Übersetzung: Das große Tao (道) strömt weit und breit — es ist überall, kann sich nach links wie nach rechts wenden.
Deutung: Die gängigste Auslegung. „泛" (fàn) bedeutet sich weit ergießen, wie Wasser, das über die Ufer tritt. „左右" (links und rechts) bezeichnet alle Richtungen — das Tao ist auf keine bestimmte Richtung beschränkt; es reicht überallhin und eignet sich für alles. Wang Bi führt weiter aus: „可左右上下周旋而用,则无所不至也" („Es kann nach links, rechts, oben und unten gewendet und angewandt werden, und so gibt es keinen Ort, den es nicht erreicht") — das Tao durchdringt alle Richtungen und kann überall angewandt werden.
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „言道泛滥,无所不适,可左右上下周旋而用,则无所不至也" („Das Tao ergießt sich überallhin, allem angemessen; es kann nach links, rechts, oben und unten gewendet und angewandt werden und erreicht so jeden Ort").
Übersetzung: Das große Tao treibt dahin — bald auftauchend, bald versinkend — es kann sich nach links wie nach rechts wenden.
Deutung: Heshanggongs Auslegung betont das Unfassbare und Geheimnisvolle des Tao — „若浮若沉,若有若无,视之不见,说之难殊" („bald schwebend, bald sinkend; bald seiend, bald nicht seiend; man schaut hin und sieht es nicht, und es ist schwer zu beschreiben"). Das Tao ist keine feste Entität, sondern eine treibende, scheinbar existierende und doch scheinbar nicht existierende Präsenz. „左右" bezeichnet nicht nur eine Richtung, sondern deutet auch auf die Beweglichkeit des Tao hin: Es legt sich auf keine Seite fest.
Ähnliche Ansichten: Heshanggong: „言道泛泛,若浮若沉,若有若无,视之不见,说之难殊。道可左可右,无所不宜" („Das Tao treibt dahin, bald auftauchend, bald versinkend, bald seiend, bald nicht seiend; man kann es nicht erblicken, und es ist schwer zu bestimmen. Das Tao kann nach links oder rechts gehen — nichts ist ihm unangemessen").
Übersetzung: Die zehntausend Dinge hängen von ihm ab, um zu leben, und doch verweigert es sich nie; sein Werk ist vollbracht, und doch beansprucht es nicht, es zu besitzen.
Deutung: Die gängigste Auslegung. Das Tao besitzt zwei selbstlose Tugenden: (1) Es verweigert sich nicht — wenn die zehntausend Dinge sich an es wenden, nimmt es sie alle an, ohne eines zurückzuweisen; (2) Es beansprucht keinen Besitz — trotz des ungeheuren Verdienstes, alle Dinge hervorgebracht zu haben, beansprucht es niemals Eigentum daran. Dies stimmt vollkommen überein mit Kapitel 2: „生而不有,为而不恃,功成而弗居" („Es bringt hervor, ohne zu besitzen, handelt, ohne sich darauf zu stützen, vollbringt, ohne sich das Verdienst anzurechnen").
Ähnliche Ansichten: Heshanggong: „道不辞谢而逆止也。有道不名其有功也" („Das Tao verweigert und weist nichts zurück. Das Tao verkündet nicht seine Verdienste").
Übersetzung: Die zehntausend Dinge hängen von ihm ab, um zu leben, und es verlässt sie nie; nach Vollbringung seines Werkes beansprucht es keinen Besitz durch Ruhm.
Deutung: „辞" nimmt hier die Bedeutung „fortgehen, Abschied nehmen" an — das Tao verlässt die Dinge nicht nach der Schöpfung, sondern verweilt stets bei ihnen, ohne sie je zu verlassen oder aufzugeben. „名有" wird verstanden als „durch Ruhm besitzen" — das Tao strebt nicht nach dem Titel des „Schöpfers". Diese Auslegung hebt die Beständigkeit des Tao und seine Tugend (德) der Bescheidenheit hervor.
Ähnliche Ansichten: Dies steht im Einklang mit Kapitel 2, „功成而弗居" („vollbringen, ohne sich das Verdienst anzurechnen"), und Kapitel 51, „生而不有" („hervorbringen, ohne zu besitzen").
Übersetzung: Es bedeckt und nährt die zehntausend Dinge, ohne sich zu ihrem Herrn zu machen; stets ohne Begehren, kann man es „das Kleine" nennen.
