Übersetzung: Die Hun- und Po-Seelen tragen und sie zu einer Einheit zusammenführen — kann man sie davon abhalten, sich zu trennen?
Deutung: Die verbreitetste traditionelle Auslegung. „载" bedeutet tragen, stützen; „营魄" bezeichnet die Hun- und Po-Seelen — die geistige Seele (Hun) und die körperliche Seele (Po); „抱一" bedeutet, die Einheit von Körper und Geist zu umfassen. Das Hun (Yang-Geist) und das Po (Yin-Geist) neigen dazu, sich durch Begierden und Emotionen zu trennen; der Übende des Tao muss Form und Geist vereinen, damit sie sich niemals trennen. Dies ist die erste Stufe der Selbstkultivierung bei Laozi.
Ähnliche Ansichten: Heshanggong (河上公): „人载魂魄之上得以生,当爱养之。喜怒亡魂,卒惊伤魄。" („Das menschliche Leben beruht darauf, Hun und Po zu tragen; man soll sie liebevoll nähren. Freude und Zorn zerstreuen das Hun; plötzlicher Schreck verletzt das Po.")
Übersetzung: Im Körper (der Wohnstätte des Geistes) verweilen und die reine, ungeteilte wahre Natur umfassen — kann man stets verbleiben, ohne davon abzuweichen?
Deutung: Wang Bis Auslegung. „载" nimmt die Bedeutung von „verweilen" an; „营魄" ist der gewöhnliche Aufenthaltsort des Menschen (d.h. der Körper); „一" ist die wahre Natur des Menschen. Der Schwerpunkt liegt nicht auf der Vereinigung von Hun und Po, sondern darauf, am reinen, lichten Geist festzuhalten, ohne ihn den Körper verlassen zu lassen. Diese Lesart tendiert zur Ontologie — das „Eine" (die wahre Natur / das Tao) bewahren, und alle Dinge werden sich von selbst fügen.
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „载,犹处也。营魄,人之常居处也。一,人之真也。言人能处常居之宅,抱一清神,能常无离乎。" („载 bedeutet ‚verweilen'. 营魄 ist die gewöhnliche Wohnstätte des Menschen. 一 ist die wahre Natur des Menschen. Es besagt: Kann man in der gewöhnlichen Wohnstätte verweilen, die Einheit umfassen und den Geist läutern, ohne je davon abzuweichen?")
Übersetzung: Das nährende Qi (气) und den physischen Körper tragen, das Tao (道) (das uranfängliche harmonische Qi) umfassen — kann man sie davon abhalten, sich zu trennen?
Deutung: Heshanggongs kultivierungsorientierte Auslegung. „营" nimmt die Bedeutung von Ying-Qi (nährendes Qi) an, „魄" die des physischen Körpers, und „一" die Bedeutung des „uranfänglichen harmonischen Qi, das aus dem Tao hervorging". Diese Lesart verankert die Kultivierung in der konkreten Praxis der Verfeinerung des Lebens-Qi — wer das aus dem Tao geborene Qi umfassen und es am Verlassen des Körpers hindern kann, vermag Langlebigkeit zu erlangen.
Ähnliche Ansichten: Heshanggong (河上公): „一者,道始所生,太和之精气也。" („Das Eine ist das uranfängliche harmonische Lebens-Qi, das am Anfang des Tao geboren wurde.")
Übersetzung: (So gesagt:) Die Hun- und Po-Seelen müssen sich umfassen und eins werden — kann man vermeiden, von diesem Zustand abzuweichen?
Deutung: „载" nimmt die Bedeutung einer Einleitungspartikel an (bedeutend „dann" oder „also"), ohne inhaltliche Bedeutung, lediglich zur Einleitung der Aussage dienend. „离" nimmt die Bedeutung von „abweichen" an. Diese Lesart behandelt „载" als grammatisches Funktionswort statt als Inhaltswort und legt den Schwerpunkt auf „die Einheit umfassen" und „nicht abweichen".
Ähnliche Ansichten: Einige Philologen betrachten „载" als Einleitungspartikel.
