Tao Te Ching Kapitel 12: Der vollständige Kommentar

Der folgende Inhalt bietet eine multiperspektivische Tiefenanalyse jedes Satzes dieses Kapitels, die traditionelle Kommentare, philologische Analysen, philosophische Interpretationen und weitere Dimensionen umfasst. Grundtext: Wang Bis Kommentar zum Daode Zhenjing, Ausgabe des Zhengtong Daozang
Die „Kombination"-Bezeichnung jeder Deutung folgt dem Format „Zeichen + Bedeutungsnummer" (z.B. „dàoC-A"), d.h. diese Deutung verwendet Bedeutung C von „dào" und Bedeutung A von „". Das vollständige Glossar finden Sie am Ende dieses Kapitels: [Anhang: Glossar der Schlüsselzeichen].

[Satz 1] lìngrénmáng;(Die fünf Farben blenden die Augen.)

Kapitel 12 · Satz 1: lìngrénmáng

[Deutung 1] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: A-lìngA-A-mángB
Übersetzung: Schillernde Farben überwältigen die Augen, sodass der Mensch das wahre Unterscheidungsvermögen verliert.
Deutung: Die gängigste Deutung. „Blind" (máng) meint nicht physische Erblindung, sondern die Abstumpfung infolge sensorischer Überreizung. Je mehr man visuellen Genüssen nachjagt, desto weniger erkennt man das Wesen der Dinge — die Farbenpracht verschleiert die Einsicht in die Wahrheit. Dies stimmt mit Wang Bis Kommentar überein: „shùnxìngmìngfǎnshāngrányuēmáng" („Anstatt der eigenen Natur zu folgen, verletzt man die natürliche Ordnung, daher spricht man von Blindheit").
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „ěrkǒuxīnjiēshùnxìngshùnxìngmìngfǎnshāngrányuēmáng" („Ohren, Augen, Mund und Herz folgen alle ihrer Natur; anstatt der eigenen Natur zu folgen, verletzt man die natürliche Ordnung, daher spricht man von Blindheit").
Kapitel 12 · Satz 1: lìngrénmáng

[Deutung 2] Traditionell · Mittlere Glaubwürdigkeit

Kombination: B-lìngB-B-mángA
Übersetzung: Übermäßig grelle Farben führen zu einer tatsächlichen Schädigung des Sehvermögens bis hin zur Erblindung.
Deutung: Aus der Perspektive der Lebenspflege Heshanggongs verstanden: „tānyínhǎoshāngjīngshīmíng" („Sich der Wollust hingeben und Schönheit begehren schädigt die Lebensessenz und führt zum Verlust des Sehvermögens"). Die fünf Farben trüben nicht nur den Geist, sondern schaden der Lebensessenz (jīng) auf körperlicher Ebene. Die Hingabe an sinnliche Vergnügungen lässt die Lebensessenz schwinden und führt letztlich zu echter physiologischer Erblindung. Diese Deutung verschiebt die politische Kritik in den Bereich der Gesundheitspflege und Selbstkultivierung.
Ähnliche Ansichten: Heshanggong: „tānyínhǎoshāngjīngshīmíng" („Sich der Wollust hingeben und Schönheit begehren schädigt die Lebensessenz und führt zum Verlust des Sehvermögens").

[Satz 2] yīnlìngréněrlóng;(Die fünf Töne machen die Ohren taub.)

Kapitel 12 · Satz 2: yīnlìngréněrlóng

[Deutung 1] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: yīnA-lóngB
Übersetzung: Kunstvolle Musik stumpft das Gehör ab und lässt die Fähigkeit verloren gehen, feine Klänge wahrzunehmen.
Deutung: Parallel zum vorangehenden Satz aufgebaut. Das unablässige Streben nach Hörgenuss zerstört paradoxerweise die Fähigkeit zu lauschen — insbesondere die Fähigkeit, die Klänge der Natur und die innere Stimme zu hören. Heshanggongs Kommentar „hǎotīngyīnxīnnéngtīngshēngzhīshēng" („Die Hingabe an die fünf Töne vertreibt das harmonische Qi aus dem Herzen und macht es unmöglich, den lautlosen Klang zu hören") benennt den Kernpunkt: Das übermäßige Streben nach hörbarer Musik macht taub für den „lautlosen Klang" (yīnshēng) des Tao (dào).
Ähnliche Ansichten: Heshanggong: „hǎotīngyīnxīnnéngtīngshēngzhīshēng" („Die Hingabe an die fünf Töne vertreibt das harmonische Qi aus dem Herzen und macht es unmöglich, den lautlosen Klang zu hören"). In Anlehnung an Kapitel 41: „Die größte Musik hat den leisesten Klang" (yīnshēng).
Kapitel 12 · Satz 2: yīnlìngréněrlóng

