Übersetzung: Wer geschickt zu gehen versteht, hinterlässt weder Wagenspuren noch Fußabdrücke.
Deutung: Die wörtliche Bedeutung. Wer geschickt geht, tritt so leicht auf, dass keine Spuren zurückbleiben. Dies ist ein Gleichnis für meisterhaftes Handeln, das weder Angriffsfläche noch Schwachstellen hinterlässt. Wang Bis Kommentar: „顺自然而行,不造不始,故物得至而无辙迹也" — „Wer in Übereinstimmung mit der Natur handelt, ohne etwas zu konstruieren oder zu beginnen, lässt die Dinge ihre Erfüllung finden, ohne Spuren zu hinterlassen." Der Kern liegt im „Handeln in Übereinstimmung mit der Natur": Ohne bewusstes Konstruieren vollenden sich die Dinge von selbst und hinterlassen naturgemäß keine Spuren.
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „顺自然而行,不造不始,故物得至而无辙迹也" — „Wer in Übereinstimmung mit der Natur handelt, ohne etwas zu konstruieren oder zu beginnen, lässt die Dinge ihre Erfüllung finden, ohne Spuren zu hinterlassen."
Übersetzung: Wer geschickt das Tao (道) zu praktizieren versteht, hinterlässt keine Spuren.
Deutung: Heshang Gong deutet „行" als „das Tao praktizieren" — den großen Weg kultivieren. Wer geschickt den Weg kultiviert, „求之于身,不下堂,不出门" (sucht es in sich selbst, ohne die Halle hinabzusteigen, ohne das Tor zu durchschreiten), arbeitet an sich selbst und hinterlässt daher in der äußeren Welt natürlicherweise keinerlei Fußabdrücke. Diese Lesart erhebt „善行" von der alltäglichen Handlung auf die Ebene der geistigen Kultivierung.
Ähnliche Ansichten: Heshang Gong: „善行道者求之于身,不下堂,不出门,故无辙迹" — „Wer geschickt den Weg praktiziert, sucht ihn in sich selbst, ohne die Halle hinabzusteigen, ohne das Tor zu durchschreiten — daher keine Wagenspuren und Fußabdrücke." Kapitel 47: „不出户,知天下" — „Ohne das Haus zu verlassen, kennt man die Welt."
Übersetzung: Vollkommenes Handeln hinterlässt keine Spur.
Deutung: Hier nimmt „善" die Bedeutung „vollkommen" an und „行" die von „Handeln". Die vollendetste Art zu handeln besteht darin, keine Spur zu hinterlassen — das Werk ist vollbracht, ohne dass jemand weiß, was getan wurde. Diese Lesart korrespondiert mit Kapitel 17: „太上,不知有之" — „Vom besten Herrscher weiß das Volk nicht einmal, dass er existiert."
Ähnliche Ansichten: Kapitel 17: „太上,不知有之" — „Vom besten Herrscher weiß das Volk nicht einmal, dass er existiert." „功成事遂,百姓皆谓我自然" — „Ist das Werk vollbracht und die Angelegenheiten erledigt, sagt das Volk: ‚Wir haben es selbst getan.'"
Übersetzung: Wer geschickt zu reden versteht, hinterlässt weder Makel noch Fehler.
Deutung: Die verbreitetste Deutung. Wer in der Redekunst bewandert ist, drückt sich mit solcher Vollständigkeit aus, dass kein Mangel zu beanstanden ist. Wang Bis Kommentar: „顺物之性,不别不析,故无瑕讁可得其门也" — „Indem man der Natur der Dinge folgt, ohne zu unterscheiden und zu zerlegen, gibt es kein Tor, durch das Makel oder Tadel eindringen könnten." Der Kern liegt im „Nicht-Unterscheiden und Nicht-Zerlegen": Indem man die Dinge nicht aufteilt, um sie zu beurteilen, vermeidet man naturgemäß jede Fehlaussage. Diese Lesart birgt die tiefere Bedeutung des sparsamen, aber treffenden Sprechens in Übereinstimmung mit der Natur.