Deutung: Die Auslegung der überlieferten Fassung. „衣养" bedeutet, die zehntausend Dinge zu schützen und zu nähren, wie ein Gewand den Körper bedeckt. Das Tao nährt alle Dinge, ohne die Rolle des Herrn einzunehmen; es ist ewig ohne Begehren — aus diesem Blickwinkel betrachtet, scheint das Tao so klein, dass es wie nicht vorhanden wirkt. „可名于小" bedeutet nicht, dass das Tao wirklich klein ist, sondern spiegelt seine Bescheidenheit wider — so groß, dass es unsichtbar ist, erscheint es paradoxerweise klein. Wang Bi: „天下常无欲之时,万物各得其所,若道无施于物,故名于小矣" („Wenn die Welt beständig ohne Begehren ist, findet jedes der zehntausend Dinge seinen Platz; es ist, als gewähre das Tao den Dingen nichts, daher kann man es ‚das Kleine' nennen").
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „天下常无欲之时,万物各得其所,若道无施于物,故名于小矣" („Wenn die Welt beständig ohne Begehren ist, findet jedes der zehntausend Dinge seinen Platz; es ist, als gewähre das Tao den Dingen nichts, daher kann man es ‚das Kleine' nennen").
Übersetzung: Es liebt und nährt die zehntausend Dinge, ohne wie ein Herrscher Tribut zu fordern; stets ohne Begehren, kann man es „das Kleine" nennen.
Deutung: Heshanggongs Text lautet „爱养万物" („liebt und nährt die zehntausend Dinge"). Obwohl das Tao alle Dinge liebevoll nährt, erhebt es keine Abgaben und fordert keinen Tribut wie die weltlichen Herrscher. „匿德藏名,怕然无为,似若微小也" („Es verbirgt seine Tugend (德) und verhüllt seinen Namen; gelassen und im Nicht-Handeln (无为), erscheint es wie etwas Kleines") — das Tao verbirgt seine Tugend (德) und seinen Namen, ruht in gelassenem Nicht-Handeln (无为), sodass es klein erscheint. Diese Auslegung stellt das Tao den weltlichen Herrschern gegenüber: Das Tao ist größer als jeder Herrscher, gerade weil es weder Tribut fordert noch sich zur Schau stellt.
Ähnliche Ansichten: Heshanggong: „道虽爱养万物,不如人主有所收取。道匿德藏名,怕然无为,似若微小也" („Obwohl das Tao die zehntausend Dinge liebevoll nährt, ist es nicht wie ein weltlicher Herrscher, der Tribut fordert. Das Tao verbirgt seine Tugend und verhüllt seinen Namen; gelassen und im Nicht-Handeln, erscheint es wie etwas Kleines").
Übersetzung: Das Tao nährt die zehntausend Dinge, ohne sich zum Herrn zu machen; weil es ewig ohne Begehren ist — aus diesem Blickwinkel — kann man es „das Kleine" nennen.
Deutung: Diese Auslegung betont den Kausalzusammenhang zwischen „常无欲" („stets ohne Begehren") und „可名于小" („kann man ‚das Kleine' nennen"): Gerade weil das Tao ewig ohne Begehren ist, hat es keinerlei wahrnehmbare Präsenz unter den zehntausend Dingen (unsichtbar, ungreifbar, nicht wahrnehmbar) und kann daher „klein" genannt werden. „Klein" ist die verborgene Seite des Tao — es zeigt sich nicht und scheint daher nicht zu existieren. Dies kontrastiert mit dem folgenden Satz: „万物归焉而不为主,可名为大" („Die zehntausend Dinge kehren zu ihm zurück, ohne dass es sich zum Herrn macht — man kann es ‚das Große' nennen").
Ähnliche Ansichten: Wang Bi verbindet das „Kleine" mit der Eigenschaft des Tao, „无施于物" („den Dingen nichts zu gewähren") — die zehntausend Dinge finden jeweils ihren rechten Platz, ohne die Anwesenheit des Tao wahrzunehmen.
Übersetzung: Die zehntausend Dinge kehren alle zu ihm zurück, und doch macht es sich nicht zu ihrem Herrn — man kann es „das Große" nennen.
Deutung: Dies bildet einen meisterhaften Kontrast zum vorhergehenden Satz: Jener besagte, das Tao sei ohne Begehren und könne „das Kleine" genannt werden; dieser besagt, die zehntausend Dinge kehren zu ihm zurück und es könne „das Große" genannt werden. „Klein" und „Groß" stehen nicht im Widerspruch, sondern bilden eine Einheit — das Tao verwirklicht seine „Größe" gerade durch seine „Kleinheit" (Begehrenslosigkeit und Bescheidenheit). „不为主" („sich nicht zum Herrn machen") erscheint hier erneut und unterstreicht die für Laozi wesentlichste Eigenschaft des Tao.
