Tao Te Ching Kapitel 35: Der vollständige Kommentar

Der folgende Inhalt bietet eine multiperspektivische Tiefenanalyse jedes Satzes dieses Kapitels, die traditionelle Kommentare, philologische Analysen, philosophische Interpretationen und weitere Dimensionen umfasst. Grundtext: Wang Bis Kommentar zum Daode Zhenjing, Ausgabe des Zhengtong Daozang
Die „Kombination"-Bezeichnung jeder Deutung folgt dem Format „Zeichen + Bedeutungsnummer" (z.B. „dàoC-A"), d.h. diese Deutung verwendet Bedeutung C von „dào" und Bedeutung A von „". Das vollständige Glossar finden Sie am Ende dieses Kapitels: [Anhang: Glossar der Schlüsselzeichen].

[Satz 1] zhíxiàngtiānxiàwǎng。(Wer das Große Bild festhält, dem kommt alles unter dem Himmel zu.)

Kapitel 35 · Satz 1: zhíxiàngtiānxiàwǎng

[Deutung 1] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: zhíA-A-xiàngA-wǎngA
Übersetzung: Wer das Große Bild des Tao (dào) festhält, dem wird sich alles unter dem Himmel zuwenden.
Deutung: Die gängigste Auslegung. Das „Große Bild" (xiàng) meint das Bild des Tao (dào) — den großen Weg ohne Form und Gestalt, der alle Dinge umfasst. Wenn der Weise (shèngrén) das Wesen des Tao erfasst, wenden sich alle Völker unter dem Himmel von selbst ihm zu. Wang Bis Kommentar: „zhíxiàngtiānxiàwǎngwǎngérhàitàipíng" („Wer das Große Bild festhält, dem kommt alles unter dem Himmel zu; wenn sie kommen, ohne Schaden zu nehmen, herrscht großer Frieden"). Heshanggongs Kommentar: „xiàngdàoshèngrénshǒudàotiānxiàwànmínjiēxīnguīwǎngzhī" („Bild bedeutet das Tao. Wenn der Weise den großen Weg bewahrt, wenden sich alle Völker unter dem Himmel mit ihrem Herzen ihm zu und schließen sich an").
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „zhíxiàngtiānxiàwǎng" („Wer das Große Bild festhält, dem kommt alles unter dem Himmel zu"). Heshanggong: „xiàngdào" („Bild bedeutet das Tao").
Kapitel 35 · Satz 1: zhíxiàngtiānxiàwǎng

[Deutung 2] Neuartig · Mittlere Glaubwürdigkeit

Kombination: zhíB-A-xiàngB-wǎngB
Übersetzung: Wende das große Prinzip an, und alles unter dem Himmel wird danach streben.
Deutung: Hier nimmt „zhí" die Bedeutung von „ausführen" an und „xiàng" die von „Prinzip/Vorbild". Diese Deutung versteht „Großes Bild" (xiàng) als das große Regierungsprinzip — indem man den Regierungsgrundsätzen des Tao (dào) folgt, streben die Völker unter dem Himmel von selbst danach. Diese Lesart betont die Perspektive der politischen Staatsführung.
Ähnliche Ansichten: Steht im Einklang mit Laozis Gedanken zur Regierung des Staates.

[Satz 2] wǎngérhàiānpíngtài。(Sie kommen, ohne Schaden zu nehmen — Sicherheit, Frieden und große Harmonie herrschen.)

Kapitel 35 · Satz 2: wǎngérhàiānpíngtài

[Deutung 1] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: wǎngA-A-hàiA-ānA-píngA-tàiA
Übersetzung: Sie schließen sich an, ohne Schaden zu erleiden, und alles unter dem Himmel genießt Sicherheit, Frieden und große Harmonie.
Deutung: Die gängigste Auslegung. Diejenigen, die sich dem Bewahrer des großen Tao (dào) anschließen, erleiden keinerlei Schaden, und so herrscht Frieden in der Welt. Die drei Zeichen „ānpíngtài" bilden eine Steigerung: Sicherheit → Frieden → höchste Harmonie und zeichnen das Idealbild der Großen Einheit. Wang Bis Kommentar: „wǎngérhàitàipíng" („Wenn sie kommen, ohne Schaden zu nehmen, herrscht großer Frieden").
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „wǎngérhàitàipíng" („Wenn sie kommen, ohne Schaden zu nehmen, herrscht großer Frieden").
Kapitel 35 · Satz 2: wǎngérhàiānpíngtài

[Deutung 2] Traditionell · Mittlere Glaubwürdigkeit

Kombination: wǎngA-A-hàiB-ānA-píngA-tàiB
Übersetzung: Sie schließen sich an, ohne Nachteil; die Welt wird überaus friedlich und sicher.
Deutung: Hier nimmt „hài" die Bedeutung von „Nachteil" an und „tài" die von „überaus". Diese Lesart trennt die drei Zeichen: Sicherheit und Frieden erreichen ihr höchstes Maß.
Ähnliche Ansichten: Eine ergänzende Deutung einiger Kommentatoren.