Übersetzung: Den Atem konzentrieren, um einen Zustand der Weichheit zu erreichen — kann man wie ein Säugling werden?
Deutung: Die verbreitetste Auslegung. „专" bedeutet sich konzentrieren; „气" bezeichnet den Atem; „致柔" bedeutet, Weichheit herbeizuführen. Durch Atemregulierung (Konzentration auf die Atmung) bringt der Übende Körper und Geist in einen Zustand weicher Harmonie. Der Säugling ist Laozis Ideal — weich, unschuldig, voller Lebenskraft, aber frei von Begierden. Dieser Satz repräsentiert die zweite Stufe der Kultivierung: die Atemregulierung.
Ähnliche Ansichten: Heshanggong (河上公): „专守精气使不乱,则形体能应之而柔顺。" („Wenn man das Lebens-Qi ausschließlich bewahrt und es nicht in Unordnung geraten lässt, wird der physische Körper mit Weichheit und Geschmeidigkeit darauf antworten.")
Übersetzung: Das natürliche Qi frei fließen lassen, um die äußerste Weichheit zu erreichen — kann man wie ein Säugling werden?
Deutung: Wang Bis Auslegung. „专" nimmt die Bedeutung von „gewähren lassen" (任) an, und „气" die Bedeutung von „natürlichem Qi". Statt den Atem bewusst zu kontrollieren, lässt man das natürliche Qi von selbst fließen und erreicht die Harmonie äußerster Weichheit. Der Schwerpunkt liegt auf dem Nicht-Handeln (无为) — nicht den Willen zur Kontrolle des Qi einsetzen, sondern es seinem natürlichen Lauf folgen lassen. Dies steht in krassem Gegensatz zu Heshanggongs Betonung des „ausschließlichen Bewahrens des Lebens-Qi" als aktiver Übung.
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „专,任也,致极也,言任自然之气,致至柔之和,能若婴儿之无所欲乎。" („专 bedeutet ‚gewähren lassen'; 致 bedeutet ‚das Äußerste erreichen'. Es besagt: Das natürliche Qi fließen lassen, die Harmonie äußerster Weichheit erreichen — kann man wie ein Säugling sein, frei von Begierden?")
Übersetzung: Das Lebens-Qi ausschließlich bewahren, um Weichheit zu erreichen — kann man wie ein Säugling werden?
Deutung: Eine Auslegung aus der Lebenspflegetradition. „专" nimmt die Bedeutung von „ausschließlich bewahren" an, und „气" die von „Lebens-Qi" (精气). Diese Lesart betont, dass der Übende seine Lebenskraft ausschließlich bewahren muss, sie am Austreten und Zerstreuen hindern, um in den weichen und reinen Zustand des Säuglings zurückzukehren. Dies bildet eine der theoretischen Grundlagen der daoistischen Inneren Alchemie (内丹).
Ähnliche Ansichten: Heshanggong (河上公): „能如婴儿内无思虑,外无政事,则精神不去也。" („Kann man wie ein Säugling sein — innerlich frei von Grübeleien, äußerlich frei von weltlichen Angelegenheiten — dann wird der Lebensgeist nicht weichen.")
Übersetzung: Die störenden Gedanken aus den Tiefen des Geistes waschen und beseitigen — kann man die innere Betrachtung makellos machen?
Deutung: Heshanggongs Auslegung. „玄览" wird als das kontemplative Vermögen in den Tiefen des Geistes gedeutet — das Herz verweilt im Reich des dunkel Geheimnisvollen und kann alle Dinge wahrnehmen. Der Übende muss den Geist reinigen, alle ablenkenden und trügerischen Gedanken beseitigen und den Herzensspiegel hell und makellos machen. Diese Lesart betont die Kultivierung der inneren Natur, als dritte Stufe der Selbstkultivierung.
Ähnliche Ansichten: Heshanggong (河上公): „当洗其心,使洁净也。心居玄冥之处,览知万事,故谓之玄览也。" („Man soll das Herz waschen und es rein machen. Das Herz verweilt im Reich des dunkel Geheimnisvollen, nimmt alle Dinge wahr und erkennt sie — daher der Begriff ‚tiefe Betrachtung'.")
