Tao Te Ching Kapitel 29: Der vollständige Kommentar

Der folgende Inhalt bietet eine multiperspektivische Tiefenanalyse jedes Satzes dieses Kapitels, die traditionelle Kommentare, philologische Analysen, philosophische Interpretationen und weitere Dimensionen umfasst. Grundtext: Wang Bis Kommentar zum Daode Zhenjing, Ausgabe des Zhengtong Daozang
Die „Kombination"-Bezeichnung jeder Deutung folgt dem Format „Zeichen + Bedeutungsnummer" (z.B. „dàoC-A"), d.h. diese Deutung verwendet Bedeutung C von „dào" und Bedeutung A von „". Das vollständige Glossar finden Sie am Ende dieses Kapitels: [Anhang: Glossar der Schlüsselzeichen].

[Satz 1] jiāngtiānxiàérwèizhījiàn。(Wer die Welt an sich reißen und sie mit Gewalt umgestalten will — ich sehe voraus, dass er keinen Erfolg haben wird.)

Kapitel 29 · Satz 1: jiāngtiānxiàérwèizhījiàn

[Deutung 1] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: A-wèiA-A
Übersetzung: Wer die Welt an sich reißen und sie mit Gewalt umgestalten will — ich sehe voraus, dass er keinen Erfolg haben wird.
Deutung: Die gängigste Auslegung. Die Welt kann weder durch Gewalt noch durch Zwangsherrschaft ergriffen oder umgestaltet werden — wer versucht, menschliche Macht auf die Welt zu übertragen, ist zum Scheitern verurteilt. Das Wort „wèi" (wéi) trägt die Konnotation von „willkürlichem Handeln" (wàngwèi), jener Regierungsweise, die Laozi am entschiedensten ablehnt. „" bedeutet „das Ziel nicht erreichen können".
Ähnliche Ansichten: Heshanggong (shànggōng): „wèitiānxiàzhǔyǒuwèizhìmínjiàntiāndàorénxīnmíng。" („Er will Herr der Welt werden. Er will das Volk durch absichtliches Handeln regieren. Ich sehe deutlich, dass er sowohl den Weg des Himmels als auch die Herzen der Menschen verlieren wird.")
Kapitel 29 · Satz 1: jiāngtiānxiàérwèizhījiàn

[Deutung 2] Neuartig · Mittlere Glaubwürdigkeit

Kombination: B-wèiB-B
Übersetzung: Wer die Welt kontrollieren und absichtlich in sie eingreifen will — ich sehe voraus, dass er nicht mehr aufhören können wird.
Deutung: Hier wird „" als „nicht aufhören können" verstanden — hat man einmal begonnen, durch absichtliches Handeln zu regieren, gerät man in einen Teufelskreis immer chaotischerer Regierungsführung, aus dem man nicht mehr herausfindet. Diese Deutung enthält eine tiefere Warnung: Interventionistische Regierung ist ein Weg ohne Umkehr — leicht einzuschlagen, unmöglich aufzugeben.
Ähnliche Ansichten: Entspricht der Logik des Verfalls in Kapitel 30: „zhuànglǎo" („Wenn die Dinge ihren Höhepunkt erreichen, beginnen sie zu altern").

[Satz 2] tiānxiàshénwèiwèizhěbàizhīzhízhěshīzhī。(Die Welt ist ein heiliges Gefäß; man kann nicht an ihr handeln. Wer an ihr handelt, zerstört sie; wer sie festhält, verliert sie.)

Kapitel 29 · Satz 2: tiānxiàshénwèiwèizhěbàizhīzhízhěshīzhī

[Deutung 1] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: shénA-A-bàiA-zhíA-shīA
Übersetzung: Die Welt ist ein heiliges Gefäß; man darf nicht gewaltsam an ihr handeln. Wer gewaltsam handelt, wird sie zerstören; wer sich an sie klammert, wird sie verlieren.
Deutung: Die verbreitetste Auslegung. Die Welt besitzt ihre eigene natürliche Ordnung und ist ein „heiliges Gefäß" — sie kann nicht durch menschliche Anstrengung gewaltsam umgestaltet oder kontrolliert werden. Gewaltsames Handeln zerstört die natürliche Ordnung; Festklammern bewirkt das Gegenteil des Beabsichtigten. „wèi" (Handeln) und „zhí" (Festhalten) stellen zwei verschiedene Arten von Fehlern dar: Ersteres ist aktive Intervention, Letzteres passives Sich-Klammern.
Ähnliche Ansichten: Die Deutung, die sich in den meisten Standardkommentaren findet.
Kapitel 29 · Satz 2: tiānxiàshénwèiwèizhěbàizhīzhízhěshīzhī