[Deutung 2] Traditionell · Mittlere Glaubwürdigkeit

Kombination: yīnB-lóngA
Übersetzung: Übermäßig kunstvolle Musik führt zu tatsächlicher Taubheit.
Deutung: Aus der Perspektive der Lebenspflege: Die Hingabe an Musik lässt die Lebensessenz (jīng) schwinden und schädigt den Körper. Diese Deutung verwandelt die Kulturkritik in eine physiologische Warnung und knüpft an Heshanggongs Tradition an, den Text durch die Linse der „Körperpflege" (zhìshēn) zu interpretieren.
Ähnliche Ansichten: Eine Deutung im Rahmen von Heshanggongs System der Lebenspflege.

[Satz 3] wèilìngrénkǒushuǎng;(Die fünf Geschmäcke verderben den Gaumen.)

Kapitel 12 · Satz 3: wèilìngrénkǒushuǎng

[Deutung 1] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: wèiA-kǒuA-shuǎngA
Übersetzung: Üppige Aromen verderben den Gaumen und lassen den Geschmackssinn seine normale Funktion verlieren.
Deutung: Die verbreitetste Deutung. „Shuǎng" (shuǎng) trägt hier die klassische Bedeutung von „Beeinträchtigung; Verderbnis" (nicht die moderne Bedeutung von „erfrischend" oder „angenehm"). Das Ergebnis des Verlangens nach feinen Speisen ist ein abgestumpfter Gaumen — je erlesener die Kost, desto weniger schmeckt man den natürlichen Geschmack der Nahrung. Diese Deutung verkörpert Laozis dialektische Einsicht, dass das Übermaß sein Gegenteil hervorbringt.
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „shuǎngchàshīshīkǒuzhīyòngwèizhīshuǎng" („Shuǎng bedeutet Verfehlung oder Verlust; der Mund verliert seine Funktion, daher spricht man von shuǎng").
Kapitel 12 · Satz 3: wèilìngrénkǒushuǎng

[Deutung 2] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: wèiA-kǒuB-shuǎngB
Übersetzung: Das rastlose Streben nach den fünf Geschmäcken führt zum vollständigen Verlust des Geschmackssinns.
Deutung: Heshanggong deutet „shuǎng" (shuǎng) direkt als „wáng" (wáng, untergehen) — ein totaler Verlust. „rénshìwèikǒukǒuwángyánshīdào" („Wenn ein Mensch den fünf Geschmäcken verfallen ist, geht der Mund unter, was bedeutet, dass man das Tao verloren hat"). Nicht nur der Geschmackssinn geht verloren, sondern dieser Verlust bedeutet eine Abkehr vom Tao (dào). Die Gier nach den fünf Geschmäcken ist ein Verrat am Tao. Diese Deutung ist eine Doppelkritik auf physiologischer und philosophischer Ebene.
Ähnliche Ansichten: Heshanggong: „shuǎngwángrénshìwèikǒukǒuwángyánshīdào" („Shuǎng bedeutet Untergang. Wenn ein Mensch den fünf Geschmäcken verfallen ist, geht der Mund unter, was bedeutet, dass man das Tao verloren hat").
Kapitel 12 · Satz 3: wèilìngrénkǒushuǎng

[Deutung 3] Neuartig · Mittlere Glaubwürdigkeit

Kombination: wèiA-kǒuA-shuǎngC
Übersetzung: Das übermäßige Streben nach den fünf Geschmäcken betäubt und stumpft den Gaumen ab.
Deutung: „Shuǎng" (shuǎng) wird im Sinne von „Betäubung" verstanden. Dies ist die Deutung, die der modernen Erfahrung am nächsten kommt: Wenn die Geschmacksknospen wiederholt überreizt werden, werden sie unempfindlich und verlangen nach immer stärkeren Geschmäcken, um Befriedigung zu erlangen — ein Teufelskreis eskalierender Begierde.
Ähnliche Ansichten: Das moderne psychologische Konzept der „hedonistischen Anpassung" stimmt bemerkenswert mit dieser Lesart überein.