Übersetzung: Ablenkungen waschen, um die höchste Betrachtung zu erreichen — kann man verhindern, dass äußere Dinge die Klarheit des Geistes beeinträchtigen?
Deutung: Wang Bis Auslegung. „玄" nimmt die Bedeutung von „das Äußerste der Dinge" an, und „疵" die Bedeutung von „Hindernisse, die den Geist schädigen". Diese Lesart betont: Nachdem man allen Schein und Schmuck abgewaschen hat, erreicht man den höchsten Zustand der Betrachtung — kann man dann verhindern, dass äußere Dinge die eigene klare Weisheit trüben? Gelingt dies, kann man „schließlich eins werden mit dem Geheimnisvollen" — vereint mit dem Tao.
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „玄,物之极也。言能涤除邪饰,至于极览,能不以物介其明,疵之其神乎。" („玄 ist das Äußerste der Dinge. Es besagt: Kann man falsche Verzierungen abwaschen, die höchste Betrachtung erreichen, und kann man verhindern, dass äußere Dinge sich in die eigene Klarheit drängen und den Geist beflecken?")
Übersetzung: Jenen tiefen Herzensspiegel waschen und reinigen (von seinem Staub) — kann man ihn makellos machen?
Deutung: „览" wird als phonetische Entlehnung für „鉴" (Spiegel) gelesen, wodurch „玄览" gleichbedeutend wird mit „玄鉴" — dem tiefen Herzensspiegel. Diese Lesart vergleicht die Kultivierung mit dem Polieren eines Spiegels: Das menschliche Herz ist ursprünglich wie ein heller Spiegel, aber es wird vom Staub der Begierden und ablenkenden Gedanken bedeckt. „涤除玄览" bedeutet, den Staub vom Herzensspiegel abzuwischen. Diese Metapher nimmt den späteren Vers von Shenxiu vorweg: „时时勤拂拭,勿使惹尘埃" („Ständig eifrig wischen und polieren; keinen Staub darauf fallen lassen").
Ähnliche Ansichten: Einige Gelehrte übernehmen die Lesung von „览" als Entlehnung für „鉴" und stellen eine Verbindung zur buddhistischen Metapher des „Herzens als heller Spiegel" her.
Übersetzung: Das Volk lieben und den Staat regieren — kann man dies tun, ohne auf listige Strategien zurückzugreifen?
Deutung: Die gängigste Auslegung. „知" ist eine phonetische Entlehnung für „智" (Klugheit/List), und bezeichnet Schlauheit und politische Ränke. Laozi vertrat die Ansicht, dass die höchste Form des Regierens „ohne List" sei — auf Verschwörungen und Strategien zugunsten einer schlichten und natürlichen Regierungsweise zu verzichten. Dies steht im Einklang mit Kapitel 3 („不尚贤,使民不争" — „Die Würdigen nicht erhöhen, damit das Volk nicht wetteifert") und Kapitel 65 („以智治国,国之贼" — „Einen Staat mit List zu regieren heißt, sein Dieb zu sein").
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „治国无以智,犹弃智也。能无以智乎,则民不辟而国治之也。" („Den Staat ohne List zu regieren ist, als ob man alle List verwürfe. Kann man ohne List regieren? Dann wird das Volk nicht ausweichend sein und der Staat wird gut regiert.")
Übersetzung: Das Lebens-Qi wertschätzen und den Körper kultivieren — kann man dies tun, ohne auf Klugheit zurückzugreifen?
Deutung: Heshanggongs Auslegung der doppelten Kultivierung von Körper und Staat. Dieser Satz gilt gleichzeitig für die Selbstkultivierung und das Regieren. Wer sich selbst kultiviert und das Lebens-Qi wertschätzt, bewahrt den Körper; der Herrscher, der das Volk wertschätzt, sichert den Staat. Auf beiden Ebenen muss man „Freiheit von List" erreichen — kein Rückgriff auf Tricks oder Kunstgriffe.