[Deutung 2] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: shénB-B-bàiA-zhíA-shīA
Übersetzung: Die Welt ist ein formloses und geheimnisvoll zusammengesetztes Gefäß; man darf nicht leichtfertig an ihr handeln. Leichtfertiges Handeln wird sie zerstören; Festklammern wird sie verlieren lassen.
Deutung: Wang Bis Auslegung: „shénxíngfāngchéng。" („Shén bedeutet formlos und ohne feste Richtung. Qì bedeutet aus vielen Teilen zusammengesetzt.") Was die Welt „göttlich" macht, ist, dass ihre Zusammensetzung formlos ist — sie wurde von keiner Person erschaffen oder entworfen, sondern entstand aus dem natürlichen Zusammenwirken der zehntausend Dinge. „wànránwèixìngyīnérwèitōngérzhí。" („Die zehntausend Dinge nehmen die Natürlichkeit als ihre Natur; daher kann man ihnen folgen, aber nicht an ihnen handeln; man kann mit ihnen in Einklang sein, aber sie nicht festhalten.")
Ähnliche Ansichten: Wang Bi (wáng): „wànránwèixìngyīnérwèitōngérzhíyǒuchángxìngérzàowèizhībài。" („Die zehntausend Dinge nehmen die Natürlichkeit als ihre Natur; daher kann man ihnen folgen, aber nicht an ihnen handeln; man kann mit ihnen in Einklang sein, aber sie nicht festhalten. Die Dinge haben ihre beständige Natur; sie künstlich zu erzwingen führt unweigerlich zum Scheitern.")
Kapitel 29 · Satz 2: tiānxiàshénwèiwèizhěbàizhīzhízhěshīzhī

[Deutung 3] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: shénC-A-bàiB-zhíB-shīB
Übersetzung: Die Menschen sind die wundersamsten Wesen unter dem Himmel; man kann sie nicht mit Gewalt regieren. Gewaltsames Handeln verdirbt ihre angeborene Natur; gewaltsame Kontrolle führt zum Verlust ihrer wahren Gefühle.
Deutung: Heshanggong deutet „heiliges Gefäß" (shén) als „Menschen" — die Menschen sind die wundersamste Existenz unter dem Himmel. „shénhǎoānjìngyǒuwèizhì。" („Wundersame Wesen lieben die Ruhe und können nicht durch absichtliches Handeln regiert werden.") Sie durch absichtliches Handeln zu regieren, verdirbt ihre „angeborene Natur" (zhìxìng, zhìxìng — ihren schlichten natürlichen Charakter); sich an moralische Belehrung zu klammern, führt zum Verlust ihrer „wahren Gefühle" (qíngshí, qíngshí — ihrer authentischen Empfindungen) und erzeugt Betrug und Heuchelei. Diese Deutung ist die humanistischste.
Ähnliche Ansichten: Heshanggong (shànggōng): „rénnǎitiānxiàzhīshénshénhǎoānjìngyǒuwèizhìwèizhěbàizhīyǒuwèizhìzhībàizhìxìng。" („Die Menschen sind die wundersamen Wesen der Welt. Wundersame Wesen lieben die Ruhe und können nicht durch absichtliches Handeln regiert werden. An ihnen zu handeln heißt, sie zu zerstören; sie durch absichtliches Handeln zu regieren, verdirbt ihre angeborene Natur.")

