Tao Te Ching Kapitel 13: Der vollständige Kommentar

Der folgende Inhalt bietet eine multiperspektivische Tiefenanalyse jedes Satzes dieses Kapitels, die traditionelle Kommentare, philologische Analysen, philosophische Interpretationen und weitere Dimensionen umfasst. Grundtext: Wang Bis Kommentar zum Daode Zhenjing, Ausgabe des Zhengtong Daozang
Die „Kombination"-Bezeichnung jeder Deutung folgt dem Format „Zeichen + Bedeutungsnummer" (z.B. „dàoC-A"), d.h. diese Deutung verwendet Bedeutung C von „dào" und Bedeutung A von „". Das vollständige Glossar finden Sie am Ende dieses Kapitels: [Anhang: Glossar der Schlüsselzeichen].

[Satz 1] chǒngruòjīngguìhuànruòshēn。(Gunst und Schmach erschrecken gleichermaßen; man schätzt großes Unheil so hoch wie den eigenen Leib.)

Kapitel 13 · Satz 1: chǒngruòjīngguìhuànruòshēn

[Deutung 1] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: chǒngA-A-jīngA-guìA-huànA-shēnA
Übersetzung: Sowohl Gunst als auch Schmach versetzen in Schrecken und Unruhe; man betrachtet großes Unheil mit derselben Schwere, mit der man den eigenen Leib betrachtet.
Deutung: Die am weitesten verbreitete Auslegung. Der gesamte Satz stellt zwei Thesen auf: erstens, dass sowohl Gunst als auch Schmach den Geist beunruhigen; zweitens, dass der Grund, warum die Menschen großes Unheil fürchten, in ihrer Anhaftung an die eigene Person liegt. Der gemeinsame Kern beider Aussagen lautet: Das Festhalten am „Ich" ist die Wurzel aller Furcht.
Ähnliche Ansichten: Kommentar von Wang Bi: „chǒngyǒuróngyǒuhuànjīngděngrónghuàntóng" — „Wo Gunst ist, ist notwendig Schmach; wo Ruhm ist, ist notwendig Unheil. Erschrecken und Schmach sind gleichwertig; Ruhm und Unheil sind dasselbe."
Kapitel 13 · Satz 1: chǒngruòjīngguìhuànruòshēn

[Deutung 2] Traditionell · Mittlere Glaubwürdigkeit

Kombination: chǒngB-B-jīngB-guìB-huànA-shēnA
Übersetzung: Sowohl Ehre als auch Erniedrigung lassen einen erzittern; man fürchtet großes Unheil, als ob es auf den eigenen Leib hereinbräche.
Deutung: Die besondere Glosse von Heshang Gong. Er liest „guì" als „fürchten" und „ruò" als „erreichen/eintreffen". Die Bedeutung ist: Die Menschen fürchten, dass großes Unheil sie ereilt, und leben deshalb in ständiger Angst. Diese Deutung betont stärker die Psychologie der Furcht vor dem Unheil.
Ähnliche Ansichten: Kommentar von Heshang Gong: „guìwèiruòzhìwèihuànzhìshēnjiējīng" — „‚guì' bedeutet ‚fürchten'; ‚ruò' bedeutet ‚eintreffen'. Dies besagt, dass wenn großes Unheil den Leib erreicht, alle erschrecken."
Kapitel 13 · Satz 1: chǒngruòjīngguìhuànruòshēn

[Deutung 3] Neuartig · Mittlere Glaubwürdigkeit

Kombination: chǒngA-A-jīngA-guìA-huànB-shēnC
Übersetzung: Sowohl Gunst als auch Schmach versetzen in Schrecken; man misst der großen Sorge dieselbe Bedeutung bei wie dem „Ich".
Deutung: Diese Lesart interpretiert „shēn" (Leib) als „Ich-Anhaftung". Der Grund, warum sowohl Gunst als auch Schmach erschrecken, liegt in der Anhaftung an das Selbst. Großes Unheil wird mit „shēn" gleichgesetzt — wer ein „Ich" hat, dem erwächst Sorge; ohne Anhaftung an das „Ich" gäbe es nichts, worüber man sich sorgen müsste. Dieses Verständnis steht dem buddhistischen Konzept der Auflösung der Ich-Anhaftung nahe.
Ähnliche Ansichten: Dies korrespondiert mit dem folgenden Satz: „shēnyǒuhuàn" („Hätte ich kein Ich, welches Unheil hätte ich dann?").