Ähnliche Ansichten: Heshanggong (河上公): „治身者,爱气则身全;治国者,爱民则国安。" („Bei der Kultivierung des Körpers bewahrt die Wertschätzung des Qi den Körper unversehrt; beim Regieren des Staates sichert die Wertschätzung des Volkes den Frieden des Staates.")
Übersetzung: Das Volk lieben und den Staat regieren — kann man unbewusst handeln, ohne Spuren bewussten Eingreifens zu hinterlassen?
Deutung: „知" nimmt die Bedeutung von „bewusstes Gewahrsein, bewusstes Eingreifen" an. Diese Lesart geht eine Ebene tiefer: Es geht nicht nur darum, List zu vermeiden, sondern selbst das Bewusstsein des Regierens zu beseitigen. Wahrhaft gutes Regieren geschieht, wenn der Herrscher ohne bewusste Absicht handelt und das Volk nicht weiß, dass es regiert wird. Dies entspricht Kapitel 17: „太上,下知有之" („Die besten Herrscher sind jene, von denen die Untertanen lediglich wissen, dass sie existieren").
Ähnliche Ansichten: Konvergiert mit dem höchsten Ideal des „Regierens durch Nicht-Handeln" (无为而治).
Übersetzung: Wenn die Sinne sich in ihrem Austausch mit der Außenwelt öffnen und schließen — kann man einen Zustand sanfter Stille bewahren?
Deutung: Die verbreitetste Auslegung. „天门" (Himmelstore) bezeichnet die Sinnesorgane — Augen, Ohren, Nase und Mund sind die Fenster, durch die die Seele der Außenwelt begegnet. Die Sinne öffnen und schließen sich fortwährend (nehmen äußere Dinge wahr); kann man inmitten unzähliger Reize die innere Ruhe und Sanftheit bewahren, ohne von äußeren Dingen mitgerissen zu werden? „雌" (das Weibliche) ist eine Eigenschaft, die Laozi in höchstem Maße schätzte — Weichheit überwindet Härte.
Ähnliche Ansichten: Heshanggong (河上公): „治身当如雌牝,安静柔弱。" („Bei der Kultivierung des Körpers soll man sein wie das Weibliche — ruhig, still, weich und nachgiebig.")
Übersetzung: Wenn der Angelpunkt aller Dinge unter dem Himmel sich im Wechsel von Ordnung und Chaos öffnet und schließt — kann man antworten, ohne die Führung zu übernehmen?
Deutung: Wang Bis politisch-philosophische Auslegung. „天门" ist das Tor, durch das alle Angelegenheiten der Welt gehen; „开阖" bezeichnet die kritischen Wendepunkte von Ordnung und Unordnung, Aufstieg und Niedergang. Angesichts der großen Umwälzungen der Welt — kann man die Haltung des „Weiblichen" bewahren — antworten ohne zu beginnen, folgen ohne aufzuzwingen? Dies ist der Weg des Nicht-Handelns (无为) in der politischen Sphäre.
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „天门,天下之所从由也。开阖,治乱之际也。雌,应而不倡,因而不为。" („‚Das Himmelstor' ist der Durchgang, durch den alles unter dem Himmel geht. ‚Öffnen und Schließen' sind die Wendepunkte von Ordnung und Chaos. ‚Das Weibliche' bedeutet antworten ohne zu beginnen, folgen ohne zu handeln.")
Übersetzung: Beim Ein- und Ausatmen durch die Nasenlöcher — kann man sanft und still bleiben?
Deutung: Heshanggongs Qigong-basierte Auslegung. „天门" bezeichnet die Nasenlöcher; „开" ist das Einatmen, „阖" das Ausatmen. Während der Atemübung soll der Übende sanft und gelassen bleiben, weder hastig noch erzwungen. Dies korrespondiert mit dem zweiten Satz „专气致柔" (das Qi konzentrieren, um Weichheit zu erreichen); beide beschreiben die spezifische Disziplin der Atemregulierung.
Ähnliche Ansichten: Heshanggong (河上公): „天门谓鼻孔。开谓喘息,阖谓呼吸也。" („‚Das Himmelstor' bezeichnet die Nasenlöcher. ‚Öffnen' bedeutet Keuchen; ‚Schließen' bedeutet Atmen.")