[Satz 3] ěrguòzhǐ。(Musik und feine Speisen bringen den vorüberziehenden Wanderer zum Verweilen.)

Kapitel 35 · Satz 3: ěrguòzhǐ

[Deutung 1] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: A-A-ěrA-guòA-A-zhǐA
Übersetzung: Musik und feine Speisen können den vorüberziehenden Wanderer zum Verweilen bringen.
Deutung: Kontrast zum „Großen Bild" (xiàng) des vorhergehenden Abschnitts. Musik und feine Speisen sind greifbare, wahrnehmbare Genüsse, die einen vorüberziehenden Wanderer kurzzeitig zum Anhalten bringen können — aber nur vorübergehend. Das Tao (dào) hingegen ist formlos und geschmacklos, bewirkt jedoch, dass sich alles unter dem Himmel dauerhaft anschließt. Dieser Satz bereitet das Folgende vor.
Ähnliche Ansichten: Heshanggong: „rénnéngdàoguòzhǐ" („Wenn man Freude am Tao findet, bleibt der vorüberziehende Wanderer nicht bloß stehen") — ein Argument durch Umkehrung.
Kapitel 35 · Satz 3: ěrguòzhǐ

[Deutung 2] Neuartig · Mittlere Glaubwürdigkeit

Kombination: B-A-ěrB-guòA-A-zhǐA
Übersetzung: Vergnügungen und Köder bringen den vorüberziehenden Wanderer zum Verweilen.
Deutung: Hier nimmt „" die Bedeutung von „Vergnügen/Genuss" an und „ěr" die von „Köder/Lockmittel". Weltliche Vergnügungen und materielle Verlockungen können einen vorüberziehenden Wanderer nur kurz zum Anhalten bringen; sie können die Herzen nicht wirklich gewinnen. Dies steht in scharfem Kontrast zum „Großen Bild" (xiàng) — das Tao (dào), obwohl fad und unscheinbar, vermag eine dauerhafte Hinwendung von allem unter dem Himmel zu bewirken.
Ähnliche Ansichten: Hebt die Konnotation der Verlockung im Zeichen „ěr" hervor.

[Satz 4] dàozhīchūkǒudànwèi,(Das Tao, wenn es ausgesprochen wird, ist so fad — es hat keinen Geschmack.)

Kapitel 35 · Satz 4: dàozhīchūkǒudànwèi

[Deutung 1] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: dàoA-chūA-kǒuA-dànA-A-wèiA
Übersetzung: Wenn das Tao (dào) ausgesprochen wird, ist es so fad — es hat gar keinen Geschmack.
Deutung: Die gängigste Auslegung. In Worte gefasst, schmeichelt das Tao (dào) nicht dem Ohr wie Musik und nicht dem Gaumen wie feine Speisen — es ist fad und geschmacklos. Gerade weil es geschmacklos ist, lockt es nicht nur vorüberziehende Wanderer zu kurzzeitigem Verweilen wie Musik und Speisen. Das große Tao (dào) ist von äußerster Schlichtheit und Nüchternheit und doch die dauerhafteste Kraft.
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „dàozhīyándànránwèi" („Die Worte des Tao sind fad und ohne Geschmack"). Heshanggong: „dàodāngchūkǒuyánshuōdànwèi" („Wenn das Tao durch den Mund ausgesprochen wird, ist es gelassen und ohne Geschmack").

[Satz 5] shìzhījiàntīngzhīwényòngzhī。(Man blickt darauf — es lässt sich nicht ganz sehen; man lauscht darauf — es lässt sich nicht ganz hören; man wendet es an — es lässt sich niemals erschöpfen.)