[Satz 2] wèichǒngruòjīngchǒngwèixiàzhīruòjīngshīzhīruòjīngshìwèichǒngruòjīng。(Was bedeutet „Gunst und Schmach erschrecken gleichermaßen"? Gunst ist etwas Niederes — sie zu erlangen erschreckt, sie zu verlieren erschreckt. Dies nennt man „Gunst und Schmach erschrecken gleichermaßen".)

Kapitel 13 · Satz 2: wèichǒngruòjīngchǒngwèixiàzhīruòjīngshīzhīruòjīngshìwèichǒngruòjīng

[Deutung 1] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: chǒngA-wèiA-xiàA
Übersetzung: Was bedeutet „Gunst und Schmach erschrecken gleichermaßen"? Begünstigt zu werden ist an sich schon eine niedere Lage — sie zu erlangen verursacht Schrecken, und sie zu verlieren ebenso. Dies nennt man „Gunst und Schmach erschrecken gleichermaßen".
Deutung: Die am weitesten verbreitete und tiefgründigste Auslegung. Die drei Zeichen „chǒngwèixià" (Gunst ist nieder) stellen eine erschütternde Behauptung dar — begünstigt zu werden ist nicht ehrenvoll, sondern erniedrigend! Denn Gunst zu empfangen bedeutet, dass der eigene Wert von dem abhängt, was ein anderer gewährt; man ist nicht mehr ein autonomes Individuum. Sowohl das Erlangen als auch das Verlieren verursachen Schrecken, gerade weil das Schicksal in der Hand eines anderen liegt.
Ähnliche Ansichten: Der Kommentar von Wang Bi enthält diesen Sinn: „chǒngrónghuànruòjīngluàntiānxià" — „Wer Gunst, Schmach, Ruhm und Unheil mit gleichem Erschrecken behandelt, ist nicht einer, der die Welt in Unordnung bringen würde."
Kapitel 13 · Satz 2: wèichǒngruòjīngchǒngwèixiàzhīruòjīngshīzhīruòjīngshìwèichǒngruòjīng

[Deutung 2] Neuartig · Mittlere Glaubwürdigkeit

Kombination: chǒngA-wèiA-xiàB
Übersetzung: Was bedeutet „Gunst und Schmach erschrecken gleichermaßen"? Begünstigt zu werden ist eine unwürdige Sache — sie zu erlangen verursacht Bestürzung, und sie zu verlieren ebenso. Dies nennt man „Gunst und Schmach erschrecken gleichermaßen".
Deutung: Eine weiterführende Auslegung: Begünstigt zu werden bedeutet den Verlust persönlicher Unabhängigkeit. Ein Mensch, der der Gunst anderer bedarf, ist seinem Wesen nach ein Abhängiger und kein unabhängiger Mensch. Daher sind „Gunst" und „Schmach" auf einer tieferen Ebene gleichwertig — beide sind Zustände der Nicht-Autonomie.
Ähnliche Ansichten: Dies steht im Einklang mit dem Gedanken des „Nicht-Streitens" (zhēng) in Kapitel 81.
Kapitel 13 · Satz 2: wèichǒngruòjīngchǒngwèixiàzhīruòjīngshīzhīruòjīngshìwèichǒngruòjīng

[Deutung 3] Traditionell · Mittlere Glaubwürdigkeit

Kombination: Andere Interpunktion: „chǒngwèixià"
Übersetzung: Was bedeutet „Gunst und Schmach erschrecken gleichermaßen"? Gunst und Schmach sind beide nieder — (Gunst) zu erlangen erschreckt, und (Gunst) zu verlieren (und so in Schmach zu fallen) erschreckt ebenso. Dies nennt man „Gunst und Schmach erschrecken gleichermaßen".
Deutung: Einige Kommentatoren lesen „chǒngwèixià" als zusammenhängende Phrase, was bedeutet, dass sowohl Gunst als auch Schmach nieder sind. Diese Interpunktion besagt, dass nicht nur die Schmach erniedrigend ist, sondern die Gunst gleichermaßen — denn beide sind äußere Bewertungen, die die persönliche Unabhängigkeit untergraben. Heshang Gongs Kommentar „wèixiàjiàn" stellt eine weitere Gliederung dar: „wèixià" (nur die Schmach ist nieder).
Ähnliche Ansichten: Kommentar von Heshang Gong, der „wèixià" gliedert: „wèixiàjiàn" — „Schmach ist nieder und gemein."

