Tao Te Ching Kapitel 34: Der vollständige Kommentar

Der folgende Inhalt bietet eine multiperspektivische Tiefenanalyse jedes Satzes dieses Kapitels, die traditionelle Kommentare, philologische Analysen, philosophische Interpretationen und weitere Dimensionen umfasst. Grundtext: Wang Bis Kommentar zum Daode Zhenjing, Ausgabe des Zhengtong Daozang
Die „Kombination"-Bezeichnung jeder Deutung folgt dem Format „Zeichen + Bedeutungsnummer" (z.B. „dàoC-A"), d.h. diese Deutung verwendet Bedeutung C von „dào" und Bedeutung A von „". Das vollständige Glossar finden Sie am Ende dieses Kapitels: [Anhang: Glossar der Schlüsselzeichen].

[Satz 1] dàofànzuǒyòu。(Das große Tao strömt überallhin; es kann sich nach links und nach rechts wenden.)

Kapitel 34 · Satz 1: dàofànzuǒyòu

[Deutung 1] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: fànA-A-zuǒA-yòuA
Übersetzung: Das große Tao (dào) strömt weit und breit — es ist überall, kann sich nach links wie nach rechts wenden.
Deutung: Die gängigste Auslegung. „fàn" (fàn) bedeutet sich weit ergießen, wie Wasser, das über die Ufer tritt. „zuǒyòu" (links und rechts) bezeichnet alle Richtungen — das Tao ist auf keine bestimmte Richtung beschränkt; es reicht überallhin und eignet sich für alles. Wang Bi führt weiter aus: „zuǒyòushàngxiàzhōuxuánéryòngsuǒzhì" („Es kann nach links, rechts, oben und unten gewendet und angewandt werden, und so gibt es keinen Ort, den es nicht erreicht") — das Tao durchdringt alle Richtungen und kann überall angewandt werden.
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „yándàofànlànsuǒshìzuǒyòushàngxiàzhōuxuánéryòngsuǒzhì" („Das Tao ergießt sich überallhin, allem angemessen; es kann nach links, rechts, oben und unten gewendet und angewandt werden und erreicht so jeden Ort").
Kapitel 34 · Satz 1: dàofànzuǒyòu

[Deutung 2] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: fànB
Übersetzung: Das große Tao treibt dahin — bald auftauchend, bald versinkend — es kann sich nach links wie nach rechts wenden.
Deutung: Heshanggongs Auslegung betont das Unfassbare und Geheimnisvolle des Tao — „ruòruòchénruòyǒuruòshìzhījiànshuōzhīnánshū" („bald schwebend, bald sinkend; bald seiend, bald nicht seiend; man schaut hin und sieht es nicht, und es ist schwer zu beschreiben"). Das Tao ist keine feste Entität, sondern eine treibende, scheinbar existierende und doch scheinbar nicht existierende Präsenz. „zuǒyòu" bezeichnet nicht nur eine Richtung, sondern deutet auch auf die Beweglichkeit des Tao hin: Es legt sich auf keine Seite fest.
Ähnliche Ansichten: Heshanggong: „yándàofànfànruòruòchénruòyǒuruòshìzhījiànshuōzhīnánshūdàozuǒyòusuǒ" („Das Tao treibt dahin, bald auftauchend, bald versinkend, bald seiend, bald nicht seiend; man kann es nicht erblicken, und es ist schwer zu bestimmen. Das Tao kann nach links oder rechts gehen — nichts ist ihm unangemessen").

[Satz 2] wànshìzhīérshēngérgōngchéngmíngyǒu。(Die zehntausend Dinge hängen von ihm ab, um zu leben, und doch verweigert es sich nie; sein Werk ist vollbracht, und doch beansprucht es keinen Besitz.)

Kapitel 34 · Satz 2: wànshìzhīérshēngérgōngchéngmíngyǒu

[Deutung 1] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: shìA-A-gōngA-míngA-yǒuA
Übersetzung: Die zehntausend Dinge hängen von ihm ab, um zu leben, und doch verweigert es sich nie; sein Werk ist vollbracht, und doch beansprucht es nicht, es zu besitzen.
Deutung: Die gängigste Auslegung. Das Tao besitzt zwei selbstlose Tugenden: (1) Es verweigert sich nicht — wenn die zehntausend Dinge sich an es wenden, nimmt es sie alle an, ohne eines zurückzuweisen; (2) Es beansprucht keinen Besitz — trotz des ungeheuren Verdienstes, alle Dinge hervorgebracht zu haben, beansprucht es niemals Eigentum daran. Dies stimmt vollkommen überein mit Kapitel 2: „shēngéryǒuwèiérshìgōngchéngér" („Es bringt hervor, ohne zu besitzen, handelt, ohne sich darauf zu stützen, vollbringt, ohne sich das Verdienst anzurechnen").
Ähnliche Ansichten: Heshanggong: „dàoxièérzhǐyǒudàomíngyǒugōng" („Das Tao verweigert und weist nichts zurück. Das Tao verkündet nicht seine Verdienste").
Kapitel 34 · Satz 2: wànshìzhīérshēngérgōngchéngmíngyǒu

[Deutung 2] Neuartig · Mittlere Glaubwürdigkeit

Kombination: B-míngA-yǒuA
Übersetzung: Die zehntausend Dinge hängen von ihm ab, um zu leben, und es verlässt sie nie; nach Vollbringung seines Werkes beansprucht es keinen Besitz durch Ruhm.
Deutung: " nimmt hier die Bedeutung „fortgehen, Abschied nehmen" an — das Tao verlässt die Dinge nicht nach der Schöpfung, sondern verweilt stets bei ihnen, ohne sie je zu verlassen oder aufzugeben. „míngyǒu" wird verstanden als „durch Ruhm besitzen" — das Tao strebt nicht nach dem Titel des „Schöpfers". Diese Auslegung hebt die Beständigkeit des Tao und seine Tugend () der Bescheidenheit hervor.
Ähnliche Ansichten: Dies steht im Einklang mit Kapitel 2, „gōngchéngér" („vollbringen, ohne sich das Verdienst anzurechnen"), und Kapitel 51, „shēngéryǒu" („hervorbringen, ohne zu besitzen").

