Übersetzung: Ein Mensch von überlegener Befähigung übt, sobald er das Tao (道) vernimmt, es eifrig und unablässig aus.
Deutung: Die gängigste Auslegung. Der überlegene Mensch besitzt scharfes Verständnis und feste Überzeugung; sobald er vom großen Tao hört, setzt er es sofort in die Tat um. Heshanggong kommentiert: „上士闻道,自勤苦竭力而行之" („Der überlegene Mensch strengt sich, wenn er das Tao vernimmt, mit aller Kraft an, es auszuüben"). Dieser Satz bildet die erste von drei Vergleichsebenen im gesamten Kapitel — die Haltung gegenüber dem Tao bestimmt die Stufe des Menschen.
Ähnliche Ansichten: Heshanggong: „上士闻道,自勤苦竭力而行之" („Der überlegene Mensch strengt sich, wenn er das Tao vernimmt, mit aller Kraft an, es auszuüben").
Übersetzung: Der dem Tao ergebene Edle, der dessen wahres Wesen zutiefst erfasst hat, übt es mit Eifer aus.
Deutung: Hier wird „闻" im Sinne von „begreifen" verstanden. Es geht nicht nur um das Hören mit den Ohren, sondern um das Erfassen mit dem Herzen. Wenn der überlegene Mensch „es eifrig ausübt", liegt das daran, dass er die Bedeutung des Tao wahrhaft begriffen hat und ihm aus tiefstem Inneren folgt.
Ähnliche Ansichten: Die Gespräche des Konfuzius (《论语》): „朝闻道,夕死可矣" („Wer am Morgen das Tao vernimmt, kann am Abend zufrieden sterben").
Übersetzung: Ein Mensch mittlerer Befähigung schwankt, wenn er das Tao vernimmt, zwischen Glauben und Zweifel.
Deutung: Der mittelmäßige Mensch steht dem Tao zwiespältig gegenüber — während er zuhört, findet er es einleuchtend, doch sobald er in den Alltag zurückkehrt, lässt er sich von weltlichen Versuchungen verführen. Heshanggong kommentiert: „治身以长存,治国以太平,欣然而存之,退见财色荣誉,惑于情欲,而复亡之也" („Er bewahrt es freudig zur Selbstkultivierung und guten Regierung, doch angesichts von Reichtum, Schönheit und Ehre wird er von Begierden verführt und verliert es wieder") — eine treffende Beschreibung dieses Schwankens zwischen dem Tao und der Begierde.
Ähnliche Ansichten: Heshanggong: „欣然而存之,退见财色荣誉,惑于情欲,而复亡之也" („Er bewahrt es freudig, doch angesichts von Reichtum, Schönheit und Ehre wird er von Begierden verführt und verliert es wieder").
Übersetzung: Ein Mensch niederer Befähigung bricht, wenn er das Tao vernimmt, in lautes Gelächter aus.
Deutung: Der niedere Mensch ist aufgrund seiner Stumpfheit unfähig, den tiefen Sinn des Tao zu begreifen, und findet es stattdessen absurd und lächerlich. Heshanggong kommentiert: „下士贪狠多欲,见道柔弱,谓之恐惧,见道质朴,谓之鄙陋,故大笑之" („Der niedere Mensch ist gierig und voller Begierden; sieht er das Tao als sanft und nachgiebig, verachtet er es; sieht er es als schlicht und schmucklos, hält er es für plump — darum lacht er laut"). Der niedere Mensch beurteilt das Tao nach weltlichen Maßstäben von Stärke und Schwäche, Feinheit und Schlichtheit, und findet es naturgemäß lächerlich.
Ähnliche Ansichten: Heshanggong: „下士贪狠多欲,见道柔弱,谓之恐惧,见道质朴,谓之鄙陋" („Der niedere Mensch ist gierig und voller Begierden; sieht er das Tao als sanft, verachtet er es; sieht er es als schlicht, hält er es für plump").
Übersetzung: Würde es nicht verlacht, wäre es nicht würdig, Tao genannt zu werden.
