Übersetzung: Die Wesen, die „das Eine" (一) (die Einheit des Tao) im Uranfang erlangten:
Deutung: „Das Eine" (一) ist ein anderer Name für das Tao (道) oder dessen vordringlichste Eigenschaft — die Einheit. Alle Dinge gelangen zur Vollendung, indem sie diese einheitliche Urquelle erlangen. Wang Bi kommentiert: „昔,始也。一,数之始而物之极也" („‚In alter Zeit' bedeutet ‚am Anfang'. ‚Eins' ist der Ursprung der Zahlen und das letzte Prinzip aller Dinge").
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „昔,始也。一,数之始而物之极也" („‚In alter Zeit' bedeutet ‚am Anfang'. ‚Eins' ist der Ursprung der Zahlen und das letzte Prinzip aller Dinge").
Übersetzung: Die Wesen, die das Tao (道) in vergangenen Zeiten erlangten:
Deutung: Heshanggong kommentiert: „一,无为,道之子也" („‚Das Eine' ist das Nicht-Handeln (无为), der Abkömmling des Tao"). Er setzt „das Eine" mit dem Tao des Nicht-Handelns gleich. Alle Dinge verwirklichen ihre Natur, indem sie das Tao erlangen.
Ähnliche Ansichten: Heshanggong: „一,无为,道之子也" („‚Das Eine' ist das Nicht-Handeln, der Abkömmling des Tao").
Übersetzung: Der Himmel erlangte „das Eine" und wurde dadurch klar; die Erde erlangte „das Eine" und wurde dadurch still; die Geister erlangten „das Eine" und wurden dadurch wirksam; die Täler erlangten „das Eine" und wurden dadurch voll; die zehntausend Dinge erlangten „das Eine" und wurden dadurch lebendig; die Fürsten und Könige erlangten „das Eine" und wurden dadurch zum Maßstab alles unter dem Himmel.
Deutung: Sechs parallele Aussagen veranschaulichen die universelle Wirkung „des Einen" (des Tao). Von der himmlischen und irdischen Natur bis zur menschlichen Regierung — jede Daseinsform erreicht ihre eigentümliche Qualität durch die Erlangung des Tao. Wang Bi kommentiert: „各以其一致此清、宁、灵、盈、生、贞" („Jedes erlangt durch sein Eines diese Klarheit, Stille, Wirksamkeit, Fülle, Lebendigkeit und Rechtschaffenheit"). Dies ist die konkrete Entfaltung der Hervorbringung aller Dinge durch das Tao.
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „各以其一致此清、宁、灵、盈、生、贞" („Jedes erlangt durch sein Eines diese Klarheit, Stille, Wirksamkeit, Fülle, Lebendigkeit und Rechtschaffenheit").
Übersetzung: Den Umkehrschluss betrachtet: Könnte der Himmel nicht klar sein, drohte er zu bersten; könnte die Erde nicht still sein, drohte sie zu beben und einzustürzen; könnten die Geister nicht wirksam sein, drohten sie zu erlöschen; könnten die Täler nicht voll sein, drohten sie zu versiegen; könnten die zehntausend Dinge nicht leben, drohten sie zugrunde zu gehen; könnten die Fürsten und Könige nicht edel und erhaben sein, drohte ihr Sturz.
Deutung: Sechs Argumente ex negativo. Die Folgen des Verlustes „des Einen" sind katastrophal: Der Himmel birst, die Erde bebt, die Geister erlöschen, die Täler versiegen, die Lebewesen gehen zugrunde, die Könige stürzen. Wang Bi kommentiert: „守一则清不失,用清则恐裂也。故为功之母不可舍也" („Hält man am Einen fest, geht die Klarheit nicht verloren; nutzt man bloß die Klarheit [ohne das Eine], droht das Bersten. Deshalb darf die Mutter aller Leistung nicht aufgegeben werden"). Dies betont, dass kein Wesen das Tao (das Eine) preisgeben darf.
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „守一则清不失,用清则恐裂也。故为功之母不可舍也" („Hält man am Einen fest, geht die Klarheit nicht verloren; nutzt man bloß die Klarheit, droht das Bersten. Deshalb darf die Mutter aller Leistung nicht aufgegeben werden").
