Tao Te Ching Kapitel 4: Der vollständige Kommentar

Der folgende Inhalt bietet eine multiperspektivische Tiefenanalyse jedes Satzes dieses Kapitels, die traditionelle Kommentare, philologische Analysen, philosophische Interpretationen und weitere Dimensionen umfasst. Grundtext: Wang Bis Kommentar zum Daode Zhenjing, Ausgabe des Zhengtong Daozang
Die „Kombination"-Bezeichnung jeder Deutung folgt dem Format „Zeichen + Bedeutungsnummer" (z.B. „dàoC-A"), d.h. diese Deutung verwendet Bedeutung C von „dào" und Bedeutung A von „". Das vollständige Glossar finden Sie am Ende dieses Kapitels: [Anhang: Glossar der Schlüsselzeichen].

[Satz 1] dàochōngéryòngzhīhuòyíng。(Das Tao ist leer wie ein Gefäß, und doch ist sein Gebrauch unerschöpflich.)

Kapitel 4 · Satz 1: dàochōngéryòngzhīhuòyíng

[Deutung 1] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: dàoA-chōngA-huòA-yíngA
Übersetzung: Das Tao (dào) ist leer und hohl; wenn man es gebraucht, scheint es, als würde es sich niemals füllen.
Deutung: Dies ist die am weitesten verbreitete Deutung. Das Wesen des Tao ist die Leere; gerade weil es leer ist, ist es unerschöpflich und läuft niemals über. Mit der Metapher eines hohlen Gefäßes, das nur deshalb Dinge fassen kann, weil es leer ist, betont diese Lesart die grenzenlose Funktion der „Leere" ().
Ähnliche Ansichten: Wang Bi („xíngchōngéryòngzhīyòuyíng" — „Weil es keine Form hat, ist es leer, wenn man es gebraucht, und wird niemals voll").
Kapitel 4 · Satz 1: dàochōngéryòngzhīhuòyíng

[Deutung 2] Neuartig · Mittlere Glaubwürdigkeit

Kombination: dàoA-chōngB-huòB-yíngA
Übersetzung: Das Tao strömt unablässig wie Wasser; wie sehr man es auch gebraucht, es läuft niemals über.
Deutung: Hier wird „chōng" im Sinne von Hervorströmen verstanden. Das Tao ist wie eine nie versiegende Quelle, die endlos fließt. Diese Lesart betont die unerschöpfliche Zeugungskraft des Tao als Ursprung aller Dinge.
Ähnliche Ansichten: Dies korrespondiert mit Kapitel 45: „yíngruòchōngyòngqióng" („Große Fülle scheint leer; ihr Gebrauch ist unerschöpflich").
Kapitel 4 · Satz 1: dàochōngéryòngzhīhuòyíng

[Deutung 3] Traditionell · Mittlere Glaubwürdigkeit

Kombination: dàoA-chōngC-huòA-yíngB
Übersetzung: Das Wesen des Tao ist harmonisch und bescheiden; wenn es seine Wirkung entfaltet, wird es niemals selbstzufrieden oder überheblich.
Deutung: Eine auf Selbstkultivierung ausgerichtete Lesart aus der Heshanggong-Tradition. Hier nimmt „chōng" die Bedeutung harmonischer Bescheidenheit an und „yíng" die Bedeutung der Selbstgefälligkeit. Das Tao ist gerade deshalb groß, weil es stets bescheiden bleibt und sich niemals selbst erhöht. Diese Deutung weist auf die Selbstkultivierung hin — der Weise (shèngrén) ahmt das Tao nach und bleibt demütig wie ein leeres Tal.
Ähnliche Ansichten: Heshanggong („dàoyòngzhīrénhuònéngmǎnyíngzhě" — „Wenn das Tao auf menschliche Angelegenheiten angewandt wird, kann es vielleicht nicht voll und überfließend werden").
Kapitel 4 · Satz 1: dàochōngéryòngzhīhuòyíng

