Übersetzung: Wenn alle unter dem Himmel wissen, was das Schöne zum Schönen macht, entsteht daraus der Begriff der Hässlichkeit.
Deutung: Die am weitesten verbreitete Deutung. Sobald die Menschen einen Maßstab des „Schönen“ aufstellen, folgt daraus unweigerlich der Begriff des „Hässlichen“ (des Nicht-Schönen). Schönheit und Hässlichkeit bilden ein Paar gegenseitig abhängiger Gegenbegriffe — wo das eine existiert, muss auch das andere vorhanden sein. Dies ist der Ausgangspunkt von Laozis Denken über die „gegenseitige Bedingtheit“ (对待) — alle Werturteile sind relativ.
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „美者,人心之所进乐也……斯恶已,斯不善已“ — „Das Schöne ist das, worauf das menschliche Herz mit Freude zugeht … so entsteht das Hässliche, so entsteht das Nicht-Gute.“
Übersetzung: Wenn alle unter dem Himmel unterscheiden, was schön ist, und bestimmte Dinge als schön bezeichnen, entsteht die Gesinnung des Verabscheuens (dessen, was nicht schön ist).
Deutung: Hier wird „惡“ als wù (verabscheuen) gelesen: Sobald Menschen subjektiv einen Maßstab des Schönen festlegen, folgt unweigerlich die Abscheu gegenüber allem, was diesem Maßstab nicht entspricht. Es handelt sich nicht nur um einen begrifflichen Gegensatz, sondern um einen psychologischen und emotionalen — das Festhalten am Schönen erzeugt notwendig eine Psychologie der Ablehnung. Diese Deutung neigt mehr zur Kultivierungstheorie.
Ähnliche Ansichten: Die Auslegungsrichtung des Heshanggong-Kommentars zu dieser Passage.
Übersetzung: Wenn alle unter dem Himmel wissen, was das Schöne zum Schönen macht, hat sich diese Unterscheidung des „Hässlichen“ bereits (in der Erkenntnis) gebildet.
Deutung: Hier nimmt „斯“ die Bedeutung des Demonstrativpronomens „dies“ an, und „已“ die Bedeutung „bereits“ — es wird betont, dass die Unterscheidung zwischen Schönheit und Hässlichkeit nicht „später entsteht“, sondern im Augenblick des „Erkennens des Schönen“ „bereits“ vorhanden ist. Erkenntnis selbst ist Unterscheidung, und Unterscheidung selbst ist Gegensatz. Zeitlich gibt es keine Abfolge; Schönheit und Hässlichkeit werden gleichzeitig geboren.
Ähnliche Ansichten: Steht in Resonanz mit dem buddhistischen Konzept des „unterscheidenden Geistes“ (分别心).
Übersetzung: Wenn alle wissen, was das Gute zum Guten macht, entsteht daraus der Begriff des Nicht-Guten (des Bösen).
Deutung: Ein Parallelsatz zum vorhergehenden Satz. Sobald die Menschen einen Maßstab des „Guten“ aufstellen, tritt das „Nicht-Gute“ als sein Gegenteil hervor. Gut und Nicht-Gut, Schönheit und Hässlichkeit — alles sind relative Werturteile. Laozi vertritt die Auffassung, dass der Weise (圣人) solche Unterscheidungen nicht trifft.
Ähnliche Ansichten: Sowohl Wang Bi als auch Heshanggong deuten es auf diese Weise.
Übersetzung: Wenn alle wissen, was es bedeutet, etwas als gut zu definieren, ist damit der Begriff des Nicht-Guten bereits begründet.
Deutung: Eine erkenntnistheoretische Lesart: Das sogenannte „Gute“ und „Nicht-Gute“ sind keine objektiven Gegebenheiten, sondern menschlich konstruierte Begriffe. Als die Menschheit das Wort „gut“ erfand, entstand „nicht-gut“ als dessen logische Negation. Dies verweist auf Laozis grundlegende Infragestellung von Namen und Begriffen.
Ähnliche Ansichten: Steht im Einklang mit der Problematik von Namen und Wirklichkeit in Kapitel 1: „名可名“ (der Name, der benannt werden kann).
Übersetzung: Wenn alle wissen, dass das Geschicktsein in etwas als gut angesehen wird, werden die Ungeschickten zu „Nicht-Guten“.
Deutung: Hier nimmt „善“ seine verbale Bedeutung von „geschickt sein, sich auszeichnen“ an. Sobald die Menschen den Maßstab des „Könnens“ definieren, werden diejenigen, die nicht geschickt sind, als minderwertig eingestuft. Diese Deutung erweitert die Debatte über Gut und Böse von der moralischen Ebene auf die Ebene der Fähigkeiten — auch die gesellschaftlichen Urteile über „Kompetenz“ schaffen Hierarchien und Diskriminierung.
