Tao Te Ching Kapitel 28: Der vollständige Kommentar

Der folgende Inhalt bietet eine multiperspektivische Tiefenanalyse jedes Satzes dieses Kapitels, die traditionelle Kommentare, philologische Analysen, philosophische Interpretationen und weitere Dimensionen umfasst. Grundtext: Wang Bis Kommentar zum Daode Zhenjing, Ausgabe des Zhengtong Daozang
Die „Kombination"-Bezeichnung jeder Deutung folgt dem Format „Zeichen + Bedeutungsnummer" (z.B. „dàoC-A"), d.h. diese Deutung verwendet Bedeutung C von „dào" und Bedeutung A von „". Das vollständige Glossar finden Sie am Ende dieses Kapitels: [Anhang: Glossar der Schlüsselzeichen].

[Satz 1] zhīxióngshǒuwèitiānxià。(Das Männliche kennen, am Weiblichen festhalten und zum Bergbach der Welt werden.)

Kapitel 28 · Satz 1: zhīxióngshǒuwèitiānxià

[Deutung 1] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: xióngA-A-A
Übersetzung: Den Aspekt der Stärke und Durchsetzungskraft kennen, doch den Aspekt der Sanftheit und des Nachgebens bewahren — bereitwillig zum Bergbach der Welt werden.
Deutung: Dies ist Laozis zentrale Methodik des „das Männliche kennen, am Weiblichen festhalten". Es geht nicht darum, die Vorteile der Stärke nicht zu kennen, sondern nach vollem Verständnis der Stärke bewusst die Sanftheit zu wählen — eine absichtliche Wahl, kein erzwungenes Nachgeben. Wang Bi erläuterte: „zhīwèitiānxiàzhīxiānhòushìshèngrénhòushēnérshēnxiān" („Wissen, dass man Erster in der Welt ist, erfordert notwendig, sich zurückzustellen; darum stellt sich der Weise (shèngrén) zurück und findet sich dennoch vorne"). Der Bergbach sucht nicht alle Dinge, doch alle Dinge fließen von selbst zu ihm, wie es in Kapitel 8 heißt: „shuǐshànwànérzhēngchùzhòngrénzhīsuǒè" („Das Wasser ist trefflich darin, allen Wesen zu nützen, ohne zu wetteifern, und verweilt dort, wo die Menschen es verachten").
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „zhīwèitiānxiàzhīxiānhòushìshèngrénhòushēnérshēnxiān" („Wissen, dass man Erster in der Welt ist, erfordert notwendig, sich zurückzustellen; darum stellt sich der Weise zurück und findet sich dennoch vorne").
Kapitel 28 · Satz 1: zhīxióngshǒuwèitiānxià

[Deutung 2] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: xióngB-B-B
Übersetzung: Obwohl man die eigene Erhabenheit kennt, verharrt man in bescheidener Stellung; so strömt die Welt einem zu, wie Wasser in einen tiefen Bergbach fließt.
Deutung: Heshanggong betrachtete diese Stelle unter dem Gesichtspunkt der Selbstkultivierung und der Staatsführung: „rénsuīzhīzūnxiǎndāngshǒuzhībēiwēixióngzhīqiángliángjiùzhīróushìtiānxiàguīzhī" („Obwohl man die eigene Erhabenheit kennt, sollte man dennoch an der Bescheidenheit festhalten, die Rücksichtslosigkeit des Männlichen aufgeben und die Sanftheit des Weiblichen annehmen; so wird sich die Welt einem zuwenden"). Er konkretisierte die Metapher des Männlichen und Weiblichen als gesellschaftlichen Rang — wer eine hohe Stellung einnimmt, soll die Tugend der Bescheidenheit wahren, und die Welt wird sich von selbst fügen.
Ähnliche Ansichten: Heshanggong: „xióngzhīqiángliángjiùzhīróushìtiānxiàguīzhī" („Die Rücksichtslosigkeit des Männlichen aufgeben, die Sanftheit des Weiblichen annehmen; so wird sich die Welt einem zuwenden").

[Satz 2] wèitiānxiàchángguīyīngér。(Ist man der Bergbach der Welt, so weicht die beständige Tugend nicht, und man kehrt zum Zustand des Säuglings zurück.)

