Übersetzung: Das Tao (道) ist leer und hohl; wenn man es gebraucht, scheint es, als würde es sich niemals füllen.
Deutung: Dies ist die am weitesten verbreitete Deutung. Das Wesen des Tao ist die Leere; gerade weil es leer ist, ist es unerschöpflich und läuft niemals über. Mit der Metapher eines hohlen Gefäßes, das nur deshalb Dinge fassen kann, weil es leer ist, betont diese Lesart die grenzenlose Funktion der „Leere" (虚).
Ähnliche Ansichten: Wang Bi („以其无形,故冲而用之,又不盈也" — „Weil es keine Form hat, ist es leer, wenn man es gebraucht, und wird niemals voll").
Übersetzung: Das Tao strömt unablässig wie Wasser; wie sehr man es auch gebraucht, es läuft niemals über.
Deutung: Hier wird „冲" im Sinne von Hervorströmen verstanden. Das Tao ist wie eine nie versiegende Quelle, die endlos fließt. Diese Lesart betont die unerschöpfliche Zeugungskraft des Tao als Ursprung aller Dinge.
Ähnliche Ansichten: Dies korrespondiert mit Kapitel 45: „大盈若冲,其用不穷" („Große Fülle scheint leer; ihr Gebrauch ist unerschöpflich").
Übersetzung: Das Wesen des Tao ist harmonisch und bescheiden; wenn es seine Wirkung entfaltet, wird es niemals selbstzufrieden oder überheblich.
Deutung: Eine auf Selbstkultivierung ausgerichtete Lesart aus der Heshanggong-Tradition. Hier nimmt „冲" die Bedeutung harmonischer Bescheidenheit an und „盈" die Bedeutung der Selbstgefälligkeit. Das Tao ist gerade deshalb groß, weil es stets bescheiden bleibt und sich niemals selbst erhöht. Diese Deutung weist auf die Selbstkultivierung hin — der Weise (圣人) ahmt das Tao nach und bleibt demütig wie ein leeres Tal.
Ähnliche Ansichten: Heshanggong („道用之于人,或不能满盈者" — „Wenn das Tao auf menschliche Angelegenheiten angewandt wird, kann es vielleicht nicht voll und überfließend werden").
Übersetzung: Die Gesetze, die Himmel und Erde regieren, gleichen der Leere selbst — sie können durch ihren Gebrauch niemals erschöpft werden.
Deutung: Hier wird „道" als Naturgesetz verstanden; „冲" dient als Metapher für die Formlosigkeit dieser Gesetze und „不盈" als Metapher für ihre immerwährende Gültigkeit — sie werden durch den Gebrauch niemals aufgebraucht. Dies ist eine naturphilosophische Lesart.
Ähnliche Ansichten: Dies korrespondiert mit Kapitel 35: „道之出口,淡乎其无味" („Wenn das Tao in Worte gefasst wird, ist es fad und ohne Geschmack").
Übersetzung: Es ist von unergründlicher Tiefe — es scheint die Wurzel und der Ursprung aller Dinge zu sein.
Deutung: Dies ist die am weitesten verbreitete Deutung. Das Tao ist unermesslich tief, gleich dem Urahnen und der Urquelle aller Dinge. „渊" beschreibt die Unermesslichkeit des Tao, während „宗" seinen ontologischen Status bestimmt — den letzten Grund aller Dinge.
Ähnliche Ansichten: Wang Bi („渊兮似万物之宗,言其处卑不可得而同" — „Unergründlich, scheint es der Urahn aller Dinge zu sein — das meint, dass es in der Niedrigkeit weilt und mit nichts gleichgesetzt werden kann").
Übersetzung: Es ist wie ein tiefer Abgrund — es scheint der Gebieter aller Dinge zu sein.
Deutung: Mit einem tiefen Becken als konkretem Gleichnis — das Tao ist so tiefgründig still und schweigend wie ein Abgrund und dennoch der Gebieter, dem sich alle Dinge zuwenden. Dies drückt die Einheit von Demut des Tao und seiner höchsten Autorität aus.
Ähnliche Ansichten: Heshanggong („道渊深不可知,似万物之所宗" — „Das Tao ist so unergründlich tief, dass es nicht erkannt werden kann; es scheint das zu sein, dem alle Dinge huldigen").
Übersetzung: Es ist der Zusammenfluss, an dem sich alle Dinge versammeln — es scheint das letzte Ziel aller Dinge zu sein.
Deutung: Sowohl „渊" als auch „宗" werden im Sinne von „Versammlung" verstanden. Das Tao ist nicht nur die Urquelle, aus der alle Dinge hervorgehen, sondern auch das Ziel, zu dem sie letztlich zurückkehren. Diese Lesart betont die Konvergenzfunktion des Tao — alle Dinge gehen aus dem Tao hervor und kehren zum Tao zurück.
Ähnliche Ansichten: Dies korrespondiert mit Kapitel 16: „万物并作,吾以观复。夫物芸芸,各复归其根" („Alle Dinge gedeihen zusammen; ich beobachte ihre Rückkehr. Die unzähligen Geschöpfe wuchern, und jedes kehrt zu seiner Wurzel zurück").