[Deutung 4] Neuartig · Mittlere Glaubwürdigkeit

Kombination: dàoB-chōngA-huòB-yíngC
Übersetzung: Die Gesetze, die Himmel und Erde regieren, gleichen der Leere selbst — sie können durch ihren Gebrauch niemals erschöpft werden.
Deutung: Hier wird „dào" als Naturgesetz verstanden; „chōng" dient als Metapher für die Formlosigkeit dieser Gesetze und „yíng" als Metapher für ihre immerwährende Gültigkeit — sie werden durch den Gebrauch niemals aufgebraucht. Dies ist eine naturphilosophische Lesart.
Ähnliche Ansichten: Dies korrespondiert mit Kapitel 35: „dàozhīchūkǒudànwèi" („Wenn das Tao in Worte gefasst wird, ist es fad und ohne Geschmack").

[Satz 2] yuānshìwànzhīzōng。(Unergründlich! Es scheint der Urahn aller Dinge zu sein.)

Kapitel 4 · Satz 2: yuānshìwànzhīzōng

[Deutung 1] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: yuānA-zōngA
Übersetzung: Es ist von unergründlicher Tiefe — es scheint die Wurzel und der Ursprung aller Dinge zu sein.
Deutung: Dies ist die am weitesten verbreitete Deutung. Das Tao ist unermesslich tief, gleich dem Urahnen und der Urquelle aller Dinge. „yuān" beschreibt die Unermesslichkeit des Tao, während „zōng" seinen ontologischen Status bestimmt — den letzten Grund aller Dinge.
Ähnliche Ansichten: Wang Bi („yuānshìwànzhīzōngyánchùbēiértóng" — „Unergründlich, scheint es der Urahn aller Dinge zu sein — das meint, dass es in der Niedrigkeit weilt und mit nichts gleichgesetzt werden kann").
Kapitel 4 · Satz 2: yuānshìwànzhīzōng

[Deutung 2] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: yuānB-zōngB
Übersetzung: Es ist wie ein tiefer Abgrund — es scheint der Gebieter aller Dinge zu sein.
Deutung: Mit einem tiefen Becken als konkretem Gleichnis — das Tao ist so tiefgründig still und schweigend wie ein Abgrund und dennoch der Gebieter, dem sich alle Dinge zuwenden. Dies drückt die Einheit von Demut des Tao und seiner höchsten Autorität aus.
Ähnliche Ansichten: Heshanggong („dàoyuānshēnzhīshìwànzhīsuǒzōng" — „Das Tao ist so unergründlich tief, dass es nicht erkannt werden kann; es scheint das zu sein, dem alle Dinge huldigen").
Kapitel 4 · Satz 2: yuānshìwànzhīzōng

[Deutung 3] Neuartig · Mittlere Glaubwürdigkeit

Kombination: yuānC-zōngC
Übersetzung: Es ist der Zusammenfluss, an dem sich alle Dinge versammeln — es scheint das letzte Ziel aller Dinge zu sein.
Deutung: Sowohl „yuān" als auch „zōng" werden im Sinne von „Versammlung" verstanden. Das Tao ist nicht nur die Urquelle, aus der alle Dinge hervorgehen, sondern auch das Ziel, zu dem sie letztlich zurückkehren. Diese Lesart betont die Konvergenzfunktion des Tao — alle Dinge gehen aus dem Tao hervor und kehren zum Tao zurück.
Ähnliche Ansichten: Dies korrespondiert mit Kapitel 16: „wànbìngzuòguānyúnyúnguīgēn" („Alle Dinge gedeihen zusammen; ich beobachte ihre Rückkehr. Die unzähligen Geschöpfe wuchern, und jedes kehrt zu seiner Wurzel zurück").

[Satz 3] cuòruìjiěfēnguāngtóngchén。(Es stumpft die Schärfe ab, entwirrt das Verwickelte, mildert den Glanz und vereint sich mit dem Staub.)