Ähnliche Ansichten: Ein selten anzutreffender Deutungsansatz.
Übersetzung: Sein und Nicht-Sein erzeugen einander; Schwieriges und Leichtes vollenden einander; Langes und Kurzes zeigen sich durch Vergleich; Hohes und Niedriges sind gegenseitig abhängig; Ton und Klang harmonieren miteinander; Vorn und Hinten folgen einander.
Deutung: Die am weitesten verbreitete Deutung. Sechs Begriffspaare werden parallel aufgereiht und zeigen, dass alle gegensätzlichen Begriffe voneinander abhängig und untrennbar sind — ohne „Sein“ kann man nicht von „Nicht-Sein“ sprechen; ohne „Schwieriges“ kann man „Leichtes“ nicht verstehen. Dies zeigt den Kern von Laozis Dialektik: die Einheit der Gegensätze. Jedes Werturteil bedarf seines Gegenteils, um bestehen zu können.
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „此六者皆陈自然不可偏举之明数也“ — „Diese sechs Paare sind sämtlich klare Beispiele aus der Natur, die nicht isoliert angeführt werden können.“
Übersetzung: Sein und Nicht-Sein wechseln einander ab und wandeln sich, um alle Dinge hervorzubringen; Schwieriges und Leichtes vollenden einander; Langes und Kurzes zeigen sich durch Vergleich; das Edle und das Niedrige stützen sich im Wettstreit aufeinander; Musiktöne und natürliche Klänge harmonieren miteinander; Vorn und Hinten folgen einander.
Deutung: Diese Lesart hebt „Sein und Nicht-Sein erzeugen einander“ auf die kosmologische Ebene — das „Sein“ und „Nicht-Sein“ der Substanz des Tao (道) wechseln unaufhörlich einander ab und wandeln sich, um alle Dinge hervorzubringen. Die übrigen fünf Paare zeigen dann spezifische Erscheinungsformen der Gegensätze in der phänomenalen Welt. Die Unterscheidung zwischen „音“ (Ton) und „声“ (Klang) ist besonders subtil: Die Alten unterschieden „声“ (natürliche Klänge) von „音“ (kulturell geordnete Musik), was einen Gegensatz zwischen Natur und Zivilisation andeutet.
Ähnliche Ansichten: Der Heshanggong-Kommentar neigt zu dieser Art der Lesart.
Übersetzung: Sein und Nicht-Sein erzeugen sich zyklisch gemeinsam; Schwieriges und Leichtes treiben und vollenden einander; Langes und Kurzes zeigen sich durch Vergleich; das Hohe und das Niedrige stürzen einander um; Ton und Klang rufen und antworten einander; Vorn und Hinten begleiten einander.
Deutung: Diese Deutung betont, dass Gegensätze nicht nur koexistieren, sondern sich in ständiger Bewegung fortwährend ineinander verwandeln. „相傾“ nimmt die Bedeutung von „umstürzen“ an — was hoch ist, wird unweigerlich eines Tages gestürzt, und was niedrig ist, wird schließlich aufsteigen. Der Gegensatz aller Dinge ist kein statischer Vergleich, sondern ein dynamischer Kreislauf und Wandel, der die Idee „反者道之动“ (Umkehr ist die Bewegung des Tao) in späteren Kapiteln vorwegnimmt.
Ähnliche Ansichten: Steht im Einklang mit Kapitel 40: „反者道之动“ — „Umkehr ist die Bewegung des Tao.“
Übersetzung: Daher verwaltet der Weise (圣人) die Angelegenheiten durch Nicht-Handeln (无为) und übt die Lehre ohne Worte aus.
Deutung: Folgerung aus dem Vorangegangenen — da alle gegensätzlichen Begriffe relativ und menschlich konstruiert sind, hält sich der Weise nicht an Unterscheidungen von Gut und Böse, Schönheit und Hässlichkeit, sondern folgt dem Lauf der Natur. „Nicht-Handeln“ (无为) bedeutet nicht, gar nichts zu tun, sondern sich willkürlicher Eingriffe zu enthalten; „Lehre ohne Worte“ bedeutet nicht, zu schweigen, sondern durch persönliches Vorbild zu lehren und das Volk durch Tugend zu wandeln.
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „自然已足,为则败也。智慧自备,言则偏也“ — „Die Natur genügt sich selbst; handeln heißt sie verderben. Die Weisheit ist bereits vorhanden; sprechen heißt einseitig sein.“
Übersetzung: Daher ruht der Weise gelassen im Zustand des „Nicht-Handelns“, während er die Angelegenheiten verwaltet, und übt eine Lehre aus, die keine Erlasse verkündet.