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „顺物之性,不别不析,故无瑕讁可得其门也" — „Indem man der Natur der Dinge folgt, ohne zu unterscheiden und zu zerlegen, gibt es kein Tor, durch das Makel oder Tadel eindringen könnten."
Übersetzung: Wer geschickt zu reden versteht, zieht sich keinen Tadel zu.
Deutung: Hier nimmt „讁" die Bedeutung „Tadel, Rüge" an. Heshang Gongs Kommentar: „择言而出之,则无瑕疵讁过于天下" — „Wenn man seine Worte sorgfältig wählt, bevor man sie ausspricht, zieht man sich in der Welt weder Makel noch Tadel noch Fehler zu." Der Schlüssel zum geschickten Reden liegt im „Wählen" — den richtigen Zeitpunkt, den richtigen Ort und das richtige Gegenüber zu wählen. Wer mit Bedacht spricht, vermeidet naturgemäß jeden Tadel.
Ähnliche Ansichten: Heshang Gong: „善言谓择言而出之,则无瑕疵讁过于天下" — „Geschicktes Reden bedeutet, seine Worte zu wählen, bevor man sie ausspricht; so zieht man sich weder Makel noch Tadel noch Fehler zu."
Übersetzung: Wer geschickt zu rechnen versteht, braucht weder Rechenstäbe noch Zählstäbe.
Deutung: Die verbreitetste Deutung. Wer im Rechnen bewandert ist, rechnet im Kopf mit göttlicher Präzision und braucht keine äußeren Hilfsmittel. Dies ist ein Gleichnis für den Menschen des Tao (道), der die Gesetzmäßigkeiten der Dinge so gründlich durchschaut, dass er keine komplexen Methoden oder Werkzeuge benötigt. Wang Bis Kommentar ist knapp, aber tiefgründig: „因物之数不假形也" — „Er stützt sich auf die den Dingen innewohnenden Zahlen und bedarf keiner äußeren Formen."
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „因物之数不假形也" — „Er stützt sich auf die den Dingen innewohnenden Zahlen und bedarf keiner äußeren Formen."
Übersetzung: Wer die himmlischen Gesetzmäßigkeiten zu erfassen versteht, braucht keine Strategien und Berechnungen.
Deutung: Hier nimmt „数" die Bedeutung „himmlische Gesetzmäßigkeiten, Naturgesetze" an und „策" die von „Strategien". Wer die Wirkprinzipien des Kosmos durchdrungen hat, braucht keine geschickten Kniffe zur Bewältigung der Geschäfte — denn er handelt in Übereinstimmung mit der natürlichen Ordnung, und alles fügt sich von selbst. Heshang Gong: „善以道计事者,则守一不移,所计不多,则不用筹策而可知也" — „Wer geschickt durch das Tao zu rechnen versteht, hält am Einen fest und weicht nicht ab; was er berechnen muss, ist wenig, sodass er ohne Rechenstäbe erkennen kann."
Ähnliche Ansichten: Heshang Gong: „善以道计事者,则守一不移" — „Wer geschickt durch das Tao zu rechnen versteht, hält am Einen fest und weicht nicht ab."
Übersetzung: Wer geschickt zu schließen versteht, verwendet weder Riegel noch Querbalken, und doch kann man nicht öffnen; wer geschickt zu knüpfen versteht, verwendet weder Seil noch Strick, und doch kann man nicht lösen.