[Satz 4] chíchěngtiánlièlìngrénxīnkuáng;(Jagen und Hetzen machen das Herz wahnsinnig.)

Kapitel 12 · Satz 4: chíchěngtiánlièlìngrénxīnkuáng

[Deutung 1] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: chíchěngA-tiánlièA-xīnA-kuángB
Übersetzung: Zu Pferde jagen und hetzen machen das Herz wild und zügellos.
Deutung: Die verbreitetste Deutung. Die Jagd war das charakteristischste Vergnügen der antiken Aristokratie. Der Rausch der Verfolgung wilder Tiere zu Pferde versetzt den Geist in einen Zustand hemmungslosen Überschwangs, der keine Rückkehr zur Ruhe mehr erlaubt. „Das Herz wird wahnsinnig" (xīnkuáng) bedeutet nicht unbedingt Wahnsinn im klinischen Sinne, sondern dass der Geist von der Stimulation gefangen genommen wird, gefangen in einer endlosen Jagd.
Ähnliche Ansichten: Die von der Mehrheit der traditionellen Kommentatoren geteilte Deutung.
Kapitel 12 · Satz 4: chíchěngtiánlièlìngrénxīnkuáng

[Deutung 2] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: chíchěngB-tiánlièB-xīnB-kuángA
Übersetzung: Das zügellose Nachjagen von Erregung lässt die menschliche Natur das Gleichgewicht verlieren und in den Wahnsinn treiben.
Deutung: Diese Lesart nimmt „Hetzen und Jagen" (chíchěngtiánliè) in seinem verallgemeinerten Sinn — nicht auf die Jagd im eigentlichen Sinne beschränkt, sondern auf alle Formen des Reizjagens bezogen. Die menschliche Natur (xīnxìng) strebt ihrem Wesen nach Ruhe an; sobald man sich der Jagd nach äußeren Reizen hingibt, weicht man von seiner wahren Natur ab und verfällt dem Wahnsinn. Heshanggongs Kommentar „rénjīngshénhǎoānjìngchíchěngjīngshénsànwángkuáng" („Der menschliche Geist liebt die Stille; das Hetzen und Keuchen zerstreut den Geist bis zu seinem Schwinden, daher der Wahnsinn") bringt genau diesen Gedanken zum Ausdruck.
Ähnliche Ansichten: Heshanggong: „rénjīngshénhǎoānjìngchíchěngjīngshénsànwángkuáng" („Der menschliche Geist liebt die Stille; das Hetzen und Keuchen zerstreut den Geist bis zu seinem Schwinden, daher der Wahnsinn").
Kapitel 12 · Satz 4: chíchěngtiánlièlìngrénxīnkuáng

[Deutung 3] Traditionell · Mittlere Glaubwürdigkeit

Kombination: chíchěngA-tiánlièA-xīnA-kuángC
Übersetzung: Galoppieren und Jagen machen das Herz ruhelos und unruhig.
Deutung: „Kuáng" (kuáng) wird im Sinne von „ruhelos erregt" verstanden. Zusammen mit den drei vorangehenden Sätzen (Erblindung, Ertaubung, Geschmacksverderbnis) ergibt sich eine Steigerung — die ersten drei Sätze beschreiben den Verlust der Sinnesfähigkeiten, während dieser Satz zum Verlust des seelischen Gleichgewichts aufsteigt. Schäden an den Sinnen mögen heilbar sein, doch die Ruhelosigkeit des Geistes ist weit schwerer zu stillen.
Ähnliche Ansichten: In Anlehnung an Kapitel 26: „Leichtfertigkeit kostet die Wurzel; Rastlosigkeit kostet den Herrscher" (qīngshīběnzàoshījūn).

