Übersetzung: Wer das Große Bild des Tao (道) festhält, dem wird sich alles unter dem Himmel zuwenden.
Deutung: Die gängigste Auslegung. Das „Große Bild" (大象) meint das Bild des Tao (道) — den großen Weg ohne Form und Gestalt, der alle Dinge umfasst. Wenn der Weise (圣人) das Wesen des Tao erfasst, wenden sich alle Völker unter dem Himmel von selbst ihm zu. Wang Bis Kommentar: „执大象则天下往,往而不害则太平" („Wer das Große Bild festhält, dem kommt alles unter dem Himmel zu; wenn sie kommen, ohne Schaden zu nehmen, herrscht großer Frieden"). Heshanggongs Kommentar: „象,道也。圣人守大道,则天下万民皆移心归往之也" („Bild bedeutet das Tao. Wenn der Weise den großen Weg bewahrt, wenden sich alle Völker unter dem Himmel mit ihrem Herzen ihm zu und schließen sich an").
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „执大象则天下往" („Wer das Große Bild festhält, dem kommt alles unter dem Himmel zu"). Heshanggong: „象,道也" („Bild bedeutet das Tao").
Übersetzung: Wende das große Prinzip an, und alles unter dem Himmel wird danach streben.
Deutung: Hier nimmt „执" die Bedeutung von „ausführen" an und „象" die von „Prinzip/Vorbild". Diese Deutung versteht „Großes Bild" (大象) als das große Regierungsprinzip — indem man den Regierungsgrundsätzen des Tao (道) folgt, streben die Völker unter dem Himmel von selbst danach. Diese Lesart betont die Perspektive der politischen Staatsführung.
Ähnliche Ansichten: Steht im Einklang mit Laozis Gedanken zur Regierung des Staates.
Übersetzung: Sie schließen sich an, ohne Schaden zu erleiden, und alles unter dem Himmel genießt Sicherheit, Frieden und große Harmonie.
Deutung: Die gängigste Auslegung. Diejenigen, die sich dem Bewahrer des großen Tao (道) anschließen, erleiden keinerlei Schaden, und so herrscht Frieden in der Welt. Die drei Zeichen „安平太" bilden eine Steigerung: Sicherheit → Frieden → höchste Harmonie und zeichnen das Idealbild der Großen Einheit. Wang Bis Kommentar: „往而不害则太平" („Wenn sie kommen, ohne Schaden zu nehmen, herrscht großer Frieden").
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „往而不害则太平" („Wenn sie kommen, ohne Schaden zu nehmen, herrscht großer Frieden").
Übersetzung: Sie schließen sich an, ohne Nachteil; die Welt wird überaus friedlich und sicher.
Deutung: Hier nimmt „害" die Bedeutung von „Nachteil" an und „太" die von „überaus". Diese Lesart trennt die drei Zeichen: Sicherheit und Frieden erreichen ihr höchstes Maß.
Ähnliche Ansichten: Eine ergänzende Deutung einiger Kommentatoren.
Übersetzung: Musik und feine Speisen können den vorüberziehenden Wanderer zum Verweilen bringen.
Deutung: Kontrast zum „Großen Bild" (大象) des vorhergehenden Abschnitts. Musik und feine Speisen sind greifbare, wahrnehmbare Genüsse, die einen vorüberziehenden Wanderer kurzzeitig zum Anhalten bringen können — aber nur vorübergehend. Das Tao (道) hingegen ist formlos und geschmacklos, bewirkt jedoch, dass sich alles unter dem Himmel dauerhaft anschließt. Dieser Satz bereitet das Folgende vor.
Ähnliche Ansichten: Heshanggong: „人能乐道,过客不止也" („Wenn man Freude am Tao findet, bleibt der vorüberziehende Wanderer nicht bloß stehen") — ein Argument durch Umkehrung.
Übersetzung: Vergnügungen und Köder bringen den vorüberziehenden Wanderer zum Verweilen.
Deutung: Hier nimmt „乐" die Bedeutung von „Vergnügen/Genuss" an und „饵" die von „Köder/Lockmittel". Weltliche Vergnügungen und materielle Verlockungen können einen vorüberziehenden Wanderer nur kurz zum Anhalten bringen; sie können die Herzen nicht wirklich gewinnen. Dies steht in scharfem Kontrast zum „Großen Bild" (大象) — das Tao (道), obwohl fad und unscheinbar, vermag eine dauerhafte Hinwendung von allem unter dem Himmel zu bewirken.
Ähnliche Ansichten: Hebt die Konnotation der Verlockung im Zeichen „饵" hervor.
Übersetzung: Wenn das Tao (道) ausgesprochen wird, ist es so fad — es hat gar keinen Geschmack.
