Übersetzung: Das Tao (道) bringt alle Dinge hervor, die Tugend/Te (德) nährt sie, die Materie verleiht ihnen körperliche Gestalt, und die äußeren Umstände führen sie zur endgültigen Vollendung.
Deutung: Eine vollständige Kosmogonie — alle Dinge durchlaufen vier Stadien von der Entstehung bis zur Reife: das Tao erzeugt (verleiht den grundlegenden Impuls des Daseins) → die Tugend nährt (die konkrete Manifestation der Funktion des Tao in jedem Ding, fortwährende Nahrung) → die Materie gibt Gestalt (materielle Bedingungen verleihen eine konkrete körperliche Form) → die Umstände vollenden (äußere Umgebung und Bedingungen bewirken die endgültige Verwirklichung). Wang Bi analysierte dies mit Präzision: „何由而生?道也;何得而畜?德也;何由而形?物也;何使而成,势也。" („Wodurch werden sie hervorgebracht? Durch das Tao. Wodurch werden sie genährt? Durch die Tugend. Wodurch erhalten sie Gestalt? Durch die Materie. Wodurch werden sie vollendet? Durch die Umstände.")
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „凡物之所以生,功之所以成,皆有所由,有所由焉,则莫不由乎道也。" („Alles, was entsteht, und jede Leistung, die vollbracht wird, hat einen Ursprung; einen Ursprung habend, stammt nichts nicht vom Tao ab.")
Übersetzung: Das Tao erzeugt alle Dinge, das Ur-Qi (气) (die Tugend/das Eine) nährt sie, die Materie verleiht ihnen Gestalt, und die Kräfte des jahreszeitlichen Kreislaufs führen sie zur Vollendung.
Deutung: Die Kosmologie des Heshang Gong: „德,一也。一主布气而蓄养。一为万物设形像也。一为万物作寒暑之势以成之。" („Die Tugend ist das Eine. Das Eine herrscht über die Verteilung des Qi und nährt alle Dinge. Das Eine schafft die Gestalten für alle Dinge. Das Eine erzeugt die Kräfte von Kälte und Wärme, um sie zur Vollendung zu bringen.") Hier wird „Tugend" mit „dem Einen" (dem Ur-Qi) gleichgesetzt; Tao → das Eine → Materie → Umstände bildet eine Entstehungssequenz vom Abstrakten zum Konkreten. Der Wechsel der vier Jahreszeiten ist die letzte Bedingung für die Reifung aller Dinge — der Frühling erzeugt, der Sommer lässt wachsen, der Herbst erntet, der Winter bewahrt.
Ähnliche Ansichten: Heshang Gong: „德,一也。一主布气而蓄养。" („Die Tugend ist das Eine. Das Eine herrscht über die Verteilung des Qi und nährt alle Dinge.")
Übersetzung: Darum gibt es kein Ding, das nicht das Tao verehrt und die Tugend hochschätzt.
Deutung: Die Verehrung und Wertschätzung, die alle Dinge dem Tao und der Tugend entgegenbringen, entstehen von selbst — nicht aus einer befohlenen Ehrfurcht, sondern aus einer ontologischen, angeborenen Zugehörigkeit. Wang Bi: „道者,物之所由也。德者,物之所得也。由之乃得,故曰不得不失。" („Das Tao ist das, wovon die Dinge abstammen. Die Tugend ist das, was die Dinge erlangen. Von ihm abstammend, erlangen sie es; deshalb heißt es, sie gewinnen und verlieren nicht.") Alle Dinge werden durch das Tao geboren und durch die Tugend genährt; sie verehren das Tao und schätzen die Tugend von Natur aus, so wie Wasser von Natur aus nach unten fließt.
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „由之乃得……尊之则害,不得不贵也。" („Von ihm abstammend, erlangen sie es… es zu ehren würde Schaden verursachen; man kann nicht umhin, es hochzuschätzen.")
Übersetzung: Der Grund, warum das Tao verehrt und die Tugend geschätzt wird, ist, dass niemand Befehle erteilt; es ist stets von selbst so, ganz natürlich.
Deutung: Dies ist der wesentlichste Satz des gesamten Kapitels. Die Autorität des Tao und der Tugend stammt nicht von äußerem Zwang — niemand befiehlt allen Dingen, das Tao zu verehren und die Tugend zu schätzen; sie tun es einfach von Natur aus. Dies offenbart das Grundideal von Laozis politischer Philosophie: die höchste Autorität ist „natürlich" (自然) — spontane Befolgung ohne Zwang. Dies steht im Einklang mit Kapitel 17: „Von den besten Herrschern weiß das Volk nur, dass sie da sind" („太上,下知有之").