Kapitel 4 · Satz 3: cuòruìjiěfēnguāngtóngchén

[Deutung 1] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: cuòA-ruìA-jiěA-fēnA-A-guāngA-tóngA-chénA
Übersetzung: (Das Tao) schleift die Schärfe aller Dinge ab, entwirrt ihre Verwicklungen, mäßigt ihren Glanz und vereint sie alle im Staub.
Deutung: Diese Deutung behandelt die vier Wendungen als Beschreibungen der Wirkung des Tao. Durch seine formlose Kraft schleift das Tao jede scharfe Kante ab, löst jeden Streit, harmonisiert jeden Glanz und vereint alle Dinge in gemeinsamer Schlichtheit. Dies drückt die verwandelnde Funktion des Tao aus — alle Gegensätze zum harmonischen Gleichgewicht zu führen.
Ähnliche Ansichten: Wang Bi („ruìcuòérshāngfēnjiěérláoguāngértóngchénérrǎn" — „Es stumpft die Schärfe ab, ohne zu verletzen; entwirrt das Verwickelte ohne Mühe; mildert das Licht, ohne es zu beschmutzen; vereint sich mit dem Staub, ohne befleckt zu werden").
Kapitel 4 · Satz 3: cuòruìjiěfēnguāngtóngchén

[Deutung 2] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: cuòB-ruìA-jiěA-fēnB-B-guāngA-tóngA-chénA
Übersetzung: (Wer das Tao kultiviert, sollte) seine scharfen Kanten zügeln, seine innere Unruhe auflösen, den Glanz seiner Weisheit mildern und sich in den Staub der gewöhnlichen Welt einfügen.
Deutung: Eine auf Selbstkultivierung ausgerichtete Lesart aus der Heshanggong-Tradition. Die vier Wendungen bilden vier Grundsätze der Kultivierung des Tao: seine Begabungen verbergen, Streit auflösen, seine Brillanz nicht zur Schau stellen und unter gewöhnlichen Menschen weilen, ohne sich von ihnen abzuheben. Dies ist das, was spätere Generationen „guāngtóngchén" (sein Licht mildern und sich mit dem Staub vereinen) nennen.
Ähnliche Ansichten: Heshanggong („cuòruì" — „Die eigenen scharfen Kanten abschleifen"; „hánzhīrénchúmiè忿fènzhēng" — „Ein Mensch innerer Tugend beseitigt Zorn und Streit"; „suīyǒujiànzhīmíngdānghùnzhòngrén" — „Obgleich man über einzigartige Einsicht verfügt, sollte man sich unter die Menge mischen"; „dāngzhòngréntónggòuchén" — „Man sollte Staub und Schmutz mit den gewöhnlichen Menschen teilen").
Kapitel 4 · Satz 3: cuòruìjiěfēnguāngtóngchén

[Deutung 3] Neuartig · Mittlere Glaubwürdigkeit

Kombination: cuòA-ruìB-jiěA-fēnA-A-guāngA-tóngA-chénA
Übersetzung: (Das Tao) schleift die begierig-ungestümen Wünsche aller Dinge ab, löst ihre Streitigkeiten, harmonisiert ihren Glanz und führt alle Dinge gleichermaßen zur Schlichtheit und Einfachheit zurück.
Deutung: Hier wird „ruì" als der ungestüme Drang aller Dinge verstanden, sich zu behaupten. Die Wirkung des Tao besteht darin, alle Dinge von der Aufregung zur Gelassenheit, vom Chaos zur Harmonie, von der Pracht zur Schlichtheit zu führen. Dies ist zugleich eine kosmologische Aussage und eine implizite politische Philosophie — der weise Herrscher verwandelt alles unter dem Himmel durch Nicht-Handeln (wèi).
Ähnliche Ansichten: Diese Passage erscheint erneut in Kapitel 56, wo sie ausdrücklich die Lebensführung des „Wissenden" (zhīzhě) beschreibt.