[Satz 3] wèiguìhuànruòshēnsuǒyǒuhuànzhěwèiyǒushēnshēnyǒuhuàn?(Was bedeutet „großes Unheil so hoch schätzen wie den eigenen Leib"? Dass ich großes Unheil habe, liegt daran, dass ich einen Leib habe; hätte ich keinen Leib, welches Unheil hätte ich dann?)

Kapitel 13 · Satz 3: wèiguìhuànruòshēnsuǒyǒuhuànzhěwèiyǒushēnshēnyǒuhuàn

[Deutung 1] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: guìA-shēnA-A
Übersetzung: Was bedeutet „großes Unheil so hoch schätzen wie den eigenen Leib"? Dass ich großes Unheil habe, liegt daran, dass ich diesen Leib habe; hätte ich keinen Leib, welches Unheil hätte ich dann?
Deutung: Eine wörtliche Lesart. Einen Leib zu haben bedeutet, Hunger, Kälte, Krankheit, Tod und allerlei Drangsal ausgesetzt zu sein. Vom Standpunkt des Leibes aus entspringen alle Leiden der Fragilität und Endlichkeit des Fleisches. Diese Deutung neigt zu einer schlichten, existenziellen Betrachtung der menschlichen Daseinsweise.
Ähnliche Ansichten: Kommentar von Heshang Gong: „yǒushēnyōuzhěqínláoniànhánchùqíngcónghuòhuàn" — „Wer einen Leib voller Sorgen hat, müht sich und sorgt um Hunger und Kälte; wer den Gefühlen folgt und den Begierden nachgibt, begegnet Unheil."
Kapitel 13 · Satz 3: wèiguìhuànruòshēnsuǒyǒuhuànzhěwèiyǒushēnshēnyǒuhuàn

[Deutung 2] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: guìA-shēnB-B
Übersetzung: Was bedeutet „großes Unheil so hoch schätzen wie das Selbst"? Dass ich großes Unheil habe, liegt daran, dass ich am Selbstbewusstsein festhalte; könnte ich das Selbst vergessen, welches Unheil hätte ich dann?
Deutung: Die ontologische Lesart Wang Bis. „shēn" (Leib) verweist nicht nur auf den physischen Körper, sondern auf die Anhaftung an das „Selbst". Alles Unheil — Ruhm und Schmach, Gewinn und Verlust — entsteht, weil es ein „Ich" gibt, das rechnet und vergleicht. „shēn" (kein Leib/Selbst) bedeutet nicht den physischen Tod, sondern das Vergessen des Selbst und die Rückkehr zur Natur. „shēn" bedeutet „guīzhīrán" — „zur Natürlichkeit zurückkehren".
Ähnliche Ansichten: Kommentar von Wang Bi: „yóuyǒushēn" — „Es liegt daran, dass man ein Selbst hat." „guīzhīrán" — „Zur Natürlichkeit zurückkehren."
Kapitel 13 · Satz 3: wèiguìhuànruòshēnsuǒyǒuhuànzhěwèiyǒushēnshēnyǒuhuàn