Ähnliche Ansichten: Heshang Gong: „道一不命召万物,而常自然应之如影响。" („Das Tao und das Eine rufen die zehntausend Dinge nicht durch Befehle herbei, und doch antworten alle Dinge beständig von selbst, wie ein Schatten und ein Echo.")
Übersetzung: Die Verehrung des Tao und die Wertschätzung der Tugend rühren nicht von Titeln oder verliehenen Rängen her; sie sind ewig von selbst so.
Deutung: Wang Bis Kommentar vermerkt: „命并作爵。" („‚Befehlen' ist hier als ‚Rang/Titel' zu lesen.") Die Verehrung des Tao rührt nicht daher, dass ihm ein Titel verliehen wurde (eine äußere Bezeichnung des Ranges); sie ist von Natur aus wahrhaftig. Dies enthält eine implizite Kritik an der weltlichen Autorität — unter den Menschen werden Ehre und Adel durch verliehene Titel und Ränge aufrechterhalten, doch die Ehrwürdigkeit des Tao bedarf keines äußeren Zeichens; sie ist der Grund des Daseins aller Dinge selbst.
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „命并作爵。" („‚Befehlen' ist hier als ‚Rang/Titel' zu lesen.")
Übersetzung: Darum bringt das Tao alle Dinge hervor und die Tugend nährt sie; es lässt sie wachsen und zieht sie auf; es bringt sie zur Reife und Frucht; es pflegt sie und gibt ihnen Schutz.
Deutung: Eine Entfaltung und Vertiefung des Eingangssatzes „das Tao bringt sie hervor, die Tugend nährt sie" — die Fürsorge des Tao für alle Dinge ist umfassend und erstreckt sich über ihre gesamte Existenz: von der anfänglichen Hervorbringung (Erzeugen), über die fortwährende Nahrung (Nähren, Wachsenlassen, Aufziehen), bis zur Reifung und Vollendung (Zur-Reife-Bringen, Fruchtbarmachen), bis hin zum endgültigen Schutz und Schirm (Pflegen und Beschirmen). Wang Bi: „谓成其实,各得其庇荫,不伤其体矣。" („Dies bedeutet, ihre Frucht zur Vollendung zu bringen, sodass jedes seinen Schutz und Schirm erhält und seine Substanz nicht beschädigt wird.")
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „谓成其实,各得其庇荫,不伤其体矣。" („Dies bedeutet, ihre Frucht zur Vollendung zu bringen, sodass jedes seinen Schutz und Schirm erhält und seine Substanz nicht beschädigt wird.")
Übersetzung: Das Tao bringt alle Dinge hervor und die Tugend nährt sie; es lässt sie wachsen und sich vermehren; es bringt sie zur Reife und Vollkommenheit; es pflegt sie und beschirmt sie.
Deutung: Heshang Gong bezieht dies auf die Staatsführung und Selbstkultivierung: „道之于万物,非但生而已,乃复长养、成孰、覆育,全其性命。人君治国治身,亦当如是也。" („Das Verhältnis des Tao zu allen Dingen beschränkt sich nicht darauf, sie hervorzubringen; es lässt sie auch wachsen, nährt sie, bringt sie zur Reife, beschirmt und zieht sie auf und bewahrt ihre Natur und ihr Leben vollständig. Ein Herrscher, der den Staat regiert und sich selbst kultiviert, sollte ebenso handeln.") Herrscher sollten das Volk behandeln, wie das Tao alle Dinge behandelt — nicht nur sie am Leben lassen, sondern sie umfassend nähren, zur Erfüllung bringen und beschützen.
Ähnliche Ansichten: Heshang Gong: „人君治国治身,亦当如是也。" („Ein Herrscher, der den Staat regiert und sich selbst kultiviert, sollte ebenso handeln.")
Übersetzung: Es bringt alle Dinge hervor, ohne sie zu besitzen, wirkt, ohne sich seiner Verdienste zu rühmen, führt, ohne zu herrschen — dies nennt man die „Geheimnisvolle Tugend" (玄德).
Deutung: Der Schlusssatz des Kapitels und ein Kerngedanke, der im gesamten Tao Te Ching wiederkehrt (ähnliche Ausdrücke finden sich in den Kapiteln 2 und 10). „Nicht besitzen, sich nicht rühmen, nicht herrschen" ist eine dreifache Entfaltung des Nicht-Handelns (无为): alles geben, ohne Gegenleistung zu fordern, alles vollbringen, ohne sich der Verdienste zu rühmen, alles führen, ohne sich als Herrscher aufzuführen. Wang Bi: „有德而不知其主也,出乎幽冥,是以谓之玄德也。" („Es gibt Tugend, doch niemand kennt ihren Ursprung; sie tritt aus dem Dunklen und Verborgenen hervor — deshalb nennt man sie Geheimnisvolle Tugend.") Das „Geheimnisvolle" an der „Geheimnisvollen Tugend" liegt darin, dass sie unsichtbar und ungreifbar ist, und doch ist sie das Fundament, auf dem alle Dinge in ihrem Dasein ruhen.