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „万物皆归之以生,而力使不知其所由,此不为小,故复可名于大矣" („Die zehntausend Dinge kehren alle zu ihm zurück, um zu leben, und werden veranlasst, ihren Ursprung nicht zu kennen; dies ist kein Klein-Sein, daher kann es wiederum ‚das Große' genannt werden").
Übersetzung: Die zehntausend Dinge kehren letztlich zu ihm zurück, und doch macht es sich nicht zum Herrn — man kann es „das Große" nennen.
Deutung: „归" nimmt hier die Bedeutung „zurückkehren" an. Die zehntausend Dinge sind nicht nur vom Tao abhängig, um zu leben (恃之而生), sondern kehren letztlich zum Tao zurück. Das Tao ist zugleich Ursprung und Ziel aller Dinge. Und selbst im Augenblick, da die zehntausend Dinge zurückkehren, nimmt das Tao nicht die Rolle des Herrn ein. Diese Auslegung knüpft an Kapitel 16 an: „万物并作,吾以观复" („Die zehntausend Dinge entstehen gemeinsam, und ich betrachte ihre Rückkehr") und an Kapitel 40: „反者道之动" („Die Umkehr ist die Bewegung des Tao").
Ähnliche Ansichten: Heshanggong: „万物皆归道受气" („Die zehntausend Dinge kehren alle zum Tao zurück, um Qi (气) zu empfangen").
Übersetzung: (Aus der Perspektive, dass die zehntausend Dinge zu ihm zurückkehren) kann man es „das Große" nennen.
Deutung: Der Schlüssel dieses Satzes liegt in der Dialektik von „klein" und „groß": Das Tao erscheint „klein" wegen seiner Begehrenslosigkeit, ist aber wahrhaft „groß", weil alle Dinge zu ihm zurückkehren. Die „Größe" des Tao verwirklicht sich gerade durch seine „Kleinheit" (Begehrenslosigkeit, Nicht-Herr-Sein). Dies ist eine anschauliche Darstellung von Laozis Grundsatz „反者道之动" („Die Umkehr ist die Bewegung des Tao") — Vorankommen durch Zurückweichen, Größe durch Kleinheit erlangen, Herr aller Dinge werden, indem man sich nicht zum Herrn macht. Heshanggong beschreibt die „Größe" des Tao mit der Wendung „万物横来横去,使名自在" („Die zehntausend Dinge kommen und gehen frei, jedes findet seinen eigenen Platz") — so groß, dass es allen Dingen freie Bewegung gewährt.
Ähnliche Ansichten: Heshanggong: „万物横来横去,使名自在,故可名于大也" („Die zehntausend Dinge kommen und gehen frei, jedes findet seinen eigenen Platz, daher kann man es ‚das Große' nennen").
Übersetzung: Gerade weil es sich selbst nie für groß hält, ist es daher fähig, seine Größe zu verwirklichen.
Deutung: Die abschließende These des gesamten Kapitels und ein klassischer Ausdruck von Laozis dialektischem Denken. Das Tao ist groß, gerade weil es sich nie für groß hält. Dies folgt einer paradoxen Logik: Wer Größe anstrebt, kann nicht groß werden, während der, der sie nicht anstrebt, wahre Größe erlangt. Dieses Prinzip durchzieht das gesamte Tao Te Ching — „后其身而身先" („Indem er sich zurückstellt, kommt er an die Spitze"), „不自生故能长生" („Indem es nicht für sich selbst lebt, erlangt es Dauer"), „不自伐故有功" („Indem es sich nicht rühmt, erwirbt es Verdienst").
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „为大于其细,图难于其易" („Das Große durch das Feine vollbringen; das Schwierige durch das Leichte angehen").
Übersetzung: Gerade weil es nie danach strebt, groß zu sein, ist es daher fähig, seine Größe zu verwirklichen.
Deutung: „为" nimmt hier die Bedeutung „tun, anstreben" an. Es handelt sich nicht um „sich nicht für groß halten" (kognitive Bescheidenheit), sondern um „nicht danach streben, Großes zu tun" (Nicht-Handeln (无为) im Verhalten). Das Tao strebt nie bewusst nach großen Taten, und doch strömen die zehntausend Dinge ihm von Natur aus zu — nicht streben und dennoch erlangen, das ist die Kernlogik von Laozis Grundsatz „Nicht-Handeln (无为) und doch bleibt nichts ungetan" (无为而无不为).
Ähnliche Ansichten: Dies steht im Einklang mit Kapitel 63: „图难于其易,为大于其细" („Das Schwierige durch das Leichte angehen; das Große durch das Feine vollbringen").
Übersetzung: Daher hält sich der Weise (圣人) nie für groß, und so ist er fähig, seine Größe zu verwirklichen.