[Deutung 3] Traditionell · Mittlere Glaubwürdigkeit

Kombination: guìB-shēnC-A
Übersetzung: Was bedeutet „fürchten, dass großes Unheil den Leib ereilt"? Dass ich großes Unheil habe, liegt daran, dass ich einen von eigennützigen Begierden getriebenen Leib habe; hätte ich keine eigennützigen Begierden, welches Unheil hätte ich dann?
Deutung: Die auf Kultivierung ausgerichtete Lesart von Heshang Gong. Einen Leib zu haben bedeutet, Begierden zu haben; Begierden zu haben bedeutet, Unheil zu haben. Der Schlüssel zur Kultivierung des Tao (dào) liegt in der Beseitigung der Begierden — sind die eigennützigen Begierden erst einmal ausgemerzt, weicht das Unheil von selbst. Diese Deutung ist vereinbar mit Heshang Gongs Kommentar: „chùqíngcónghuòhuàn" — „Wer den Gefühlen folgt und den Begierden nachgibt, trifft auf Unheil."
Ähnliche Ansichten: Kommentar von Heshang Gong: „使shǐyǒushēndàoránqīngshēngyúnchūjiāndàotōngshéndāngyǒuhuàn" — „Hätte ich keinen Leib, und hätte ich das Tao (dào) erlangt und mich mit der Natur vereint, leicht aufsteigend in die Wolken, ein- und ausgehend ohne Hindernis, im Geiste mit dem Tao verbunden — welches Unheil hätte ich dann?"
Kapitel 13 · Satz 3: wèiguìhuànruòshēnsuǒyǒuhuànzhěwèiyǒushēnshēnyǒuhuàn

[Deutung 4] Neuartig · Mittlere Glaubwürdigkeit

Kombination: guìA-shēnB-B
Übersetzung: Was bedeutet „großes Unheil so schwer nehmen wie das Selbst"? Dass ich großes Unheil habe, liegt gerade daran, dass ich dieses Ding namens „Selbst" besitze; sobald ich das Selbst transzendiere, welches Unheil könnte ich dann noch haben?
Deutung: Eine modern-philosophische Lesart. „huànruòshēn" (großes Unheil ist wie der Leib/das Selbst) offenbart eine tiefe Einsicht: Das größte Unheil ist nicht die äußere Katastrophe, sondern die bloße Existenz des „Ich". Das Selbstbewusstsein ist zugleich die Voraussetzung für die Erkenntnis der Welt und die Wurzel allen Leidens. Das Selbst zu transzendieren (und nicht den physischen Leib zu vernichten) ist der einzige Weg, wahrhaft frei von Unheil zu sein.
Ähnliche Ansichten: Dies steht in Resonanz mit Zhuangzis Gedanken: „zhìrén" — „Der Vollendete hat kein Selbst."

[Satz 4] guìshēnwèitiānxiàruòtiānxià。(Deshalb darf man dem, der seinen Leib so schätzt wie die Welt, die Welt anvertrauen.)

Kapitel 13 · Satz 4: guìshēnwèitiānxiàruòtiānxià

[Deutung 1] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: guìA-A-A
Übersetzung: Deshalb darf die Welt dem anvertraut werden, der seinen eigenen Leib ebenso hütet wie die Welt.
Deutung: Die am weitesten verbreitete Auslegung. Ein Mensch, der sein eigenes Leben wahrhaft schätzt, wird nicht leichtfertig Macht und Ruhm nachjagen und daher die Welt nicht dazu missbrauchen, private Begierden zu befriedigen. Nur ein solcher Mensch ist würdig, die Welt zu regieren — denn er wird sie nicht zugrunde richten.
Ähnliche Ansichten: Kommentar von Wang Bi: „shēnyuēguìnǎituōtiānxià" — „Nichts kann gegen seinen Leib eingetauscht werden — daher sagt man, er ‚schätzt' ihn. Nur einem solchen Menschen darf die Welt anvertraut werden."
Kapitel 13 · Satz 4: guìshēnwèitiānxiàruòtiānxià