Deutung: Die verbreitetste Deutung. Zusammen mit den drei vorangegangenen Sätzen bilden diese eine Reihe von fünf Parallelsätzen nach dem Muster „wer geschickt … versteht". Wer geschickt schließt, verzichtet auf materielle Mittel (Riegel); wer geschickt knüpft, verzichtet auf materielle Werkzeuge (Seile), und doch ist das Ergebnis fester, als hätte er diese Mittel eingesetzt. Wang Bi fasst den Kerngedanken aller fünf Sätze zusammen: „此五者皆言不造不施,因物之性,不以形制物也" — „Alle fünf Sätze besagen, dass man nicht konstruiert und nicht auferlegt, sondern der Natur der Dinge folgt und nicht äußere Formen benutzt, um die Dinge zu beherrschen."
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „因物自然,不设不施,故不用关楗绳约而不可开解也。此五者皆言不造不施,因物之性,不以形制物也" — „In Übereinstimmung mit der Natur der Dinge, ohne etwas einzurichten oder aufzuerlegen, verwendet er weder Riegel noch Seil, und doch kann nichts geöffnet oder gelöst werden. Alle fünf Sätze besagen, dass man nicht konstruiert und nicht auferlegt, sondern der Natur der Dinge folgt und nicht äußere Formen benutzt, um die Dinge zu beherrschen."
Übersetzung: Wer geschickt die (Begierden) zu verschließen versteht, braucht weder Riegel noch Querbalken, und doch kann man nicht öffnen; wer geschickt die (Herzen) zu verbinden versteht, braucht weder Seil noch Strick, und doch kann man nicht lösen.
Deutung: Heshang Gong liest diese Stelle aus der Perspektive der geistigen Kultivierung: „善以道闭情欲、守精神者,不如门户有关楗可得开" — „Wer geschickt das Tao einsetzt, um die Begierden zu verschließen und den Geist zu bewahren, tut dies auf eine Weise, die sich — anders als eine Tür mit Riegel — nicht öffnen lässt." „善以道结事者,乃可结其心,不如绳索可得解也" — „Wer geschickt das Tao einsetzt, um Angelegenheiten zu verbinden, kann das Herz verbinden; anders als ein Seil lässt sich das nicht lösen." Das Verschließen der Begierden beruht auf der inneren Kraft des Tao und nicht auf äußerem Zwang; das Verbinden der Herzen beruht auf Aufrichtigkeit und nicht auf formalen Fesseln.
Ähnliche Ansichten: Heshang Gong: „善以道闭情欲、守精神者" — „Wer geschickt das Tao einsetzt, um die Begierden zu verschließen und den Geist zu bewahren." „善以道结事者,乃可结其心" — „Wer geschickt das Tao einsetzt, um Angelegenheiten zu verbinden, kann das Herz verbinden."
Übersetzung: Daher versteht der Weise (圣人) es stets, die Menschen zu retten, sodass niemand verworfen wird.
Deutung: Die verbreitetste Deutung. Der Weise (圣人) gibt niemanden auf — denn in seinen Augen besitzt jeder Mensch seinen Wert und seine Vorzüge. „Niemand wird verworfen" drückt die Weite des Blicks und die Großmut des Weisen aus. Wang Bis Kommentar enthüllt tiefgründig den Grund: „圣人不立形名以检于物,不造进向以殊弃不肖" — „Der Weise errichtet keine formalen Kategorien, um die Wesen zu sortieren, und schafft keine Rangordnungen, um die Unwürdigen auszusondern und zu verstoßen." Er „unterstützt die natürlichen Neigungen der zehntausend Dinge, ohne etwas zu beginnen" (辅万物之自然而不为始).
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „圣人不立形名以检于物,不造进向以殊弃不肖,辅万物之自然而不为始,故曰无弃人也" — „Der Weise errichtet keine formalen Kategorien, um die Wesen zu sortieren, schafft keine Unterscheidungen, um die Unwürdigen auszusondern. Er unterstützt die natürlichen Neigungen der zehntausend Dinge, ohne etwas zu beginnen — daher heißt es, dass niemand verworfen wird."
Übersetzung: Daher versteht der Weise (圣人) es stets, die Menschen zu erziehen, sodass niemand verworfen wird.