Kapitel 28 · Satz 2: wèitiānxiàchángguīyīngér

[Deutung 1] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: chángA-yīngérA
Übersetzung: Ist man der Bergbach der Welt, so wird die beständige Tugend () niemals schwinden, und man kehrt letztlich in den Zustand reiner Unschuld des Säuglings zurück.
Deutung: Dies beschreibt das Ergebnis des Festhaltens am Weiblichen wie ein Bergbach — die Tugend bleibt stets gegenwärtig und geht nie verloren. „Nicht weichen" bedeutet, dass Tugend und Selbst eins werden. „Zum Säugling zurückkehren" ist die erste Stufe der Rückkehr: Der Säugling ist ohne Wissen und Begierde, rein natürlich und stellt die dem Tao (dào) am nächsten kommende, ursprüngliche Verfassung des Menschen dar. Wang Bi bemerkte: „yīngéryòngzhìérránzhīzhì" („Der Säugling wendet keine List an, stimmt aber mit der natürlichen Weisheit überein").
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „qiúérguīzhīyīngéryòngzhìérránzhīzhì" („Der Bergbach sucht die Dinge nicht, doch die Dinge fließen von selbst zu ihm; der Säugling wendet keine List an, stimmt aber mit der natürlichen Weisheit überein").
Kapitel 28 · Satz 2: wèitiānxiàchángguīyīngér

[Deutung 2] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: chángB-yīngérB
Übersetzung: Ist man der Bergbach der Welt, so wird die angeborene und wahrhaftige Tugend nicht weichen, und man kehrt zum Zustand des Säuglings zurück — frei von Wissen und Begierde.
Deutung: Heshanggong deutete: „rénnéngqiānxiàshēnchángzàidāngguīzhìyīngérchǔnránérsuǒzhī" („Kann man bescheiden und niedrig sein wie ein tiefer Bergbach, so wohnt die Tugend beständig inne und weicht nicht mehr. Man soll danach streben, zum Säugling zurückzukehren — einfältig und ohne Wissen"). „Einfältig und ohne Wissen" ist nicht abwertend gemeint, sondern transzendiert die Unterscheidung zwischen „Wissen" und „Nicht-Wissen" und kehrt in einen moralisch vollkommenen Urzustand zurück.
Ähnliche Ansichten: Heshanggong: „dāngguīzhìyīngérchǔnránérsuǒzhī" („Man soll danach streben, zum Säugling zurückzukehren — einfältig und ohne Wissen").

[Satz 3] zhībáishǒuhēiwèitiānxiàshì。(Das Weiße kennen, am Schwarzen festhalten und zum Vorbild der Welt werden.)

Kapitel 28 · Satz 3: zhībáishǒuhēiwèitiānxiàshì

[Deutung 1] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: báiA-hēiA-shìA
Übersetzung: Den hellen, leuchtenden Aspekt kennen, doch am dunklen, verborgenen Aspekt festhalten — das ist, zum Vorbild der Welt zu werden.
Deutung: Dies ist das zweite Gegensatzpaar. „Weiß" und „Schwarz" entsprechen Kapitel 4: „guāngtóngchén" („Sein Licht mildern, sich dem Staub angleichen") — den eigenen Glanz und das eigene Talent kennen, sie jedoch nicht zur Schau stellen, sondern vielmehr im Verborgenen verweilen. Paradoxerweise wird gerade derjenige, der sich nicht hervortut, zum Vorbild der Welt. Dieses Gegensatzpaar verläuft parallel zu „das Männliche kennen, am Weiblichen festhalten", wählt aber einen anderen Blickwinkel: Ersteres spricht von Stärke und Schwäche, dieses von Helligkeit und Dunkelheit.
Ähnliche Ansichten: Kapitel 4: „guāngtóngchén" („Sein Licht mildern, sich dem Staub angleichen"). Kapitel 22: „jiànmíng" („Sich selbst nicht zur Schau stellen, darum leuchten").
Kapitel 28 · Satz 3: zhībáishǒuhēiwèitiānxiàshì