[Satz 3] huòxínghuòsuí;(Daher gehen unter den Dingen manche voran und manche folgen nach;)

Kapitel 29 · Satz 3: huòxínghuòsuí

[Deutung 1] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: xíngA-suíA
Übersetzung: Daher gehen unter den zehntausend Dingen manche voran und manche folgen nach.
Deutung: Die gängigste Auslegung. Die zehntausend Dinge sind von Natur aus ungleich — manche sind vorn, manche hinten — und dies ist ihr natürlicher Zustand, der durch menschliches Eingreifen nicht verändert werden kann. Dieser Abschnitt zählt vier Gegensatzpaare auf (Vorangehen/Folgen, Warm/Kalt, Stark/Schwach, Sicher/Gefährdet), um zu zeigen, dass die zehntausend Dinge von Natur aus Unterschiede und Veränderungen besitzen, die nicht gewaltsam vereinheitlicht werden können.
Ähnliche Ansichten: Wang Bi (wáng): „fánzhūhuòyánshìshùnfǎnshīwèizhí。" („All diese ‚manche' beschreiben, wie Dinge und Angelegenheiten zwischen Widrigem und Günstigem, Umkehr und Wiederkehr wechseln — man soll weder Handeln aufzwingen noch Trennungen erzwingen.")
Kapitel 29 · Satz 3: huòxínghuòsuí

[Deutung 2] Traditionell · Mittlere Glaubwürdigkeit

Kombination: xíngB-suíB
Übersetzung: Was immer der Herrscher tut, die Untertanen folgen und ahmen es nach.
Deutung: Heshanggong versteht diesen Satz als Beschreibung politischer Ursache und Wirkung: „shàngsuǒxíngxiàsuízhī。" („Was immer die Oberen tun, die Unteren werden ihnen unweigerlich folgen.") Dies ist keine neutrale Naturbeschreibung, sondern eine Warnung an die Herrschenden — jede Ihrer Handlungen wird nachgeahmt und verstärkt. Unter dieser Lesart werden die vier Paare von „manche… manche…" zu Illustrationen der unkontrollierbaren Folgen interventionistischer Regierung.
Ähnliche Ansichten: Heshanggong (shànggōng): „shàngsuǒxíngxiàsuízhī。" („Was immer die Oberen tun, die Unteren werden ihnen unweigerlich folgen.")

[Satz 4] huòhuòchuī;(Manche hauchen warm, manche blasen kalt;)

Kapitel 29 · Satz 4: huòhuòchuī

[Deutung 1] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: A-chuīA
Übersetzung: Manche hauchen warme Luft; manche blasen kalte Luft.
Deutung:" (xū) bezeichnet den warmen Atem (langsames Ausatmen), „chuī" (chuī) den kalten Atem (scharfes Blasen) — aus demselben Mund kann warmer Atem oder kalte Luft kommen. Der Gegensatz von Warm und Kalt in den Dingen ist vollkommen natürlich. Dieses Paar steht neben Vorangehen/Folgen, Stark/Schwach und Sicher/Gefährdet und zeigt, dass Gegensätze natürlicherweise unter den zehntausend Dingen bestehen.
Ähnliche Ansichten: Heshanggong (shànggōng): „wēnchuīhányǒusuǒwēnyǒusuǒhán。" („Xū bedeutet warm. Chuī bedeutet kalt. Wo Wärme ist, muss auch Kälte sein.")
Kapitel 29 · Satz 4: huòhuòchuī

[Deutung 2] Neuartig · Geringe Glaubwürdigkeit

Kombination: B-chuīA
Übersetzung: Manche seufzen sanft (langsam und leise); manche blasen scharf (heftig und kalt).
Deutung:" wird hier im Sinne von „Seufzen" verstanden, als Ausdruck einer sanften, langsamen Gemütsregung; „chuī" ist ein heftiges, scharfes Blasen. Diese Deutung betont den Kontrast von Temperament oder Haltung — manche sind sanft in ihrem Wesen, andere kalt und hart. Solche Unterschiede sind eine inhärente Eigenschaft der Dinge.
Ähnliche Ansichten: Ähnlich der Beschreibung in Zhuangzis „Erörterung über die Gleichheit der Dinge" (《zhuāngzi·lùn》), wo der Wind durch zehntausend Höhlungen bläst und jede einen anderen Ton erzeugt.

[Satz 5] huòqiánghuòléi;(Manche sind stark, manche sind schwach;)

Kapitel 29 · Satz 5: huòqiánghuòléi

[Deutung 1] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: qiángA-léiA
Übersetzung: Manche sind stark; manche sind schwach.
Deutung: Der Unterschied zwischen Stark und Schwach ist ein natürlicher Unterschied, der nicht gewaltsam vereinheitlicht werden kann. Wenn ein Herrscher versucht, alle Unterschiede zu beseitigen und alle Untertanen gleichzumachen, verletzt er den natürlichen Weg (dào). Dieser Satz enthüllt weiterhin die Vielfalt der zehntausend Dinge — gerade diese Vielfalt macht die harmonische natürliche Ordnung aus.
Ähnliche Ansichten: Heshanggong (shànggōng): „yǒusuǒqiángyǒusuǒyíngruò。" („Wo Stärke und Größe ist, muss auch Zerbrechlichkeit und Schwäche sein.")

