Übersetzung: Wer die Tüchtigen nicht hochschätzt, bewirkt, dass das Volk nicht miteinander wetteifert.
Deutung: Die gängigste Auslegung. „尚" bedeutet „hochschätzen", „贤" bezeichnet fähige Menschen. Wenn der Herrscher Tüchtige nicht besonders hervorhebt und preist, wird unter dem Volk kein Vergleichen und Wetteifern hervorgerufen. Dies ist eine der konkreten Maßnahmen von Laozis Politik des Nicht-Handelns (无为). Der Kern richtet sich nicht gegen die Tüchtigkeit selbst, sondern gegen das durch „Anpreisen" der Tüchtigkeit ausgelöste Streben nach Ruhm und Gewinn.
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „唯能是任,尚也曷为。尚贤显名,荣过其任,为而常校能相射。" — „Wenn man allein nach Fähigkeit einsetzt, wozu dann das Hochschätzen? Das Hochschätzen der Tüchtigen macht ihre Namen berühmt; der Ruhm übersteigt ihre Aufgabe, und es entsteht ständiges Vergleichen und Rivalisieren."
Übersetzung: Wer die weltlich sogenannten Tüchtigen (redegewandte, vom Tao abweichende, machttaktische Personen) nicht hochschätzt, bewirkt, dass das Volk nicht um Ruhm und Gewinn streitet.
Deutung: Heshanggongs Auslegung: Das hier verwendete „贤" meint nicht wahre Weise, sondern die weltlich sogenannten Tüchtigen — jene, die in Rhetorik und Machttaktik bewandert sind, dabei aber vom Tao abweichen. Wenn man solche Personen nicht hervorhebt, wird das Volk nicht danach streben, sie nachzuahmen. Diese Deutung richtet die Kritik gegen die „Schein-Tüchtigen", nicht gegen Tüchtigkeit an sich.
Ähnliche Ansichten: Heshanggong: „贤谓世俗之贤,辩口明文,离道行权,去质为文也。" — „‚Tüchtig' bezeichnet hier die weltlich Tüchtigen — redegewandt und schriftkundig, vom Tao abweichend und Machttaktik betreibend, die Schlichtheit aufgebend zugunsten des Äußeren."
Übersetzung: Wer den (Titel der) Tüchtigkeit nicht zur Schau stellt, bewirkt, dass die Menschen nicht miteinander wetteifern und sich vergleichen.
Deutung: „尚" wird hier als „zur Schau stellen, anpreisen" verstanden, „贤" als Adjektiv „tüchtig". Der Schwerpunkt liegt darauf, dass man nicht öffentlich kundtun soll, wer tüchtig sei, da eben dieses Anpreisen Hierarchie und Wettbewerb erzeugt. Diese Deutung spiegelt den Gegensatz zwischen Mozis „尚贤" (Förderung der Tüchtigen) und Laozis „不尚贤" wider — Laozi sieht im gezielten Hervorheben vielmehr eine Quelle des Schadens.
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „尚者,嘉之名也。" — „‚Shàng' bedeutet, einem ehrenden Namen zu verleihen."
Übersetzung: Wer die (sogenannten) sittlich Vortrefflichen nicht hervorhebt, bewirkt, dass das Volk nicht über Recht und Unrecht streitet.
Deutung: „尚" wird hier als „Wert beimessen" verstanden, „贤" als „sittlich vortreffliche Person". Wenn der Herrscher nicht nach einem bestimmten Moralmaßstab misst und Menschen bevorzugt, entsteht unter dem Volk kein Streit um diese Maßstäbe. Diese Deutung steht im Einklang mit Kapitel 18: „大道废,有仁义" — „Wenn das große Tao verfällt, treten Menschenliebe und Rechtschaffenheit hervor" — übermäßige Betonung moralischer Maßstäbe erzeugt gerade Heuchelei und Streit.
