Übersetzung: Das Tao (道) handelt beständig nicht eigenmächtig, und doch gibt es nichts, was es nicht zu vollbringen vermag.
Deutung: Dies ist eine der zentralsten Thesen in Laozis Philosophie. „Nicht-Handeln" (无为) bedeutet nicht Untätigkeit, sondern das Unterlassen gewaltsamer Eingriffe in die natürliche Ordnung durch den menschlichen Willen. Das Tao handelt nicht absichtlich, und doch wachsen und gedeihen alle Dinge von selbst — das ist die Bedeutung von „nichts bleibt ungetan". Wang Bis Kommentar: „顺自然也" („Es folgt dem natürlichen Lauf"). Heshang Gongs Kommentar: „道以无为为常也。道无所不施,无所不生,故曰无不为也" („Das Tao nimmt das Nicht-Handeln als seine Beständigkeit. Das Tao lässt nichts ohne Einwirkung und nichts unhervorgebracht; daher sagt man, nichts bleibt ungetan").
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „顺自然也" („Es folgt dem natürlichen Lauf"). Heshang Gong: „道以无为为常也" („Das Tao nimmt das Nicht-Handeln als seine Beständigkeit").
Übersetzung: Das Tao handelt in Ewigkeit nicht (auf absichtsvolle Weise), und doch gibt es nichts, was es nicht zu vollbringen vermag.
Deutung: Hier nimmt „常" die Bedeutung von „ewig" an und betont, dass das Nicht-Handeln (无为) des Tao keine vorübergehende Strategie ist, sondern eine ewige Wesensart. Die Natur des Tao ist von sich aus natürlich und nicht-handelnd — es wählt nicht bewusst, nicht zu handeln — und gerade deshalb entstehen alle Dinge von selbst. Diese Deutung hebt den ontologischen Charakter des Tao hervor.
Ähnliche Ansichten: Korrespondiert mit dem „常" in „常道" (das ewige Tao) aus Kapitel 1.
Übersetzung: Wenn Fürsten und Könige (das Tao des Nicht-Handelns) fest bewahren können, werden sich alle Dinge auf natürliche Weise wandeln und entfalten.
Deutung: Hier nimmt „化" die Bedeutung natürlicher Wandlung und Entfaltung an. Wenn die Herrschenden das Tao des Nicht-Handelns (无为) bewahren und davon absehen, das Volk mit übermäßigen Erlassen und Vorschriften zu belasten, werden das Volk und alle Dinge von selbst wachsen und sich wandeln. Wang Bis Kommentar: „化而欲作,作欲也" („Wenn Wandlung zum Aufkommen von Begehren führt, bedeutet ‚Aufkommen' Begehren"). Heshang Gongs Kommentar: „万物皆自化成也" („Alle Dinge werden sich von selbst wandeln und vollenden"). Dies verkörpert Laozis politisches Ideal des „Regierens durch Nicht-Handeln" (无为而治).
Ähnliche Ansichten: Wang Bis Kommentar deutet auf die natürliche, nicht-handelnde Qualität der „Selbst-Wandlung" hin. Heshang Gong: „万物皆自化成也" („Alle Dinge werden sich von selbst wandeln und vollenden").
Übersetzung: Wenn Fürsten und Könige (dem Tao des Nicht-Handelns) folgen können, werden alle Dinge von selbst gewandelt werden.
Deutung: Hier nimmt „化" die Bedeutung moralischer Wandlung oder Einflussnahme an. Diese Deutung betont die Regierungsstrategie: Der Herrscher geht mit gutem Beispiel voran, indem er dem Tao des Nicht-Handelns (无为) folgt, und das Volk, von diesem Beispiel beeinflusst, kehrt von selbst zum Guten zurück, ohne dass Strafen oder Zwang nötig wären.
Ähnliche Ansichten: Korrespondiert mit Kapitel 57 des Laozi: „我无为而民自化" („Ich übe Nicht-Handeln, und das Volk wandelt sich von selbst").
Übersetzung: Wenn, nachdem sich (alle Dinge) gewandelt haben, Begierden zu erwachen beginnen, werde ich sie mit dem „namenlosen unbehauenen Block" beruhigen.
Deutung: Dies ist die verbreitetste Deutung. Im Prozess der natürlichen Wandlung können selbstsüchtige Begierden und Wahnvorstellungen entstehen — in solchen Momenten bedient sich der Weise (圣人) nicht der Gesetze und Institutionen, um sie zu unterdrücken, sondern verwendet den „namenlosen unbehauenen Block" — die ursprüngliche Schlichtheit des Tao — um die Herzen zu beruhigen. Wang Bis Kommentar: „化而欲作,作欲也" („Wenn Wandlung zum Aufkommen von Begehren führt, bedeutet ‚Aufkommen' Begehren"). Heshang Gongs Kommentar: „无名之朴,道也。以道镇抚之也" („Der namenlose unbehauene Block ist das Tao. Man verwendet das Tao, um zu beruhigen und zu befrieden").
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „化而欲作,作欲也" („Wenn Wandlung zum Aufkommen von Begehren führt, bedeutet ‚Aufkommen' Begehren"). Heshang Gong: „无名之朴,道也" („Der namenlose unbehauene Block ist das Tao").
Übersetzung: Wenn, nachdem sich (alle Dinge) verändert haben, sie beginnen Künstliches zu schaffen, werde ich sie mit dem „namenlosen unbehauenen Block" (dem Tao) niederhalten.