Übersetzung: Daher nimmt das Edle das Niedere als Wurzel, das Hohe nimmt das Niedrige als Fundament.
Deutung: Vom Naturprinzip wird auf die menschlichen Angelegenheiten geschlossen. Die wichtigste Erkenntnis: Was hoch steht, muss im Niedrigen verwurzelt sein — ohne den Halt von unten kann das Obere nicht bestehen. Heshanggong kommentiert: „犹筑墙造功,因卑成高,不下坚固,后必倾危" („Es ist wie beim Mauerbau: Das Hohe wird auf dem Niedrigen errichtet; ist das Fundament nicht fest, folgt unweigerlich der Einsturz").
Ähnliche Ansichten: Heshanggong: „犹筑墙造功,因卑成高,不下坚固,后必倾危" („Es ist wie beim Mauerbau: Das Hohe wird auf dem Niedrigen errichtet; ist das Fundament nicht fest, folgt unweigerlich der Einsturz").
Übersetzung: Deshalb nennen sich die Fürsten und Könige selbst „der Vereinsamte" (孤), „der Verwaiste" (寡) und „der Unwürdige" (不谷).
Deutung: „Der Vereinsamte" (孤), „der Verwaiste" (寡) und „der Unwürdige" (不谷) sind allesamt Selbsterniedrigungstitel der alten Herrscher — sich mit niedrigen Bezeichnungen zu benennen verkörpert die Weisheit, dass „das Edle das Niedere als Wurzel nimmt". Obwohl die Fürsten und Könige die höchste Stellung innehaben, verwenden sie die niedrigsten Ausdrücke als Selbstbezeichnung und setzen so das Prinzip um, das Niedere zur Grundlage zu nehmen. Heshanggong kommentiert: „孤寡喻孤独,不毂喻不能如车毂为众辐所凑" („‚Vereinsamt' und ‚Verwaist' versinnbildlichen das Alleinsein; ‚Unwürdig' [不毂] versinnbildlicht die Unfähigkeit, als Nabe zu dienen, um die sich die Speichen sammeln").
Ähnliche Ansichten: Heshanggong: „孤寡喻孤独,不毂喻不能如车毂为众辐所凑" („‚Vereinsamt' und ‚Verwaist' versinnbildlichen das Alleinsein; ‚Unwürdig' versinnbildlicht die Unfähigkeit, als Nabe zu dienen, um die sich die Speichen sammeln").
Übersetzung: Ist dies nicht, das Niedere als Wurzel zu nehmen? Ist es nicht so?
Deutung: Laozi bekräftigt sein Argument mit zwei rhetorischen Fragen — dass die Fürsten und Könige sich „der Vereinsamte", „der Verwaiste" und „der Unwürdige" nennen, ist eben die Umsetzung des Prinzips, das Niedere als Wurzel zu nehmen. Die doppelte Nachfrage drückt nachdrückliche Überzeugung aus. Heshanggong kommentiert: „嗟叹之辞" („Ein Ausruf tiefer Empfindung").
Ähnliche Ansichten: Heshanggong: „嗟叹之辞" („Ein Ausruf tiefer Empfindung").
Übersetzung: Daher führt das Streben nach übermäßigem Ruhm dazu, dass kein Ruhm bleibt.
Deutung: Eine vordergründige Lesart. Das übermäßige Streben nach Lob erzeugt im Gegenteil Abneigung, so wie das Volle überläuft — das Prinzip, dass Dinge sich ins Gegenteil verkehren, wenn sie zum Äußersten getrieben werden.
Ähnliche Ansichten: Im Einklang mit Laozis Gedanken: „不自伐故有功" („Wer sich nicht rühmt, dem wird Verdienst zuteil").
Übersetzung: Daher: Zerlegt man einen Wagen Stück für Stück und zählt seine Teile, bleibt kein Wagen übrig.
