Übersetzung: Sobald (der Mensch) geboren wird, schreitet er bereits dem Tod entgegen.
Deutung: Die am weitesten verbreitete Deutung. Das menschliche Leben ist ein Prozess von der Geburt bis zum Tod. Diese vier Schriftzeichen fassen die grundlegendste Existenzbedingung der Menschheit zusammen — wo Leben ist, muss notwendig Tod sein. Das gesamte Kapitel nimmt dies als Ausgangspunkt, um zu erforschen, wie man zwischen Geburt und Tod das Leben bewahren kann.
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „出生地,入死地" („Heraustreten in den Bereich des Lebens, Eintreten in den Bereich des Todes").
Übersetzung: Wenn Begierden und Leidenschaften aus den fünf inneren Organen austreten, lebt man; wenn Begierden und Leidenschaften ins Herz eindringen, stirbt man.
Deutung: Heshanggongs eigenständige Deutung der Selbstkultivierung: „出生,谓情欲出五内,魂静魄定,故生。入死,谓情欲入于胸臆,精劳神惑,故死" („Heraustreten in das Leben bedeutet, dass die Begierden die fünf Organe verlassen, die Hun-Seele ruhig und die Po-Seele gefestigt ist, daher lebt man. Eintreten in den Tod bedeutet, dass die Begierden in die Brust eindringen, die Lebenskraft erschöpft ist und der Geist verwirrt wird, daher stirbt man"). Leben und Tod sind nicht nur natürliche Vorgänge, sondern stehen in engem Zusammenhang mit der inneren Kultivierung — wenn man die Störung der Begierden vertreiben kann und die Hun- und Po-Seelen in Frieden sind, lebt man; wenn Begierden den Geist überfallen und dieser erschöpft wird, stirbt man. Dies stellt den Ausgangspunkt der daoistischen Theorien zur Gesundheitspflege und inneren Verfeinerung dar.
Ähnliche Ansichten: Heshanggongs System der Gesundheitspflege und inneren Verfeinerung.
Übersetzung: Diejenigen, die zur Langlebigkeit neigen, sind drei von zehn; diejenigen, die zum frühen Tod neigen, sind drei von zehn; diejenigen, die lange hätten leben können, aber durch ihr eigenes Handeln auf den Todesgrund zuschreiten, sind ebenfalls drei von zehn.
Deutung: Wang Bis Deutung. Die Menschen lassen sich in drei Gruppen einteilen: drei Zehntel sind von Natur aus langlebig, drei Zehntel sind von Natur aus kurzlebig, und drei Zehntel hätten lange leben können, bringen sich aber durch die übermäßige Verfolgung der Lebensgenüsse selbst ins Verderben. Die dritte Gruppe ist die bedauernswerteste — „民生生之厚,更之无生之地焉" („die Menschen nähren das Leben so üppig, dass sie es in einen Ort verwandeln, der des Lebens beraubt ist"). Was ist mit dem verbleibenden Zehntel? Es sind die im Folgenden beschriebenen „善摄生者" (diejenigen, die geschickt im Bewahren des Lebens sind) — jene, die das Tao (道) erlangt und die Trennung von Leben und Tod überwunden haben.
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „取其生道,全生之极,十分有三耳" („Diejenigen, die den Weg des Lebens nehmen und es vollkommen bewahren, sind nur drei Teile von zehn").
Übersetzung: Die (neun Körperöffnungen und vier Gliedmaßen), die dem Menschen Leben geben können, zählen dreizehn; diejenigen, die ihn in den Tod führen können, zählen ebenfalls dreizehn; diejenigen, die der Mensch zum Leben nutzt, aber auf den Todesgrund lenkt, zählen ebenfalls dreizehn.
Deutung: Heshanggongs somatische Deutung. „十三" (dreizehn) bezeichnet die neun Körperöffnungen (zwei Augen, zwei Ohren, zwei Nasenlöcher, ein Mund, die vordere Öffnung und die hintere Öffnung) sowie die vier Gliedmaßen (zwei Hände und zwei Füße). Diese dreizehn Öffnungen und Durchgänge können Tore zum Leben oder zum Tod sein. Wenn sie angemessen genutzt werden (nicht unbesonnen schauen, nicht unbesonnen hören usw.), erhalten sie das Leben; wenn sie maßlos genutzt werden, bringen sie den Tod. Die Menschen wissen, dass dies Kanäle des Lebens sind, und verwandeln sie dennoch in Kanäle des Todes.
Ähnliche Ansichten: Heshanggong: „谓九窍四关也。其生也目不妄视,耳不妄听" („Dies bezeichnet die neun Körperöffnungen und die vier Durchgänge. Um zu leben, schauen die Augen nicht unbesonnen, hören die Ohren nicht unbesonnen").