[Satz 6] huòcuòhuòhuī。(Manche sind beständig, manche sind gefährdet.)

Kapitel 29 · Satz 6: huòcuòhuòhuī

[Deutung 1] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: cuòA-huīB
Übersetzung: Manche sind beständig und sicher; manche sind gefährdet und bedroht.
Deutung: Heshanggongs Auslegung: „zàicuò),ānhuīwēiyǒusuǒānyǒusuǒwēi。" („Zǎi (cuò) bedeutet ‚sicher'. Huī bedeutet ‚gefährdet'. Wo Sicherheit ist, muss auch Gefahr sein.") Sicherheit und Gefahr entstehen wechselseitig und bilden eines der grundlegendsten Gegensatzpaare unter den zehntausend Dingen. Diese Deutung versteht die vier Kontrastpaare (Vorn/Hinten, Warm/Kalt, Stark/Schwach, Sicher/Gefährdet) als eine vollständige Darstellung der Einheit der Gegensätze in allen Dingen.
Ähnliche Ansichten: Heshanggong (shànggōng): „zàiānhuīwēiyǒusuǒānyǒusuǒwēimíngrénjūnyǒuwèizhìguózhìshēn。" („Zǎi bedeutet sicher. Huī bedeutet gefährdet. Wo Sicherheit ist, muss Gefahr sein — dies macht deutlich, dass der Herrscher den Staat weder regieren noch sich selbst kultivieren kann durch absichtliches Handeln.")
Kapitel 29 · Satz 6: huòcuòhuòhuī

[Deutung 2] Traditionell · Mittlere Glaubwürdigkeit

Kombination: cuòB-huīA
Übersetzung: Manche erleiden Rückschläge; manche werden zerstört.
Deutung: Hier wird „cuò" in seiner Grundbedeutung „Rückschlag" und „huī" in seiner Grundbedeutung „Zerstörung" genommen. Diese Deutung zeichnet ein dramatischeres Bild: Unter den zehntausend Dingen erleiden manche Rückschläge und Verletzungen, andere brechen zusammen und gehen vollständig zugrunde — dies ist der natürliche Zustand von Erneuerung und Verfall in der natürlichen Welt, der nicht gewaltsam aufgehalten werden kann.
Ähnliche Ansichten: Korrespondiert mit der Dialektik von Leben und Tod in Kapitel 76: „qiángchùxiàróuruòchùshàng" („Das Starke und Große nimmt die untere Position ein; das Weiche und Schwache nimmt die obere Position ein").

[Satz 7] shìshèngrénshènshētài。(Daher beseitigt der Weise das Extreme, beseitigt das Verschwenderische, beseitigt das Übermäßige.)

Kapitel 29 · Satz 7: shìshèngrénshènshētài

[Deutung 1] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: shènA-shēA-tàiA
Übersetzung: Daher beseitigt der Weise (shèngrén) das Extreme, beseitigt die Verschwendung und beseitigt das Übermäßige.
Deutung: Die knappste und wirkungsvollste Auslegung. Die drei Zeichen „shèn" (shèn), „shē" (shē) und „tài" (tài) sind beinahe synonym und doch in ihrer Intensität steigernd, alle auf das „Übermaß" zielend — der Regierungsweg des Weisen liegt in einem einzigen Wort: „beseitigen" (). Alles beseitigen, was „zu viel", „zu üppig", „über das Maß hinaus" ist. Dies ist die Schlussfolgerung des gesamten Kapitels und die praktische Umsetzung von Laozis Konzept des Nicht-Handelns (wèi). Wang Bis Zusammenfassung: „shèngrénránzhīzhìchàngwànzhīqíngyīnérwèishùnérshī。" („Der Weise (shèngrén) begreift das Äußerste der Natürlichkeit und gibt den wahren Empfindungen der zehntausend Dinge freien Lauf; daher folgt er, ohne zu handeln, und fügt sich ein, ohne aufzuerlegen.")
Ähnliche Ansichten: Wang Bi (wáng): „chúsuǒsuǒhuòxīnluànérxìngzhī。" („Entferne das, was Verwirrung verursacht; beseitige das, was Täuschung verursacht; dann wird der Geist nicht verwirrt, und die Natur der Dinge findet sich von selbst.")
Kapitel 29 · Satz 7: shìshèngrénshènshētài