Ähnliche Ansichten: Steht im Einklang mit dem Gedanken aus Kapitel 19: „绝圣弃智" — „Die Weisheit aufgeben und die Klugheit verwerfen."
Übersetzung: Wer schwer zu erlangende Güter nicht wertschätzt, bewirkt, dass das Volk nicht stiehlt.
Deutung: Die gängigste Auslegung. Wenn der Herrscher seltene Dinge nicht als kostbar behandelt und nicht übermäßig nach Raritäten strebt, wird das Volk nicht aus Habgier zum Stehlen getrieben. Die Wurzel der Begierde liegt in der künstlichen Erzeugung von Knappheit — sobald den „schwer zu erlangenden Gütern" kein besonderer Wert mehr zugeschrieben wird, entfällt das Motiv zum Diebstahl.
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „贵货过用,贪者竞趣,穿窬探箧,没命而盗。" — „Wenn man Güter über ihren Nutzen hinaus wertschätzt, wetteifern die Habgierigen danach, brechen Mauern auf und durchsuchen Truhen, und riskieren ihr Leben beim Stehlen."
Übersetzung: Wer den Wert seltener Schätze nicht künstlich steigert, bewirkt, dass das Volk nicht zu Dieben wird.
Deutung: „贵" wird hier kausativ verwendet, „货" bezeichnet speziell Schätze. Dass der Herrscher den Preis und Status bestimmter Güter künstlich erhöht, ist die eigentliche Wurzel der Entstehung von Dieben. Diese Deutung legt den Schwerpunkt auf die Kritik am Verhalten des Herrschers — es ist seine Verschwendungssucht, die gesellschaftliche Ungleichheit und Kriminalität erzeugt.
Ähnliche Ansichten: Heshanggong: „言人君不御好珍宝,黄金弃于山,珠玉捐于渊也。" — „Dies besagt, dass der Herrscher keine Vorliebe für Schätze haben soll; Gold soll in den Bergen belassen, Perlen und Jade in die Tiefen zurückgegeben werden."
Übersetzung: Wer schwer zu erlangende Güter nicht verehrt, bewirkt, dass das Volk nicht stiehlt.
Deutung: „贵" wird hier als „verehren" verstanden und korrespondiert mit dem „尚" des vorigen Satzes. Der erste Satz warnt davor, Tüchtige zu verehren; dieser Satz warnt davor, Güter zu verehren — damit werden geistige und materielle Versuchungen auf beiden Ebenen beseitigt. Wang Bi stellt „尚" und „贵" parallel nebeneinander und betrachtet sie als Kritik auf derselben Ebene.
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „唯用是施,贵之何为。" — „Wenn man die Dinge allein nach ihrem Nutzen einsetzt, wozu dann das Wertschätzen?"
Übersetzung: Wer das, was Begierde wecken kann, nicht zur Schau stellt, bewirkt, dass die Herzen der Menschen nicht verwirrt werden.
Deutung: Die gängigste Auslegung. „见" ist eine Lehnschreibung für „现" (xiàn), bedeutet „zeigen, zur Schau stellen". Wenn der Herrscher dem Volk keine begehrenswerten Dinge (üppige Paläste, Schönheiten, Raritäten) vor Augen führt, werden die Herzen der Menschen nicht in Aufruhr gebracht. Dieser Satz fasst die beiden vorangehenden zusammen: Nicht die Tüchtigen anpreisen (geistige Versuchung), nicht Güter wertschätzen (materielle Versuchung) — der Kern ist „nichts zeigen, was Begierde weckt" — keine Gegenstände der Begierde erzeugen.
Ähnliche Ansichten: Heshanggong: „放郑声,远美人。" — „Verbanne die Klänge des Staates Zheng; halte dich fern von Schönheiten." Wang Bi: „可欲不见,则心无所乱也。" — „Wenn das Begehrenswerte nicht gezeigt wird, hat das Herz keinen Anlass zur Verwirrung."
Übersetzung: Wer die Menschen nichts sehen lässt, was des Begehrens wert ist, bewirkt, dass die Herzen nicht in Unordnung geraten.