Übersetzung: (Das Tao) schleift die Schärfe aller Dinge ab, entwirrt ihre Verwicklungen, mäßigt ihren Glanz und vereint sie alle im Staub.
Deutung: Diese Deutung behandelt die vier Wendungen als Beschreibungen der Wirkung des Tao. Durch seine formlose Kraft schleift das Tao jede scharfe Kante ab, löst jeden Streit, harmonisiert jeden Glanz und vereint alle Dinge in gemeinsamer Schlichtheit. Dies drückt die verwandelnde Funktion des Tao aus — alle Gegensätze zum harmonischen Gleichgewicht zu führen.
Ähnliche Ansichten: Wang Bi („锐挫而无伤,纷解而不劳,和光而不污,同尘而不染" — „Es stumpft die Schärfe ab, ohne zu verletzen; entwirrt das Verwickelte ohne Mühe; mildert das Licht, ohne es zu beschmutzen; vereint sich mit dem Staub, ohne befleckt zu werden").
Übersetzung: (Wer das Tao kultiviert, sollte) seine scharfen Kanten zügeln, seine innere Unruhe auflösen, den Glanz seiner Weisheit mildern und sich in den Staub der gewöhnlichen Welt einfügen.
Deutung: Eine auf Selbstkultivierung ausgerichtete Lesart aus der Heshanggong-Tradition. Die vier Wendungen bilden vier Grundsätze der Kultivierung des Tao: seine Begabungen verbergen, Streit auflösen, seine Brillanz nicht zur Schau stellen und unter gewöhnlichen Menschen weilen, ohne sich von ihnen abzuheben. Dies ist das, was spätere Generationen „和光同尘" (sein Licht mildern und sich mit dem Staub vereinen) nennen.
Ähnliche Ansichten: Heshanggong („挫去其锐利" — „Die eigenen scharfen Kanten abschleifen"; „含德之人除灭忿争" — „Ein Mensch innerer Tugend beseitigt Zorn und Streit"; „虽有独见之明,当和混于众人" — „Obgleich man über einzigartige Einsicht verfügt, sollte man sich unter die Menge mischen"; „当与众人同垢尘也" — „Man sollte Staub und Schmutz mit den gewöhnlichen Menschen teilen").
Übersetzung: (Das Tao) schleift die begierig-ungestümen Wünsche aller Dinge ab, löst ihre Streitigkeiten, harmonisiert ihren Glanz und führt alle Dinge gleichermaßen zur Schlichtheit und Einfachheit zurück.
Deutung: Hier wird „锐" als der ungestüme Drang aller Dinge verstanden, sich zu behaupten. Die Wirkung des Tao besteht darin, alle Dinge von der Aufregung zur Gelassenheit, vom Chaos zur Harmonie, von der Pracht zur Schlichtheit zu führen. Dies ist zugleich eine kosmologische Aussage und eine implizite politische Philosophie — der weise Herrscher verwandelt alles unter dem Himmel durch Nicht-Handeln (无为).
Ähnliche Ansichten: Diese Passage erscheint erneut in Kapitel 56, wo sie ausdrücklich die Lebensführung des „Wissenden" (知者) beschreibt.
Übersetzung: (Das Tao ist) klar und durchsichtig — es scheint zu existieren und scheint zugleich nicht zu existieren.
Deutung: Das Tao ist so klar und durchsichtig wie reines Wasser, ohne die geringste Spur oder Unreinheit, so dass es zwischen Sein und Nichtsein zu schweben scheint. Dies betont den Zustand des Tao — ohne Form und Gestalt und doch wahrhaft wirklich.
Ähnliche Ansichten: Heshanggong („言道清湛然,似若不可见" — „Das meint, das Tao ist klar und lauter, als ob es nicht gesehen werden könnte").
Übersetzung: (Das Tao ist) tief und unergründlich — es scheint zu existieren und scheint zugleich nicht zu existieren.
Deutung: Eine Deutung in der Tradition Wang Bis. Das Tao ist tief und verborgen; es kann durch Phänomene nicht unmittelbar wahrgenommen werden, daher kann man nur sagen, es „scheint zu existieren". Dieses Schweben zwischen Sein und Nichtsein ist gerade das Wesen der Transzendenz des Tao jenseits von Sein und Nichtsein.
Ähnliche Ansichten: Wang Bi („其体不彰,故曰湛兮似或存也" — „Sein Wesen offenbart sich nicht; daher heißt es: ‚Klar und still, es scheint zu existieren'"). Dies korrespondiert mit Kapitel 14: „是谓无状之状,无物之象" („Das nennt man die Form des Formlosen, das Bild des Bildlosen").
Übersetzung: (Das Tao ist) versunken und dem Blick entzogen — und doch scheint es dort zu verweilen, still und beharrlich.
Deutung: Hier wird „湛" als phonetische Entlehnung für „沉" (versinken, untertauchen) genommen. Das Tao liegt versunken und verborgen in allen Dingen; obwohl es keine äußere Spur zeigt, besteht es für immer fort. Diese Deutung betont die Eigenschaft des Tao als „verborgen, doch unvergänglich".
