Tao Te Ching Kapitel 40: Der vollständige Kommentar

Der folgende Inhalt bietet eine multiperspektivische Tiefenanalyse jedes Satzes dieses Kapitels, die traditionelle Kommentare, philologische Analysen, philosophische Interpretationen und weitere Dimensionen umfasst. Grundtext: Wang Bis Kommentar zum Daode Zhenjing, Ausgabe des Zhengtong Daozang
Die „Kombination"-Bezeichnung jeder Deutung folgt dem Format „Zeichen + Bedeutungsnummer" (z.B. „dàoC-A"), d.h. diese Deutung verwendet Bedeutung C von „dào" und Bedeutung A von „". Das vollständige Glossar finden Sie am Ende dieses Kapitels: [Anhang: Glossar der Schlüsselzeichen].

[Satz 1] fǎnzhědàozhīdòng;(Umkehr ist die Bewegung des Tao.)

Kapitel 40 · Satz 1: fǎnzhědàozhīdòng

[Deutung 1] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: fǎnB-dàoA-dòngA
Übersetzung: Die Verwandlung in das Gegenteil ist das Gesetz der Bewegung des Tao (dào).
Deutung: Die vorherrschende dialektische Lesart. Die Bewegung des Tao richtet sich stets auf den Gegenpol: Höchste Blüte führt zum Verfall, tiefster Niedergang wendet sich zum Glück, und aus dem äußersten Yin entsteht das Yang — alle Dinge folgen dem Gesetz des „Umschlags am Extrem". Dies ist der knappste klassische Ausdruck der laozischen Dialektik. Wang Bi („gāoxiàwèiguìjiànwèiběnyǒuwèiyòngfǎn" — „Das Hohe nimmt das Niedrige als Fundament; das Edle nimmt das Geringe als Wurzel; das Sein nimmt das Nichtsein als Funktion — dies ist die Umkehr").
Ähnliche Ansichten: Wang Bi („gāoxiàwèiguìjiànwèiběnyǒuwèiyòngfǎn" — „Das Hohe nimmt das Niedrige als Fundament; das Edle nimmt das Geringe als Wurzel; das Sein nimmt das Nichtsein als Funktion — dies ist die Umkehr").
Kapitel 40 · Satz 1: fǎnzhědàozhīdòng

[Deutung 2] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: fǎnA-dàoA-dòngA
Übersetzung: Die Rückkehr (zum Ursprung) ist die Art der Bewegung des Tao (dào).
Deutung: Hier wird fǎn im Sinne von „Rückkehr" verstanden. Die Bewegung des Tao ist keine unendliche lineare Ausdehnung, sondern ein Kreislauf, der zum Ausgangspunkt zurückkehrt. Alle Dinge kommen aus dem Tao und kehren letztlich dorthin zurück — dies ist der ewige Kreislauf des Kosmos. Diese Lesart korrespondiert mit „zhōuxíngérdài" („Es kreist ohne Unterlass", Kapitel 25).
Ähnliche Ansichten: Korrespondiert mit Kapitel 25: „zhōuxíngérdàiwèitiānxià" („Es kreist ohne Unterlass und kann als die Mutter alles Unter-dem-Himmel-Seienden gelten").
Kapitel 40 · Satz 1: fǎnzhědàozhīdòng

[Deutung 3] Traditionell · Mittlere Glaubwürdigkeit

Kombination: fǎnC-dàoA-dòngB
Übersetzung: Die Wurzel ist die Triebkraft der Bewegung des Tao (dào).
Deutung: Die Deutung des Heshanggong. fǎn bedeutet „Wurzel" (běn) — die Wurzel ist der Quell, aus dem das Tao seine Bewegung schöpft. Das Tao bezieht seine Triebkraft aus dem Ursprung, und durch Bewegung erzeugt es alle Dinge. Heshanggong („fǎnběnběnzhědàozhīsuǒdòngdòngshēngwànbèizhīwáng" — „fǎn bedeutet ‚Wurzel'. Die Wurzel ist der Grund, warum sich das Tao bewegt; durch Bewegung erzeugt es alle Dinge — sich davon abzuwenden bedeutet Untergang"). Diese Lesart verschiebt fǎn von der Kategorie der Dialektik in die der Ontologie.
Ähnliche Ansichten: Heshanggong („fǎnběnběnzhědàozhīsuǒdòngdòngshēngwàn" — „fǎn bedeutet ‚Wurzel'. Die Wurzel ist der Grund, warum sich das Tao bewegt; durch Bewegung erzeugt es alle Dinge").