Deutung: „见" wird hier als „sehen" (jiàn) verstanden, „可" als „wert sein". Der Schwerpunkt liegt auf der Abschirmung der Sinneswahrnehmung — man lässt das Volk gar nicht erst mit begehrenswerten Dingen in Berührung kommen und verhindert so die Entstehung von Begierde an der Wurzel. Diese Deutung betont stärker die „Abschirmung vor Versuchung" als die „Beseitigung des Anpreisens".
Ähnliche Ansichten: Steht im Einklang mit dem Gedanken aus Kapitel 12: „五色令人目盲" — „Die fünf Farben machen die Augen des Menschen blind" — Verringerung der Sinnesreize.
Übersetzung: Wer das, was Begierde wecken kann, nicht zur Schau stellt, bewirkt, dass die Herzen der Menschen nicht unruhig und unstet werden.
Deutung: „乱" wird hier als „ruhelos und unstet" verstanden. Diese Deutung betont die innere Ruhe — „心不乱" bedeutet nicht nur, nicht von äußeren Dingen gestört zu werden, sondern einen Zustand innerer Gelassenheit zu bewahren. Dies bildet eine Entsprechung zum nachfolgenden „虚其心" — „die Herzen entleeren".
Ähnliche Ansichten: Heshanggong: „不邪淫,不惑乱也。" — „Nicht ausschweifend, nicht verwirrt und verworren."
Übersetzung: Daher regiert der Weise (圣人) die Welt so: Er entleert die Herzen des Volkes (beseitigt Schlauheit), füllt ihre Bäuche (Sättigung), schwächt ihren Willen (kein Streben nach Vorherrschaft) und stärkt ihre Knochen.
Deutung: Die gängigste wörtliche Auslegung. „心" (Herz) steht „腹" (Bauch) gegenüber, „志" (Wille) steht „骨" (Knochen) gegenüber und bildet zwei Gegensatzpaare: Auf geistiger Ebene wird vereinfacht (Herz entleeren, Willen schwächen), auf materieller Ebene gestärkt (Bauch füllen, Knochen kräftigen). Die wirklichen materiellen Bedürfnisse des Volkes werden befriedigt, während unnötige Schlauheit und übermäßiger Ehrgeiz beseitigt werden. Dies ist keine Politik der Verdummung, sondern eine Rückkehr zur Schlichtheit.
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „心怀智而腹怀食,虚有智而实无知也。骨无知以干,志生事以乱。" — „Das Herz birgt Klugheit, der Bauch birgt Nahrung; das Kluge wird entleert und das Unwissende gefüllt. Die Knochen kennen kein Wissen, doch sind sie stark; der Wille erzeugt Angelegenheiten und damit Unordnung."
Übersetzung: Er entleert das Herz des Volkes von Begierden, füllt sein Inneres mit dem Geist des Tao, macht den Sinn wettkampflos und bescheiden und stärkt die Knochen und den Leib.
Deutung: Heshanggongs Auslegung im Sinne der Selbstkultivierung: „虚其心" bedeutet, Neigungen und Begierden zu beseitigen; „实其腹" ist nicht nur Sättigung, sondern „怀道抱一,守护五神" — das Innere mit dem Tao zu füllen und die fünf Geister zu bewahren; „弱其志" bedeutet, sanft und bescheiden zu sein, nicht nach Macht zu streben; „强其骨" heißt, die Lebensessenz zu pflegen, damit das Knochenmark voll und die Knochen fest werden. Diese Deutung erhebt die politische Regierung zur Kultivierung von Körper und Geist.
Ähnliche Ansichten: Heshanggong: „除嗜欲,去乱烦。怀道抱一守,五神也。和柔谦让,不处权也。爱精重施,髓满骨坚。" — „Neigungen beseitigen, Verwirrung vertreiben. Das Tao umfangen, die Einheit bewahren, die fünf Geister hüten. Sanft und bescheiden sein, nicht nach Macht streben. Die Essenz pflegen, sparsam damit umgehen, dann wird das Mark voll und die Knochen fest."