[Deutung 2] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: báiB-hēiB-shìA
Übersetzung: Obwohl man die eigene Klarheit und Einsicht kennt, verharrt man in Stille und Dunkelheit, und so kann man zum Vorbild der Welt werden.
Deutung: Heshanggong kommentierte: „rénsuīzhīzhāozhāomíngbáidāngshǒuzhīànmèisuǒjiànshìwèitiānxiàshì" („Obwohl man die eigene Brillanz und Klarheit kennt, soll man dennoch an Stille und Dunkelheit festhalten, als wäre man trübe und sehe nichts; so kann man zum Vorbild der Welt werden"). Dies korrespondiert mit Kapitel 20: „rénzhāozhāoruòhūn" („Die gewöhnlichen Leute sind hell und scharfsinnig; ich allein bin wie benommen") — die Welt schätzt strahlende Brillanz, der Anhänger des Tao aber verweilt im Dunkeln und wird paradoxerweise zum ewigen Vorbild.
Ähnliche Ansichten: Kapitel 20: „rénzhāozhāoruòhūn" („Die gewöhnlichen Leute sind hell und scharfsinnig; ich allein bin wie benommen").

[Satz 4] wèitiānxiàshìchángguī。(Ist man das Vorbild der Welt, so irrt die beständige Tugend nicht, und man kehrt zum Grenzenlosen zurück.)

Kapitel 28 · Satz 4: wèitiānxiàshìchángguī

[Deutung 1] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: A-A
Übersetzung: Ist man das Vorbild der Welt, so wird die beständige Tugend frei von Irrtum sein, und man kehrt letztlich in das unendliche, grenzenlose Reich zurück.
Deutung: Dies ist die zweite Stufe der Rückkehr. Am Schwarzen festhalten als Vorbild → Tugend ohne Irrtum → Rückkehr zum Grenzenlosen (). „Das Grenzenlose" geht einen Schritt weiter als „der Säugling": Der Säugling ist eine Rückkehr zum Urzustand des Menschen, das Grenzenlose eine Rückkehr zum unendlichen Reich, das fundamentaler ist als das Menschliche — es nähert sich dem ontologischen Wesen des Tao (dào). Vom Säugling (greifbare Unschuld) zum Grenzenlosen (unfassbare Unendlichkeit) dringt das Kapitel Schicht um Schicht tiefer vor.
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „qióng" („Es kann nicht erschöpft werden").
Kapitel 28 · Satz 4: wèitiānxiàshìchángguī

[Deutung 2] Traditionell · Mittlere Glaubwürdigkeit

Kombination: A-B
Übersetzung: Ist man das Vorbild der Welt, so weicht die beständige Tugend niemals ab, und man kehrt in das grenzenlose Reich ewigen Lebens zurück.
Deutung: Heshanggong deutete aus der Perspektive der Lebenspflege: „chàchángshēngjiǔ寿shòuguīshēnqióng" („Wenn die Tugend ohne Irrtum ist, erlangt man ewiges Leben und Langlebigkeit und führt den Leib in das Reich unbegrenzter Dauer zurück"). Der Übende, der im Verborgenen verweilt und nicht prahlt, dessen Tugend ohne Irrtum ist, kann letztlich Unsterblichkeit und Langlebigkeit erlangen. Dies spiegelt die daoistische Prägung des Heshanggong-Kommentars wider.
Ähnliche Ansichten: Heshanggong: „chàchángshēngjiǔ寿shòuguīshēnqióng" („Wenn die Tugend ohne Irrtum ist, erlangt man ewiges Leben und Langlebigkeit und führt den Leib in das Reich unbegrenzter Dauer zurück").

[Satz 5] zhīróngshǒuwèitiānxià。(Den Ruhm kennen, an der Schmach festhalten und zum Tal der Welt werden.)

Kapitel 28 · Satz 5: zhīróngshǒuwèitiānxià

[Deutung 1] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: róngA-A-A
Übersetzung: Den Aspekt des Ruhmes kennen, doch am Aspekt der Schmach festhalten — bereitwillig zum Tal der Welt werden.
Deutung: Dies ist das dritte Gegensatzpaar. Bergbach → Vorbild → Tal: Die drei Metaphern steigern sich fortschreitend. Ruhm kennen und an Schmach festhalten ist anspruchsvoller als das Männliche kennen und am Weiblichen festhalten oder das Weiße kennen und am Schwarzen festhalten — denn Ruhm und Schmach berühren die persönliche Würde und sind somit am tiefsten empfunden. Angesichts der Ehre die Demütigung zu wählen, so wie ein Tal, das am tiefsten Punkt liegt und alle Ströme aufnimmt, stellt die höchste Stufe der sittlichen Kultivierung dar.
Ähnliche Ansichten: Kapitel 8: „shuǐshànwànérzhēngchùzhòngrénzhīsuǒè" („Das Wasser ist trefflich darin, allen Wesen zu nützen, ohne zu wetteifern, und verweilt dort, wo die Menschen es verachten").
Kapitel 28 · Satz 5: zhīróngshǒuwèitiānxià