[Deutung 2] Traditionell · Mittlere Glaubwürdigkeit

Kombination: guìB-B-B
Übersetzung: Deshalb kann dem, der seinen eigenen Leib schätzt und die Welt mit dieser eigennützigen Haltung regiert, die Welt nur vorübergehend anvertraut werden.
Deutung: Die besondere Lesart von Heshang Gong. Hier wird „guìshēnwèitiānxià" abwertend gelesen — wenn ein Mensch nur seinen eigenen Leib schätzt und mit eigennütziger Gesinnung regiert, eignet er sich nur für eine vorübergehende „Verwahrung" der Macht, nicht für eine dauerhafte Übertragung. Diese Deutung bildet einen abwertend/lobenden Kontrast zum folgenden Satz über „àishēnwèitiānxià" (den Leib zum Wohle der Welt lieben).
Ähnliche Ansichten: Kommentar von Heshang Gong: „yánrénjūnguìshēnérjiànrénwèitiānxiàzhǔzhějiǔ" — „Dies besagt, dass ein Herrscher, der sich selbst schätzt, aber die Menschen geringachtet, und Herr der Welt sein will, nur vorübergehend eingesetzt werden kann, aber nicht von Dauer sein wird."
Kapitel 13 · Satz 4: guìshēnwèitiānxiàruòtiānxià

[Deutung 3] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: guìA-A-A
Übersetzung: Deshalb darf die Welt dem anvertraut werden, der die Welt mit derselben Umsicht regiert, mit der er seinen eigenen Leib hütet.
Deutung: Diese Lesart betont die positive Bedeutung von „den Leib schätzen". Ein Mensch, der seinen Leib und seinen Ruf hütet, handelt mit Besonnenheit und enthält sich übereilter Handlungen; die Welt mit dieser Haltung zu regieren bringt Frieden unter dem Himmel. Hier wird „guìshēn" (den Leib schätzen) als Umsicht und Selbstachtung verstanden, nicht als Eigennutz.
Ähnliche Ansichten: Dies korrespondiert mit Kapitel 26: „nàiwànchéngzhīzhǔérshēnqīngtiānxià" — „Wie kann der Herr über zehntausend Wagen seinen eigenen Leib gegenüber der Welt geringschätzen?"

[Satz 5] àishēnwèitiānxiàruòtuōtiānxià。(Wer seinen Leib ebenso liebt wie die Welt, dem darf die Welt dauerhaft anvertraut werden.)

Kapitel 13 · Satz 5: àishēnwèitiānxiàruòtuōtiānxià

[Deutung 1] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: àiA-tuōA
Übersetzung: Wer die Welt ebenso hegt wie seinen eigenen Leib, dem darf die Welt dauerhaft anvertraut werden.
Deutung: Die am weitesten verbreitete Auslegung. Ein Mensch, der sein eigenes Leben wahrhaft schätzt, wird die Macht nicht missbrauchen, keine leichtfertigen Kriege führen und sich nicht der Verschwendung hingeben. Er behandelt das gesamte Volk unter dem Himmel mit derselben Fürsorge, die er sich selbst entgegenbringt — er schadet nicht, vergeudet nicht, missachtet nicht. Ein solcher Mensch ist der wahre Hüter der Welt.
Ähnliche Ansichten: Kommentar von Wang Bi: „sǔnshēnyuēàichǒngrónghuànsǔnshēnránhòunǎitiānxiàzhī" — „Nichts kann seine Person vermindern — daher sagt man, er ‚liebt' sie. Wer nicht zulässt, dass Gunst, Schmach, Ruhm oder Unheil seine Person vermindern oder verändern, dem darf dann die Welt anvertraut werden."
Kapitel 13 · Satz 5: àishēnwèitiānxiàruòtuōtiānxià

[Deutung 2] Traditionell · Mittlere Glaubwürdigkeit

Kombination: àiB-tuōA
Übersetzung: Wer mit seinem Leib sparsam umgeht — ihn nicht für persönlichen Gewinn aufs Spiel setzt — und so die Welt regiert, dem darf die Welt dauerhaft anvertraut werden.
Deutung: Diese Lesart nimmt „ài" in seiner archaischen Bedeutung von „sparsam sein mit, nicht preisgeben wollen". Ein Mensch, der sich weigert, seine Person gegen Ruhm und Profit einzutauschen, wird auch mit der Welt nicht spielen. „Den Leib lieben" bedeutet hier nicht Eigennutz, sondern Anspruchslosigkeit — weil er nichts begehrt, wird er die Welt nicht als Privatbesitz behandeln, der gegen Vorteile eingetauscht werden kann.
Ähnliche Ansichten: Dies ähnelt dem dialektischen Gedankengang in Kapitel 75: „shēngwèizhěshìxiánguìshēng" — „Wer das Leben nicht zu wichtig nimmt, ist weiser als einer, der das Leben überschätzt."
Kapitel 13 · Satz 5: àishēnwèitiānxiàruòtuōtiānxià