[Satz 4] zhànshìhuòcún。(Klar und still! Es scheint zu sein oder auch nicht zu sein.)

Kapitel 4 · Satz 4: zhànshìhuòcún

[Deutung 1] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: zhànA-huòA-cúnA
Übersetzung: (Das Tao ist) klar und durchsichtig — es scheint zu existieren und scheint zugleich nicht zu existieren.
Deutung: Das Tao ist so klar und durchsichtig wie reines Wasser, ohne die geringste Spur oder Unreinheit, so dass es zwischen Sein und Nichtsein zu schweben scheint. Dies betont den Zustand des Tao — ohne Form und Gestalt und doch wahrhaft wirklich.
Ähnliche Ansichten: Heshanggong („yándàoqīngzhànránshìruòjiàn" — „Das meint, das Tao ist klar und lauter, als ob es nicht gesehen werden könnte").
Kapitel 4 · Satz 4: zhànshìhuòcún

[Deutung 2] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: zhànB-huòA-cúnA
Übersetzung: (Das Tao ist) tief und unergründlich — es scheint zu existieren und scheint zugleich nicht zu existieren.
Deutung: Eine Deutung in der Tradition Wang Bis. Das Tao ist tief und verborgen; es kann durch Phänomene nicht unmittelbar wahrgenommen werden, daher kann man nur sagen, es „scheint zu existieren". Dieses Schweben zwischen Sein und Nichtsein ist gerade das Wesen der Transzendenz des Tao jenseits von Sein und Nichtsein.
Ähnliche Ansichten: Wang Bi („zhāngyuēzhànshìhuòcún" — „Sein Wesen offenbart sich nicht; daher heißt es: ‚Klar und still, es scheint zu existieren'"). Dies korrespondiert mit Kapitel 14: „shìwèizhuàngzhīzhuàngzhīxiàng" („Das nennt man die Form des Formlosen, das Bild des Bildlosen").
Kapitel 4 · Satz 4: zhànshìhuòcún

[Deutung 3] Neuartig · Mittlere Glaubwürdigkeit

Kombination: zhànC-huòA-cúnB
Übersetzung: (Das Tao ist) versunken und dem Blick entzogen — und doch scheint es dort zu verweilen, still und beharrlich.
Deutung: Hier wird „zhàn" als phonetische Entlehnung für „chén" (versinken, untertauchen) genommen. Das Tao liegt versunken und verborgen in allen Dingen; obwohl es keine äußere Spur zeigt, besteht es für immer fort. Diese Deutung betont die Eigenschaft des Tao als „verborgen, doch unvergänglich".
Ähnliche Ansichten: Dies steht nahe zu Kapitel 6: „miánmiánruòcúnyòngzhīqín" („Ununterbrochen, als ob es fortbestünde; sein Gebrauch ist mühelos").

[Satz 5] zhīshuízhīzixiàngzhīxiān。(Ich weiß nicht, wessen Abkömmling es ist — es scheint dem Höchsten Herrn vorangegangen zu sein.)

Kapitel 4 · Satz 5: zhīshuízhīzixiàngzhīxiān

[Deutung 1] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: ziA-xiàngA-A-xiānA
Übersetzung: Ich weiß nicht, wessen Abkömmling es ist; es scheint vor dem Höchsten Herrn existiert zu haben.
Deutung: Dies ist die am weitesten verbreitete Deutung. Laozi verwendet eine rhetorische Frage, um den höchsten Rang des Tao auszudrücken: Ich weiß nicht, woher das Tao kommt oder wer es hervorgebracht hat; es scheint älter zu sein als selbst der höchste Himmelsherr (tiān). Dies stellt einen bedeutenden Durchbruch in Laozis Philosophie dar: Das Tao steht über dem Himmelsherrn und geht ihm voraus.
Ähnliche Ansichten: Wang Bi („shìzhīxiān" — „Scheint es nicht dem Höchsten Herrn vorangegangen zu sein?"); Heshanggong („dàozàitiānzhīqián" — „Das Tao existierte vor dem Himmelsherrn").
Kapitel 4 · Satz 5: zhīshuízhīzixiàngzhīxiān