[Deutung 2] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: róngB-B-B
Übersetzung: Die eigene Erhabenheit kennen, doch in einer niedrigen Stellung verharren; die Welt wird einem zuströmen, wie Wasser in ein tiefes Tal fließt.
Deutung: Heshanggong kommentierte: „rénnéngzhīzhīyǒuróngguìdāngshǒuzhīzhuóshìtiānxiàguīzhīshuǐliúshēn" („Kann man die eigene Ehre und Vornehmheit erkennen und dennoch am Niedrigen und Beschmutzten festhalten, so wird die Welt sich einem zuwenden, wie Wasser in ein tiefes Tal fließt"). Er betonte den Aspekt der Staatsführung: Wenn die Mächtigen und Hochgestellten es annehmen können, an einem bescheidenen Ort zu verweilen, werden die Menschen der Welt sich von selbst fügen. In Heshanggongs Sicht stellen die drei Gegensatzpaare (Bergbach, Vorbild, Tal) drei Dimensionen der Tugendkultivierung () des Herrschers dar.
Ähnliche Ansichten: Heshanggong: „tiānxiàguīzhīshuǐliúshēn" („Die Welt wendet sich ihm zu, wie Wasser in ein tiefes Tal fließt").

[Satz 6] wèitiānxiàchángnǎiguī。(Ist man das Tal der Welt, so wird die beständige Tugend endlich vollkommen, und man kehrt zum Unbehauenen Block zurück.)

Kapitel 28 · Satz 6: wèitiānxiàchángnǎiguī

[Deutung 1] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: A-A
Übersetzung: Ist man das Tal der Welt, so wird die beständige Tugend voll und vollkommen, und man kehrt letztlich zur ursprünglichen Schlichtheit zurück — zum Unbehauenen Block ().
Deutung: Dies ist die dritte Stufe der Rückkehr: Säugling → Grenzenloses → Unbehauener Block. Die drei Stufen dringen immer tiefer vor: Der Säugling ist der konkrete Urzustand des Menschen; das Grenzenlose ist das abstrakte Reich der Unendlichkeit; der Unbehauene Block () ist das ontologische Wesen des Tao (dào) selbst — das unbearbeitete Holz, der Urzustand aller Dinge. Wang Bi fasste die drei Gegensatzpaare zusammen: „sānzhěyánchángfǎnzhōnghòunǎiquánsuǒchù" („Diese drei sprechen alle davon, stets zum Letzten zurückzukehren; erst dann ist die Tugend vollkommen an ihrem Ort").
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „sānzhěyánchángfǎnzhōnghòunǎiquánsuǒchù" („Diese drei sprechen alle davon, stets zum Letzten zurückzukehren; erst dann ist die Tugend vollkommen an ihrem Ort").
Kapitel 28 · Satz 6: wèitiānxiàchángnǎiguī

[Deutung 2] Traditionell · Mittlere Glaubwürdigkeit

Kombination: B-A
Übersetzung: Ist man das Tal der Welt, so kommt die beständige Tugend in einem selbst zur Ruhe, und man kehrt zur schmucklosen Schlichtheit zurück.
Deutung: Heshanggong deutete: „rénnéngwèitiānxiànǎichángzhǐdāngguīshēnzhìwèiwénshì" („Kann man das Tal der Welt sein, so wohnt die Tugend beständig in einem selbst. Man soll das Selbst zur ursprünglichen Schlichtheit zurückführen und auf Verzierung verzichten"). Hier nimmt „" die Bedeutung „anhalten" oder „zur Ruhe kommen" an — die Tugend fließt nicht nach außen ab und zerstreut sich nicht, sondern ruht fest im Selbst. „" betont das Ablegen erworbener Verzierungen und Äußerlichkeiten, um die ursprüngliche Natur wiederherzustellen.
Ähnliche Ansichten: Heshanggong: „dāngguīshēnzhìwèiwénshì" („Man soll das Selbst zur ursprünglichen Schlichtheit zurückführen und auf Verzierung verzichten").