Übersetzung: In den Bewegungen und Veränderungen des Himmelsweges (des Palastes der Purpurnen Feinheit) — kann man sanft bleiben?
Deutung: Heshanggongs kosmologisch-astronomische Auslegung. „天门" bezeichnet den Palast der Purpurnen Feinheit am Nordpol, den Angelpunkt der Himmelsbewegung. Das Tao des Himmels öffnet und schließt sich nach seinen eigenen Gesetzen; können die Menschen den sanften Lauf des Himmelsweges nachahmen? Diese Lesart erhebt die Perspektive von der persönlichen Kultivierung auf die Ebene der Kosmologie.
Ähnliche Ansichten: Heshanggong (河上公): „天门谓北极紫微宫。开阖谓终始五际也。" („‚Das Himmelstor' bezeichnet den Palast der Purpurnen Feinheit am Nordpol. ‚Öffnen und Schließen' bezeichnet die Zyklen der fünf Übergänge.")
Übersetzung: Mit durchdringendem Verständnis und Weisheit, die in alle vier Richtungen reicht — kann man dies tun, ohne auf listige Strategien zurückzugreifen?
Deutung: Die verbreitetste Auslegung. Jemand, der die Dinge klar versteht und in jede Richtung wahrnimmt, und dennoch davon absehen kann, sich auf List und Strategien zu stützen — das ist wahre Weisheit. „明白四达" beschreibt den Zustand der Weisheit; „无知" beschreibt die Art ihrer Anwendung. Wissen und dennoch keine List anwenden — das ist die höchste Klarheit. Darin liegt die tiefe Bedeutung des Spruchs „Große Weisheit erscheint töricht" (大智若愚).
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „言至明四达,无迷无惑,能无以为乎,则物化矣。" („Es besagt: Die höchste Klarheit in alle vier Richtungen erreichend, frei von Verwirrung und Irrtum — kann man von bewusstem Handeln absehen? Wenn ja, dann werden sich alle Dinge von selbst wandeln.")
Übersetzung: Mit klarem Verständnis und vollständiger Einsicht in alle Dinge — kann man es vermeiden, sich seines eigenen Wissens zu überheben?
Deutung: „知" nimmt die Bedeutung von „sich seines Wissens anmaßen" an. Wahrhaft durchdringendes Verständnis bedeutet nicht, seine Klugheit zur Schau zu stellen, sondern demütig und zurückhaltend zu bleiben, ohne sich auf die eigene Intelligenz zu stützen. Je klarer man in alle Richtungen sieht, desto bescheidener und innerlich zurückhaltender sollte man sein. Dies entspricht Kapitel 71: „知不知,上;不知知,病" („Wissen und doch nicht zu wissen meinen ist das Beste; nicht wissen und zu wissen meinen ist eine Krankheit").
Ähnliche Ansichten: Konvergiert mit Kapitel 71: „知不知,上" („Wissen und doch denken, man wisse nicht, ist das Beste").
Übersetzung: Mit Licht, das in alle vier Richtungen strahlt — kann man die Grenzen des Wissens überschreiten?
Deutung: Heshanggongs kosmologische Auslegung. „明白四达" wird dem Glanz von Sonne und Mond verglichen, der die ganze Welt erleuchtet. „无知" bedeutet nicht, dass es an Intelligenz fehlt, sondern dass das Große Tao alles unter dem Himmel erfüllt, ohne dass irgendjemand es wahrnehmen kann — die Größe des Tao liegt darin, dass sein Wirken lautlos und spurlos geschieht.
Ähnliche Ansichten: Heshanggong (河上公): „无有能知道满于天下者。" („Niemand kann wahrnehmen, dass das Tao die ganze Welt erfüllt.")
Übersetzung: Mit durchdringendem Verständnis und Weisheit, die in alle vier Richtungen reicht — kann man Nicht-Handeln (无为) praktizieren?