Ähnliche Ansichten: Dies steht nahe zu Kapitel 6: „绵绵若存,用之不勤" („Ununterbrochen, als ob es fortbestünde; sein Gebrauch ist mühelos").
Übersetzung: Ich weiß nicht, wessen Abkömmling es ist; es scheint vor dem Höchsten Herrn existiert zu haben.
Deutung: Dies ist die am weitesten verbreitete Deutung. Laozi verwendet eine rhetorische Frage, um den höchsten Rang des Tao auszudrücken: Ich weiß nicht, woher das Tao kommt oder wer es hervorgebracht hat; es scheint älter zu sein als selbst der höchste Himmelsherr (天帝). Dies stellt einen bedeutenden Durchbruch in Laozis Philosophie dar: Das Tao steht über dem Himmelsherrn und geht ihm voraus.
Ähnliche Ansichten: Wang Bi („不亦似帝之先乎" — „Scheint es nicht dem Höchsten Herrn vorangegangen zu sein?"); Heshanggong („道自在天帝之前" — „Das Tao existierte vor dem Himmelsherrn").
Übersetzung: Ich weiß nicht, wessen Abkömmling es ist; es scheint der Urahn der kosmischen Ordnung zu sein.
Deutung: Hier wird „帝" als die höchste kosmische Ordnung verstanden. Das Tao geht nicht nur dem Himmelsherrn als göttlicher Gestalt voraus, sondern ist die eigentliche Quelle und der Urahn aller Ordnung — die Wirkungsprinzipien von Himmel, Erde und allen Dingen finden ihren Ursprung allesamt im Tao.
Ähnliche Ansichten: Dies stimmt mit Kapitel 25 überein: „有物混成,先天地生" („Da war etwas, im Chaos geformt, geboren vor Himmel und Erde").
Übersetzung: Ich weiß nicht, welche Art von Ding es hervorgebracht hat; es hatte sich bereits geformt, bevor der allererste Blütenkelch aller Dinge erschien.
Deutung: Eine eigenständige philologische Lesart. „象" nimmt die Bedeutung „Spur, Zeichen" an; „帝" wird auf seine ursprüngliche Bedeutung im Shuowen Jiezi als „Blütenkelch" zurückgeführt — die Knospenspitze, an der die Dinge erstmals keimen. Das Tao existierte vor dem allerersten Augenblick der Keimung aller Dinge. Diese Deutung führt „帝" von einem religiösen Konzept zu einem naturalistischen zurück.
Ähnliche Ansichten: Ähnliche Erörterungen von Philologen wie Gao Heng in Laozi Zhenggu (Korrekte Exegese des Laozi).
Übersetzung: Ich weiß nicht, wer es geboren hat; es scheint der Urahn des Höchsten Herrn zu sein.
Deutung: Eine Deutung in der Heshanggong-Tradition. Das Tao hat keine Eltern und kommt von nirgendwo her; selbst der Höchste Herr ist ein Nachkomme des Tao. Dies verkündet unmissverständlich die Vorrangstellung des Tao — im altchinesischen Glaubenssystem war der Himmelsherr die höchste Gottheit, und doch steht das Tao selbst über ihm.
Ähnliche Ansichten: Heshanggong („道自在天帝之前,此言道之老也" — „Das Tao existierte vor dem Himmelsherrn; dies spricht vom hohen Alter des Tao").
Dieses Kapitel enthält 17 Deutungskombinationen.
[Kerndifferenzen]
Kapitel 4 ist eine unmittelbare Darstellung des Grundwesens des Tao, die mit einer Reihe fortgesetzter Metaphern seine vier großen Wesensmerkmale umreißt: leer und doch im Gebrauch unerschöpflich (冲而不盈), tief wie die Urquelle aller Dinge (渊兮似宗), alle Gegensätze in Harmonie auflösend (挫锐解纷和光同尘), und formlos und doch ewig gegenwärtig (湛兮似或存). Der Schlusssatz „象帝之先" („es scheint dem Höchsten Herrn vorangegangen zu sein") ist eine bahnbrechende philosophische Erklärung — das Tao geht dem Himmelsherrn voraus und befreit so das chinesische Denken aus einem religiösen Rahmen in den Bereich der Philosophie. Die interpretativen Differenzen konzentrieren sich auf zwei Hauptdimensionen: (1) Wang Bi bevorzugt eine ontologische Lesart und behandelt das gesamte Kapitel als Beschreibung des Grundwesens des Tao — leer, tief, harmonisierend, verborgen; (2) Heshanggong bevorzugt eine kultivierungsorientierte Lesart, in der „冲而不盈" Bescheidenheit lehrt, „挫锐解纷" das Verbergen seiner Begabungen lehrt und „和光同尘" lehrt, sich nicht von den gewöhnlichen Menschen abzuheben. Die beiden Deutungen stehen nicht im Widerspruch zueinander, sondern spiegeln die Doppelnatur von „das Tao nimmt sich die Natur zum Vorbild" (道法自然) wider — das Tao ist zugleich der naturgegebene Zustand des Kosmos und das höchste Vorbild, dem der Übende nacheifert.