Übersetzung: Die Verwandlung in das Gegenteil ist das Gesetz der Bewegung des Tao (道).
Deutung: Die vorherrschende dialektische Lesart. Die Bewegung des Tao richtet sich stets auf den Gegenpol: Höchste Blüte führt zum Verfall, tiefster Niedergang wendet sich zum Glück, und aus dem äußersten Yin entsteht das Yang — alle Dinge folgen dem Gesetz des „Umschlags am Extrem". Dies ist der knappste klassische Ausdruck der laozischen Dialektik. Wang Bi („高以下为基,贵以贱为本,有以无为用,此其反也" — „Das Hohe nimmt das Niedrige als Fundament; das Edle nimmt das Geringe als Wurzel; das Sein nimmt das Nichtsein als Funktion — dies ist die Umkehr").
Ähnliche Ansichten: Wang Bi („高以下为基,贵以贱为本,有以无为用,此其反也" — „Das Hohe nimmt das Niedrige als Fundament; das Edle nimmt das Geringe als Wurzel; das Sein nimmt das Nichtsein als Funktion — dies ist die Umkehr").
Übersetzung: Die Rückkehr (zum Ursprung) ist die Art der Bewegung des Tao (道).
Deutung: Hier wird 反 im Sinne von „Rückkehr" verstanden. Die Bewegung des Tao ist keine unendliche lineare Ausdehnung, sondern ein Kreislauf, der zum Ausgangspunkt zurückkehrt. Alle Dinge kommen aus dem Tao und kehren letztlich dorthin zurück — dies ist der ewige Kreislauf des Kosmos. Diese Lesart korrespondiert mit „周行而不殆" („Es kreist ohne Unterlass", Kapitel 25).
Ähnliche Ansichten: Korrespondiert mit Kapitel 25: „周行而不殆,可以为天下母" („Es kreist ohne Unterlass und kann als die Mutter alles Unter-dem-Himmel-Seienden gelten").
Übersetzung: Die Wurzel ist die Triebkraft der Bewegung des Tao (道).
Deutung: Die Deutung des Heshanggong. 反 bedeutet „Wurzel" (本) — die Wurzel ist der Quell, aus dem das Tao seine Bewegung schöpft. Das Tao bezieht seine Triebkraft aus dem Ursprung, und durch Bewegung erzeugt es alle Dinge. Heshanggong („反,本也。本者,道之所以动,动生万物,背之则亡也" — „反 bedeutet ‚Wurzel'. Die Wurzel ist der Grund, warum sich das Tao bewegt; durch Bewegung erzeugt es alle Dinge — sich davon abzuwenden bedeutet Untergang"). Diese Lesart verschiebt 反 von der Kategorie der Dialektik in die der Ontologie.
Ähnliche Ansichten: Heshanggong („反,本也。本者,道之所以动,动生万物" — „反 bedeutet ‚Wurzel'. Die Wurzel ist der Grund, warum sich das Tao bewegt; durch Bewegung erzeugt es alle Dinge").
Übersetzung: Sanftheit und Nachgiebigkeit sind die Art, wie das Tao (道) seine Wirkung entfaltet.
Deutung: Das Tao wirkt nicht durch Kraft und Härte, sondern vollbringt alles durch eine Haltung der Sanftheit und Nachgiebigkeit. Das Wasser ist das anschaulichste Beispiel — äußerst weich und nachgiebig, vermag es dennoch den Stein zu durchdringen. Wang Bi („柔弱同通,不可穷极" — „Sanftheit und Schwäche durchdringen alles und können nicht erschöpft werden"). Heshanggong („柔弱者,道之所常用,故能常久" — „Sanftheit und Schwäche sind das, was das Tao beständig einsetzt, und deshalb währt es ewig"). Schwäche ist nicht Kraftlosigkeit, sondern eine unerschöpfliche Kraft.
Ähnliche Ansichten: Wang Bi („柔弱同通,不可穷极" — „Sanftheit und Schwäche durchdringen alles und können nicht erschöpft werden"). Heshanggong („柔弱者,道之所常用,故能常久" — „Sanftheit und Schwäche sind das, was das Tao beständig einsetzt, und deshalb währt es ewig").
Übersetzung: Der Weg der Sanftheit ist das Mittel, das das Tao (道) einsetzt.
Deutung: Hier wird 弱 nominalisiert zu „der Weg der Sanftheit" — das Mittel des Tao ist genau die Sanftheit. Dies korrespondiert unmittelbar mit Kapitel 36: „柔弱胜刚强" („Das Weiche und Schwache besiegt das Harte und Starke"), und ist zugleich ein verdichteter Ausdruck der laozischen Philosophie des „Hochschätzens der Sanftheit und Bewahrens des Weiblichen" (贵柔守雌).
Ähnliche Ansichten: Korrespondiert mit Kapitel 36: „柔弱胜刚强" („Das Weiche und Schwache besiegt das Harte und Starke").
Übersetzung: Alle Dinge unter dem Himmel entstehen aus dem „Sein" (有); das „Sein" entsteht aus dem „Nichtsein" (无).