Deutung: Eine bedeutende Textvariante: Wang Bis Text lautet „能无为乎" (kann man Nicht-Handeln praktizieren?) anstatt „能无知乎" (kann man auf List verzichten?). Nimmt man die Lesart „Nicht-Handeln" an, dann bildet dieser Satz mit dem vorhergehenden „爱民治国,能无知乎" eine progressive Abfolge — zunächst Freiheit von List (keine Tricks), dann Nicht-Handeln (keinerlei Eingreifen). Diese Variante ist von großer Bedeutung: „Nicht-Handeln" treibt die Kultivierungspraxis auf ihre höchste Stufe — höchste Klarheit verbunden mit Nicht-Handeln.
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „言至明四达,无迷无惑,能无以为乎,则物化矣。所谓道常无为,侯王若能守,则万物自化。" („Es besagt: Die höchste Klarheit in alle vier Richtungen erreichend, frei von Verwirrung und Irrtum — kann man von bewusstem Handeln absehen? Dann werden sich alle Dinge von selbst wandeln. Dies meint: ‚Das Tao ist ewig nicht-handelnd; können Fürsten und Könige daran festhalten, dann werden sich alle Dinge von selbst wandeln.'")
Übersetzung: Es gibt allen Dingen das Leben und nährt sie; es gibt ihnen das Leben, doch beansprucht keinen Besitz; es handelt, doch stützt sich nicht auf sein eigenes Vermögen; es nährt alle Dinge, doch beherrscht sie nicht — dies nennt man „Dunkle Tugend" (玄德) — die tiefste und weitreichendste Tugend.
Deutung: Der abschließende Absatz des gesamten Kapitels, der den Charakter des Tao (道) erhellt. Das Tao gibt allen Dingen das Leben (Schöpfung) und nährt sie (Erhaltung), doch beansprucht niemals Besitz, stützt sich nicht auf sich und beherrscht nicht. Dies ist die höchste Form der Tugend, die weltlichen Nützlichkeitsdenken übersteigt — die „Dunkle Tugend" (玄德). „玄" (das Geheimnisvolle/Dunkle) betont, dass diese Tugend verborgen und unmerklich, tief und unergründlich ist. Diese Passage erscheint auch in Kapitel 51 und stellt eine wiederkehrende Formulierung des Kerngedankens Laozis dar.
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „不塞其原,则物自生,何功之有。不禁其性,则物自济,何为之恃。凡言玄德,皆有德而不知其主,出乎幽冥。" („Wenn man die Quelle nicht versperrt, dann entstehen die Dinge von selbst — welches Verdienst gäbe es zu beanspruchen? Wenn man ihre Natur nicht unterdrückt, dann erfüllen sich die Dinge von selbst — welcher Stütze bedarf es? Wann immer die ‚Dunkle Tugend' erwähnt wird, bezieht sie sich auf eine Tugend, die existiert, deren Herr aber unbekannt ist und die aus dem dunkel Geheimnisvollen hervortritt.")
Übersetzung: Es gibt allen Dingen das Leben und nährt sie; es gibt ihnen das Leben, doch beansprucht keinen Besitz; es handelt, doch erwartet nichts als Gegenleistung; es ist der Älteste aller Dinge, doch beherrscht sie nicht — dies ist die „Dunkle Tugend".
Deutung: Heshanggongs Auslegung. „长" nimmt die Bedeutung von „Ältester, Anführer" an; „恃" nimmt die Bedeutung von „eine Belohnung erwarten" an. Das Tao nährt alle Dinge wie ein Ältester seine Nachkommen nährt, doch verlangt es nie eine Gegenleistung, behandelt die Zehntausend Dinge nie als Werkzeuge zu seinem Nutzen. „宰" trägt die Konnotation von „schlachten, um daraus Gerätschaften zu fertigen" — die Schöpfung nie als Werkzeuge behandeln. Diese Lesart hebt die Selbstlosigkeit des Tao hervor.
Ähnliche Ansichten: Heshanggong (河上公): „道所施为,不恃望其报也。道长养万物,不宰割以为器用。" („Das Tao handelt, ohne sich auf die Erwartung einer Belohnung zu stützen. Das Tao nährt alle Dinge als Ältester und schlachtet sie nicht, um daraus Gerätschaften zu fertigen.")