[Satz 7] sànwèishèngrényòngzhīwèiguānzhǎngzhì。(Wenn der Unbehauene Block sich zerteilt, wird er zu Gerätschaften; der Weise wendet dieses Prinzip an und wird zum Oberhaupt der Beamten; darum zerschneidet die höchste Ordnung nicht.)

Kapitel 28 · Satz 7: sànwèishèngrényòngzhīwèiguānzhǎngzhì

[Deutung 1] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: A-A-zhìA-A
Übersetzung: Wenn das schlichte, unbehauene Holz zerteilt wird, entstehen verschiedene Gerätschaften; der Weise (shèngrén) wendet dieses Prinzip an und wird zum Oberhaupt aller Beamten; darum zerschneidet und zerteilt die höchste Ordnung nicht.
Deutung: Dies ist der Schluss und Höhepunkt des gesamten Kapitels. Wenn das unbehauene Holz (die wahrhaftige Wirklichkeit des Tao) zerschnitten und bearbeitet wird, entstehen verschiedene Gerätschaften — dies ist der Übergang vom „Einen" zum „Vielen". Der Weise versteht dieses Prinzip zutiefst: Da alle Dinge sich aus dem Unbehauenen Block differenzieren, sollte die Regierung der Welt sich auf diesen „Block" (das grundlegende Tao) stützen, um die Ausdifferenzierung aller Dinge zu ordnen, sodass jedes seinen Platz findet, ohne dass die Gesamtharmonie verloren geht. „Die höchste Ordnung zerschneidet nicht" ist die zentrale These — das höchste System kategorisiert und zerteilt nicht gewaltsam, sondern folgt der Natur und bewahrt das Ganze.
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „zhìzhětiānxiàzhīxīnwèixīn" („Die höchste Ordnung nimmt das Herz der Welt als ihr eigenes Herz; darum zerschneidet sie nicht").
Kapitel 28 · Satz 7: sànwèishèngrényòngzhīwèiguānzhǎngzhì

[Deutung 2] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: B-B-zhìB-A
Übersetzung: Wenn die wahrhaftige Wirklichkeit des großen Tao sich zerstreut, bildet sie die verschiedenen Fähigkeiten und Funktionen aller Dinge; der Weise wendet das Tao an, um alle Beamten zu führen; darum bringt das Regieren durch das große Tao keinen Schaden.
Deutung: Wang Bi bot eine tiefere Lesart: „zhēnzhēnsànbǎixíngchūshūlèishēngruòshèngrényīnfēnsànwèizhīguānzhǎngshànwèishīshànwèifēng使shǐguī" („ bedeutet das Wahrhaftige. Wenn das Wahrhaftige sich zerstreut, treten hundert Handlungsweisen hervor und unterschiedliche Gattungen entstehen, gleich Gerätschaften. Der Weise folgt ihrer Differenzierung und setzt Beamte ein, um sie zu führen. Er nimmt das Gute als Lehrmeister und das Nicht-Gute als Hilfsquelle, wandelt Sitten und Bräuche und führt alles zurück zur Einheit"). Der „Unbehauene Block" des Tao zerstreut sich in die unzähligen Erscheinungen; der Weise folgt der Vielfalt aller Dinge, um Institutionen zu schaffen — keine erzwungene Vereinheitlichung, sondern ein harmonisches Nebeneinander der Verschiedenheiten, das letztlich zur Einheit zurückkehrt.
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „zhēnsànbǎixíngchū……使shǐguī" („Wenn das Wahrhaftige sich zerstreut, treten hundert Handlungsweisen hervor… er führt alles zurück zur Einheit").
Kapitel 28 · Satz 7: sànwèishèngrényòngzhīwèiguānzhǎngzhì