Deutung: Die grundlegende These der laozischen Kosmogonie. Alle Dinge werden aus dem greifbaren Himmel und der Erde erzeugt, und Himmel und Erde (das „Sein") werden wiederum aus dem formlosen Tao (dem „Nichtsein") erzeugt. Dies ist die Erzeugungskette vom „Nichtsein" zum „Sein" zu den zehntausend Dingen. Wang Bi („天下之物皆以有为生,有之所始以无为本,将欲全有必反于无也" — „Alle Dinge unter dem Himmel nehmen das Sein als Lebensquelle; der Anfang des Seins nimmt das Nichtsein als Wurzel. Um das Sein vollständig zu bewahren, muss man zum Nichtsein zurückkehren"). Heshanggong („天地神明蜎飞蠕动皆从道生。道无形,故言生于无也" — „Himmel und Erde, Geister, fliegende Insekten und kriechende Geschöpfe — sie alle entstehen aus dem Tao. Das Tao hat keine Gestalt; deshalb sagt man, sie entstehen aus dem Nichtsein").
Ähnliche Ansichten: Wang Bi („天下之物皆以有为生,有之所始以无为本" — „Alle Dinge unter dem Himmel nehmen das Sein als Lebensquelle; der Anfang des Seins nimmt das Nichtsein als Wurzel").
Übersetzung: Alle Dinge unter dem Himmel entstehen aus Himmel und Erde (dem Anfang der greifbaren Gestalt); Himmel und Erde entstehen aus dem Tao (dem Anfang des Namenlosen).
Deutung: Dies korrespondiert mit Kapitel 1: „无名天地之始,有名万物之母" („Das Namenlose ist der Ursprung von Himmel und Erde; das Benannte ist die Mutter aller Dinge"). „Nichtsein" = Ursprung von Himmel und Erde = das Tao; „Sein" = Mutter aller Dinge = Himmel und Erde. Die kosmogonische Abfolge: Tao (Nichtsein) → Himmel und Erde (Sein) → die zehntausend Dinge. Heshanggong stellt direkt fest: „道无形,故言生于无也" („Das Tao hat keine Gestalt; deshalb sagt man, sie entstehen aus dem Nichtsein").
Ähnliche Ansichten: Korrespondiert mit Kapitel 1: „无名天地之始,有名万物之母" („Das Namenlose ist der Ursprung von Himmel und Erde; das Benannte ist die Mutter aller Dinge"). Heshanggong („道无形,故言生于无也" — „Das Tao hat keine Gestalt; deshalb sagt man, sie entstehen aus dem Nichtsein").
Übersetzung: Alle Dinge unter dem Himmel entstehen aus der Existenz; die Existenz entsteht aus dem Nichts.
Deutung: Ein rein philosophisches Verständnis. Alle „existierenden Dinge" entstehen notwendigerweise aus der „Existenz" selbst — doch woher kommt die „Existenz"? Laozis Antwort lautet: aus der „Nicht-Existenz" (無). Dies ist eine außerordentlich tiefgründige ontologische Spekulation — die in bemerkenswerter Weise der letzten Frage der westlichen Philosophie ähnelt: „Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts?" Heshanggong fügt ein axiologisches Urteil hinzu: „此言本胜于华,弱胜于强,谦虚胜盈满也" („Dies besagt, dass die Wurzel die Blüte übertrifft; das Schwache das Starke übertrifft; die Bescheidenheit die Fülle übertrifft").
Ähnliche Ansichten: Heshanggong („此言本胜于华,弱胜于强,谦虚胜盈满也" — „Dies besagt, dass die Wurzel die Blüte übertrifft; das Schwache das Starke übertrifft; die Bescheidenheit die Fülle übertrifft").
Dieses Kapitel enthält 8 Deutungskombinationen.
[Kerndifferenzen]
Kapitel 40 umfasst nur einundzwanzig Schriftzeichen, verdichtet jedoch in äußerst knapper Form die drei wesentlichsten Thesen der Philosophie Laozis, was es zu einem der informationsdichtesten Kapitel des Tao Te Ching macht. „反者道之动" — das Bewegungsgesetz des Tao ist die Verwandlung der Gegensätze und die zyklische Wiederkehr: Das Extrem der Stärke weicht der Schwäche, der Gipfel des Wohlstands dem Verfall, der Höhepunkt des Lebens dem Tod, und der Tiefpunkt des Unglücks dem Glück. Diese These begründete die fundamentalste dialektische Tradition der chinesischen Philosophie. „弱者道之用" — die Wirkungsweise des Tao vollzieht sich durch Sanftheit und Nachgiebigkeit, nicht durch Härte und Gewalt: Wasser, Nicht-Handeln (无为), Demut und Zurückhaltung — diese Erscheinungsformen der „Schwäche" sind die wahren Träger der Macht des Tao. „天下万物生于有,有生于无" — die letzte Aussage berührt den letzten Ursprung der Existenz: Alle Dinge entstehen aus dem „Sein" (der konkreten Existenz), und das „Sein" selbst entsteht aus dem „Nichtsein" (dem Nichts, der Substanz des Tao). Dies stellt den knappsten Ausdruck der Kosmogonie in der Geschichte der chinesischen Philosophie dar und löste unmittelbar die langwierige Debatte zwischen den Schulen des „Hochschätzens des Nichtseins" (贵无) und des „Verehrens des Seins" (崇有) in der Wei-Jin-Xuanxue-Metaphysik (玄学) aus. Dieses Kapitel bildet zusammen mit Kapitel 1 („道可道,非常道" — „Das Tao, das ausgesprochen werden kann, ist nicht das ewige Tao") und Kapitel 42 („道生一,一生二……" — „Das Tao erzeugt das Eine; das Eine erzeugt die Zwei…") das zentrale Dreieck der Kosmologie des Tao Te Ching.