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „有德而不知其主也,出乎幽冥,是以谓之玄德也。" („Es gibt Tugend, doch niemand kennt ihren Ursprung; sie tritt aus dem Dunklen und Verborgenen hervor — deshalb nennt man sie Geheimnisvolle Tugend.")
Übersetzung: Es bringt das Volk hervor, ohne es zu besitzen, wirkt, ohne Vergeltung zu erwarten, nährt das Volk, ohne es zum eigenen Vorteil auszubeuten — dies nennt man die tiefgründige und unmerkliche Geheimnisvolle Tugend.
Deutung: Heshang Gong wendet die drei Merkmale der „Geheimnisvollen Tugend" auf die politische Praxis an: „不有所取以为利" („nicht besitzen oder zum eigenen Vorteil nehmen") — das Volk nicht ausbeuten; „不恃望其报" („sich nicht auf die Erwartung einer Gegenleistung stützen") — keine Vergeltung suchen; „不宰割以为利" („nicht herrschen und aufteilen zum eigenen Vorteil") — nicht die Macht gebrauchen, um dem Volk zu schaden und daraus persönlichen Gewinn zu ziehen. „道之所行恩德,玄暗不可得见" („Die wohltätige Tugend, die das Tao ausübt, ist dunkel und unmerklich") — die beste Wohltätigkeit ist die, die das Volk nicht wahrnehmen kann (Kapitel 17: „Von den besten Herrschern weiß das Volk nur, dass sie da sind").
Ähnliche Ansichten: Heshang Gong: „道之所行恩德,玄暗不可得见。" („Die wohltätige Tugend, die das Tao ausübt, ist dunkel und unmerklich.")
Dieses Kapitel enthält 9 Deutungskombinationen.
[Kerndifferenzen]
Kapitel 51 ist das Kernkapitel zur Theorie der Tugend (德) im Tao Te Ching, das systematisch das Verhältnis zwischen Tao und Tugend sowie den vollständigen Prozess der Entstehung aller Dinge darlegt. Die Struktur des Kapitels ist klar: (1) vier Stadien der Entstehung aller Dinge — das Tao erzeugt, die Tugend nährt, die Materie gibt Gestalt, die Umstände vollenden; (2) die Natürlichkeit der Verehrung aller Dinge für das Tao und ihre Wertschätzung der Tugend — nicht durch Befehl, sondern durch innere Natur; (3) die umfassende Fürsorge des Tao für alle Dinge — erzeugen, nähren, wachsen lassen, aufziehen, zur Reife bringen, fruchtbar machen, pflegen, beschirmen; (4) die drei Merkmale der Geheimnisvollen Tugend — nicht besitzen, sich nicht rühmen, nicht herrschen. Der Kerngedanke liegt in „niemand befiehlt dies; es ist stets von selbst so" (莫之命而常自然) — die höchste Autorität des Tao und der Tugend liegt gerade darin, keinerlei Zwang auszuüben. Das Konzept der „Geheimnisvollen Tugend", erstmals in Kapitel 10 eingeführt, erhält hier seine vollständige Darlegung: allen Dingen die Fülle des Lebens und der Nahrung geben, ohne zu besitzen, ohne sich zu rühmen, ohne zu herrschen — dies ist eine tiefgründige Tugend, bei der „Tugend vorhanden ist, aber niemand ihren Ursprung kennt". Wang Bi leitet daraus eine Schlüsselthese seines philosophischen Systems ab: „凡物之所以生,功之所以成,皆有所由,有所由焉,则莫不由乎道也。故推而极之,亦至道也。" („Alles, was entsteht, und jede Leistung, die vollbracht wird, hat einen Ursprung; einen Ursprung habend, stammt nichts nicht vom Tao ab. Verfolgt man die Dinge daher bis zu ihrem letzten Ursprung zurück, so gelangt man zum Tao.") Heshang Gong verbindet seine Erörterung des Tao stets mit Staatsführung und Selbstkultivierung und weist darauf hin, dass ein Herrscher, der den Staat regiert und sich selbst kultiviert, alle Dinge wie das Tao behandeln sollte — umfassend nähren, ohne Gegenleistung zu suchen und ohne die Macht zum persönlichen Vorteil zu missbrauchen.