Deutung: Hier nimmt „救" die Bedeutung „erziehen, durch Lehre verwandeln" an. Heshang Gongs Kommentar: „圣人所以常教人忠孝者,欲以救人性命" — „Der Grund, warum der Weise stets Treue und Kindespietät lehrt, ist, dass er das Wesen und das Leben der Menschen retten will." Das „Retten" des Weisen ist keine materielle Hilfeleistung, sondern geistige Erziehung. Durch diese Erziehung findet jeder seinen rechten Platz: „使贵贱各得其所" (dafür sorgen, dass Vornehme und Geringe jeweils ihren Platz finden).
Ähnliche Ansichten: Heshang Gong: „圣人所以常教人忠孝者,欲以救人性命" — „Der Grund, warum der Weise stets Treue und Kindespietät lehrt, ist, dass er das Wesen und das Leben der Menschen retten will." „使贵贱各得其所也" — „Dafür sorgen, dass Vornehme und Geringe jeweils ihren Platz finden."
Übersetzung: Daher versteht der Weise (圣人) es stets, die Menschen zur Entfaltung zu bringen, sodass niemand verworfen wird.
Deutung: Hier nimmt „救" die Bedeutung „unterstützen, zur Verwirklichung bringen" an. Der Weise „rettet" nicht von oben herab, sondern unterstützt jeden dabei, seine natürliche Anlage zu verwirklichen. Wang Bis Kommentar hebt besonders die Logik des Regierens durch Nicht-Handeln (无为) hervor: „不尚贤能,则民不争;不贵难得之货,则民不为盗;不见可欲,则民心不乱。常使民心无欲无惑,则无弃人矣" — „Wenn die Weisen nicht gepriesen werden, wetteifert das Volk nicht; wenn seltene Güter nicht geschätzt werden, stiehlt das Volk nicht; wenn Begehrenswrertes nicht zur Schau gestellt wird, gerät das Herz des Volkes nicht in Verwirrung. Wenn das Herz des Volkes stets frei von Begierde und Verwirrung ist, dann wird niemand verworfen." Es ist nicht so, dass der Weise jeden Einzelnen aktiv rettet, sondern durch das Nicht-Handeln schafft er eine Umgebung, in der niemand verworfen wird.
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „常使民心无欲无惑,则无弃人矣" — „Wenn das Herz des Volkes stets frei von Begierde und Verwirrung ist, dann wird niemand verworfen."
Übersetzung: Er versteht es stets, alle Dinge zu nutzen, sodass nichts verschwendet wird.
Deutung: Parallel zu „niemand wird verworfen" im vorigen Satz. In den Augen des Weisen (圣人) ist nichts auf der Welt nutzlos — jedes Ding hat seinen Platz und seinen Wert. Dieser Gedanke korrespondiert mit Zhuangzis Vorstellung vom „Nutzen des Nutzlosen". Heshang Gongs Kommentar: „圣人不贱名而贵玉,视之如一" — „Der Weise verachtet nicht den Stein, um die Jade zu schätzen; er betrachtet sie als gleich."
Ähnliche Ansichten: Heshang Gong: „圣人不贱名而贵玉视之如一" — „Der Weise verachtet nicht den Stein, um die Jade zu schätzen; er betrachtet sie als gleich."
Übersetzung: Er versteht es stets, jedem Ding seinen rechten Platz zu lassen, sodass nichts verschwendet wird.
Deutung: Heshang Gong: „圣人所以常教民顺四时者,欲以救万物之残伤" — „Der Grund, warum der Weise das Volk stets lehrt, den vier Jahreszeiten zu folgen, ist, dass er die zehntausend Dinge vor Zerstörung und Schaden bewahren will." Diese Lesart versteht das „Retten der Dinge" im ökologischen Sinne — als Schutz und vernünftige Nutzung. Jede Daseinsform hat ihre ökologische Nische; entscheidend ist, ob die Menschen die Einrichtung der Natur zu verstehen wissen.