[Satz 2] ruòzhědàozhīyòng。(Schwäche ist die Wirkungsweise des Tao.)

Kapitel 40 · Satz 2: ruòzhědàozhīyòng

[Deutung 1] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: ruòA-dàoA-yòngA
Übersetzung: Sanftheit und Nachgiebigkeit sind die Art, wie das Tao (dào) seine Wirkung entfaltet.
Deutung: Das Tao wirkt nicht durch Kraft und Härte, sondern vollbringt alles durch eine Haltung der Sanftheit und Nachgiebigkeit. Das Wasser ist das anschaulichste Beispiel — äußerst weich und nachgiebig, vermag es dennoch den Stein zu durchdringen. Wang Bi („róuruòtóngtōngqióng" — „Sanftheit und Schwäche durchdringen alles und können nicht erschöpft werden"). Heshanggong („róuruòzhědàozhīsuǒchángyòngnéngchángjiǔ" — „Sanftheit und Schwäche sind das, was das Tao beständig einsetzt, und deshalb währt es ewig"). Schwäche ist nicht Kraftlosigkeit, sondern eine unerschöpfliche Kraft.
Ähnliche Ansichten: Wang Bi („róuruòtóngtōngqióng" — „Sanftheit und Schwäche durchdringen alles und können nicht erschöpft werden"). Heshanggong („róuruòzhědàozhīsuǒchángyòngnéngchángjiǔ" — „Sanftheit und Schwäche sind das, was das Tao beständig einsetzt, und deshalb währt es ewig").
Kapitel 40 · Satz 2: ruòzhědàozhīyòng

[Deutung 2] Traditionell · Mittlere Glaubwürdigkeit

Kombination: ruòB-dàoA-yòngB
Übersetzung: Der Weg der Sanftheit ist das Mittel, das das Tao (dào) einsetzt.
Deutung: Hier wird ruò nominalisiert zu „der Weg der Sanftheit" — das Mittel des Tao ist genau die Sanftheit. Dies korrespondiert unmittelbar mit Kapitel 36: „róuruòshènggāngqiáng" („Das Weiche und Schwache besiegt das Harte und Starke"), und ist zugleich ein verdichteter Ausdruck der laozischen Philosophie des „Hochschätzens der Sanftheit und Bewahrens des Weiblichen" (guìróushǒu).
Ähnliche Ansichten: Korrespondiert mit Kapitel 36: „róuruòshènggāngqiáng" („Das Weiche und Schwache besiegt das Harte und Starke").

[Satz 3] tiānxiàwànshēngyǒuyǒushēng。(Alle Dinge unter dem Himmel entstehen aus dem Sein; das Sein entsteht aus dem Nichtsein.)

Kapitel 40 · Satz 3: tiānxiàwànshēngyǒuyǒushēng

[Deutung 1] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: shēngA-yǒuA-shēngA-A
Übersetzung: Alle Dinge unter dem Himmel entstehen aus dem „Sein" (yǒu); das „Sein" entsteht aus dem „Nichtsein" ().
Deutung: Die grundlegende These der laozischen Kosmogonie. Alle Dinge werden aus dem greifbaren Himmel und der Erde erzeugt, und Himmel und Erde (das „Sein") werden wiederum aus dem formlosen Tao (dem „Nichtsein") erzeugt. Dies ist die Erzeugungskette vom „Nichtsein" zum „Sein" zu den zehntausend Dingen. Wang Bi („tiānxiàzhījiēyǒuwèishēngyǒuzhīsuǒshǐwèiběnjiāngquányǒufǎn" — „Alle Dinge unter dem Himmel nehmen das Sein als Lebensquelle; der Anfang des Seins nimmt das Nichtsein als Wurzel. Um das Sein vollständig zu bewahren, muss man zum Nichtsein zurückkehren"). Heshanggong („tiānshénmíngyuānfēidòngjiēcóngdàoshēngdàoxíngyánshēng" — „Himmel und Erde, Geister, fliegende Insekten und kriechende Geschöpfe — sie alle entstehen aus dem Tao. Das Tao hat keine Gestalt; deshalb sagt man, sie entstehen aus dem Nichtsein").
Ähnliche Ansichten: Wang Bi („tiānxiàzhījiēyǒuwèishēngyǒuzhīsuǒshǐwèiběn" — „Alle Dinge unter dem Himmel nehmen das Sein als Lebensquelle; der Anfang des Seins nimmt das Nichtsein als Wurzel").
Kapitel 40 · Satz 3: tiānxiàwànshēngyǒuyǒushēng