Deutung: Dieser Satz ist das Glanzstück des gesamten Kapitels — der Grund, weshalb das Tao das Tao ist, liegt gerade darin, dass es von der Welt nicht verstanden wird. Wäre das Tao offensichtlich und allgemein anerkannt, wäre es nicht das wahre Tao. Wahrhaft tiefe Wahrheit übersteigt notwendigerweise den gesunden Menschenverstand und wird unvermeidlich von oberflächlichen Geistern verspottet. Heshanggong kommentiert: „不为下士所笑,不足以名为道" („Würde es von den Niederen nicht verlacht, verdiente es nicht den Namen Tao"). Dieser Satz birgt auch einen impliziten Trost und eine Ermutigung: Wenn man für die Ausübung des Tao verspottet wird, so ist das gerade das Zeichen, dass man auf dem rechten Weg ist.
Ähnliche Ansichten: Heshanggong: „不为下士所笑,不足以名为道" („Würde es von den Niederen nicht verlacht, verdiente es nicht den Namen Tao").
Übersetzung: Darum heißt es in einem alten Spruch: Das helle Tao erscheint dunkel; das voranschreitende Tao erscheint zurückweichend; das ebene Tao erscheint holprig; die höchste Tugend (德) erscheint wie ein Tal; die reinste Weiße erscheint befleckt; die weiteste Tugend erscheint unzureichend; die standhafteste Tugend erscheint nachlässig; reinste Echtheit erscheint veränderlich.
Deutung: Diese acht Paradoxien bilden eine systematische Darlegung des Widerspruchs zwischen Erscheinung und Wesen im Tao und in der Tugend. Die wahre Natur des Tao und der Tugend ist den weltlichen Beurteilungsmaßstäben genau entgegengesetzt — scheinbare Dunkelheit ist in Wahrheit echtes Licht, scheinbarer Rückzug ist in Wahrheit echtes Voranschreiten. Genau deshalb „bricht der niedere Mensch in Gelächter aus": Die weltliche Sichtweise nimmt nur die Erscheinungen wahr (dunkel, zurückweichend, holprig…), während die wahre Substanz (hell, voranschreitend, eben…) verborgen im Inneren liegt.
Ähnliche Ansichten: Parallele Paradoxienstrukturen in Kapitel 45: „大成若缺" („Die größte Vollendung erscheint unvollkommen") und „大盈若冲" („Die größte Fülle erscheint leer").
Übersetzung: Gleiche Übersetzung wie oben.
Deutung: Obwohl Wang Bis Kommentar knapp ist (die meisten Einträge sind ohne Anmerkung), stimmt seine Grundlogik mit „不造不施,因物之性" („weder schaffen noch aufzwingen, sondern der Natur der Dinge folgen") überein: Der Grund, weshalb das Tao „dunkel" oder „zurückweichend" erscheint, liegt darin, dass es sich nicht absichtlich zur Schau stellt — hell, ohne zu blenden (scheinbar dunkel), voranschreitend, ohne zu wetteifern (scheinbar zurückweichend), eben, ohne Unebenheiten auszuschließen (scheinbar holprig). Jedes „erscheint" (若) verweist auf denselben Begriff: die Selbstverbergung des Tao.
Ähnliche Ansichten: In derselben Linie wie Kapitel 4 „和其光,同其尘" („Sein Licht mildern, sich mit dem Staub vereinen") und Kapitel 56 „挫其锐,解其纷" („Seine Schärfe abstumpfen, seine Verwirrung lösen").
Übersetzung: Das größte Viereck hat keine Ecken; das größte Gefäß braucht am längsten zur Vollendung; die größte Musik hat den leisesten Klang; das größte Bild hat keine Gestalt; das Tao ist verborgen und namenlos.
Deutung: Diese fünf Paradoxien des „Größten… ohne/spät/leise" bilden den Höhepunkt des Kapitels. Sie enthüllen eine tiefgreifende philosophische These: Alles, was bis zum äußersten Grad der Größe gebracht wird, übersteigt seine eigene Definition — ein Viereck im äußersten Maß hat keine Ecken mehr, ein Klang im äußersten Maß ist nicht mehr hörbar, ein Bild im äußersten Maß hat keine Gestalt mehr. Das Tao ist das Äußerste all dieser „Größen" — verborgen und namenlos, jenseits aller Kategorien.