Ähnliche Ansichten: Heshang Gong: „圣人所以常教民顺四时者,欲以救万物之残伤" — „Der Grund, warum der Weise das Volk stets lehrt, den vier Jahreszeiten zu folgen, ist, dass er die zehntausend Dinge vor Zerstörung und Schaden bewahren will."
Übersetzung: Dies nennt man das in sich bewahrte Licht.
Deutung: Die verbreitetste Deutung. „袭明" ist ein Laozi eigentümlicher Begriff — ein Licht, das sich nicht nach außen zeigt, eine Weisheit, die im Herzen geborgen ist. Dieser Gedanke steht in Einklang mit Kapitel 58: „是以圣人方而不割,廉而不刿,直而不肆,光而不耀" — „Daher ist der Weise geradlinig, ohne zu schneiden; kantig, ohne zu verletzen; aufrecht, ohne sich aufzudrängen; leuchtend, ohne zu blenden." Wahre Weisheit ist nicht prahlerische Klugheit, sondern tiefverborgene Bewusstheit.
Ähnliche Ansichten: Kapitel 58: „光而不耀" — „Leuchtend, ohne zu blenden." Kapitel 52: „用其光,复归其明" — „Sein Licht gebrauchen und zu seiner Klarheit zurückkehren."
Übersetzung: Dies nennt man das Erbe des Lichts des großen Tao (道).
Deutung: Heshang Gongs Kommentar: „圣人善救人物,是谓袭明大道" — „Dass der Weise geschickt Menschen und Dinge rettet — das nennt man das Erbe des Lichts des großen Tao." Hier nimmt „袭" die Bedeutung „erben, fortführen" an. Die Meisterschaft des Weisen im Retten von Menschen und Dingen ist eine Manifestation seiner Weitergabe der Leuchtkraft des Tao. Diese Lesart versteht „袭明" als ein Verhältnis der Überlieferung: Das Tao besitzt Licht, und der Weise erbt es und handelt danach.
Ähnliche Ansichten: Heshang Gong: „圣人善救人物,是谓袭明大道" — „Dass der Weise geschickt Menschen und Dinge rettet — das nennt man das Erbe des Lichts des großen Tao."
Übersetzung: Dies nennt man das tiefgeschichtete Licht.
Deutung: Hier nimmt „袭" die Bedeutung „schichten, überdecken" an. Das Licht ist Schicht um Schicht umhüllt, tief verborgen — je wahrer die Weisheit, desto weniger zeigt sie sich an der Oberfläche. Diese Lesart betont die Tiefe des „Lichts" (明): Es ist kein oberflächlicher Glanz, sondern eine in den tiefsten Schichten verborgene Einsicht.
Ähnliche Ansichten: Dies ist verwandt mit Zhuangzis Gedanken „das Dunkle gebrauchen, um zum Licht zu gelangen" (用晦而明) sowie Kapitel 4: „和其光,同其尘" — „Sein Licht dämpfen und sich mit dem Staub vereinen."
Übersetzung: Darum ist der gute Mensch der Lehrer des schlechten; der schlechte Mensch ist das warnende Beispiel des guten.
Deutung: Die verbreitetste Deutung. Das Verhalten des guten Menschen dient dem schlechten als Vorbild zur Nachahmung, und die Fehler des schlechten Menschen dienen dem guten als Spiegel, um sich vor Irrtum zu schützen. Dieser Satz betont die Beziehung der Komplementarität zwischen Gut und Schlecht — beide existieren in wechselseitiger Abhängigkeit, und keines kann entbehrt werden. Dies verkörpert das dialektische Denken aus Kapitel 2: „有无相生、难易相成" — „Sein und Nichtsein erzeugen einander; Schwieriges und Leichtes vollenden einander."
Ähnliche Ansichten: Heshang Gong: „人之行善者,圣人即以为人师" — „Jene, die das Gute praktizieren — der Weise macht sie zu Lehrern für das Volk."