[Deutung 2] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: shēngA-yǒuB-shēngA-B
Übersetzung: Alle Dinge unter dem Himmel entstehen aus Himmel und Erde (dem Anfang der greifbaren Gestalt); Himmel und Erde entstehen aus dem Tao (dem Anfang des Namenlosen).
Deutung: Dies korrespondiert mit Kapitel 1: „míngtiānzhīshǐyǒumíngwànzhī" („Das Namenlose ist der Ursprung von Himmel und Erde; das Benannte ist die Mutter aller Dinge"). „Nichtsein" = Ursprung von Himmel und Erde = das Tao; „Sein" = Mutter aller Dinge = Himmel und Erde. Die kosmogonische Abfolge: Tao (Nichtsein) → Himmel und Erde (Sein) → die zehntausend Dinge. Heshanggong stellt direkt fest: „dàoxíngyánshēng" („Das Tao hat keine Gestalt; deshalb sagt man, sie entstehen aus dem Nichtsein").
Ähnliche Ansichten: Korrespondiert mit Kapitel 1: „míngtiānzhīshǐyǒumíngwànzhī" („Das Namenlose ist der Ursprung von Himmel und Erde; das Benannte ist die Mutter aller Dinge"). Heshanggong („dàoxíngyánshēng" — „Das Tao hat keine Gestalt; deshalb sagt man, sie entstehen aus dem Nichtsein").
Kapitel 40 · Satz 3: tiānxiàwànshēngyǒuyǒushēng

[Deutung 3] Neuartig · Mittlere Glaubwürdigkeit

Kombination: shēngA-yǒuA-shēngA-A
Übersetzung: Alle Dinge unter dem Himmel entstehen aus der Existenz; die Existenz entsteht aus dem Nichts.
Deutung: Ein rein philosophisches Verständnis. Alle „existierenden Dinge" entstehen notwendigerweise aus der „Existenz" selbst — doch woher kommt die „Existenz"? Laozis Antwort lautet: aus der „Nicht-Existenz" (). Dies ist eine außerordentlich tiefgründige ontologische Spekulation — die in bemerkenswerter Weise der letzten Frage der westlichen Philosophie ähnelt: „Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts?" Heshanggong fügt ein axiologisches Urteil hinzu: „yánběnshènghuáruòshèngqiángqiānshèngyíngmǎn" („Dies besagt, dass die Wurzel die Blüte übertrifft; das Schwache das Starke übertrifft; die Bescheidenheit die Fülle übertrifft").
Ähnliche Ansichten: Heshanggong („yánběnshènghuáruòshèngqiángqiānshèngyíngmǎn" — „Dies besagt, dass die Wurzel die Blüte übertrifft; das Schwache das Starke übertrifft; die Bescheidenheit die Fülle übertrifft").

Zusammenfassung des Kapitels

Dieses Kapitel enthält 8 Deutungskombinationen.

[Kerndifferenzen]