Kapitel 35 · Satz 5: shìzhījiàntīngzhīwényòngzhī

[Deutung 1] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: A-A-A-A
Übersetzung: Man blickt darauf — man kann nicht genug davon sehen; man lauscht darauf — man kann nicht genug davon hören; man wendet es an — man kann es niemals aufbrauchen.
Deutung: Die gängigste Auslegung. Obwohl das Tao (dào) geschmacklos ist, ist es unerschöpflich für das Auge, endlos für das Ohr und grenzenlos in seiner Anwendung. Der vorhergehende Abschnitt besagt, dass das Tao (dào) „so fad ist, dass es keinen Geschmack hat" — das ist seine Eigenschaft im Vergleich zu Musik und feinen Speisen; dieser Satz bildet dann die Wendung — obwohl das Tao (dào) die Sinne nicht reizt, sind der Inhalt und der Nutzen, die es birgt, grenzenlos. Heshanggongs Kommentar: „yòngdàozhìguózhìshēnjǐn" („Wenn man das Tao zur Regierung des Staates und zur Pflege der eigenen Person anwendet, kann es niemals erschöpft werden").
Ähnliche Ansichten: Heshanggong: „yòngdàozhìguózhìshēnjǐn" („Wenn man das Tao zur Regierung des Staates und zur Pflege der eigenen Person anwendet, kann es niemals erschöpft werden").
Kapitel 35 · Satz 5: shìzhījiàntīngzhīwényòngzhī

[Deutung 2] Neuartig · Mittlere Glaubwürdigkeit

Kombination: B-B-A-B
Übersetzung: Man blickt darauf — es ist kaum des Sehens wert; man lauscht darauf — es ist kaum des Hörens wert; doch wendet man es an — so kann man es niemals zu Ende bringen.
Deutung: Hier nimmt „" die Bedeutung von „nicht wert" an (in den ersten beiden Teilsätzen), doch im letzten Teilsatz „yòngzhī" nimmt „" die Bedeutung von „nicht genug/nicht können" an. Diese Lesart ist bemerkenswert scharfsinnig: Das Tao (dào) verdient für die Sinne keine Beachtung — es ist blass, farblos und lautlos — doch wer es anwendet, entdeckt, dass sein Wert unerschöpflich ist. Gerade weil es die Sinne nicht reizt, übersieht es die Welt — und doch wissen diejenigen, die es anwenden, dass seine Kraft unendlich ist.
Ähnliche Ansichten: Bildet eine Steigerung mit „dàozhīchūkǒudànwèi" („das Tao, wenn es ausgesprochen wird, ist so fad, dass es keinen Geschmack hat").

Zusammenfassung des Kapitels

Dieses Kapitel enthält 9 Deutungskombinationen.

[Kerndifferenzen]

Das fünfunddreißigste Kapitel eröffnet mit „zhíxiàngtiānxiàwǎng" („Wer das Große Bild festhält, dem kommt alles unter dem Himmel zu") und legt die einzigartige und tiefe Anziehungskraft dar, die dem großen Tao (dào) innewohnt. Das „Große Bild" (xiàng) ist die große Form des Tao — eine Form des Formlosen, ein Bild des Bildlosen, das grundlegendste Wirkungsmuster des Kosmos. Wer das große Tao (dào) bewahrt, zieht die Hinwendung von allem unter dem Himmel auf natürliche Weise an, und diejenigen, die sich anschließen, erleiden keinen Schaden; so genießt die Welt Sicherheit, Frieden und höchste Harmonie. Laozi bedient sich sodann des Kontrastes, um den grundlegenden Unterschied zwischen dem Tao und weltlichen Verlockungen aufzuzeigen: Musik und feine Speisen können den vorüberziehenden Wanderer zum Verweilen bringen — die Anziehungskraft der Sinne ist greifbar und flüchtig; doch das Tao, in Worte gefasst, ist „so fad, dass es keinen Geschmack hat", und „man blickt darauf — es lässt sich nicht ganz sehen; man lauscht darauf — es lässt sich nicht ganz hören" — das Tao (dào) ist formlos, lautlos und geschmacklos, und doch „wendet man es an — so lässt es sich niemals erschöpfen", denn es wird niemals versiegen. Dies ist Laozis Vergleich zweier Arten von Macht — „die Macht des Greifbaren" und „der Weg des Formlosen": Die eine zieht durch Sinnesreize an, ihre Kraft ist begrenzt; die andere nährt die zehntausend Dinge durch ihr lautloses, farbloses Wesen, ihre Kraft ist grenzenlos. Dieses Kapitel nimmt eine besondere Stellung im Tao Te Ching ein; es ist eine der seltenen Stellen, an denen Laozi die Anziehungskraft des Tao positiv beschreibt.