Übersetzung: Er entleert die Herzen von List und Betrug, sorgt für gefüllte Bäuche, mildert Begierden und übermäßigen Ehrgeiz und festigt Rückgrat und Charakter.
Deutung: „志" wird hier als „Begierde und übermäßiger Ehrgeiz" verstanden, „骨" als „Rückgrat" (im übertragenen Sinne). Diese Deutung versteht die letzten beiden Paare so: den übermäßigen Ehrgeiz mildern und den schlichten, standhaften Charakter stärken. „弱志强骨" bedeutet nicht, jegliche Willenskraft zu verringern, sondern übertriebenen Ehrgeiz abzuschwächen und schlichtes Rückgrat zu stärken — ein geistiges „Ablegen des Glanzes zugunsten der Substanz".
Ähnliche Ansichten: Steht im Einklang mit dem Leitmotiv des gesamten Kapitels: „去巧存朴" — „Die Kunstfertigkeit ablegen und die Schlichtheit bewahren."
Übersetzung: Er bewirkt beständig, dass das Volk keine listige Schlauheit und keine übermäßige Begierde hat.
Deutung: Die gängigste Auslegung. „无知" bedeutet nicht das Fehlen von Wissen, sondern das Fehlen von List und Verschlagenheit; „无欲" bedeutet nicht das Fehlen grundlegender Bedürfnisse, sondern das Fehlen maßloser Gier. Dieser Satz ist eine Weiterentwicklung des vorangehenden „虚心弱志" — „Herzen entleeren, Willen schwächen". Heshanggongs knappe Glosse lautet in vier Zeichen: „返朴守淳" — „Zur Schlichtheit zurückkehren und die Lauterkeit bewahren" — und trifft damit den Kern.
Ähnliche Ansichten: Heshanggong: „返朴守淳。" — „Zur Schlichtheit zurückkehren und die Lauterkeit bewahren." Wang Bi: „守其真也。" — „Die Wahrhaftigkeit bewahren."
Übersetzung: Er bewirkt fortdauernd, dass das Volk ohne Machenschaften und Ränke und ohne übertriebene Begierden ist.
Deutung: „知" wird als Lehnschreibung für „智" verstanden und nimmt die Bedeutung von Machenschaften und Ränken an. Dies steht im Einklang mit Kapitel 19: „绝圣弃智" — „Die Weisheit aufgeben und die Klugheit verwerfen." „常" wird als „fortdauernd" verstanden und betont, dass es sich nicht um eine vorübergehende Maßnahme, sondern um eine langfristige Regierungsmaxime handelt — die Kultur der Ränkeschmiederei und maßlosen Begierde aus der Gesellschaft zu entfernen und sie in einen natürlich-schlichten Zustand zurückzuführen.
Ähnliche Ansichten: Steht im Einklang mit Kapitel 19: „绝圣弃智,民利百倍" — „Gebt die Weisheit auf und verwerft die Klugheit, und der Nutzen des Volkes wird hundertfach."
Übersetzung: Er bewirkt beständig, dass das Volk kein (überflüssiges) Wissen hat und keine Begierde kennt.
Deutung: Wörtliche Übersetzung. Manche haben Laozi auf dieser Grundlage als „Volksverdummer" kritisiert — er wolle dem Volk Wissen und Begierde nehmen. Zu beachten ist jedoch: Im vorqinzeitlichen Chinesisch bezeichnet „知" zumeist Schlauheit und List, nicht Wissen im modernen Sinne; „欲" bezeichnet zumeist maßlose Gier, nicht normale Bedürfnisse. Diese „wörtliche Übersetzung" lässt leicht Missverständnisse aufkommen, spiegelt aber auch die extreme Seite von Laozis Schlichtheitslehre wider.