[Deutung 2] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: ziA-xiàngA-B-xiānB
Übersetzung: Ich weiß nicht, wessen Abkömmling es ist; es scheint der Urahn der kosmischen Ordnung zu sein.
Deutung: Hier wird „" als die höchste kosmische Ordnung verstanden. Das Tao geht nicht nur dem Himmelsherrn als göttlicher Gestalt voraus, sondern ist die eigentliche Quelle und der Urahn aller Ordnung — die Wirkungsprinzipien von Himmel, Erde und allen Dingen finden ihren Ursprung allesamt im Tao.
Ähnliche Ansichten: Dies stimmt mit Kapitel 25 überein: „yǒuhùnchéngxiāntiānshēng" („Da war etwas, im Chaos geformt, geboren vor Himmel und Erde").
Kapitel 4 · Satz 5: zhīshuízhīzixiàngzhīxiān

[Deutung 3] Neuartig · Geringe Glaubwürdigkeit

Kombination: ziB-xiàngB-C-xiānA
Übersetzung: Ich weiß nicht, welche Art von Ding es hervorgebracht hat; es hatte sich bereits geformt, bevor der allererste Blütenkelch aller Dinge erschien.
Deutung: Eine eigenständige philologische Lesart. „xiàng" nimmt die Bedeutung „Spur, Zeichen" an; „" wird auf seine ursprüngliche Bedeutung im Shuowen Jiezi als „Blütenkelch" zurückgeführt — die Knospenspitze, an der die Dinge erstmals keimen. Das Tao existierte vor dem allerersten Augenblick der Keimung aller Dinge. Diese Deutung führt „" von einem religiösen Konzept zu einem naturalistischen zurück.
Ähnliche Ansichten: Ähnliche Erörterungen von Philologen wie Gao Heng in Laozi Zhenggu (Korrekte Exegese des Laozi).
Kapitel 4 · Satz 5: zhīshuízhīzixiàngzhīxiān

[Deutung 4] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: ziA-xiàngA-A-xiānB
Übersetzung: Ich weiß nicht, wer es geboren hat; es scheint der Urahn des Höchsten Herrn zu sein.
Deutung: Eine Deutung in der Heshanggong-Tradition. Das Tao hat keine Eltern und kommt von nirgendwo her; selbst der Höchste Herr ist ein Nachkomme des Tao. Dies verkündet unmissverständlich die Vorrangstellung des Tao — im altchinesischen Glaubenssystem war der Himmelsherr die höchste Gottheit, und doch steht das Tao selbst über ihm.
Ähnliche Ansichten: Heshanggong („dàozàitiānzhīqiányándàozhīlǎo" — „Das Tao existierte vor dem Himmelsherrn; dies spricht vom hohen Alter des Tao").

Zusammenfassung des Kapitels

Dieses Kapitel enthält 17 Deutungskombinationen.

[Kerndifferenzen]