Deutung: Die gängigste Auslegung. In Worte gefasst, schmeichelt das Tao (道) nicht dem Ohr wie Musik und nicht dem Gaumen wie feine Speisen — es ist fad und geschmacklos. Gerade weil es geschmacklos ist, lockt es nicht nur vorüberziehende Wanderer zu kurzzeitigem Verweilen wie Musik und Speisen. Das große Tao (道) ist von äußerster Schlichtheit und Nüchternheit und doch die dauerhafteste Kraft.
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „道之言,淡然无味" („Die Worte des Tao sind fad und ohne Geschmack"). Heshanggong: „道当出口言说,淡泊无味也" („Wenn das Tao durch den Mund ausgesprochen wird, ist es gelassen und ohne Geschmack").
Übersetzung: Man blickt darauf — man kann nicht genug davon sehen; man lauscht darauf — man kann nicht genug davon hören; man wendet es an — man kann es niemals aufbrauchen.
Deutung: Die gängigste Auslegung. Obwohl das Tao (道) geschmacklos ist, ist es unerschöpflich für das Auge, endlos für das Ohr und grenzenlos in seiner Anwendung. Der vorhergehende Abschnitt besagt, dass das Tao (道) „so fad ist, dass es keinen Geschmack hat" — das ist seine Eigenschaft im Vergleich zu Musik und feinen Speisen; dieser Satz bildet dann die Wendung — obwohl das Tao (道) die Sinne nicht reizt, sind der Inhalt und der Nutzen, die es birgt, grenzenlos. Heshanggongs Kommentar: „用道治国治身则不可得尽也" („Wenn man das Tao zur Regierung des Staates und zur Pflege der eigenen Person anwendet, kann es niemals erschöpft werden").
Ähnliche Ansichten: Heshanggong: „用道治国治身则不可得尽也" („Wenn man das Tao zur Regierung des Staates und zur Pflege der eigenen Person anwendet, kann es niemals erschöpft werden").
Übersetzung: Man blickt darauf — es ist kaum des Sehens wert; man lauscht darauf — es ist kaum des Hörens wert; doch wendet man es an — so kann man es niemals zu Ende bringen.
Deutung: Hier nimmt „不足" die Bedeutung von „nicht wert" an (in den ersten beiden Teilsätzen), doch im letzten Teilsatz „用之不足既" nimmt „不足" die Bedeutung von „nicht genug/nicht können" an. Diese Lesart ist bemerkenswert scharfsinnig: Das Tao (道) verdient für die Sinne keine Beachtung — es ist blass, farblos und lautlos — doch wer es anwendet, entdeckt, dass sein Wert unerschöpflich ist. Gerade weil es die Sinne nicht reizt, übersieht es die Welt — und doch wissen diejenigen, die es anwenden, dass seine Kraft unendlich ist.
Ähnliche Ansichten: Bildet eine Steigerung mit „道之出口淡乎其无味" („das Tao, wenn es ausgesprochen wird, ist so fad, dass es keinen Geschmack hat").
Dieses Kapitel enthält 9 Deutungskombinationen.
[Kerndifferenzen]
Das fünfunddreißigste Kapitel eröffnet mit „执大象,天下往" („Wer das Große Bild festhält, dem kommt alles unter dem Himmel zu") und legt die einzigartige und tiefe Anziehungskraft dar, die dem großen Tao (道) innewohnt. Das „Große Bild" (大象) ist die große Form des Tao — eine Form des Formlosen, ein Bild des Bildlosen, das grundlegendste Wirkungsmuster des Kosmos. Wer das große Tao (道) bewahrt, zieht die Hinwendung von allem unter dem Himmel auf natürliche Weise an, und diejenigen, die sich anschließen, erleiden keinen Schaden; so genießt die Welt Sicherheit, Frieden und höchste Harmonie. Laozi bedient sich sodann des Kontrastes, um den grundlegenden Unterschied zwischen dem Tao und weltlichen Verlockungen aufzuzeigen: Musik und feine Speisen können den vorüberziehenden Wanderer zum Verweilen bringen — die Anziehungskraft der Sinne ist greifbar und flüchtig; doch das Tao, in Worte gefasst, ist „so fad, dass es keinen Geschmack hat", und „man blickt darauf — es lässt sich nicht ganz sehen; man lauscht darauf — es lässt sich nicht ganz hören" — das Tao (道) ist formlos, lautlos und geschmacklos, und doch „wendet man es an — so lässt es sich niemals erschöpfen", denn es wird niemals versiegen. Dies ist Laozis Vergleich zweier Arten von Macht — „die Macht des Greifbaren" und „der Weg des Formlosen": Die eine zieht durch Sinnesreize an, ihre Kraft ist begrenzt; die andere nährt die zehntausend Dinge durch ihr lautloses, farbloses Wesen, ihre Kraft ist grenzenlos. Dieses Kapitel nimmt eine besondere Stellung im Tao Te Ching ein; es ist eine der seltenen Stellen, an denen Laozi die Anziehungskraft des Tao positiv beschreibt.