vielmehr bediene ich mich des Natürlichen, indem ich das höchste Prinzip darlege — wer ihm folgt, dem wird Glück zuteil, wer ihm zuwiderhandelt, dem wird Unheil zuteil"). Laozi erfindet keine neuen Lehren, sondern überliefert die höchsten Prinzipien des Weges des Himmels. Dieser Satz spiegelt Laozis Haltung gegenüber der Überlieferung des Tao wider: Die Wahrheit ist universell und dem Altertum wie der Gegenwart gemeinsam.
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „我之非强使人从之也,而用夫自然,举其至理" („Ich zwinge die Menschen nicht, mir zu folgen; vielmehr bediene ich mich des Natürlichen und lege das höchste Prinzip dar").
Übersetzung: Diejenigen, die auf rohe Gewalt und Aggression setzen, sterben keines natürlichen Todes; ich nehme dies als den grundlegenden Ausgangspunkt meiner Lehre.
Deutung: Das gesamte Kapitel schließt mit dieser warnenden Maxime: Wer auf Gewalt und Tyrannei setzt, nimmt unweigerlich ein schlechtes Ende. Dies ist eine konkrete Veranschaulichung von „vermindert und dadurch vermehrt, vermehrt und dadurch vermindert" — wer sich für stark hält (Vermehrung), wird am Ende vernichtet (Verminderung). Laozi macht dies zum grundlegenden Ausgangspunkt seiner Lehre. Heshanggong kommentiert: „强粱者,谓不信玄妙,背叛道德,不从经教,尚势任力也。不得其死者,为天命所绝,兵刃所伐" („‚Die Gewalttätigen und Überheblichen' sind jene, die nicht an das Geheimnisvolle und Feine glauben, die das Tao und die Tugend (德) verraten, die sich weigern, den Lehren der Klassiker zu folgen, und die Macht verehren und auf Gewalt setzen. ‚Keines natürlichen Todes sterben' bedeutet, dass sie vom Mandat des Himmels abgeschnitten und von Klingen niedergestreckt werden").
Ähnliche Ansichten: Heshanggong: „老子以强梁之人为教,诫之始也" („Laozi nimmt die Gewalttätigen und Überheblichen als Lehre — dies ist der Beginn seiner Ermahnung"). Wang Bi: „人相教为强梁,则必如我之教人不当为强梁也" („Wenn die Menschen einander lehren, gewalttätig und überheblich zu sein, dann muss ich die Menschen lehren, dass sie nicht gewalttätig und überheblich sein sollen").
Übersetzung: Die Gewalttätigen und Überheblichen sterben keines natürlichen Todes — ich nehme dies (als warnendes Gegenbeispiel) zum Ausgangspunkt meiner Lehre.
Deutung: Wang Bis Kommentar bietet eine eigenständige Perspektive: „得其违教之徒,适可以为教父也" („Wer solche widerspenstigen Schüler hat, die sich der Lehre widersetzen, kann sie trefflich als ‚Vater der Lehre' verwenden") — das tragische Schicksal der Gewalttätigen und Überheblichen dient gerade als Lehrmaterial, das die Welt durch negative Beispiele belehrt. „Vater der Lehre" (教父) = „Vater des Lehrmaterials" = „Ausgangspunkt der Ermahnung". Diese Deutung betont stärker die pädagogische Methodik: Lehren durch Gegenbeispiele.
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „故得其违教之徒,适可以为教父也" („So kann man solche widerspenstigen Schüler trefflich als ‚Vater der Lehre' verwenden").
Dieses Kapitel enthält 9 Deutungskombinationen.
[Kerndifferenzen]
Kapitel 42 ist das bedeutendste kosmogonische Kapitel des Tao Te Ching. Die sechzehn Zeichen „道生一,一生二,二生三,三生万物" (Das Tao erzeugt die Eins; die Eins erzeugt die Zwei; die Zwei erzeugt die Drei; die Drei erzeugt die zehntausend Dinge) umreißen den vollständigen Prozess vom letzten ontologischen Grund bis zur Entfaltung aller Dinge. Wang Bi und Heshanggong stehen für zwei grundlegend verschiedene Deutungswege: Heshanggongs kosmogonische Qi-Transformationstheorie (Ur-Qi → Yin und Yang → harmonisierendes Qi → zehntausend Dinge) wurde zur theoretischen Grundlage der späteren daoistischen Kultivierungspraxis; Wang Bis Theorie der logischen Entfaltung (Nicht-Sein → Sein → Unterscheidung → Vielheit) wurde zur Kernthese der Wei-Jin-Xuanxue (Lehre vom Dunklen). Jede Deutung hat ihre Vorzüge — die erstere ist konkret und praktisch anwendbar, die letztere abstrakt, aber tiefgründig.