Übersetzung: Dies nennt man „Dunkle Tugend" (玄德) — die verborgene, unmerkliche innere Natur.
Deutung: „玄" nimmt die Bedeutung von „dunkel geheimnisvoll und unmerklich" an, und „德" nimmt die Bedeutung von „得" an (das Erlangte — die angeborene Natur, die vom Tao empfangen wird). Die „Dunkle Tugend" ist kein äußeres moralisches Verhalten, sondern die innere Natur, die alle Dinge vom Tao empfangen — sie ist verborgen und unmerklich, doch sie bildet das Fundament aller Existenz. Diese Lesart erhebt die „Dunkle Tugend" von der ethischen auf die ontologische Ebene.
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „凡言玄德,皆有德而不知其主,出乎幽冥。" („Wann immer die ‚Dunkle Tugend' erwähnt wird, bezieht sie sich auf eine Tugend, die existiert, deren Herr aber unbekannt ist und die aus dem dunkel Geheimnisvollen hervortritt.")
Übersetzung: (Der Übende soll dem Tao nacheifern:) Leben geben ohne zu besitzen, handeln ohne sich auf sein Vermögen zu stützen, führen ohne zu beherrschen — dies ist die tiefe und weitreichende Tugend.
Deutung: Diese Lesart verschiebt den gesamten Satz von der Beschreibung des „Tao" hin zur Verhaltensvorschrift für den Übenden. Die ersten sechs Sätze sind Fragen, die auf die persönliche Kultivierung zielen (die Einheit umfassen, Weichheit erreichen, die Betrachtung reinigen, ohne List regieren, weiblich sein, durch Nicht-Handeln wirken), und dieser Satz fasst den Zustand zusammen, den der Übende letztlich erreichen soll — geben wie das Tao, ohne etwas als Gegenleistung zu fordern. Selbstkultivierung und der Weg des Himmels sind hier vereint.
Ähnliche Ansichten: Heshanggong (河上公): „言道行德,玄冥不可得见,欲使人如道也。" („Es besagt, dass das Tao Tugend ausübt, dunkel geheimnisvoll und unmerklich — und wünscht, die Menschen wie das Tao werden zu lassen.")
Dieses Kapitel enthält 25 Deutungskombinationen.
[Kerndifferenzen]
Kapitel 10 ist das am stärksten auf die Kultivierungstheorie konzentrierte Kapitel des Tao Te Ching. Es entfaltet sechs rhetorische Fragen in fortschreitenden Schichten, die sechs Dimensionen umfassen: Vereinigung von Form und Geist (载营魄抱一), Atemregulierung und Lebenspflege (专气致柔), Kultivierung der inneren Natur (涤除玄览), Regierung des Staates (爱民治国), Umgang mit der Außenwelt (天门开阖) und höchste Klarheit mit Nicht-Handeln (明白四达). Die Kerndifferenz liegt darin: (1) Wang Bi und Heshanggong repräsentieren zwei diametral entgegengesetzte Kultivierungswege — Wang Bi betont die ontologische Betrachtung (die wahre Natur bewahren, gewähren lassen, Nicht-Handeln), während Heshanggong konkrete Übungen betont (Hun und Po nähren, das Lebens-Qi ausschließlich bewahren, Atemregulierung); (2) die Polysemie von „天门" erlaubt es, den fünften Satz als Sinneskultivierung, Atemübung oder politische Weisheit zu lesen; (3) der Schlussbegriff „Dunkle Tugend" (玄德) erhebt das gesamte Kapitel von der konkreten Kultivierung auf die metaphysische Ebene — der Charakter des Tao ist das höchste Ziel des Übenden. Die Anordnung der sechs Fragen impliziert eine Hierarchie der Kultivierung: vom Körper zum Lebens-Qi zum Geist zur Gesellschaft zu Himmel und Erde, letztlich zusammenlaufend in der „Dunklen Tugend" — einer unendlich tiefen und weitreichenden Tugend des Gebens ohne jede Forderung einer Gegenleistung.