Kapitel 4 ist eine unmittelbare Darstellung des Grundwesens des Tao, die mit einer Reihe fortgesetzter Metaphern seine vier großen Wesensmerkmale umreißt: leer und doch im Gebrauch unerschöpflich (chōngéryíng), tief wie die Urquelle aller Dinge (yuānshìzōng), alle Gegensätze in Harmonie auflösend (cuòruìjiěfēnguāngtóngchén), und formlos und doch ewig gegenwärtig (zhànshìhuòcún). Der Schlusssatz „xiàngzhīxiān" („es scheint dem Höchsten Herrn vorangegangen zu sein") ist eine bahnbrechende philosophische Erklärung — das Tao geht dem Himmelsherrn voraus und befreit so das chinesische Denken aus einem religiösen Rahmen in den Bereich der Philosophie. Die interpretativen Differenzen konzentrieren sich auf zwei Hauptdimensionen: (1) Wang Bi bevorzugt eine ontologische Lesart und behandelt das gesamte Kapitel als Beschreibung des Grundwesens des Tao — leer, tief, harmonisierend, verborgen; (2) Heshanggong bevorzugt eine kultivierungsorientierte Lesart, in der „chōngéryíng" Bescheidenheit lehrt, „cuòruìjiěfēn" das Verbergen seiner Begabungen lehrt und „guāngtóngchén" lehrt, sich nicht von den gewöhnlichen Menschen abzuheben. Die beiden Deutungen stehen nicht im Widerspruch zueinander, sondern spiegeln die Doppelnatur von „das Tao nimmt sich die Natur zum Vorbild" (dàorán) wider — das Tao ist zugleich der naturgegebene Zustand des Kosmos und das höchste Vorbild, dem der Übende nacheifert.