Ähnliche Ansichten: Kritische Auslegungen einiger neuzeitlicher Gelehrter zu Laozis „Verdummungspolitik".
Übersetzung: Er bewirkt, dass jene, die sich für klug halten, nicht wagen, willkürlich zu handeln.
Deutung: Die gängigste Auslegung. „知者" bezeichnet jene, die sich auf ihre Schlauheit verlassen und meinen, Vorteile erschleichen zu können. Wenn die gesamte Gesellschaft schlicht und lauter ist, finden auch einzelne Schlaumeier keine Gelegenheit zum Taktieren und wagen es nicht, sich Übergriffe zu erlauben. Dies ist die natürliche Folge der zuvor beschriebenen Regierung.
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „知者谓知为也。" — „Die ‚Wissenden' sind jene, die um das Tun wissen (und es ausnutzen wollen)."
Übersetzung: Er bewirkt, dass jene, die in der Anwendung von Schlauheit geübt sind, nicht wagen, etwas Gekünsteltes zu schaffen.
Deutung: „为" wird hier als „gekünstelt schaffen" verstanden. Selbst wer über listige Klugheit verfügt, wagt es in der schlichten Atmosphäre der Gesellschaft nicht, Ränke und Machenschaften zu entfalten. Diese Deutung betont die kollektive Hemmschwelle einer tugendhaften Gesellschaft.
Ähnliche Ansichten: Heshanggong: „思虑深,不轻言。" — „Wer tief überlegt, spricht nicht leichtfertig."
Übersetzung: (So) wagen selbst die wahrhaft Einsichtigen nicht, etwas zu unternehmen.
Deutung: „知者" wird hier positiv als „wahrhaft einsichtige Person" verstanden. Diese Deutung birgt eine tiefere Bedeutungsschicht: Nicht nur die Listigen wagen kein willkürliches Handeln, sondern selbst die wahrhaft Einsichtigen wahren Bescheidenheit und Zurückhaltung und handeln nicht voreilig. Die gesamte Gesellschaft kehrt zum Zustand des „不敢为天下先" — „Es nicht wagen, der Erste unter dem Himmel zu sein" — zurück.
Ähnliche Ansichten: Steht im Einklang mit Kapitel 67: „不敢为天下先" — „Es nicht wagen, der Erste unter dem Himmel zu sein."
Übersetzung: Wer auf die Weise des Nicht-Handelns (无为) regiert (handelt), dem gelingt alle Regierung.
Deutung: Die zentrale Auslegung. „为无为" ist das Leitmotiv von Laozis politischer Philosophie — im Sinne des „nicht gekünstelten Eingreifens" die Welt regieren. „Nicht-Handeln" (无为) bedeutet nicht, gar nichts zu tun, sondern nicht gegen die natürliche Ordnung zu verstoßen und nicht gewaltsam in das Leben des Volkes einzugreifen. Diese drei Zeichen verdichten den politischen Grundsatz des gesamten Kapitels und des ganzen Tao Te Ching.
Ähnliche Ansichten: Heshanggong: „不造作,动因循。德化厚,百姓安。" — „Nichts gekünstelt schaffen, dem natürlichen Lauf folgen. Die Tugend (德) wirkt tief, und das Volk lebt in Frieden."
Übersetzung: Wer das „Nicht-Handeln" zum Grundsatz seines Handelns macht, dem wird alles friedvoll und geordnet.
Deutung: Das erste „为" wird als „etwas zum Grundsatz machen" verstanden, sodass „Nicht-Handeln" (无为) zu einem bewusst gewählten Prinzip wird. „治" wird adjektivisch als „friedvoll" gedeutet. Diese Deutung betont: Nicht-Handeln ist nicht nur eine Methode, sondern ein bewusst gewählter und beständig befolgter Grundsatz.
Ähnliche Ansichten: Steht im Einklang mit Kapitel 37: „道常无为而无不为" — „Das Tao handelt beständig durch Nicht-Handeln, und doch bleibt nichts ungetan."