Deutung: Hier nimmt „作" die Bedeutung von künstlichem Schaffen an, „镇" die von Unterdrückung und „朴" die des Tao als Substanz. Wenn die Menschen beginnen, künstlich zu handeln und vom natürlichen Weg abzuweichen, wird die ontologische Kraft des Tao eingesetzt, um sie zu korrigieren. Der „namenlose unbehauene Block" ist dasselbe Konzept wie in Kapitel 32 — „道常无名朴" („Das Tao ist ewig namenlos, ein unbehauener Block") — das Tao in seinem ursprünglichsten Zustand.
Ähnliche Ansichten: Korrespondiert mit Kapitel 32: „道常无名,朴虽小天下莫能臣也" („Das Tao ist ewig namenlos; obwohl der unbehauene Block klein ist, wagt niemand unter dem Himmel, ihn zu unterwerfen").
Übersetzung: (Durch die Anwendung) des namenlosen unbehauenen Blocks (zur Beruhigung) wird man ebenfalls frei von Begierde werden.
Deutung: Die ursprüngliche Schlichtheit des Tao zur Beruhigung des menschlichen Herzens einzusetzen, führt auf natürliche Weise zur Abwesenheit von Begierde. Der „namenlose unbehauene Block" ist selbst ohne Begierde — er setzt Begierdelosigkeit ein, um Begierde zu regieren, und Schlichtheit, um Künstlichkeit zu wandeln. Heshang Gongs Kommentar: „言无名之朴,道之所以镇之者,亦将不欲也" („Der namenlose unbehauene Block — das Mittel, durch das das Tao die Dinge beruhigt — wird ebenfalls zur Begierdelosigkeit führen").
Ähnliche Ansichten: Heshang Gong: „亦将不欲也" („Wird ebenfalls zur Begierdelosigkeit führen").
Übersetzung: Ohne Begierde kehrt man zur Stille zurück, und alles unter dem Himmel wird sich von selbst in Ordnung fügen.
Deutung: Dies ist die Schlussfolgerung des gesamten Kapitels. Begierdelosigkeit → Stille → alles unter dem Himmel ordnet sich von selbst. Dies ist eine fortschreitende Kausalkette: Nicht-Handeln bewahren → alle Dinge wandeln sich von selbst → wenn Begierden aufkommen, sie mit dem unbehauenen Block beruhigen → der namenlose unbehauene Block macht begierdelos → Begierdelosigkeit führt zur Stille → alles unter dem Himmel ordnet sich von selbst. Wang Bis Kommentar: „不欲以静,则天下将自定也" („Ohne Begierde, durch Stille, wird sich alles unter dem Himmel von selbst ordnen").
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „不欲以静,则天下将自定也" („Ohne Begierde, durch Stille, wird sich alles unter dem Himmel von selbst ordnen").
Übersetzung: Nicht den Begierden nachjagend, sondern sich auf die Stille stützend, wird alles unter dem Himmel von selbst zum rechten Weg zurückkehren.
Deutung: Hier nimmt „以" die Bedeutung von „mittels" an und „定" die von „zum rechten Weg zurückkehren". Diese Deutung versteht „Stille" als Mittel und nicht als Ergebnis — indem man sich auf innere Stille stützt, um alles unter dem Himmel zu regieren, wird die Welt von selbst zum rechten Weg zurückkehren.
Ähnliche Ansichten: Im Einklang mit dem Gedanken in Kapitel 26: „静为躁君" („Die Stille ist die Herrin der Unruhe").
Dieses Kapitel enthält 9 Deutungskombinationen.
[Kerndifferenzen]
Kapitel 37 ist das abschließende Kapitel des „Tao Jing" (des oberen Teils, Kapitel 1–37) und fasst den gesamten Abschnitt mit der berühmtesten These zusammen: „道常无为而无不为" („Das Tao handelt beständig nicht-handelnd, und doch bleibt nichts ungetan"). Die Natur des Tao ist Nicht-Handeln (无为), und doch vollbringt es alle Dinge — dieses Paradox von Nicht-Handeln und den zehntausend Wesen ist der wundersamste Aspekt des Tao. Laozi wendet dieses Prinzip auf die Politik an: Wenn Fürsten und Könige dieses Tao fest bewahren können, werden sich alle Dinge von selbst wandeln und entfalten, ohne menschliches Eingreifen. Doch wenn im Zuge dieser Wandlung Begierden aufkommen, beruhigt der Weise König sie mit dem „namenlosen unbehauenen Block" (无名之朴) — der unbehauene Block ist die Projektion des Tao in der Erscheinungswelt, die natürliche, ursprüngliche Echtheit vor menschlicher Künstlichkeit, das Gegenmittel gegen alle Begierden. „Ohne Begierde herrscht Stille, und alles unter dem Himmel wird sich von selbst ordnen" — wenn die Begierden abklingen und man zur Ruhe zurückkehrt, bewegt sich alles unter dem Himmel von selbst zur Ordnung. Die Logik dieses Kapitels lautet: Tao → Nicht-Handeln → Selbst-Wandlung → Aufkommen von Begierden → Beruhigung mit dem unbehauenen Block → Begierdelosigkeit → Stille → alles unter dem Himmel ordnet sich von selbst. Dies ist der vollständige geschlossene Kreislauf von Laozis politischer Philosophie. Wang Bi hat dies aus ontologischer Perspektive entwickelt, und Heshang Gong hat es aus der Perspektive der Lebenspflege ergänzt — gemeinsam bilden sie den klassischsten Kommentar zu Laozis Gedanken des „Regierens durch Nicht-Handeln" (无为而治).