[Deutung 3] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: àiA-tuōA
Übersetzung: Wenn ein Herrscher seinen Leib hegen kann — nicht um des Eigennutzes willen, sondern um Vater und Mutter des gesamten Volkes zu sein — und die Welt mit dieser Haltung regiert, darf die Welt ihm dauerhaft anvertraut werden.
Deutung: Heshang Gongs Theorie der Herrschaft. „Den Leib lieben" ist kein Eigennutz — weil ein Herrscher, der seinen Leib hegt, das Volk nicht schädigen und sich nicht der Verschwendung hingeben wird, um private Begierden zu stillen; er behandelt das gesamte Volk unter dem Himmel mit einem Elternherzen. Dies bildet eine Steigerung gegenüber dem „Schätzen des Leibes" — den Leib zu schätzen ist eine passive Form der Selbsterhaltung, den Leib zu lieben eine aktive Form des Altruismus.
Ähnliche Ansichten: Kommentar von Heshang Gong: „yánrénjūnnéngàishēnfēiwèinǎiwèiwànmínzhī" — „Dies besagt, dass ein Herrscher, der seinen Leib hegen kann, dies nicht um seiner selbst willen tut, sondern weil er Vater und Mutter des gesamten Volkes sein will."

Zusammenfassung des Kapitels

Dieses Kapitel enthält 16 Deutungskombinationen.

[Kerndifferenzen]

Kapitel 13 ist eines der Kernkapitel von Laozis politischer Philosophie und stellt ein tiefgründiges Paradoxon auf: Derjenige, der wahrhaft würdig ist, die Welt zu regieren, ist gerade der, der die Welt nicht zum Gegenstand seiner Begierden macht. Das Kapitel entfaltet sich in drei Schichten: (1) Es stellt die Thesen auf — Gunst und Schmach erschrecken gleichermaßen, und all dieser Schrecken entspringt dem Vorhandensein eines Ich; (2) Es analysiert in der Tiefe — die erschütternde Behauptung, dass „Gunst eine niedere Sache ist", enthüllt, dass das Wesen der Begünstigung im Verlust der Unabhängigkeit liegt; „einen Leib haben bedeutet Unheil haben" führt alles Leid auf die Anhaftung an das Selbst zurück; (3) Es leitet die Schlussfolgerung ab — nur wer Gunst und Schmach, Gewinn und Verlust transzendieren kann und die Welt nicht zum eigenen Vorteil regiert, ist würdig, die schwere Verantwortung der Weltregierung zu tragen. Die Divergenz zwischen Wang Bi und Heshang Gong konzentriert sich auf zwei Punkte: Wang Bi versteht „shēn" (kein Leib/Selbst) als geistige Transzendenz, als „Rückkehr zur Natürlichkeit" (guīzhīrán), während Heshang Gong es als die konkrete Kultivierungspraxis der Erlangung des Tao und der Erhebung als Unsterblicher versteht; bezüglich der letzten beiden Sätze stellt Heshang Gong in origineller Weise „guì" und „ài" in einem abwertend/lobenden Kontrast einander gegenüber, während Wang Bi sie als synonymen Parallelismus behandelt. Der moderne Leser mag in diesem Kapitel eine tiefgründige Philosophie der Macht erkennen: Die besten Herrscher sind diejenigen, die nicht von der Macht entfremdet worden sind — weil sie das Selbst höher schätzen als die Macht, sind sie, paradoxerweise, am wenigsten geneigt, sie zu missbrauchen.