Deutung: Eine politisch orientierte Lesart. Der Weise (der ideale Herrscher) stützt sich nicht auf Erlasse und Gesetze, um das Volk zu zwingen, sondern beeinflusst das Reich durch seinen Zustand des Nicht-Handelns. Dies steht im Einklang mit dem folgenden „为而不恃“ (handeln, ohne sich darauf zu stützen) — Dinge tun, ohne sich darauf zu verlassen. Dies ist der Kernausdruck von Laozis politischer Philosophie.
Ähnliche Ansichten: Heshanggong: „以道德教民,不以言辞“ — „Das Volk durch das Tao und die Tugend lehren, nicht durch Worte und Rhetorik.“
Übersetzung: Daher verwaltet ein Mensch von großer Weisheit die weltlichen Angelegenheiten durch Nicht-Handeln und lehrt, ohne zu predigen.
Deutung: Diese Lesart verallgemeinert „圣人“ (den Weisen) zu jeder Person von großer Weisheit, nicht beschränkt auf Kaiser oder Könige. Sie verwandelt die politische Lesart in eine universelle Lebensphilosophie — der wahrhaft Weise strebt nicht absichtlich und maßt sich nicht an, Lehrer anderer zu sein. „Nicht sprechen“ bedeutet, andere nicht nach den eigenen Maßstäben zu beurteilen und zu belehren, da alle Maßstäbe relativ sind.
Ähnliche Ansichten: Der Geist von Zhuangzis „吾丧我“ — „Ich habe mein Ich verloren.“
Übersetzung: Die zehntausend Dinge entstehen hier, und (der Weise) weist sie nicht ab; er schenkt ihnen Leben, ohne sie zu besitzen; er handelt, ohne sich auf seine Taten zu stützen; das Werk ist vollbracht, und er beansprucht kein Verdienst.
Deutung: Beschreibung der Haltung des Weisen (oder des Tao) gegenüber den zehntausend Dingen — er lässt sie natürlich entstehen, ohne sie abzuweisen, nährt sie, ohne sie für sich zu beanspruchen, handelt, ohne sich darauf zu stützen, und vollendet sein Werk, ohne sich das Verdienst zuzuschreiben. Diese vier „Nicht“ bilden eine Steigerung: nicht abweisen → nicht besitzen → sich nicht stützen → kein Verdienst beanspruchen, und entfalten so die Bedeutung des „Nicht-Handelns“ (无为) als konkretes Handlungsprogramm.
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „万物作焉而不为始……有德不可取“ — „Die zehntausend Dinge entstehen, und er handelt nicht als ihr Urheber … die vorhandene Tugend kann nicht ergriffen werden.“
Übersetzung: Die zehntausend Dinge entstehen von selbst, und (das Tao) weist sie nicht ab und greift nicht ein; es schenkt ihnen Leben, ohne sie zu besitzen; es handelt, ohne darauf stolz zu sein; das Werk ist vollbracht, und es verweilt nicht darin.
Deutung: Mit dem „Tao“ (道) als Subjekt — das Tao lässt die zehntausend Dinge natürlich wachsen, ohne sie jemals abzuweisen oder einzugreifen, nährt sie, ohne sie als sein Eigentum zu beanspruchen, fördert ihre Entfaltung, ohne darauf stolz zu sein, und zieht sich nach Vollendung des Werkes zurück. „弗居“ nimmt hier die Bedeutung „nicht verweilen“ an und steht im Einklang mit Kapitel 9: „功遂身退,天之道也“ — „Wenn das Werk vollbracht ist, sich zurückziehen: das ist der Weg des Himmels.“
Ähnliche Ansichten: Heshanggong: „不辞谢,不有生也“ — „Nicht abweisend, nicht das Geborene besitzend.“
Übersetzung: Die zehntausend Dinge entstehen, und (das Tao) stellt sich nicht als ihr Urheber dar; es schenkt ihnen Leben, ohne sie zu besitzen; es handelt, ohne sich auf seine Taten zu stützen; das Werk ist vollbracht, und es beansprucht kein Verdienst.
Deutung: Das Mawangdui-Seidenmanuskript A liest „弗始“ (nicht beginnen). „不辞“ könnte die Bedeutung von „弗始“ tragen — obwohl das Tao die zehntausend Dinge zum Entstehen bringt, betrachtet es sich nicht als deren Anfang oder Herrscher. Dies ist philosophisch tiefgründiger als „nicht abweisen“: Das Tao „beginnt“ nicht absichtlich etwas; die Dinge sind einfach von selbst so.
Ähnliche Ansichten: Mawangdui-Seidenmanuskript A: „万物作而弗始也“ — „Die zehntausend Dinge entstehen, und es beginnt sie nicht.“
Übersetzung: Gerade weil er kein Verdienst beansprucht, geht ihm das Verdienst im Gegenteil niemals verloren.