[Deutung 3] Traditionell · Mittlere Glaubwürdigkeit

Kombination: A-sànB-zhìB-B
Übersetzung: Wenn die schlichte, wahrhaftige Natur aller Dinge sich zerstreut, wird sie zu verschiedenen Instrumenten und Funktionen (ebenso wie das Tao sich zu göttlichen Kräften zerstreut, zu Sonne und Mond fließt und in die Fünf Wandlungsphasen aufteilt); der Weise wendet dieses Prinzip an, um alle Beamten zu führen; darum schadet das Regieren der Welt durch das große Tao dem Herzen des Volkes nicht, und die Pflege des Leibes schadet dem Geist nicht.
Deutung: Heshanggongs Lesart vereint Kosmologie und Leibespraxis: „wànzhīsànwèiyòngruòdàosànwèishénmíngliúwèiyuèfēnwèixíng" („Wenn die schlichte Natur aller Dinge sich zerstreut, wird sie zu verschiedenen Instrumenten. Ebenso zerstreut sich das Tao zu göttlichen Kräften, fließt in Sonne und Mond und teilt sich in die Fünf Wandlungsphasen"). Dies skizziert eine Kosmogonie: Der Unbehauene Block des Tao zerstreut sich → göttliche Kräfte → Sonne und Mond → Fünf Wandlungsphasen → alle Dinge. „zhìshēndàozhìqínghàijīngshén" („Bei der Leibespflege lenkt man mit dem großen Tao die Begierden und Leidenschaften, ohne den Geist zu schädigen") — dies dehnt „die höchste Ordnung zerschneidet nicht" auf die Ebene der Selbstkultivierung aus: das große Tao nutzen, um die Begierden zu regulieren und den Geist zu bewahren.
Ähnliche Ansichten: Heshanggong: „ruòdàosànwèishénmíngliúwèiyuèfēnwèixíng" („Wenn das Tao sich zerstreut, wird es zu göttlichen Kräften, fließt in Sonne und Mond und teilt sich in die Fünf Wandlungsphasen").

Zusammenfassung des Kapitels

Dieses Kapitel enthält 15 Deutungskombinationen.

[Kerndifferenzen]

Das achtundzwanzigste Kapitel ist eines der strukturell symmetrischsten Kapitel des Tao Te Ching und baut auf drei streng parallelen Gegensatzpaaren auf (männlich/weiblich—Bergbach—Säugling, weiß/schwarz—Vorbild—Grenzenloses, Ruhm/Schmach—Tal—Unbehauener Block), die das vollkommene syntaktische Muster bilden: „X kennen, Y bewahren → zum Z der Welt werden → die beständige Tugend nicht W → zu P zurückkehren". Die zentrale Methodik ist „die Stärke kennen, die Schwäche bewahren" — in drei Dimensionen (Stärke und Schwäche in der Kraft, Helligkeit und Dunkelheit im Glanz, Ruhm und Schmach im Status) wählt man stets den Rückzug auf die schwächere Seite; so bleibt die Tugend beständig, und man kann letztlich zum Ursprünglichen zurückkehren. Die drei „Rückkehren" bilden eine Folge immer tieferer Regression: Säugling (der Anfang des Menschseins) → Grenzenloses (die Unendlichkeit des Seins) → Unbehauener Block (das ontologische Wesen des Tao), was andeutet, dass das letzte Ziel der Kultivierung des Tao die Rückkehr zum ursprünglichen, undifferenzierten „Unbehauenen Block" ist, der der Differenzierung aller Dinge vorausgeht. Der letzte Satz, „Wenn der Unbehauene Block sich zerteilt, wird er zu Gerätschaften; der Weise wendet dieses Prinzip an und wird zum Oberhaupt der Beamten; darum zerschneidet die höchste Ordnung nicht", erhebt das Kapitel von der persönlichen Kultivierung zur politischen Philosophie — der Unbehauene Block des Tao zerstreut sich zur Vielfalt und Mannigfaltigkeit aller Dinge, und die Regierung des Weisen soll dieser Vielfalt folgen, statt Gleichförmigkeit aufzuzwingen; nur so ist es „die höchste Ordnung, die nicht zerschneidet" — die höchste Regierungsform, die die natürliche Harmonie aller Dinge bewahrt. Wang Bi fasste treffend zusammen: „sānzhěyánchángfǎnzhōnghòunǎiquánsuǒchù" („Diese drei sprechen alle davon, stets zum Letzten zurückzukehren; erst dann ist die Tugend vollkommen an ihrem Ort"), und zitierte ferner „fǎnzhědàozhīdònggōngchángchù" („Die Umkehr ist die Bewegung des Tao; Verdienst kann nicht beansprucht werden; man muss stets in der Mutter verweilen"), wodurch er das gesamte Kapitel in sein System des „Nicht-Sein () als Grundlage" einordnete. Heshanggong hingegen behandelte durchgängig Selbstkultivierung und Staatsführung gemeinsam: männlich/weiblich, weiß/schwarz, Ruhm/Schmach sind die Praktiken der Selbstkultivierung; Bergbach, Vorbild, Tal sind die Tugenden der Staatsführung; schließlich werden „den Geist nicht schädigen" und „nicht zerschneiden und verletzen" in eins zusammengefasst.