Anhang: Glossar der Schlüsselzeichen

zhí
A. [Verb] Festhalten, ergreifen, bewahren
Quelle: Shuowen Jiezi: „zhízuìrén" („zhí bedeutet, einen Verbrecher zu fassen"). Erweitert zu halten und bewahren.
B. [Verb] Ausführen, umsetzen
Quelle: Erweiterte Bedeutung
A. [Adj.] Groß, großartig
Quelle: Grundbedeutung
xiàng
A. [Subst.] Bild, Gestalt (hier das Bild des Tao)
Quelle: Heshanggongs Kommentar: „xiàngdào" („Bild bedeutet das Tao").
B. [Subst.] Vorbild, Prinzip
Quelle: Yijing: „zàitiānchéngxiàng" („Am Himmel wird es zum Bild").
tiān
A. [Subst.] Der Himmel
Quelle: Grundbedeutung
xià
A. [Subst.] Unter; „alles unter dem Himmel"
Quelle: Zusammen mit „tiān" ergibt sich „tiānxià" (alles unter dem Himmel)
wǎng
A. [Verb] Hingehen, sich anschließen
Quelle: Grundbedeutung
B. [Verb] Hinstreben, anstreben
Quelle: Erweiterte Bedeutung
ér
A. [Konj.] Und, doch
Quelle: Konjunktion
A. [Adv.] Nicht
Quelle: Grundbedeutung
hài
A. [Verb] Schaden, verletzen
Quelle: Grundbedeutung
B. [Subst.] Schaden, Nachteil
Quelle: Erweiterte Bedeutung
ān
A. [Adj.] Sicher, ruhig
Quelle: Grundbedeutung
píng
A. [Adj.] Friedlich, ausgeglichen
Quelle: Grundbedeutung
tài
A. [Adj.] Höchst, äußerst (austauschbar mit tài „tai")
Quelle: Austauschbar mit „tài". Bezeichnet höchsten Frieden und Harmonie.
B. [Adv.] Überaus
Quelle: Gradbetonung
A. [Subst.] Musik
Quelle: Grundbedeutung
B. [Subst.] Vergnügen, Genuss
Quelle: Erweiterte Bedeutung
A. [Konj.] Und, mit
Quelle: Konjunktion
ěr
A. [Subst.] Speise, feine Speise
Quelle: Grundbedeutung
B. [Subst.] Köder, Lockmittel
Quelle: Erweiterte Bedeutung
guò
A. [Verb] Vorbeigehen, durchreisen
Quelle: Grundbedeutung
A. [Subst.] Wanderer, Reisender
Quelle: Grundbedeutung
zhǐ
A. [Verb] Anhalten, verweilen
Quelle: Grundbedeutung
dào
A. [Subst.] Das Tao, der Weg
Quelle: Kernbegriff Laozis
zhī
A. [Part.] Strukturpartikel zwischen Subjekt und Prädikat, die syntaktische Eigenständigkeit aufhebt
Quelle: Grammatische Partikel
chū
A. [Verb] Heraustreten aus
Quelle: Grundbedeutung
kǒu
A. [Subst.] Mund (wenn das Tao ausgesprochen wird)
Quelle: Grundbedeutung
dàn
A. [Adj.] Fad, mild
Quelle: Gegenteil von reich und intensiv
A. [Part.] Ausrufepartikel (ach, wie… !)
Quelle: Modalpartikel
A. [Pron.] Sein, ihr
Quelle: Pronomen
A. [Verb] Nicht haben, ohne sein
Quelle: Grundbedeutung
wèi
A. [Subst.] Geschmack
Quelle: Grundbedeutung
shì
A. [Verb] Blicken, betrachten
Quelle: Grundbedeutung
A. [Adv.] Genügend, ausreichend (umgekehrt: nicht genug zum Sehen)
Quelle: Grundbedeutung
B. [Verb] Wert sein
Quelle: Erweiterte Bedeutung
jiàn
A. [Verb] Sehen
Quelle: Grundbedeutung
tīng
A. [Verb] Zuhören
Quelle: Grundbedeutung
wén
A. [Verb] Hören
Quelle: Grundbedeutung
yòng
A. [Verb] Verwenden, anwenden
Quelle: Grundbedeutung
A. [Verb] Erschöpfen, aufbrauchen
Quelle: Shuowen Jiezi: „xiǎoshí" („ bedeutet eine kleine Mahlzeit"). Erweitert zu erschöpfen.
B. [Verb] Beenden, zum Abschluss kommen
Quelle: Erweiterte Bedeutung