[Deutung 2] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: shènB-shēB-tàiB
Übersetzung: Daher beseitigt der Weise (shèngrén) die Gier nach sinnlichen Vergnügungen, beseitigt die Verschwendung bei Kleidung und Nahrung und beseitigt die Prachtentfaltung bei Palästen und Pavillons.
Deutung: Heshanggongs konkretisierende Auslegung: „shèn" bezieht sich speziell auf die Gier nach sinnlichen Vergnügungen (shēng, shēngsè), „shē" speziell auf die Verschwendung bei Kleidung und Nahrung, und „tài" speziell auf die Pracht der Paläste und Pavillons. Die drei entsprechen jeweils drei Bereichen des Begehrens — sinnlicher Genuss, alltäglicher Konsum und architektonische Zurschaustellung. „sānzhěchùzhōngxíngwèitiānxiàhuà。" („Beseitige diese drei, verweile in Mäßigung und Harmonie, praktiziere Nicht-Handeln (wèi), und die Welt wird sich von selbst wandeln.")
Ähnliche Ansichten: Heshanggong (shànggōng): „shènwèitānyínshēngshēwèishìyǐnshítàiwèigōngshìtáixièsānzhěchùzhōngxíngwèitiānxiàhuà。" („Shèn bezeichnet die Gier nach sinnlichen Vergnügungen. Shē bezeichnet Kleidung und Nahrung. Tài bezeichnet Paläste und Pavillons. Beseitige diese drei, verweile in Mäßigung und Harmonie, praktiziere Nicht-Handeln, und die Welt wird sich von selbst wandeln.")
Kapitel 29 · Satz 7: shìshèngrénshènshētài

[Deutung 3] Neuartig · Mittlere Glaubwürdigkeit

Kombination: shènA-shēA-tàiC
Übersetzung: Daher beseitigt der Weise (shèngrén) das Extreme, beseitigt die Verschwendung und beseitigt die übermäßige Behaglichkeit.
Deutung:tài" wird hier als „übermäßige Behaglichkeit" verstanden. Diese Deutung versteht die drei „Beseitigungen" als Selbstkorrekturen auf verschiedenen Ebenen: „das Extreme beseitigen" — keine Extreme begehen (im Verhalten); „die Verschwendung beseitigen" — nicht nach Genüssen gieren (im materiellen Leben); „die übermäßige Behaglichkeit beseitigen" — nicht der Bequemlichkeit verfallen (im Geist). Dies stellt einen Weg der Selbstkultivierung von außen nach innen dar.
Ähnliche Ansichten: Im Einklang mit dem Gedanken der Zurückhaltung in Kapitel 12: „wèiwèi" („Für den Bauch sorgen, nicht für die Augen").

Zusammenfassung des Kapitels

Dieses Kapitel enthält 15 Deutungskombinationen.

[Kerndifferenzen]