Kapitel 40 umfasst nur einundzwanzig Schriftzeichen, verdichtet jedoch in äußerst knapper Form die drei wesentlichsten Thesen der Philosophie Laozis, was es zu einem der informationsdichtesten Kapitel des Tao Te Ching macht. „fǎnzhědàozhīdòng" — das Bewegungsgesetz des Tao ist die Verwandlung der Gegensätze und die zyklische Wiederkehr: Das Extrem der Stärke weicht der Schwäche, der Gipfel des Wohlstands dem Verfall, der Höhepunkt des Lebens dem Tod, und der Tiefpunkt des Unglücks dem Glück. Diese These begründete die fundamentalste dialektische Tradition der chinesischen Philosophie. „ruòzhědàozhīyòng" — die Wirkungsweise des Tao vollzieht sich durch Sanftheit und Nachgiebigkeit, nicht durch Härte und Gewalt: Wasser, Nicht-Handeln (wèi), Demut und Zurückhaltung — diese Erscheinungsformen der „Schwäche" sind die wahren Träger der Macht des Tao. „tiānxiàwànshēngyǒuyǒushēng" — die letzte Aussage berührt den letzten Ursprung der Existenz: Alle Dinge entstehen aus dem „Sein" (der konkreten Existenz), und das „Sein" selbst entsteht aus dem „Nichtsein" (dem Nichts, der Substanz des Tao). Dies stellt den knappsten Ausdruck der Kosmogonie in der Geschichte der chinesischen Philosophie dar und löste unmittelbar die langwierige Debatte zwischen den Schulen des „Hochschätzens des Nichtseins" (guì) und des „Verehrens des Seins" (chóngyǒu) in der Wei-Jin-Xuanxue-Metaphysik (xuánxué) aus. Dieses Kapitel bildet zusammen mit Kapitel 1 („dàodàofēichángdào" — „Das Tao, das ausgesprochen werden kann, ist nicht das ewige Tao") und Kapitel 42 („dàoshēngshēngèr……" — „Das Tao erzeugt das Eine; das Eine erzeugt die Zwei…") das zentrale Dreieck der Kosmologie des Tao Te Ching.

Anhang: Glossar der Schlüsselzeichen

fǎn
A. [Verb] Zurückkehren, heimkehren; im Kreislauf wiederkehren
Quelle: Austauschbar mit fǎn (zurückkehren). Dinge kehren zu ihrem Ausgangspunkt zurück
B. [Verb] Sich in das Gegenteil verwandeln
Quelle: Erweiterte Bedeutung. Verwandlung der Gegensätze
C. [Subst.] Wurzel; Ursprung
Quelle: Heshanggong: „fǎnběn" („fǎn bedeutet ‚Wurzel'")
zhě
A. [Part.] …ist
Quelle: Urteilssatzstruktur
dào
A. [Subst.] Das Tao
Quelle: Kernbegriff Laozis
zhī
A. [Part.] Des/der (Possessivpartikel)
Quelle: Strukturpartikel
dòng
A. [Subst.] Bewegung; Bewegungsmuster
Quelle: Erweiterte Bedeutung
B. [Subst.] Triebkraft; Antriebskraft
Quelle: Erweiterte Bedeutung
ruò
A. [Adj.] Weich und nachgiebig
Quelle: Gegenteil von qiáng (stark)
B. [Subst.] Der Weg der Sanftheit; die Haltung der Nachgiebigkeit
Quelle: Nominalisierte Form
yòng
A. [Subst.] Wirkungsweise; Funktion
Quelle: Grundbedeutung
B. [Subst.] Anwendung; Mittel
Quelle: Erweiterte Bedeutung
tiān
A. [Subst.] Der Himmel
Quelle: Grundbedeutung
xià
A. [Subst.] Unter dem Himmel (die Welt)
Quelle: Grundbedeutung
wàn
A. [Num.] Alle; die zehntausend
Quelle: Grundbedeutung
A. [Subst.] Dinge; Wesen
Quelle: Grundbedeutung
shēng
A. [Verb] Entstehen; geboren werden; erzeugen
Quelle: Grundbedeutung
A. [Präp.] Aus; von
Quelle: Präposition
yǒu
A. [Subst.] Das Sein; die Existenz; greifbare Existenz
Quelle: Gegenteil von (Nichtsein). Bezeichnet die wahrnehmbare, konkrete Welt
B. [Subst.] Himmel und Erde (der Anfang der greifbaren Gestalt)
Quelle: Kapitel 1: „yǒumíngwànzhī" („Das Sein heißt die Mutter aller Dinge")
A. [Subst.] Das Nichtsein; das Nichts; das Form- und Gestaltlose
Quelle: Gegenteil von yǒu (Sein). Bezeichnet das Noumenon jenseits der Wahrnehmung
B. [Subst.] Das Tao (das namenlose, formlose Tao)
Quelle: Kapitel 1: „míngtiānzhīshǐ" („Das Nichtsein heißt der Ursprung von Himmel und Erde")