Übersetzung: Darum ist derjenige, der das Tao (道) erlangt hat, der Lehrer dessen, der es nicht erlangt hat; derjenige, der das Tao nicht erlangt hat, ist das Material, aus dem der Erlangte Belehrung schöpft.
Deutung: Wang Bis Kommentar: „善人以善齐不善,以善弃不善,故不善人善人之所取也" — „Der gute Mensch bringt den schlechten durch das Gute in Einklang und lässt das Schlechte durch das Gute hinter sich; darum ist der schlechte Mensch das Material, aus dem der gute schöpft." Hier nimmt „资" die Bedeutung „schöpfen aus" an. Der gute Mensch schöpft aus der Erfahrung und den Lektionen des schlechten, um sich selbst zu vervollkommnen, und verwandelt zugleich den schlechten durch das Gute. Diese Lesart betont stärker die Dimension des aktiven Handelns und der Verwandlung.
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „资,取也。善人以善齐不善,以善弃不善,故不善人善人之所取也" — „‚资' bedeutet ‚schöpfen aus'. Der gute Mensch bringt den schlechten durch das Gute in Einklang und lässt das Schlechte durch das Gute hinter sich; darum ist der schlechte Mensch das Material, aus dem der gute schöpft."
Übersetzung: Wer seinen Lehrer nicht wertschätzt und sein warnendes Beispiel nicht pflegt — obwohl er sich für klug hält, ist er in Wahrheit zutiefst verwirrt. Dies ist das wesentliche und subtile Prinzip.
Deutung: Die gängigste Deutung. „Seinen Lehrer nicht wertschätzen, sein warnendes Beispiel nicht pflegen" ist ein kritischer Warnruf: Wer den guten Menschen (den Lehrer) nicht achtet und die Lektionen, die der schlechte Mensch (das warnende Beispiel) bietet, nicht wertschätzt, der mag äußerlich klug erscheinen, ist aber in Wirklichkeit grundlegend in die Irre geführt. „Dies ist das wesentliche und subtile Prinzip" fasst diese doppelte Lektion zusammen — nur wer versteht, dass Gut und Schlecht einander als Lehrer und Material dienen, erfasst das wahrhaft Wesentliche. Heshang Gong: „虽自以为智,言此人乃大迷惑" — „Obwohl er sich für weise hält, sagt man, dieser Mensch sei zutiefst verwirrt."
Ähnliche Ansichten: Heshang Gong: „虽自以为智。言此人乃大迷惑" — „Obwohl er sich für weise hält — man sagt, dieser Mensch sei zutiefst verwirrt." „能通此意,是谓知微妙要道也" — „Diesen Sinn zu durchdringen heißt, den subtilen und wesentlichen Weg zu kennen."
Übersetzung: Wer seinen Lehrer nicht wertschätzt und sein warnendes Beispiel nicht pflegt — selbst wenn er Klugheit besitzt, wird er gewiss in große Verwirrung fallen. Darin liegt das Wesentliche.
Deutung: Wang Bis Kommentar: „虽有其智,自任其智,不因物,于其道必失。故曰,虽智大迷" — „Mag einer auch Klugheit besitzen — wenn er sich auf seine eigene Klugheit verlässt und sich nicht nach den Dingen richtet, wird er den Weg gewiss verlieren. Daher heißt es: ‚Klug und doch zutiefst verwirrt.'" Der Kern liegt im „sich auf seine eigene Klugheit verlassen und sich nicht nach den Dingen richten": Wer auf seine Geschicklichkeit vertraut und nicht der Natur der Dinge folgt, scheitert unweigerlich auf dem Weg. Diese Lesart erhebt die „große Verwirrung" auf die philosophische Ebene: Die tiefste Form der Verirrung ist nicht Unwissenheit, sondern die Illusion des Wissens.