Übersetzung: Warum ist das so? Weil sie das Leben allzu üppig nähren.
Deutung: Ein tiefgreifendes Paradoxon des Lebens — je verzweifelter man die Genüsse des Daseins verfolgt, desto eher beschleunigt man den Tod. Wang Bi veranschaulicht dies mit den Metaphern der Schlangen-Eidechse (蚖蟮) und des Falken (鹰鸇): Die Schlange hält den Abgrund für zu flach und gräbt noch tiefer, der Falke hält den Berg für zu niedrig und nistet noch höher; ihre äußersten Bemühungen, das Überleben zu sichern, führen dazu, dass sie sterben, weil sie den Köder nehmen. „岂非生生之厚乎?" („Ist dies nicht das üppige Nähren des Lebens?") — ein übermäßig verwaltetes Leben verliert sich letztlich selbst.
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „物茍不以求离其本,不以欲渝其真,虽入军而不害" („Wenn ein Wesen sich nicht durch Streben von seiner Wurzel entfernt und nicht durch Begierde seine Wahrhaftigkeit verdirbt, wird es selbst beim Eintritt ins Heer nicht geschädigt").
Übersetzung: Warum ist das so? Weil sie die Genüsse des Lebens allzu verschwenderisch verfolgen.
Deutung: Heshanggong: „所以动之死地者,以其求生活之事太厚,违道忤天,妄行失纪" („Der Grund, warum sie auf den Todesgrund zuschreiten, ist, dass sie die Angelegenheiten des Lebens allzu üppig verfolgen, das Tao verletzen und den Himmel beleidigen, unbesonnen handeln und jede Ordnung verlieren"). Es geht nicht nur um materielles Übermaß, sondern um „违道忤天" (das Tao verletzen und gegen den Himmel verstoßen) — eine Lebensweise, die den Naturgesetzen zuwiderläuft, führt unweigerlich in den Untergang. Maßloses Essen und Trinken, zügellose Nachgiebigkeit gegenüber Begierden — all dies sind Erscheinungsformen von „生生之厚" (dem üppigen Nähren des Lebens).
Ähnliche Ansichten: Heshanggong: „求生活之事太厚,违道忤天,妄行失纪" („Die Angelegenheiten des Lebens allzu üppig verfolgen, das Tao verletzen und den Himmel beleidigen, unbesonnen handeln und jede Ordnung verlieren").
Übersetzung: Ich habe gehört, dass einer, der geschickt im Bewahren des Lebens ist, auf dem Land wandelt, ohne Nashorn oder Tiger zu begegnen, und ins Heer eintritt, ohne von Waffen verletzt zu werden; das Nashorn hat keine Stelle, wo es sein Horn gegen ihn stoßen kann, der Tiger hat keine Stelle, wo er seine Krallen an ihm ansetzen kann, und die Waffen haben keine Stelle, wo sie ihre Klinge in ihn senken können.
Deutung: Derjenige, der geschickt im Bewahren des Lebens ist, besitzt keinen unzerstörbaren Körper; er begibt sich einfach nicht in gefährliche Situationen. Wang Bi leitet daraus die zentrale These ab: „斯诚不以欲累其身者也,何死地之有乎" („Ein solcher Mensch belastet seinen Körper wahrhaft nicht mit Begierden — wie könnte für ihn ein Todesgrund bestehen?"). Dies ist keine übernatürliche Unverwundbarkeit, sondern eine tiefgreifende Weisheit des Überlebens.
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „斯诚不以欲累其身者也,何死地之有乎" („Ein solcher Mensch belastet seinen Körper wahrhaft nicht mit Begierden — wie könnte für ihn ein Todesgrund bestehen?").
Übersetzung: Einer, der geschickt im Bewahren des Lebens ist, wandelt auf der Straße, ohne Nashorn oder Tiger zu begegnen, und tritt ins Heer ein, ohne Rüstung und Waffen anlegen zu müssen; das Nashorn hat keine Stelle, wo es sein Horn gegen ihn stoßen kann, der Tiger hat keine Stelle, wo er seine Krallen an ihm ansetzen kann, und die Waffen haben keine Stelle, wo sie ihre Klinge in ihn senken können.
Deutung: Heshanggongs Kommentar neigt zu einem mystischen Schutz durch Selbstkultivierung: „养生之人,兕虎无由伤,兵刃无从加之也。以其不犯十三之死地也,言神明营护之,此物不敢害" („Einer, der das Leben pflegt, kann von Nashorn und Tiger nicht verwundet werden, und Waffen können ihn nicht berühren. Weil er die dreizehn Todesgründe nicht übertritt, beschützen ihn die göttlichen Geister, und diese Wesen wagen nicht, ihm zu schaden"). Der Kultivator des Tao empfängt göttlichen Schutz, weil er die Todesgründe nicht überschreitet. „被甲兵" wird als „披甲兵" gelesen (Rüstung und Waffen anlegen), was bedeutet, dass der Lebensbewaherer keiner äußeren Bewaffnung bedarf.