[Satz 5] nánzhīhuòlìngrénxíngfáng。(Seltene Güter beeinträchtigen das Handeln.)

Kapitel 12 · Satz 5: nánzhīhuòlìngrénxíngfáng

[Deutung 1] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: huòA-xíngA-fángB
Übersetzung: Seltene Schätze verderben die moralische Führung eines Menschen.
Deutung: Die gängigste Deutung. Die Gier nach seltenen Dingen verzerrt den moralischen Charakter — um sie zu erlangen, greifen die Menschen zu Diebstahl, Betrug und Streit, und die ursprünglich gute Tugend wird verdorben. Dieser Satz steht im Einklang mit Kapitel 3: „Schätze nicht die seltenen Güter, damit das Volk nicht stiehlt" (guìnánzhīhuò使shǐmínwèidào).
Ähnliche Ansichten: Heshanggong: „fángshāngnánzhīhuòwèijīnyínzhūxīntānzhīyànxíngshāngshēn" („Fáng bedeutet schädigen. Seltene Güter bezeichnen Gold, Silber, Perlen und Jade; wenn das Herz gierig ist und die Begierden unersättlich, wird das Handeln geschädigt und die Person entehrt").
Kapitel 12 · Satz 5: nánzhīhuòlìngrénxíngfáng

[Deutung 2] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: huòB-xíngB-fángA
Übersetzung: Kostbare Schätze versperren den Lebensweg.
Deutung: Wang Bi kommentiert: „nánzhīhuòsāirénzhènglìngrénxíngfáng" („Seltene Güter versperren den rechten Weg eines Menschen, daher behindern sie sein Gehen"). Hier wird „xíng" (xíng, Wandel/Weg) als „der rechte Weg" (zhèng, der richtige Lebensweg) verstanden und „fáng" (fáng) als „Hindernis". Kostbare Dinge sind wie Hindernisse auf dem Weg, die den Menschen in die Irre führen und vom rechten Pfad abbringen. Diese Deutung besitzt größere symbolische Tragweite.
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „nánzhīhuòsāirénzhènglìngrénxíngfáng" („Seltene Güter versperren den rechten Weg eines Menschen, daher behindern sie sein Gehen").
Kapitel 12 · Satz 5: nánzhīhuòlìngrénxíngfáng

[Deutung 3] Traditionell · Mittlere Glaubwürdigkeit

Kombination: huòA-xíngC-fángC
Übersetzung: Seltene Güter machen das Verhalten eines Menschen unangemessen und ungebührlich.
Deutung: „Xíng" (xíng) wird im allgemeinen Sinne von „Handlungen" verstanden und „fáng" (fáng) im Sinne von „Unangemessenheit". Dies ist die direkteste Lesart: Die Gier nach seltenen Dingen verleitet zu allerlei unangemessenen Handlungen. Dieser Satz bildet sowohl eine Zusammenfassung als auch eine Erweiterung der vier vorangehenden (Erblindung, Ertaubung, Geschmacksverderbnis, Wahnsinn) — der Schaden an den Sinnen mündet letztlich in Schaden am Verhalten.
Ähnliche Ansichten: Im Einklang mit Kapitel 3: „damit das Volk nicht stiehlt" (使shǐmínwèidào).

[Satz 6] shìshèngrénwèiwèi。(Darum sorgt der Weise für den Bauch und nicht für die Augen; er verwirft jenes und wählt dieses.)