Kapitel 29 ist die direkteste Kritik an interventionistischer Regierungsführung (yǒuwèizhīzhì) im gesamten Tao Te Ching. Die Struktur des Kapitels ist klar: zuerst die These (die Welt kann nicht bearbeitet oder festgehalten werden), dann die Belege (vier Paare von „manche… manche…") und schließlich die Schlussfolgerung (das Extreme, das Verschwenderische und das Übermäßige beseitigen). Das Kernargument lautet: Die zehntausend Dinge besitzen von Natur aus Unterschiede von Vorn und Hinten, Warm und Kalt, Stark und Schwach, Sicher und Gefährdet — dies sind wesentliche Merkmale der natürlichen Ordnung, und jeder Versuch, diese Unterschiede zu beseitigen und eine einheitliche Verwaltung der Welt durchzusetzen, ist zum Scheitern verurteilt. Die tiefgreifendste Divergenz liegt in den beiden Zeichen „shén": Wang Bi glossiert „shén" als „formlos und aus vielen Teilen zusammengesetzt" (xíng) — die Welt ist gerade deshalb wundersam, weil sie von den unsichtbaren Kräften der Natur geformt wird; wie könnte menschliches Bemühen das Formlose umgestalten? Heshanggong erklärt direkt, dass „die Menschen die wundersamen Wesen der Welt sind" (rénnǎitiānxiàzhīshén) — das Wundersamste ist nicht die abstrakte Welt, sondern die konkreten Menschen. „Wundersame Wesen lieben die Ruhe und können nicht durch absichtliches Handeln regiert werden" (shénhǎoānjìngyǒuwèizhì) — die menschliche Natur liebt die Ruhe; gewaltsame Regierung verdirbt nur die angeborene Schlichtheit („bàizhìxìng") und zerstört die wahren Gefühle („shīqíngshí"), und erzeugt Heuchelei. Die abschließende Dreierformel „das Extreme beseitigen, das Verschwenderische beseitigen, das Übermäßige beseitigen" (shènshētài) darf als Quintessenz von Laozis Regierungsphilosophie gelten: keine Extreme, kein Luxus, kein Übermaß — die Welt durch „Subtraktion" regieren. Dieser Gedanke resoniert auf subtile Weise mit dem modernen Konzept des „schlanken Staates": Die Kunst des Regierens liegt nicht in dem, was man tut, sondern in der Zurückhaltung, es nicht zu tun.