Anhang: Glossar der Schlüsselzeichen

chǒng
A. [Subst.] Gunst; Gnade eines Höhergestellten
Quelle: Grundbedeutung. Bezeichnet die Gunst und Zuneigung, die von einer Person in Machtposition gewährt wird.
B. [Subst.] Ehre; angesehener Status
Quelle: Abgeleitete Bedeutung. Begünstigt zu werden bedeutet, eine Position der Ehre und des Ansehens zu erlangen.
A. [Subst.] Schande; Schmach
Quelle: Grundbedeutung. Das Gegenteil von „chǒng" (Gunst).
B. [Subst.] Erniedrigung; niedrige, demütigende Lage
Quelle: Abgeleitete Bedeutung. Die erniedrigte Position, die man nach dem Verlust der Gunst einnimmt.
ruò
A. [Adv.] Wie; gleichsam
Quelle: Grundbedeutung. „ruòjīng" bedeutet „gleichsam erschrocken".
jīng
A. [Verb] Erschrecken; in Schrecken geraten
Quelle: Grundbedeutung. Ein Zustand geistiger Aufregung, ausgelöst durch einen Reiz.
B. [Verb] Erschüttert werden; aufgeschreckt werden
Quelle: Abgeleitete Bedeutung. Emotional aufgerüttelt oder wachgerüttelt werden.
guì
A. [Verb] Schätzen; als wichtig erachten
Quelle: Erweiterung der Grundbedeutung. Etwas als kostbar behandeln; ihm Bedeutung beimessen.
B. [Verb] Fürchten
Quelle: Kommentar von Heshang Gong: „guìwèi" — „‚guì' bedeutet ‚fürchten'." Besondere Glosse.
huàn
A. [Subst.] Unheil; Katastrophe
Quelle: Grundbedeutung. Bezeichnet Unglück und Drangsal.
B. [Subst.] Sorge; Beunruhigung
Quelle: Abgeleitete Bedeutung. Das, was den Geist belastet.
shēn
A. [Subst.] Leib; die physische Person
Quelle: Grundbedeutung. Der menschliche Körper, metonymisch für das Selbst verwendet.
B. [Subst.] Leben
Quelle: Abgeleitete Bedeutung. „shēn" im Sinne des Lebens.
C. [Subst.] Selbstbewusstsein; Ich-Anhaftung
Quelle: Philosophische Erweiterung. Die Anhaftung des Individuums an den Begriff des Selbst.
wèi
A. [Verb] Sein; ist
Quelle: Kopula. „chǒngwèixià" bedeutet „begünstigt zu werden ist ein niederer Zustand".
xià
A. [Adj.] Nieder; gering
Quelle: Grundbedeutung. Begünstigt zu werden bedeutet, eine passive, untergeordnete Position einzunehmen — abhängig vom Gnadenspender.
B. [Adj.] Unwürdig; verachtenswert
Quelle: Abgeleitete Bedeutung. Begünstigt zu werden ist an sich eine unwürdige Sache.
A. [Verb] Nicht haben; ohne sein
Quelle: Grundbedeutung. Nichtexistenz; Beseitigung.
B. [Verb] Vergessen; transzendieren
Quelle: Philosophische Erweiterung. Nicht der physische Tod, sondern ein geistiges Vergessen des Selbst.
A. [Präp.] Mit; mittels
Quelle: Grundbedeutung. „shēnwèitiānxià" bedeutet „mit (der Haltung der Fürsorge für) den Leib der Welt dienen".
B. [Konj.] Und; wobei
Quelle: Konjunktion. guìshēnwèitiānxià = den Leib schätzen und die Welt regieren.
A. [Verb] Anvertrauen; überantworten
Quelle: Grundbedeutung. Die Welt jemandem anvertrauen.
B. [Verb] Vorübergehend verwahren; in Verwahrung geben
Quelle: Abgeleitete Bedeutung. Heshang Gongs Kommentar impliziert, dass „" den Sinn des Vorübergehenden trägt: „jiǔ" — „Man kann ihn vorübergehend einsetzen, aber er kann nicht von Dauer sein."
ài
A. [Verb] Lieben; hegen
Quelle: Grundbedeutung. Tiefe und aufrichtige Fürsorge.
B. [Verb] Sparsam umgehen mit; schonen
Quelle: Archaische Bedeutung. „ài" bedeutet sparsam sein — sich weigern, sich selbst aufs Spiel zu setzen.
tuō
A. [Verb] Anvertrauen; dauerhaft übertragen
Quelle: Grundbedeutung. Die Welt jemandem zur Regierung übergeben. Parallel zu „" im vorhergehenden Satz verwendet.