Kapitel 12 · Satz 6: shìshèngrénwèiwèi

[Deutung 1] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: wèiA-A-A
Übersetzung: Darum sucht der Weise (shèngrén) nur die Sättigung (die Befriedigung der Grundbedürfnisse) und nicht die Sinnesfreuden (die Augenweide), und verwirft so die äußeren Verlockungen zugunsten der inneren Erfüllung.
Deutung: Die gängigste Deutung. „Der Bauch" () steht für die echten, grundlegenden Lebensbedürfnisse (Nahrung); „die Augen" () stehen für oberflächliche Sinnesgenüsse (sinnliche Vergnügungen). Die Schlussfolgerung des gesamten Kapitels: Wahre Zufriedenheit liegt innen, nicht außen. Der Weise wählt „sich um den Bauch zu kümmern" (wèi, innere Erfüllung) statt „sich um die Augen zu kümmern" (wèi, Sinnesjagd). Hier beziehen sich „jenes" () und „dieses" () auf „die Augen" bzw. „den Bauch".
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „wèizhěyǎngwèizhěshèngrénwèi" („Wer sich um den Bauch kümmert, nährt sich durch die Dinge; wer sich um die Augen kümmert, wird von den Dingen geknechtet; darum kümmert sich der Weise nicht um die Augen").
Kapitel 12 · Satz 6: shìshèngrénwèiwèi

[Deutung 2] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: wèiA-B-B
Übersetzung: Darum widmet sich der Weise der inneren Kultivierung (die fünf angeborenen Naturen bewahren und die geistige Klarheit nähren) und nicht der Jagd nach äußeren Sinnesreizen, und verwirft so den Sog der äußeren Dinge zugunsten des inneren Friedens.
Deutung: Heshanggongs Deutung unter dem Aspekt der Selbstkultivierung: „Der Bauch" () bedeutet nicht bloß Sättigung, sondern die umfassende Praxis von „shǒuxìngliùqíngjiézhìyǎngshénmíng" („Die fünf angeborenen Naturen bewahren, die sechs Emotionen ablegen, Willen und Lebensenergie regulieren und die geistige Klarheit nähren") — ein ganzheitliches Programm innerer Kultivierung. „Die Augen" () stehen für alle äußeren Verlockungen. Diese Deutung erhebt den Rat auf politischer Ebene zu einem persönlichen Weg der Selbstkultivierung.
Ähnliche Ansichten: Heshanggong: „shǒuxìngliùqíngjiézhìyǎngshénmíngwàngshìwàngshìxièjīngwài" („Die fünf angeborenen Naturen bewahren, die sechs Emotionen ablegen, Willen und Lebensenergie regulieren und die geistige Klarheit nähren. Die Augen sollen nicht wahllos blicken, denn wahlloses Blicken lässt die Lebensessenz nach außen schwinden").
Kapitel 12 · Satz 6: shìshèngrénwèiwèi

[Deutung 3] Neuartig · Mittlere Glaubwürdigkeit

Kombination: wèiA-C-B
Übersetzung: Darum widmet sich der Weise den inneren, authentischen Bedürfnissen des Lebens, weigert sich, von äußeren Dingen geknechtet zu werden, und legt so die äußeren Fesseln ab, um zum authentischen Selbst zurückzukehren.
Deutung: Diese Lesart deutet „den Bauch" () als „die inneren, authentischen Lebensbedürfnisse" und „die Augen" () als „den Zustand des Geknechtseins durch äußere Dinge". Diese Deutung trägt existentialistische Züge: Das Dilemma des Menschen liegt darin, von Äußerlichkeiten (Reichtum, Ruhm, Sinnesgenüsse) geknechtet zu werden, bis man das authentische Selbst vergisst. Die Entscheidung des Weisen, „jenes zu verwerfen und dieses zu wählen" (), bedeutet, sich von äußeren Fesseln zu befreien und zur inneren Freiheit zurückzukehren.
Ähnliche Ansichten: In Anlehnung an Kapitel 44: „Ruhm oder das Selbst — was ist teurer? Das Selbst oder Besitz — was wiegt schwerer?" (míngshēnshúqīnshēnhuòshúduō?).
Kapitel 12 · Satz 6: shìshèngrénwèiwèi

[Deutung 4] Traditionell · Mittlere Glaubwürdigkeit

Kombination: wèiB-A-A
Übersetzung: Darum handelt der Weise um des Bauches willen (um die Sättigung zu erlangen) und nicht um der Augen willen (um die Augen zu befriedigen), und verwirft so jenes und wählt dieses.
Deutung: „Wéi" (wèi) wird als Präposition „um ... willen" verstanden. Grammatisch werden sowohl „sich um den Bauch kümmern" (wèi) als auch „sich um die Augen kümmern" (wèi) als Zweckausdrücke aufgefasst: Der Zweck des Handelns des Weisen ist die Befriedigung echter Bedürfnisse (Bauch), nicht die Befriedigung von Begierden (Augen). Dies ist die schlichteste Lesart, doch ihre Implikationen sind tiefgründig — der Zweck des Handelns bestimmt sein Ergebnis.
Ähnliche Ansichten: Im Einklang mit dem Gedankengang in Kapitel 3: „Ihr Herz leeren, ihren Bauch füllen" (xīnshí).