Anhang: Glossar der Schlüsselzeichen

zhī
A. [Verb] Wissen; verstehen
Quelle: Grundbedeutung.
B. [Verb] In vollem Bewusstsein wissen; zutiefst verstehen (mit Betonung der bewussten Wahl)
Quelle: Erweiterte Bedeutung. Nicht Unwissenheit, sondern volles Bewusstsein gefolgt von absichtlichem Handeln.
xióng
A. [Subst./Adj.] Männlich; stark, bestimmt, nach Vorrang strebend
Quelle: Grundbedeutung. Wang Bi: „xióngxiānzhīshǔ" („Das Männliche gehört zum Vortritt").
B. [Subst.] Erhabenheit; eine Position hohen Ranges
Quelle: Heshanggong: „xióngzūn" („Das Männliche ist eine Metapher für Erhabenheit").
shǒu
A. [Verb] Festhalten; bewahren
Quelle: Grundbedeutung. Aktiv einen bestimmten Zustand beibehalten.
B. [Verb] Sich bescheiden in etwas fügen; in etwas verharren
Quelle: Erweiterte Bedeutung. Friedlich an einer bestimmten Stelle verweilen.
A. [Subst./Adj.] Weiblich; sanft, nachgebend, zurückbleibend
Quelle: Grundbedeutung. Wang Bi: „hòuzhīshǔ" („Das Weibliche gehört zum Nachfolgen").
B. [Subst.] Bescheidenheit; eine niedrige Stellung
Quelle: Heshanggong: „bēi" („Das Weibliche ist eine Metapher für Bescheidenheit").
A. [Subst.] Bergbach; an einem tief gelegenen Ort gelegen
Quelle: Grundbedeutung. Der Bergbach liegt am tiefsten Punkt; alle Wasser fließen zu ihm.
B. [Subst.] Tiefer Bach; Wasserrinne in einem tiefen Tal (Metapher für Bescheidenheit und Empfänglichkeit)
Quelle: Heshanggong: „shuǐliúshēn" („Wie Wasser in einen tiefen Bach fließt").
cháng
A. Beständige Tugend; ewige und unveränderliche Tugend
Quelle: Grundbedeutung. „cháng" bedeutet fortwährend und unveränderlich.
B. Angeborene und wahrhaftige Tugend
Quelle: Erweiterte Bedeutung. Bezeichnet die in der ursprünglichen Natur liegende Tugend.
A. Nicht weichen; das Selbst nicht verlassen
Quelle: Grundbedeutung. Die Tugend begleitet beständig.
guī
A. Zurückkehren; wiederherstellen
Quelle: Grundbedeutung. In den ursprünglichen Zustand zurückversetzen.
yīngér
A. Säugling; neugeborenes Kind (Metapher für einen Zustand reiner Unschuld)
Quelle: Wiederkehrendes Bild bei Laozi. Kapitel 10: „zhuānzhìróunéngyīngér" („Das Qi sammeln und Geschmeidigkeit erlangen — kann man wie ein Säugling sein?"). Kapitel 20: „yīngérzhīwèihái" („Wie ein Säugling, der noch nicht gelächelt hat").
B. Ein geistiger Zustand ursprünglicher Einfachheit, frei von Wissen und Begierde
Quelle: Heshanggong: „chǔnránérsuǒzhī" („Einfältig und ohne Wissen").
bái
A. [Subst./Adj.] Weiß; hell, leuchtend
Quelle: Grundbedeutung. Metapher für Helligkeit und Hervortreten.
B. [Subst.] Glanz; Klarheit und Scharfsicht
Quelle: Heshanggong: „báizhāozhāo" („Weiß ist eine Metapher für Glanz").
hēi
A. [Subst./Adj.] Schwarz; dunkel, verborgen
Quelle: Grundbedeutung. Metapher für das Verborgene und Unauffällige.
B. [Subst.] Stille; unscheinbare Dunkelheit
Quelle: Heshanggong: „hēi" („Schwarz ist eine Metapher für stille Dunkelheit").
shì
A. [Subst.] Vorbild; Maßstab, Muster
Quelle: Wang Bi: „shì" („shì bedeutet Vorbild oder Maßstab").
