Übersetzung: Das Weichste der Welt (das Wasser) kann das Härteste der Welt (Metall und Stein) durchdringen.
Deutung: Heshang Gong: „水能贯坚入刚,无所不通" — „Wasser kann das Harte durchdringen und in das Starre eindringen; es gibt nichts, was es nicht zu durchströmen vermag." Obwohl Wasser von äußerster Weichheit ist, kann es Stein durchbohren und Metall durchdringen — dies ist die unmittelbarste Metapher für das Prinzip „das Weiche überwindet das Harte".
Ähnliche Ansichten: Heshang Gong: „至柔者,水也。至坚者,金石也。水能贯坚入刚,无所不通" — „Das Weichste ist das Wasser. Das Härteste sind Metall und Stein. Wasser kann das Harte durchdringen und in das Starre eindringen; es gibt nichts, was es nicht zu durchströmen vermag." Kapitel 78: „天下莫柔弱于水,而攻坚强者莫之能胜" — „Nichts auf der Welt ist weicher und schwächer als Wasser, und doch übertrifft es nichts im Angriff auf das Harte und Starke."
Übersetzung: Das Weichste der Welt (das Tao (道)/Qi (气)) kann das Härteste der Welt beherrschen und bezwingen.
Deutung: Wang Bis Kommentar: „气无所不入,水无所不出于经" — „Qi (气) dringt überall ein; Wasser fließt durch alle Kanäle." Nicht nur Wasser — auch Qi (气) ist eine Substanz von äußerster Weichheit. Das Tao (道)/Qi (气), obwohl gestaltlos und nachgiebig, kann alles Harte und Starke beherrschen. Diese Deutung erweitert das „äußerst Weiche" vom konkreten Bild des Wassers zu einer wesentlichen Eigenschaft des Tao.
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „气无所不入,水无所不出于经" — „Qi dringt überall ein; Wasser fließt durch alle Kanäle."
Übersetzung: Das Gestaltlose kann dort eindringen, wo es keine Lücke gibt — daher weiß ich, dass das Nicht-Handeln (无为) von Nutzen ist.
Deutung: Die logische Steigerung ist von bemerkenswerter Feinheit: Das äußerst Weiche durchdringt das äußerst Harte (materielle Ebene) → das Gestaltlose dringt ein, wo es keine Lücke gibt (Abstraktion) → der Nutzen des Nicht-Handelns (无为) (ethische/politische Schlussfolgerung). Aus Naturphänomenen wird ein Prinzip der Regierungsführung abgeleitet — weil gestaltlose Kräfte alles durchdringen können, ist Nicht-Handeln (无为) — weder Zwang noch Künstlichkeit — die wirksamste Methode.
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „虚无柔弱,无所不通,无有不可穷,至柔不可折,以此推之,故知无为之有益也" — „Das Leere und Gestaltlose, das Weiche und Nachgiebige durchdringen alles; das Gestaltlose kann nicht erschöpft werden, das äußerst Weiche kann nicht gebrochen werden. Schließt man daraus, so erkennt man den Nutzen des Nicht-Handelns." Heshang Gong: „道无形质,故能出入无间,通神明济群生也" — „Das Tao hat weder Form noch Substanz und kann daher ein- und austreten, wo es keine Lücke gibt, mit dem Geisteslicht kommunizieren und alle Lebewesen nähren."
Übersetzung: Das Leere und Nachgiebige kann dort eindringen, wo es keine Lücke gibt — daher weiß ich, dass das Absehen von absichtsvollem Handeln von Nutzen ist.
Deutung: Wang Bi deutet „无有" als „虚无柔弱" — „das Leere und Nachgiebige" — nicht bloß die Abwesenheit physischer Form, sondern eine Seinsweise. Nicht-Handeln (无为) ist nicht passives Nichtstun, sondern vielmehr eine Handlungsweise, die „leer und nachgiebig" ist. Heshang Gong: „吾见道无为而万物自化成,是以知无为之有益于人也" — „Ich beobachte, dass das Tao durch Nicht-Handeln wirkt und die zehntausend Dinge sich von selbst verwandeln und vollenden; so weiß ich, dass Nicht-Handeln dem Menschen nützlich ist."
Ähnliche Ansichten: Heshang Gong: „吾见道无为而万物自化成,是以知无为之有益于人也" — „Ich beobachte, dass das Tao durch Nicht-Handeln wirkt und die zehntausend Dinge sich von selbst verwandeln und vollenden; so weiß ich, dass Nicht-Handeln dem Menschen nützlich ist."
Übersetzung: Die Lehre ohne Worte, der Nutzen des Nicht-Handelns (无为) — selten reicht jemand in der Welt daran heran.
Deutung: Der Schlussatz des gesamten Kapitels ist zugleich eine Klage. „Die Lehre ohne Worte" und „der Nutzen des Nicht-Handelns" sind die beiden großen Schlussfolgerungen des Kapitels — die wirksamste Lehre ist die wortlose Unterweisung durch persönliches Vorbild, und die nützlichste Regierungsführung ist die Natürlichkeit des Nicht-Handelns (无为). Doch bedauerlicherweise „天下希及之" — „selten reicht jemand in der Welt daran heran" — nur sehr wenige vermögen dies wahrhaft zu begreifen und zu verwirklichen. Heshang Gong: „天下,人主也。希能有及道无为之治身治国也" — „‚Die Welt' meint den Herrscher. Selten kann jemand die Regierung durch Nicht-Handeln des Tao in der Pflege des Selbst und der Lenkung des Staates erreichen." Diese Lesart bestimmt das Subjekt von „selten reicht jemand heran" als den Herrscher und deutet so die praktische Schwierigkeit der Regierung durch Nicht-Handeln an.
Ähnliche Ansichten: Heshang Gong: „法道不言,师之以身" — „Dem Schweigen des Tao folgend, lehrt man durch persönliches Vorbild." „天下,人主也。希能有及道无为之治身治国也" — „‚Die Welt' meint den Herrscher. Selten kann jemand die Regierung durch Nicht-Handeln des Tao in der Pflege des Selbst und der Lenkung des Staates erreichen." Kapitel 2: „是以圣人处无为之事,行不言之教" — „Daher widmet sich der Weise (圣人) der Praxis des Nicht-Handelns und übt die Lehre ohne Worte."
Dieses Kapitel enthält 5 Deutungskombinationen.
[Kerndifferenzen]
Kapitel 43 ist eine der prägnantesten und wirkungsvollsten Begründungen des Prinzips „das Weiche überwindet das Harte" im Tao Te Ching. In nur drei Sätzen vollendet es eine vollständige philosophische Argumentation: Prämisse (das äußerst Weiche durchdringt das äußerst Harte) → Abstraktion (das Gestaltlose dringt ein, wo es keine Lücke gibt) → Schlussfolgerung (der Nutzen des Nicht-Handelns). „Die Lehre ohne Worte, der Nutzen des Nicht-Handelns" wendet darüber hinaus das Naturgesetz unmittelbar auf die Bereiche der Erziehung und der Regierungsführung an. Der Schlusssatz „selten reicht jemand in der Welt daran heran" dient gleichermaßen als Klage und als Ermutigung — gerade weil es so schwer zu verwirklichen ist, ist dieses Prinzip umso kostbarer.