Anhang: Glossar der Schlüsselzeichen

dào
A. [Subst.] Urquelle und Grundsubstanz aller Dinge im Universum
Quelle: Kernbegriff der Philosophie Laozis. Shuowen Jiezi: „dàosuǒxíngdào" (Das Tao ist der Weg, den man geht). Erweitert zur Bedeutung des Ursprungs aller Dinge.
B. [Subst.] Gesetz; Prinzip; Gesetzmäßigkeit
Quelle: Erweiterte Bedeutung. Die Wirkungsprinzipien des Universums.
chōng
A. [Adj.] Leer; hohl
Quelle: Wang Bi: „chōng" (chōng bedeutet leer). Heshanggong: „chōngzhōng" (chōng bedeutet hohl/Mitte). Im Sinne von hohler Leere.
B. [Adj.] Hervorströmend; unablässig fließend
Quelle: Shuowen Jiezi: „chōngyǒngyáo" (chōng bedeutet hervorströmen und schwanken). Im Sinne von hervorströmendem Wasser.
C. [Adj.] Harmonisch und bescheiden; mild und ausgeglichen
Quelle: Erweiterte Bedeutung. Im Sinne von Ausgeglichenheit, Milde und bescheidener Harmonie.
huò
A. [Adv.] Vielleicht; möglicherweise
Quelle: Ausdruck der Ungewissheit; Modalpartikel.
B. [Adv.] Stets; immerfort
Quelle: Einige Gelehrte vertreten die Ansicht, dass „huò" eine phonetische Entlehnung für „huò" ist oder als „yòu" gelesen werden sollte, im Sinne von „stets". Wang Bis Kommentar impliziert die Unerschöpflichkeit des Gebrauchs.
yíng
A. [Verb] Sich füllen; überfließen
Quelle: Shuowen Jiezi: „yíngmǎn" (yíng bedeutet ein bis zum Rand gefülltes Gefäß). Grundbedeutung.
B. [Adj.] Selbstzufrieden; überheblich
Quelle: Erweiterte Bedeutung. Das Gefühl selbstgefälliger Zufriedenheit. Zuo Zhuan: „jiéyíng" („Sie sind erschöpft, während wir bei voller Kraft sind").
C. [Verb] Erschöpfen; aufbrauchen
Quelle: Erweiterte Bedeutung. Verbraucht und erschöpft werden. Heshanggong: „dàoyòngzhīrénhuònéngmǎnyíngzhě" („Wenn das Tao auf menschliche Angelegenheiten angewandt wird, kann es vielleicht nicht voll und überfließend werden").
yuān
A. [Adj.] Tief und unergründlich
Quelle: Xiao Erya: „yuānshēn" (yuān bedeutet tief). Grundbedeutung.
B. [Subst.] Tiefer Teich; Abgrund
Quelle: Grundbedeutung. Shuowen Jiezi: „yuānhuíshuǐ" (yuān bedeutet kreiselndes Wasser). Ein unergründlich tiefer Teich.
C. [Subst.] Ort, an dem sich Menschen oder Dinge versammeln
Quelle: Erweiterte Bedeutung. „yuānsǒu" (ein Sammelort); stellvertretend für den Ort, an dem alle Dinge zusammenströmen.
A. [Part.] Ausrufepartikel zum Ausdruck von Staunen oder Nachdruck
Quelle: Innerhalb oder am Ende eines Satzes zum Ausdruck von Ausruf oder Bewunderung verwendet.
shì
A. [Verb] Ähneln; scheinen; als ob
Quelle: Shuowen Jiezi: „shìxiàng" (shì bedeutet ähneln). Ausdruck eines unsicheren Vergleichs.
zōng
A. [Subst.] Urahn; Wurzel; Ursprung
Quelle: Shuowen Jiezi: „zōngzūnmiào" (zōng bedeutet Ahnentempel). Erweitert zur Bedeutung der Urquelle aller Dinge.
B. [Subst.] Gebieter; Herrscher; höchste Autorität
Quelle: Erweiterte Bedeutung. Der Gegenstand der Verehrung und Nachahmung.
C. [Subst.] Sammelpunkt; der Punkt, zu dem alle Dinge zurückkehren
Quelle: Buch der Urkunden, „Tribut des Yu": „jiānghàncháozōnghǎi" („Der Jangtsekiang und der Han huldigen dem Meer"). Im Sinne von Sammeln und Zurückkehren.
cuò
A. [Verb] Abschleifen; abstumpfen; vermindern
Quelle: Shuowen Jiezi: „cuòcuī" (cuò bedeutet brechen). Heshanggong: „ruìwèihàigōngzhúzhě" („Scharf bezeichnet diejenigen, die aggressiv nach Gewinn streben").
B. [Verb] Zügeln; zurückhalten; verborgen halten
Quelle: Erweiterte Bedeutung. Seine scharfe Kante nicht zeigen; sich mit Zurückhaltung bewahren.
ruì
A. [Subst.] Schärfe; scharfe Kante; Kampfgeist
Quelle: Shuowen Jiezi: „ruìmáng" (ruì bedeutet scharfe Spitze). Die scharfe Spitze einer Klinge. Erweitert zur Bedeutung der Schärfe von Talent und Ehrgeiz.
B. [Adj.] Scharf und ungestüm; eifrig sich behauptend
Quelle: Erweiterte Bedeutung. Ein Drang, sich hervorzutun. Mencius: „jìnruìzhě退tuì" („Wer ungestüm voranschreitet, weicht ebenso schnell zurück").