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „虽有其智,自任其智,不因物,于其道必失。故曰,虽智大迷" — „Mag einer auch Klugheit besitzen — wenn er sich auf seine eigene Klugheit verlässt und sich nicht nach den Dingen richtet, wird er den Weg gewiss verlieren. Daher heißt es: ‚Klug und doch zutiefst verwirrt.'"
Übersetzung: Dem Lehrer nicht allzu viel Wert beimessen, das warnende Beispiel nicht allzu sehr hüten — obwohl dies wie Verwirrung aussieht, ist es in Wahrheit das wesentliche Prinzip.
Deutung: Diese Lesart deutet „seinen Lehrer nicht wertschätzen, sein warnendes Beispiel nicht pflegen" positiv statt als Tadel: Nicht absichtlich verehren, nicht absichtlich hüten — alles entsteht aus der Natürlichkeit, ohne jedes Festhalten an der Unterscheidung zwischen Lehrer und Lehrmaterial. „Klug und doch zutiefst verwirrt" ist das Urteil der gewöhnlichen Menschen (die Welt mag dies für große Torheit halten), doch gerade dies ist das „Wesentliche" — die Dualität von Gut und Schlecht zu transzendieren, die Dichotomie von Lehrer und Material zu überwinden, darin liegt die tiefste Wahrheit. Diese Lesart steht dem Geist von Zhuangzis „Gleichsetzung der Dinge" nahe.
Ähnliche Ansichten: Der Gedanke der „Gleichsetzung der Dinge" (齐物论) bei Zhuangzi. Dies korrespondiert auch mit der transzendenten Frage in Kapitel 2: „善之与恶,相去若何" — „Wie weit sind Gut und Böse voneinander entfernt?"
Dieses Kapitel enthält 22 Deutungskombinationen.
[Kerndifferenzen]
Kapitel 27 ist eine der vollständigsten Darlegungen der „Methodik des Nicht-Handelns" (无为) im Tao Te Ching. Das Kapitel entfaltet sich in drei zunehmend tieferen Schichten: (1) Die fünf Parallelsätze „wer geschickt … versteht" (Gehen, Reden, Rechnen, Schließen, Knüpfen) zeigen die konkreten Erscheinungsformen des Nicht-Handelns — die vollendetste Art zu handeln stützt sich nicht auf äußere Werkzeuge, sondern folgt der inneren Natur der Dinge; (2) „Niemand wird verworfen, nichts wird verschwendet" erhebt die Methodik des Nicht-Handelns zu einer Werttheorie — in der Sicht des Weisen gibt es auf der Welt keinen nutzlosen Menschen und kein nutzloses Ding; alles hat seinen rechten Platz und seinen Wert; (3) „Der gute Mensch ist der Lehrer" und „der schlechte Mensch ist das Material" sowie „seinen Lehrer nicht wertschätzen, sein Material nicht pflegen" führen die Erörterung zu ihrem philosophischen Kern — das dialektische Verhältnis zwischen Gut und Schlecht. Die Divergenz zwischen Wang Bi und Heshang Gong liegt hauptsächlich darin: Wang Bi betont das ontologische Prinzip des „Folgens der Natur der Dinge" (因物之性) — der natürlichen Beschaffenheit der Dinge entsprechen und nicht äußere Formen zu ihrer Beherrschung einsetzen — während Heshang Gong sich der Praxis der Selbstkultivierung zuwendet (das Tao in sich selbst praktizieren, die Begierden verschließen, um den Geist zu bewahren). Die nachdenklichste Stelle ist der Schluss: „klug und doch zutiefst verwirrt — darin liegt das Wesentliche" (虽智大迷,是谓要妙). Dies ist entweder ein strenger Tadel jener, die ihren Lehrer nicht achten (Hauptströmung), oder ein Hinweis auf die Transzendierung allen unterscheidenden Denkens (neuartige Deutung), und das Vorhandensein dieser interpretativen Divergenz selbst verkörpert die Vieldeutigkeit und Tiefe des Textes von Laozi.