Zusammenfassung des Kapitels

Dieses Kapitel enthält 17 Deutungskombinationen.

[Kerndifferenzen]

Das zwölfte Kapitel ist die konzentrierteste Kritik sinnlichen Genusses im Tao Te Ching. Die Struktur des Kapitels ist bemerkenswert symmetrisch: Die ersten fünf Sätze verwenden eine fünffache Anapher mit „lìngrén" („veranlasst, dass man") und bilden eine Parallelreihe (die Augen erblinden, die Ohren ertauben, der Gaumen verdirbt, das Herz wird wahnsinnig, das Handeln wird beeinträchtigt), und der letzte Satz, „sich um den Bauch und nicht um die Augen kümmern" (wèiwèi), liefert die Schlussfolgerung. Die Kerndifferenzen sind zweifacher Art: (1) Die Deutungsebene — bezeichnen die fünf Farben, fünf Töne und fünf Geschmäcke konkrete sinnliche Genüsse, oder stehen sie allgemein für jede Form begierdegetriebener Sinnesjagd? Wang Bi vertritt die letztere Auffassung („shùnxìngmìngfǎnshāngrán" — „Anstatt der eigenen Natur zu folgen, verletzt man die natürliche Ordnung") und betont die Verletzung der angeborenen Natur; Heshanggong vertritt die erstere und analysiert jeden Punkt unter dem Aspekt der Gesundheitspflege und Selbstkultivierung. (2) Der Kontrast zwischen „Bauch" () und „Augen" () — „sich um den Bauch und nicht um die Augen kümmern" ist einer der spannungsreichsten Kontraste in Laozis Philosophie. Der „Bauch" ist innen, unsichtbar, die Wurzel des Lebens; die „Augen" sind außen, vom Glanz geblendet, das Tor der Begierde. Wang Bis treffende Zusammenfassung bringt es auf den Punkt: „wèizhěyǎngwèizhě" („Wer sich um den Bauch kümmert, nährt sich durch die Dinge; wer sich um die Augen kümmert, wird von den Dingen geknechtet"). Ersteres bedeutet, dass der Mensch die Dinge nutzt; Letzteres, dass die Dinge den Menschen knechten — eine Einsicht von besonderer Dringlichkeit im Zeitalter des Konsumismus. Es ist bemerkenswert, dass sich Laozi nicht gegen die normale Sinnesfunktion wendet; wogegen er sich wendet, ist das Übermaß. Die fünf Farben schaden nicht wegen der Farbe an sich, sondern wegen der Versessenheit auf die Farbe. Wie Kapitel 1 besagt: „chángguānmiào" („Stets frei von Begierde, nimmt man das Geheimnis wahr"): Wenn die Sinne geleert sind, werden sie fähig, eine tiefere Dimension des Wunderbaren wahrzunehmen.