Ähnliche Ansichten: Heshanggong: „言神明营护之,此物不敢害" („Die göttlichen Geister beschützen ihn, und diese Wesen wagen nicht, ihm zu schaden").
Übersetzung: Warum ist das so? Weil es an seiner Person keine verwundbare Stelle für den Tod gibt.
Deutung: Die Zusammenfassung des gesamten Kapitels. Derjenige, der geschickt im Bewahren des Lebens ist, bleibt unverletzt, weil er frei von Gier und Begierde ist und sich nicht in gefährliche Umstände begibt — es gibt auf seiner Person keinen „Todesgrund", den die Gefahr ausnutzen könnte. Wang Bis Argumentation ist streng logisch: Der Todesgrund existiert wegen „生生之厚" (des üppigen Nährens des Lebens — der übermäßigen Verfolgung des Überlebens), und er fehlt, weil man „不以欲渝其真" (seine Wahrhaftigkeit nicht durch Begierde verdirbt). Die größte Gefahr für das Leben kommt nicht von äußeren Bedrohungen, sondern von der inneren Gier.
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „物茍不以求离其本,不以欲渝其真……赤子之可则而贵信矣" („Wenn ein Wesen sich nicht durch Streben von seiner Wurzel entfernt und nicht durch Begierde seine Wahrhaftigkeit verdirbt … dann wird die Vertrauenswürdigkeit des kindlichen Zustands zum Vorbild, das geschätzt werden soll").
Übersetzung: Warum ist das so? Weil er die dreizehn (neun Körperöffnungen und vier Gliedmaßen) Todesgründe nicht überschritten hat.
Deutung: Die Zusammenfassung von Heshanggongs Deutung der Selbstkultivierung: Derjenige, der geschickt im Bewahren des Lebens ist, nutzt die neun Körperöffnungen und die vier Gliedmaßen nicht unbesonnen — die Augen schauen nicht unbesonnen, die Ohren hören nicht unbesonnen, der Mund spricht nicht unbesonnen, und Hände und Füße bewegen sich nicht unbesonnen — so wird die Lebenskraft des Körpers vollkommen bewahrt. Darüber hinaus „神明营护之" (beschützen ihn die göttlichen Geister) — der Kultivator des Tao empfängt den Schutz übernatürlicher Kräfte.
Ähnliche Ansichten: Heshanggong: „以其不犯十三之死地也" („Weil er die dreizehn Todesgründe nicht überschreitet").
Dieses Kapitel enthält 10 Deutungskombinationen.
[Kerndifferenzen]
Das fünfzigste Kapitel eröffnet mit den vier Schriftzeichen „出生入死" (Heraustreten ist Leben, Eintreten ist Tod) und stellt sich unmittelbar der grundlegendsten Existenzfrage der Menschheit — Leben und Tod. Das gesamte Kapitel demonstriert ein tiefgreifendes Paradoxon des Lebens: Die übermäßige Verfolgung des Überlebens („生生之厚", das üppige Nähren des Lebens) ist die eigentliche Ursache des Todes. Drei Zehntel Langlebige und drei Zehntel Kurzlebige sind die Lose des natürlichen Schicksals; aber die verbleibenden drei Zehntel, die gut hätten leben können, bringen sich durch Zügellosigkeit und unbesonnenes Handeln selbst ins Verderben — sie sind es, die Laozi kritisiert. Der „善摄生者" (derjenige, der geschickt im Bewahren des Lebens ist) strebt nicht nach Techniken der Unsterblichkeit, sondern „不以欲累其身" (belastet seinen Körper nicht mit Begierden) — er lässt nicht zu, dass Gier „Todesgründe" auf seiner Person schafft. Wang Bis Metapher der Schlangen-Eidechse und des Falken ist besonders eindrucksvoll: Die Schlange hält den Abgrund für zu flach und gräbt tiefer, der Falke hält den Berg für zu niedrig und nistet höher — scheinbar nach größtmöglicher Sicherheit strebend, doch am Ende sterbend, weil sie den Köder nehmen — ist dies nicht „生生之厚" (das üppige Nähren des Lebens)? Letztlich verweist das Kapitel nicht auf ein System von Gesundheitspflegetechniken, sondern auf eine existenzielle Haltung: sich nicht an das Leben klammern, den Tod nicht fürchten, natürlich und zwanglos leben — dies ist die wahre Bedeutung von „善摄生" (geschickt im Bewahren des Lebens sein).