Übersetzung: Wer jene „Nicht-Handeln"-Maßnahmen durchführt (d.h. die zuvor genannten: nicht die Tüchtigen anpreisen, keine Güter wertschätzen, nichts Begehrenswertes zeigen usw.), dem wird die Welt friedvoll.
Deutung: „Nicht-Handeln" wird hier auf die konkreten Maßnahmen des vorangehenden Textes zurückbezogen: nicht die Tüchtigen anpreisen, keine Güter wertschätzen, nichts Begehrenswertes zeigen, Herzen entleeren und Bäuche füllen usw. „为无为" ist kein abstraktes Philosophieren, sondern die konkrete Umsetzung jener scheinbar „untätigen" Maßnahmen. Diese Deutung verankert den operativen Gehalt des Nicht-Handelns am solidesten.
Ähnliche Ansichten: Das gesamte Kapitel wird als konkretes Regierungsprogramm des „Durch-Nicht-Handeln-Regierens" gelesen.
Übersetzung: Wer dahin gelangt, nichts Gekünsteltes zu schaffen, dem gelingt alle Regierung.
Deutung: Diese Deutung versteht „Nicht-Handeln" sprachlich als einen Zustand und nicht als ein Substantiv: „dahin gelangen, dass man nichts gekünstelt schafft". Der Kerngedanke ist ähnlich, doch die Nuance liegt darin: Es geht nicht darum, „eine Politik namens Nicht-Handeln durchzuführen", sondern darum, „die Stufe des nicht-gekünstelten Schaffens zu erreichen" — der Schwerpunkt liegt auf dem Kultivierungszustand des Subjekts.
Ähnliche Ansichten: Steht im Einklang mit Kapitel 48: „为学日益,为道日损" — „Wer Wissen erstrebt, häuft täglich an; wer dem Tao folgt, verringert täglich."
Dieses Kapitel enthält 23 Deutungskombinationen.
[Kerndifferenzen]
Das dritte Kapitel gehört zu den konzentriertesten Darstellungen der politischen Philosophie im Tao Te Ching. Von der Ebene der Grundsätze (nicht die Tüchtigen anpreisen, keine Güter wertschätzen, nichts Begehrenswertes zeigen) über die Ebene der Methodik (Herzen entleeren, Bäuche füllen, Willen schwächen, Knochen stärken) bis zur Ebene des Leitmotivs (Durch-Nicht-Handeln-Handeln, dann gelingt alles) entfaltet sich ein vollständiges Regierungsprogramm des „Durch-Nicht-Handeln-Regierens". Die Kerndifferenzen liegen auf zwei Ebenen: (1) Deutungstiefe — beschränkt sich das Kapitel auf konkrete Maßnahmen politischer Regierung, oder umfasst es zugleich eine Methodik der persönlichen Selbstkultivierung? Wang Bi tendiert zu Ersterem („心怀智而腹怀食" — „Das Herz birgt Klugheit, der Bauch birgt Nahrung"), Heshanggong zu Letzterem („治国与治身同" — „Staatsführung und Selbstkultivierung sind eins"). (2) Die Grenzen von „无知无欲" — will Laozi die listige Schlauheit und die maßlose Gier beseitigen, oder alles Wissen und jede Begierde? Ersteres macht ihn zum Denker „gegen List und Betrug", Letzteres zum extremen „Gegner der Zivilisation". Die Kommentatoren der Jahrhunderte nehmen überwiegend Ersteres an, um dem Vorwurf der „Volksverdummung" zu entgehen. Bemerkenswert ist die äußerst kunstvolle rhetorische Strategie dieses Kapitels: Drei „nicht" (不尚, 不贵, 不见) korrespondieren mit drei „bewirkt" (使不争, 使不盗, 使不乱) und münden in das eine Leitmotiv „为无为" — vom Problemaufriss über die Lösungsstrategie bis zum Regierungserfolg entsteht eine vollständige logische Kette.