Anhang: Glossar der Schlüsselzeichen

A. [Subst.] Die fünf Farben (Blaugrün, Rot, Gelb, Weiß, Schwarz); im weiteren Sinne eine Farbenpracht
Quelle: Grundbedeutung. Im Altertum wurden die fünf Farben den Fünf Wandlungsphasen (xíng) und den fünf Himmelsrichtungen zugeordnet.
B. [Subst.] Übermäßig grelle Farben (mit Konnotation des Übermaßes)
Quelle: Im Kontext dieses Kapitels mit pejorativem Sinn, bezeichnet Sinnesfreuden jenseits des Natürlichen.
lìng
A. [Verb] Machen; veranlassen; lassen
Quelle: Grundbedeutung. Kausativer Gebrauch.
B. [Verb] Herbeiführen; bewirken (mit Konnotation negativer Folgen)
Quelle: Erweiterte Bedeutung. Betont das negative Ergebnis in einer Kausalbeziehung.
rén
A. [Subst.] Menschen; die Menschheit
Quelle: Grundbedeutung
A. [Subst.] Die Augen
Quelle: Grundbedeutung. „Die Augen; das Organ des Sehens."
B. [Subst.] Das Sehvermögen; die Sicht
Quelle: Erweiterte Bedeutung. Bezeichnet die Funktion der visuellen Wahrnehmung.
máng
A. [Adj.] Blind; nicht sehen könnend
Quelle: Grundbedeutung. „Blind; unfähig, Dinge zu sehen."
B. [Adj.] Das Unterscheidungsvermögen verloren habend; die natürliche Sehfähigkeit eingebüßt habend
Quelle: Erweiterte Bedeutung. Nicht physische Blindheit, sondern Verschleierung und Abstumpfung der Sinne.
yīn
A. [Subst.] Die fünf Töne (gōng, shāng, jué, zhǐ, yǔ); im weiteren Sinne kunstvolle Musik
Quelle: Grundbedeutung. Die antike pentatonische Tonleiter.
B. [Subst.] Übermäßig kunstvolle Musik (pejorativ)
Quelle: Im Kontext dieses Kapitels, bezeichnet übermäßige Sinnesunterhaltung.
lóng
A. [Adj.] Taub; unfähig, Klänge zu hören
Quelle: Grundbedeutung. „Unfähig, Klänge zu hören."
B. [Adj.] Im Gehör abgestumpft; die Fähigkeit verloren habend, das Wesentliche zu hören
Quelle: Erweiterte Bedeutung. Abstumpfung durch sensorische Überreizung.
wèi
A. [Subst.] Die fünf Geschmäcke (sauer, bitter, süß, scharf, salzig); im weiteren Sinne üppige und feine Speisen
Quelle: Grundbedeutung. Im Altertum wurden die fünf Geschmäcke den Fünf Wandlungsphasen zugeordnet.
kǒu
A. [Subst.] Der Mund; die Mundhöhle
Quelle: Grundbedeutung. „Das Organ, mit dem Menschen und Tiere essen und Laute erzeugen."
B. [Subst.] Der Geschmackssinn; der Gaumen
Quelle: Erweiterte Bedeutung. Bezeichnet die Funktion des Schmeckens.
shuǎng
A. [Verb] Verderben; beeinträchtigen (die Geschmacksfähigkeit)
Quelle: Wang Bis Kommentar: „shuǎngchàshīshīkǒuzhīyòngwèizhīshuǎng" („Shuǎng bedeutet Verfehlung oder Verlust; der Mund verliert seine Funktion, daher spricht man von shuǎng").
B. [Verb] Verfehlen; schädigen
Quelle: Heshanggongs Kommentar: „shuǎngwángrénshìwèikǒukǒuwáng" („Shuǎng bedeutet Untergang. Wenn ein Mensch den fünf Geschmäcken verfallen ist, geht der Mund unter").
C. [Adj.] Im Geschmack betäubt; der Gaumen in Unordnung
Quelle: Erweiterte Bedeutung. Kein vollständiger Verlust, sondern eine Abstumpfung des Geschmackssinns.
chíchěng
A. [Verb] Galoppieren; zu Pferde jagen
Quelle: Grundbedeutung. „Von Pferden, Wagen usw.: in hoher Geschwindigkeit laufen."
B. [Verb] Sich hingeben; zügellos nachjagen
Quelle: Erweiterte Bedeutung. Nicht nur Reiten, sondern geistiges Sich-Hingebenlassen und zügellose Jagd.
tiánliè
A. [Verb] Jagen; Wild im Freien verfolgen und fangen
Quelle: Grundbedeutung. „tián" ist eine Variante von „tián" (jagen).