A. [Verb/Subst.] Irrtum; Abweichung
Quelle: Wang Bi: „chà" („ bedeutet Abweichung").
A. Ohne Grenze; das Grenzenlose, das Unendliche
Quelle: Wang Bi: „qióng" („Es kann nicht erschöpft werden").
B. Das Reich unbegrenzter Lebensdauer
Quelle: Heshanggong: „chàchángshēngjiǔ寿shòuguīshēnqióng" („Wenn die Tugend ohne Irrtum ist, erlangt man ewiges Leben und Langlebigkeit und führt den Leib in das Reich unbegrenzter Dauer zurück").
róng
A. [Subst./Adj.] Ruhm; Ehre
Quelle: Grundbedeutung.
B. [Subst.] Erhabenheit; hoher Rang
Quelle: Heshanggong: „róngzūnguì" („Ruhm ist eine Metapher für Erhabenheit").
A. [Subst./Adj.] Schmach; Niedrigkeit
Quelle: Grundbedeutung. Das Gegenteil von Ruhm.
B. [Subst.] Besudelung; Niedrigkeit und Schmutz
Quelle: Heshanggong: „zhuó" („Schmach ist eine Metapher für Besudelung").
A. [Subst.] Tal; tief gelegenes Gelände
Quelle: Grundbedeutung. Das Tal liegt am tiefsten, nimmt aber alle Ströme auf.
B. [Subst.] Hohles Tal (Metapher für Leere und Aufnahmefähigkeit)
Quelle: Kapitel 6: „shén" („Der Geist des Tales stirbt nie"). Die Leere des Tales ist die Grundlage seiner Wirkung.
A. [Adj.] Hinreichend; voll, vollkommen
Quelle: Grundbedeutung. Die Tugend ist voll und es fehlt an nichts.
B. [Verb] Anhalten; zur Ruhe kommen
Quelle: Heshanggong: „zhǐ" („ bedeutet anhalten").
A. [Subst.] Unbearbeitetes Holz; ursprüngliche Schlichtheit
Quelle: Kernbegriff. Shuowen Jiezi: „" („ ist Holz in seinem natürlichen Zustand"). Kapitel 15: „dūnruò" („Aufrichtig, gleichsam ein unbehauener Block").
B. [Subst.] Ein Beiname des Tao; der ursprüngliche Zustand des großen Tao
Quelle: Philosophischer Begriff. Kapitel 32: „dàochángmíng" („Das Tao ist ewig namenlos — der Unbehauene Block"). Wang Bi: „zhēn" („ bedeutet das Wahrhaftige").
sàn
A. [Verb] Sich zerstreuen; sich differenzieren
Quelle: Grundbedeutung. Das unbehauene Holz wird bearbeitet und in verschiedene Gerätschaften zerteilt.
A. [Subst.] Gerätschaft; verschiedene Gebrauchsgegenstände
Quelle: Grundbedeutung. Durch Bearbeitung entstandene konkrete Gegenstände.
B. [Subst.] Verschiedene Fähigkeiten und Funktionen
Quelle: Erweiterte Bedeutung. Heshanggong: „yòng" („ bedeutet Nutzen").
yòng
A. [Verb] Anwenden; gebrauchen (dieses Prinzip)
Quelle: Grundbedeutung.
guānzhǎng
A. Oberhaupt der Beamten; der Führer, der alle Beamten leitet
Quelle: Grundbedeutung. D.h. der Herrscher.
zhì
A. Die höchste Ordnung; das vollkommenste System
Quelle: Grundbedeutung. „" bedeutet bei Laozi oft „das Vollkommenste".
B. Die Welt mittels des großen Tao lenken
Quelle: Heshanggong: „dàozhìtiānxià" („Die Welt durch das große Tao lenken").
A. Nicht zerschneiden; nicht zerteilen, nicht schädigen
Quelle: Grundbedeutung. Die Gesamtharmonie bewahren, ohne gewaltsame Zerteilung.
B. Den Geist nicht schädigen (im Kontext der Selbstkultivierung)
Quelle: Heshanggong: „zhìshēndàozhìqínghàijīngshén" („Bei der Leibespflege lenkt man mit dem großen Tao die Begierden und Leidenschaften, ohne den Geist zu schädigen").