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „凡此诸善,皆是道之所能也" („All diese Vorzüge sind das, wozu das Tao fähig ist").
Übersetzung: Das größte Gefäß wird nie vollendet (es befindet sich stets im Werden).
Deutung: Die Seidenmanuskripte von Mawangdui lesen „大器免成" statt „大器晚成" — das größte Gefäß wird nicht „spät" vollendet, sondern ist grundsätzlich von der Vollendung „befreit". Es befindet sich stets im Werden, ohne jemals einen endgültigen Zustand der Vollkommenheit zu erreichen. Diese Lesart entspricht besser Laozis Konzept der ewigen Fließfähigkeit des Tao — das Tao hat keinen Endzustand, es befindet sich stets in Wandlung und Schöpfung. Obwohl diese Deutung umstritten ist, stützt sie sich textkritisch auf die Seidenmanuskripte.
Ähnliche Ansichten: Seidenmanuskripte von Mawangdui (Fassung A und B): „大器免成" („Das größte Gefäß ist von der Vollendung befreit").
Übersetzung: Einzig das Tao ist darin vortrefflich, allen Dingen zu geben und sie zur Vollendung zu bringen.
Deutung: Der Schlussatz des Kapitels. Obwohl das Tao „verborgen und namenlos" ist — sich niemals offenbart — ist es dennoch „vortrefflich im Geben und Vollenden": Es gibt allen Dingen still, was sie brauchen, und bringt sie zur Erfüllung. Dies ist die endgültige Antwort auf alle Paradoxien des Kapitels: Der Grund, weshalb das Tao „dunkel", „zurückweichend" und „gestaltlos" erscheint, liegt nicht in Schwäche oder Unvermögen, sondern darin, dass es das größte Werk auf die bescheidenste und verborgenste Weise vollbringt. Heshanggong kommentiert: „言道善禀贷人精气,且成就之也" („Das Tao ist darin vortrefflich, den Menschen Lebensessenz zu verleihen und sie zur Vollendung zu bringen").
Ähnliche Ansichten: Heshanggong: „言道善禀贷人精气,且成就之也" („Das Tao ist darin vortrefflich, den Menschen Lebensessenz zu verleihen und sie zur Vollendung zu bringen").
Übersetzung: Einzig das Tao ist darin vortrefflich, allen Dingen (Lebensessenz) zu verleihen und sie zur Erfüllung zu bringen.
Deutung: Hier wird „贷" im Sinne von „verleihen, begaben" verstanden. Das Tao überträgt seine eigene Lebensessenz auf alle Dinge, gibt jedem sein Leben und seine Natur und bringt jedes in seiner eigenen Form und Funktion zur Erfüllung. Das Tao ist der höchste Geber und Vollender aller Dinge, zeigt sich aber niemals selbst — dies ist der grundlegende Grund für alle vorausgehenden Paradoxien.
Ähnliche Ansichten: Kapitel 34: „万物恃之以生而不辞,功成而不有" („Alle Dinge stützen sich auf es zum Leben, und es versagt sich nicht; sein Werk ist vollendet, doch es erhebt keinen Anspruch darauf").
Dieses Kapitel enthält 11 Deutungskombinationen.
[Kerndifferenzen]
Kapitel 41 ist die systematischste Darlegung der „paradoxen Natur des Tao" im Tao Te Ching. Das Kapitel gliedert sich in drei Abschnitte: (1) Die drei Menschentypen vernehmen das Tao — anhand der unterschiedlichen Reaktionen der Empfänger wird gezeigt, dass das Tao zwangsläufig von der Mehrheit missverstanden wird; (2) Acht plus fünf Paradoxien — systematische Darstellung der Eigenschaft der „Umkehrung von Erscheinung und Wesen" des Tao und der Tugend; (3) „Vortrefflich im Geben und Vollenden" — Enthüllung der letztlich überaus mächtigen Natur des Tao trotz seiner Verborgenheit. Die Wendungen „大音希声" (die größte Musik hat den leisesten Klang) und „大象无形" (das größte Bild hat keine Gestalt) sind zu Kernkategorien der chinesischen Ästhetik geworden und von weitreichendem Einfluss.