B. [Subst.] Im weiteren Sinne Aktivitäten der Reizjagd
Quelle: Erweiterte Bedeutung. Nicht auf die Jagd im eigentlichen Sinne beschränkt; steht für alle Formen der Lustjagd.
xīn
A. [Subst.] Der Geist; die Seele; das Innere
Quelle: Grundbedeutung. Bezeichnet den inneren geistigen Zustand.
B. [Subst.] Die angeborene Natur; die ursprüngliche Veranlagung
Quelle: Erweiterte Bedeutung. Die dem Menschen innewohnende Natur.
A. [Verb] Werden; sich verwandeln in
Quelle: Erweiterte Bedeutung. Einen bestimmten Zustand zeigen oder annehmen.
kuáng
A. [Adj.] Wahnsinnig; geistig gestört
Quelle: Grundbedeutung. „Bezeichnete ursprünglich einen tollwütigen Hund; später auch auf menschliche Geistesstörung angewandt."
B. [Adj.] Wild und zügellos; hemmungslos ausschweifend
Quelle: Erweiterte Bedeutung. „Mit Maßlosigkeit oder anmaßendem Überschwang handeln."
C. [Adj.] Ruhelos und unruhig; unfähig, Frieden zu finden
Quelle: Erweiterte Bedeutung. Ein Zustand innerer Aufruhr.
nán
A. [Adj.] Schwer zu erlangen; selten
Quelle: Grundbedeutung. „Nicht leicht zu bekommen."
huò
A. [Subst.] Güter; Waren
Quelle: Grundbedeutung. „Handelsgut."
B. [Subst.] Schätze; kostbare Gegenstände
Quelle: Erweiterte Bedeutung. Bezeichnet insbesondere Wertgegenstände wie Gold, Silber, Perlen und Jade.
xíng
A. [Subst.] Wandel; sittliche Führung
Quelle: Grundbedeutung. „Handlungen oder Verhalten, die geeignet sind, den Charakter einer Person zu offenbaren."
B. [Subst.] Gehen; Wandern (Metapher für den Lebensweg)
Quelle: Grundbedeutung. „Gehen." Metaphorisch verwendet für den rechten Lebensweg.
C. [Subst.] Handlungen; Verhalten
Quelle: Erweiterte Bedeutung. Bezeichnet Handlungen im Allgemeinen.
fáng
A. [Verb] Behindern; hemmen
Quelle: Grundbedeutung. „Behindern; schädigen."
B. [Verb] Schädigen; verderben
Quelle: Heshanggongs Kommentar: „fángshāng" („Fáng bedeutet schädigen").
C. [Adj.] Unangemessen; fehl am Platze
Quelle: Erweiterte Bedeutung. Verhalten, das vom rechten Weg abweicht.
wèi
A. [Verb] Sich kümmern um; sich widmen; anstreben
Quelle: Grundbedeutung. „Tun; handhaben."
B. [Präp.] Um ... willen
Quelle: Präpositionaler Gebrauch. Drückt den Zweck aus.
A. [Subst.] Der Bauch (stellvertretend für die Grundbedürfnisse der Sättigung)
Quelle: Grundbedeutung. In Anlehnung an Kapitel 3: „ihren Bauch füllen" (shí).
B. [Subst.] Das Innere; innere Erfüllung (das Tao umfangen und die Mitte bewahren)
Quelle: Erweiterte Bedeutung. Heshanggongs Kommentar: „shǒuxìngliùqíngjiézhìyǎngshénmíng" („Die fünf angeborenen Naturen bewahren, die sechs Emotionen ablegen, Willen und Lebensenergie regulieren und die geistige Klarheit nähren").
C. [Subst.] Der Bauch (stellvertretend für die inneren, authentischen Lebensbedürfnisse)
Quelle: Erweiterte Bedeutung. „Sich dem Inneren widmen" statt „dem Äußeren".
A. [Verb] Verwerfen; ablegen
Quelle: Grundbedeutung. „Fortgehen." Erweitert zu verwerfen oder ablegen.
A. [Pron.] Jenes (bezieht sich auf „die Augen" , d.h. die äußere Sinnesfreude)
Quelle: Grundbedeutung. „Jenes; jener." Bezieht sich auf die zuvor genannten Bestrebungen auf Sinnesebene.
A. [Pron.] Dieses (bezieht sich auf „den Bauch" , d.h. die innere Erfüllung)
Quelle: Grundbedeutung. „Dieses; dieser." Bezieht sich auf die zuvor genannte Zufriedenheit auf innerer Ebene.