Deutung: Eine wichtige Textvariante. Heshanggongs Text lautet „是以圣人终不为大,故能成其大" („Daher hält sich der Weise nie für groß, und so kann er seine Größe verwirklichen") — das Subjekt wechselt vom „Tao" (以其) zum „Weisen" (圣人). Diese Variante verwandelt das gesamte Kapitel: von einer Beschreibung der Eigenschaften des Tao hin zu einer Vorschrift für den Weisen (圣人): Dieser ahmt die Tugenden (德) des Tao nach — „匿德藏名,不为满大" („die Tugend verbergen und den Namen verhüllen, nicht nach Fülle und Größe streben") — durch persönliches Vorbild führen, ohne Worte verwandeln, und so große Werke vollbringen.
Ähnliche Ansichten: Heshanggong: „圣人法道匿德藏名,不为满大。圣人以身师导,不言而化,万事修治,故能成其大" („Der Weise ahmt das Tao nach: Er verbirgt seine Tugend und verhüllt seinen Namen, strebt nie nach Fülle und Größe. Der Weise führt durch persönliches Vorbild, verwandelt ohne Worte und lenkt alle Angelegenheiten wohl — so kann er seine Größe verwirklichen").
Übersetzung: Das Tao verwirklicht Größe, indem es nicht nach Größe strebt — das Große durch das Kleine vollbringen.
Deutung: Dieser Satz ist der dialektische Abschluss des gesamten Kapitels. Die Logik des Kapitels entfaltet sich wie folgt: Das Tao strömt überallhin (groß) → verweigert nicht, beansprucht nicht (selbstlos) → macht sich nicht zum Herrn, ohne Begehren (klein) → die zehntausend Dinge kehren zu ihm zurück (groß) → hält sich nicht für groß (klein) → verwirklicht seine Größe (groß). „Klein" und „groß" wechseln sich ab und kehren sich um in einem dialektischen Kreislauf. Wang Bis Formulierung „为大于其细" („das Große durch das Feine vollbringen") deutet an, dass wahre Größe aus dem Feinen und Geringfügigen erwächst — sie ist nie das Ergebnis eines bewussten Strebens nach Grandiosität.
Ähnliche Ansichten: Dies stimmt überein mit Kapitel 63, „天下大事,必作于细" („Alle großen Angelegenheiten unter dem Himmel müssen beim Feinen beginnen"), und Kapitel 7, „以其不自生,故能长生" („Weil es nicht für sich selbst lebt, kann es Dauer erlangen").
Dieses Kapitel enthält 14 Deutungskombinationen.
[Kerndifferenzen]
Kapitel 34 ist der konzentrierteste Lobgesang auf die Tugenden des Tao im gesamten Tao Te Ching. Das Kapitel kreist um ein zentrales Paradoxon: Die „Größe" des Tao verwirklicht sich gerade durch die „Kleinheit". Die Struktur des Kapitels ist von erlesener Eleganz: (1) Die Allgegenwart des Tao — weit strömend, überall hinreichend; (2) Die Tugend des Tao — hervorbringend ohne zu verweigern, vollbringend ohne zu beanspruchen; (3) Die „Kleinheit" des Tao — nährend ohne sich zum Herrn zu machen, stets ohne Begehren; (4) Die „Größe" des Tao — die zehntausend Dinge kehren zu ihm zurück; (5) Die Vollendung des Tao — sich nicht für groß haltend, dadurch Größe verwirklichend. Die Kerndifferenz zwischen Wang Bi und Heshanggong liegt in zwei Aspekten: (1) Wang Bi erklärt „klein" und „groß" aus ontologischer Perspektive — wenn das Tao „ohne Begehren" ist, findet jedes der zehntausend Dinge seinen Platz und das Tao scheint nichts zu gewähren (klein); wenn alle Dinge zu ihm zurückkehren, manifestiert sich das Tao als groß; (2) Heshanggong versteht es aus der Perspektive der Selbstkultivierung — die „Kleinheit" des Tao rührt daher, dass es „seine Tugend verbirgt und seinen Namen verhüllt", und der Weise soll diese Eigenschaft nachahmen. Die bedeutendste Textvariante findet sich im letzten Satz: Die überlieferte Fassung nimmt „das Tao" als Subjekt, Heshanggong nimmt „den Weisen" — dies entscheidet, ob das Kapitel rein kosmologisch ist oder sich auf die Praxis menschlicher Kultivierung erstreckt. Die Dialektik von „klein" und „groß" in diesem Kapitel gehört zu Laozis brillantesten Denkweisen und bildet eine geistige Dreiheit mit Kapitel 7, „indem er sich zurückstellt, kommt er an die Spitze", und Kapitel 22, „indem es sich beugt, wird es ganz".