jiě
A. [Verb] Entwirren; auflösen; lösen
Quelle: Grundbedeutung. Streitigkeiten und Verwicklungen lösen.
fēn
A. [Subst.] Streit; Zwietracht; Unfrieden
Quelle: Erweiterte Bedeutung. Bezeichnung von Streitigkeiten und Unordnung. Heshanggong: „fēnjiéhèn" („fēn bedeutet verknoteten Groll").
B. [Subst.] Verwicklung; Komplexität; Überfluss
Quelle: Erweiterte Bedeutung. Der Zustand verwickelter und chaotischer Dinge.
A. [Verb] Harmonisieren; verbinden; mäßigen
Quelle: Grundbedeutung. Verschiedene Dinge in Einklang bringen.
B. [Verb] Mildern; verschleiern; dämpfen
Quelle: Heshanggong: „suīyǒujiànzhīmíngdānghùnzhòngrén" („Obgleich man über einzigartige Einsicht verfügt, sollte man sich unter die Menge mischen"). Seinen Glanz mildern, damit er nicht blendet.
guāng
A. [Subst.] Licht; Glanz; Brillanz
Quelle: Grundbedeutung. Heshanggong: „suīyǒujiànzhīmíng" („Obgleich man über einzigartige Einsicht verfügt"). Bezeichnet den Glanz der Weisheit oder Begabung.
tóng
A. [Verb] Sich vereinen mit; sich einfügen in; eins werden mit
Quelle: In die alltägliche Welt eintauchen und eins mit ihr werden. Heshanggong: „dāngzhòngréntónggòuchén" („Man sollte Staub und Schmutz mit den gewöhnlichen Menschen teilen").
chén
A. [Subst.] Staub; die irdische Welt
Quelle: Die Grundbedeutung bezeichnet Staub. Erweitert zur Bedeutung der weltlichen, alltäglichen Welt.
zhàn
A. [Adj.] Klar; lauter; durchsichtig
Quelle: Grundbedeutung. Shuowen Jiezi: phono-semantische Zusammensetzung mit Wasser (shuǐ). Xie Hun: „shuǐzhànqīnghuá" („Wasser und Bäume sind von lauterer Reinheit und Pracht").
B. [Adj.] Tief; unergründlich
Quelle: Erweiterte Bedeutung. Fengshen Yanyi: „yǎnjīngbàozhàn" („Tief eingesunkene Augen"). Zu tief, um gesehen zu werden.
C. [Verb] Versinken; untertauchen; sich verbergen
Quelle: Alternative Lesung dān/chén. Phonetische Entlehnung für „shěn" (chén, versinken); im Sinne von Untertauchen und Verbergen. Einige Ausgaben geben „zhànshìhuòcún" als „versunken und verborgen, scheint es zu existieren und scheint zugleich nicht zu existieren".
cún
A. [Verb] Existieren
Quelle: Grundbedeutung.
B. [Verb] Fortdauern; beharren; verweilen
Quelle: Erweiterte Bedeutung. Obgleich das Tao nicht gesehen werden kann, besteht es für immer fort und erlischt niemals.
A. [Pron.] Ich; mich
Quelle: Personalpronomen der ersten Person. Laozi sich selbst bezeichnend.
shuí
A. [Pron.] Wer; welcher
Quelle: Fragepronomen.
zi
A. [Subst.] Sohn; Nachkomme; Abkömmling
Quelle: Grundbedeutung. Hier metaphorisch verwendet — das Tao als Abkömmling eines Elternteils oder Ursprungs.
B. [Subst.] Erzeugnis; Derivat
Quelle: Erweiterte Bedeutung. Was hat das Tao hervorgebracht?
xiàng
A. [Verb] Ähneln; scheinen; als ob
Quelle: Phonetische Entlehnung für „xiàng" (ähneln). Als ob es vor etwas existiere.
B. [Subst.] Bild; Zeichen; Spur
Quelle: Erweiterung der Grundbedeutung. Im Sinne von „Muster" oder „Modell". Buch des Yu (im Buch der Urkunden): „xiàngdiǎnxíng" („Bilder verwenden, um die vorbildlichen Strafen darzustellen").
A. [Subst.] Der Himmelsherr; der Höchste Herr; Gott
Quelle: Die höchste Gottheit des alten China. Zihui: „shàngtiānzhīshén" („ ist der Höchste Herr, der Geist des Himmels").
B. [Subst.] Der Himmel; der Himmlische Weg
Quelle: Erweiterte Bedeutung. Stellvertretend für die höchste natürliche Ordnung oder regierende Macht.
C. [Subst.] Blütenkelch; Urknospe
Quelle: Shuowen Jiezi: Das Zeichen ist ein Piktogramm eines Blütenkelches. Einige Gelehrte vertreten die Ansicht, dass „" hier seine ursprüngliche piktographische Bedeutung hat und die Knospenspitze bezeichnet, an der die Dinge erstmals keimen.
xiān
A. [Subst.] Vor; voraus; zuvor
Quelle: Zeitliche Priorität. Vor dem Höchsten Herrn existiert habend.
B. [Subst.] Urahn; Vorfahr
Quelle: Erweiterte Bedeutung. Das Tao ist der Urahn des Höchsten Herrn.