Deutung: Die Wang-Bi-Ausgabe liest „致数舆无舆" (舆 = Wagen). Zerlegt man einen Wagen in Speichen, Räder, Nabe, Deichsel — und benennt jedes Teil einzeln —, hört der „Wagen" als Ganzes auf zu existieren. Dieses Gleichnis veranschaulicht, dass das Edle und das Niedere, das Hohe und das Niedrige voneinander abhängige Bestandteile eines unteilbaren Ganzen sind. Heshanggong kommentiert: „言人就车数之为辐、为轮、为毂、为衡、为舆,无有名为车者,故成为车" („Wenn man einen Wagen auseinandernimmt und als Speichen, Räder, Nabe, Deichsel und Kasten aufzählt, bleibt nichts übrig, das ‚Wagen' heißen könnte — und doch sind es diese Teile, die den Wagen ausmachen").
Ähnliche Ansichten: Heshanggong: „就车数之为辐、为轮……无有名为车者" („Nimmt man einen Wagen auseinander und zählt seine Teile als Speichen, Räder…, bleibt nichts übrig, das ‚Wagen' heißen könnte"). Wang Bi: „玉石琭琭珞珞,体尽于形" („Jade glänzt und Stein ist rau — ihr Wesen erschöpft sich in ihrer Gestalt").
Übersetzung: Man strebe nicht danach, glänzend und kostbar wie Jade zu sein; vielmehr sei man schlicht und fest wie Stein.
Deutung: Der Schlussvers des Kapitels. Jade ist glänzend, aber selten (Sinnbild des Erhabenen und Kostbaren); Stein ist rauh, aber allgegenwärtig (Sinnbild des Niedrigen und Schlichten). Laozi sagt: Man strebe nicht danach, kostbar und auffällig wie Jade zu sein, sondern sei schlicht und anspruchslos wie Stein. Heshanggong kommentiert: „玉少故见贵,石多故见贱。言不欲如玉为人所贵,如石为人所贱,当处其中也" („Jade ist selten und wird daher geschätzt; Stein ist häufig und wird daher gering geschätzt. Das bedeutet: Man soll nicht danach streben, wie Jade geschätzt oder wie Stein gering geschätzt zu werden, sondern die Mitte halten").
Ähnliche Ansichten: Heshanggong: „不欲如玉为人所贵,如石为人所贱,当处其中也" („Man soll nicht danach streben, wie Jade geschätzt oder wie Stein gering geschätzt zu werden, sondern die Mitte halten").
Dieses Kapitel enthält 10 Deutungskombinationen.
[Kerndifferenzen]
Das neununddreißigste Kapitel nimmt „die Erlangung des Einen" (得一) als Kernbegriff und legt systematisch die universelle Wirkung „des Einen" (der einheitlichen Urquelle des Tao) dar. Sechs Daseinskategorien — Himmel, Erde, Geister, Täler, die zehntausend Dinge und Fürsten und Könige — erlangen jeweils ihre eigentümliche Qualität durch „das Eine" (Klarheit, Stille, Wirksamkeit, Fülle, Lebendigkeit und Rechtschaffenheit). Im Umkehrschluss führt der Verlust dieser Qualitäten zu katastrophalem Zerfall: Der Himmel birst, die Erde bebt, die Geister erlöschen, die Täler versiegen, die Lebewesen gehen zugrunde und die Könige stürzen. Daraus ergibt sich die Kernthese: Das Edle nimmt das Niedere als Wurzel, das Hohe nimmt das Niedrige als Fundament. Dass sich Fürsten und Könige „der Vereinsamte", „der Verwaiste" und „der Unwürdige" nennen, ist genau die praktische Umsetzung dieses Prinzips. „致数誉无誉" (oder „致数舆无舆") fasst die erste Hälfte zusammen: Übermäßiges Streben nach Ruhm führt zum Verlust allen Ruhmes; gewaltsame Analyse eines Ganzen führt zum Verlust dieses Ganzen — das Tao kann nicht zerlegt und analysiert werden, denn einmal zerlegt, geht „das Eine" verloren. Das Kapitel schließt mit „不欲琭琭如玉,珞珞如石": Man begehre nicht die Kostbarkeit des Jade und finde sich nicht ab mit der Geringheit des Steins — wer am Tao festhält, besitzt seine eigene gelassene Überlegenheit über den Unterschied zwischen Edlem und Niederem. Dieses Kapitel ist Laozis strengste Synthese holistischer Philosophie und dialektischen Denkens.