Anhang: Glossar der Schlüsselzeichen

A. [Verb] Nehmen; an sich reißen
Quelle: Grundbedeutung. „Nehmen, erlangen."
B. [Verb] Regieren; kontrollieren
Quelle: Erweiterte Bedeutung. Die Welt an sich reißen, um sie zu regieren.
wèi
A. [Verb] Umgestalten; künstlich eingreifen; willkürlich handeln
Quelle: Erweiterte Bedeutung. Durch menschliche Anstrengung gewaltsam umgestalten.
B. [Verb] Absichtlich handeln; aktiv regieren
Quelle: Grundbedeutung. Tun; handeln.
A. [Wendung] Keinen Erfolg haben können; das Ziel nicht erreichen können
Quelle: Standarddeutung. „" bedeutet „vollenden, verwirklichen".
B. [Wendung] Nicht aufhören können; kein gutes Ende nehmen können
Quelle: Alternative Deutung. „" bedeutet „aufhören". Einmal begonnen, gerät die Situation außer Kontrolle.
shén
A. [Adj.] Heilig; transzendent; jenseits des Begreifens
Quelle: Grundbedeutung. „Unbegreiflich, jenseits des Verstehens."
B. [Adj.] Formlos und ohne feste Richtung
Quelle: Wang Bis Kommentar: „shénxíngfāng。" („Shén bedeutet formlos und ohne feste Richtung.") Die physische Form transzendierend.
C. [Adj.] Wundersam; geheimnisvoll geistig
Quelle: Heshanggongs Kommentar: „rénnǎitiānxiàzhīshénshénhǎoānjìng。" („Die Menschen sind die wundersamen Wesen der Welt; wundersame Wesen lieben die Ruhe.")
A. [Subst.] Gefäß; Gegenstand; Entität
Quelle: Grundbedeutung. „Sammelbezeichnung für Geräte und Werkzeuge."
B. [Subst.] Zusammengesetztes Gebilde (ein Ganzes, das aus vielen Elementen besteht)
Quelle: Wang Bis Kommentar: „chéngxíngwèizhīshén。" („Qì bedeutet aus vielen Teilen zusammengesetzt. Formlos und doch zusammengesetzt — daher wird es heiliges Gefäß genannt.")
bài
A. [Verb] Zerstören; zugrunde richten
Quelle: Grundbedeutung. „Zerstören."
B. [Verb] Verderben (die angeborene schlichte Natur)
Quelle: Heshanggongs Kommentar: „yǒuwèizhìzhībàizhìxìng。" („Durch absichtliches Handeln zu regieren, verdirbt ihre angeborene Natur.")
zhí
A. [Verb] Sich klammern an; festhalten; hartnäckig nicht loslassen
Quelle: Erweiterte Bedeutung. Hartnäckig festhalten ohne loszulassen.
B. [Verb] Kontrollieren; gewaltsam beherrschen
Quelle: Erweiterte Bedeutung. Vollständige Kontrolle anstreben.
shī
A. [Verb] Verlieren; einbüßen
Quelle: Grundbedeutung. „Verlieren."
B. [Verb] Verlieren (wahre Gefühle und Substanz)
Quelle: Heshanggongs Kommentar: „qiángzhíjiàozhīshīqíngshí。" („Gewaltsam auf Belehrung zu bestehen, führt zum Verlust ihrer wahren Gefühle.")
xíng
A. [Verb] Vorangehen; sich proaktiv vorwärtsbewegen
Quelle: Grundbedeutung. „Gehen." Erweitert im Sinne von „die Führung übernehmen".
B. [Verb] (Von einem Herrscher) handeln; regieren
Quelle: Heshanggongs Kommentar: „shàngsuǒxíngxiàsuízhī。" („Was immer die Oberen tun, die Unteren werden ihnen unweigerlich folgen.")
suí
A. [Verb] Hinterherfolgen; passiv folgen
Quelle: Grundbedeutung. „Folgen."
B. [Verb] Nachfolgen und nachahmen
Quelle: Erweiterte Bedeutung. Untergebene ahmen ihre Vorgesetzten nach.
A. [Verb] Warme Luft hauchen (xū); langsam ausatmen, um Wärme zu erzeugen
Quelle: Grundbedeutung. Etwas anhauchen, um es zu erwärmen. Heshanggongs Kommentar: „wēn。" („Xū bedeutet warm.")
B. [Verb] Seufzen
Quelle: Erweiterte Bedeutung. „" (xūxī) — seufzen und klagen.
chuī
A. [Verb] Kalte Luft blasen (chuī); scharf blasen, Kälte erzeugend
Quelle: Grundbedeutung. „Die Lippen spitzen und kräftig ausblasen." Heshanggongs Kommentar: „chuīhán。" („Chuī bedeutet kalt.")
qiáng
A. [Adj.] Stark; kräftig
Quelle: Grundbedeutung. „Robust; Kraft besitzend."
léi
A. [Adj.] Mager und schwach; gebrechlich
Quelle: Grundbedeutung. „Mager und schwach."
cuò
A. [Verb] Beständig; sicher; stabil
Quelle: Einige Ausgaben lesen „zài" oder „péi". Heshanggong glossiert „zài" als „sicher" (ān).
B. [Verb] Rückschlag; Beschädigung erleiden
Quelle: Grundbedeutung. „Widrigkeiten; Scheitern. Brechen oder zerschmettern."
huī
A. [Verb] Zerstören; zusammenbrechen; stürzen
Quelle: Grundbedeutung. „Zerstören." „huīrénzhīchéngguō" („Die Stadtmauern anderer schleifen").
B. [Adj.] Gefährdet; instabil
Quelle: Heshanggongs Kommentar: „huīwēi。" („Huī bedeutet gefährdet.")
A. [Verb] Beseitigen; aufgeben
Quelle: Grundbedeutung. „Weggehen." Erweitert zu „entfernen".
shèn
A. [Adj.] Übermäßig; extrem
Quelle: Grundbedeutung. „Sehr; äußerst." Erweitert zu „zu weit gehen".
B. [Subst.] Gier nach sinnlichen Vergnügungen (als Extrem)
Quelle: Heshanggongs Kommentar: „shènwèitānyínshēng。" („Shèn bezeichnet die Gier nach sinnlichen Vergnügungen.")
shē
A. [Adj.] Verschwenderisch; üppig; prunkvoll
Quelle: Grundbedeutung. „Ohne Maß ausgeben; übermäßig genießen."
B. [Subst.] Kleidung und Nahrung (im Übermaß)
Quelle: Heshanggongs Kommentar: „shēwèishìyǐnshí。" („Shē bezeichnet Kleidung und Nahrung.")
tài
A. [Adj.] Übermäßig; maßlos; anmaßend
Quelle: Erweiterte Bedeutung. „Anmaßend; überheblich." „tàichǐ" (tàichǐ — maßlos verschwenderisch).
B. [Subst.] Paläste und Pavillons (im Übermaß)
Quelle: Heshanggongs Kommentar: „tàiwèigōngshìtáixiè。" („Tài bezeichnet Paläste und Pavillons.")
C. [Adj.] Übermäßig behaglich; träge bequem
Quelle: Erweiterte Bedeutung. Behaglichkeit bis zum Grad anmaßender Selbstzufriedenheit.