Deutung: Die Zusammenfassung des gesamten Kapitels. Gerade weil der Weise kein Verdienst beansprucht und nicht danach strebt, geht ihm das Verdienst paradoxerweise niemals verloren. Dies verkörpert Laozis dialektische Logik des „反者道之动“ (Umkehr ist die Bewegung des Tao) — je weniger man streitet, desto weniger verliert man. „Kein Verdienst beanspruchen“ und „nicht verlieren“ bilden eine paradoxe Weisheit: Loslassen heißt Besitzen.
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „使功在己,则功不可久也“ — „Wenn man das Verdienst für sich selbst behält, dann kann das Verdienst nicht von Dauer sein.“
Übersetzung: Gerade weil er nicht in seinen Errungenschaften verweilt, vergehen diese im Gegenteil niemals.
Deutung: Hier nimmt „弗居“ die Bedeutung „nicht verweilen, nicht an seiner Stellung klammern“ an. Der Weise zieht sich nach Vollendung seines Werkes zurück und klammert sich nicht an die Macht; folglich überdauern seine Errungenschaften und sein Ruf auf ewig. Dies ist eine Zusammenfassung historischer Erfahrung — die Besessenheit von Ruhm und Macht beschleunigt den Verfall, während das Loslassen Bestand sichert. Dies steht im Einklang mit Kapitel 9: „功遂身退,天之道也“ — „Wenn das Werk vollbracht ist, sich zurückziehen: das ist der Weg des Himmels.“
Ähnliche Ansichten: Kapitel 9: „功遂身退,天之道也“ — „Wenn das Werk vollbracht ist, sich zurückziehen: das ist der Weg des Himmels.“
Übersetzung: Gerade weil er kein Verdienst beansprucht, geht (das Tao) niemals fort.
Deutung: Eine ontologische Deutung — der Grund, warum das Tao ewig und unvergänglich ist, liegt gerade darin, dass das Tao sich das Verdienst der zehntausend Dinge nicht als eigenes zuschreibt. Würde das Tao Verdienst beanspruchen und sich dessen rühmen, fiele es in den Bereich endlicher Gegensätze und verlöre damit seine Unendlichkeit. „Nicht fortgehen“ bedeutet, dass das Tao allgegenwärtig ist — gerade weil das Tao an nichts festhält, ist es überall und geht niemals fort.
Ähnliche Ansichten: Kapitel 4: „道冲,而用之或不盈“ — „Das Tao ist ein leeres Gefäß; sein Gebrauch ist unerschöpflich.“
Dieses Kapitel enthält 18 Deutungskombinationen.
[Kerndifferenzen]
Das 2. Kapitel ist das Kapitel, in dem das Tao Te Ching seine Gedanken über die „gegenseitige Bedingtheit“ (对待, die Einheit der Gegensätze) formal entfaltet. Das gesamte Kapitel beruht auf einer dreistufigen Logik: (1) Aufstellung der These — die Relativität von Schönheit und Hässlichkeit, Gut und Nicht-Gut: Alle Werturteile entstehen durch Vergleich, und es gibt keinen absolut unabhängigen Maßstab; (2) Entfaltung der Argumentation — sechs Begriffspaare (Sein und Nicht-Sein, Schwieriges und Leichtes, Langes und Kurzes, Hohes und Niedriges, Ton und Klang, Vorn und Hinten) zeigen umfassend die gegenseitige Abhängigkeit der Gegensätze; (3) Ziehen der Schlussfolgerung — daraus wird das Handlungsprinzip des Weisen (oder des idealen Herrschers) abgeleitet: „Nicht-Handeln“ (无为) und „Lehre ohne Worte“. Schließlich entfalten die vier Negationsformeln — „nicht abweisen, nicht besitzen, sich nicht stützen, kein Verdienst beanspruchen“ — konkret die Bedeutung des „Nicht-Handelns“, und das Paradoxon „kein Verdienst beanspruchen, daher nicht verlieren“ bringt das Kapitel zum Abschluss und offenbart die dialektische Kernweisheit von Laozis „Umkehr ist die Bewegung des Tao“. Wang Bis Kommentar betont die Perspektive der „Natürlichkeit“ — der Weise folgt in seinem Handeln der Natur, und so wandeln sich die zehntausend Dinge von selbst; Heshanggongs Kommentar neigt mehr zur Perspektive der Selbstkultivierung und Regierung. Dieses Kapitel und das erste sind komplementär: Kapitel 1 behandelt die Ontologie des Tao (die Einheit von Sein und Nicht-Sein), während Kapitel 2 die Anwendung des Tao behandelt (die Überwindung der Gegensätze). Zusammen bilden sie das philosophische Fundament des Tao Te Ching.