[Satz 3] yǎngwànérwèizhǔchángmíngxiǎo;(Es kleidet und nährt die zehntausend Dinge, ohne sich zu ihrem Herrn zu machen; stets ohne Begehren, kann man es das Kleine nennen.)

Kapitel 34 · Satz 3: yǎngwànérwèizhǔchángmíngxiǎo

[Deutung 1] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: A-yǎngA-wèizhǔA-chángA-míngxiǎoA
Übersetzung: Es bedeckt und nährt die zehntausend Dinge, ohne sich zu ihrem Herrn zu machen; stets ohne Begehren, kann man es „das Kleine" nennen.
Deutung: Die Auslegung der überlieferten Fassung. „yǎng" bedeutet, die zehntausend Dinge zu schützen und zu nähren, wie ein Gewand den Körper bedeckt. Das Tao nährt alle Dinge, ohne die Rolle des Herrn einzunehmen; es ist ewig ohne Begehren — aus diesem Blickwinkel betrachtet, scheint das Tao so klein, dass es wie nicht vorhanden wirkt. „míngxiǎo" bedeutet nicht, dass das Tao wirklich klein ist, sondern spiegelt seine Bescheidenheit wider — so groß, dass es unsichtbar ist, erscheint es paradoxerweise klein. Wang Bi: „tiānxiàchángzhīshíwànsuǒruòdàoshīmíngxiǎo" („Wenn die Welt beständig ohne Begehren ist, findet jedes der zehntausend Dinge seinen Platz; es ist, als gewähre das Tao den Dingen nichts, daher kann man es ‚das Kleine' nennen").
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „tiānxiàchángzhīshíwànsuǒruòdàoshīmíngxiǎo" („Wenn die Welt beständig ohne Begehren ist, findet jedes der zehntausend Dinge seinen Platz; es ist, als gewähre das Tao den Dingen nichts, daher kann man es ‚das Kleine' nennen").
Kapitel 34 · Satz 3: yǎngwànérwèizhǔchángmíngxiǎo

[Deutung 2] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: B-wèizhǔB-míngxiǎoB
Übersetzung: Es liebt und nährt die zehntausend Dinge, ohne wie ein Herrscher Tribut zu fordern; stets ohne Begehren, kann man es „das Kleine" nennen.
Deutung: Heshanggongs Text lautet „àiyǎngwàn" („liebt und nährt die zehntausend Dinge"). Obwohl das Tao alle Dinge liebevoll nährt, erhebt es keine Abgaben und fordert keinen Tribut wie die weltlichen Herrscher. „cángmíngránwèishìruòwēixiǎo" („Es verbirgt seine Tugend () und verhüllt seinen Namen; gelassen und im Nicht-Handeln (wèi), erscheint es wie etwas Kleines") — das Tao verbirgt seine Tugend () und seinen Namen, ruht in gelassenem Nicht-Handeln (wèi), sodass es klein erscheint. Diese Auslegung stellt das Tao den weltlichen Herrschern gegenüber: Das Tao ist größer als jeder Herrscher, gerade weil es weder Tribut fordert noch sich zur Schau stellt.
Ähnliche Ansichten: Heshanggong: „dàosuīàiyǎngwànrénzhǔyǒusuǒshōudàocángmíngránwèishìruòwēixiǎo" („Obwohl das Tao die zehntausend Dinge liebevoll nährt, ist es nicht wie ein weltlicher Herrscher, der Tribut fordert. Das Tao verbirgt seine Tugend und verhüllt seinen Namen; gelassen und im Nicht-Handeln, erscheint es wie etwas Kleines").
Kapitel 34 · Satz 3: yǎngwànérwèizhǔchángmíngxiǎo

[Deutung 3] Neuartig · Mittlere Glaubwürdigkeit

Kombination: xiǎoA-A
Übersetzung: Das Tao nährt die zehntausend Dinge, ohne sich zum Herrn zu machen; weil es ewig ohne Begehren ist — aus diesem Blickwinkel — kann man es „das Kleine" nennen.
Deutung: Diese Auslegung betont den Kausalzusammenhang zwischen „cháng" („stets ohne Begehren") und „míngxiǎo" („kann man ‚das Kleine' nennen"): Gerade weil das Tao ewig ohne Begehren ist, hat es keinerlei wahrnehmbare Präsenz unter den zehntausend Dingen (unsichtbar, ungreifbar, nicht wahrnehmbar) und kann daher „klein" genannt werden. „Klein" ist die verborgene Seite des Tao — es zeigt sich nicht und scheint daher nicht zu existieren. Dies kontrastiert mit dem folgenden Satz: „wànguīyānérwèizhǔmíngwèi" („Die zehntausend Dinge kehren zu ihm zurück, ohne dass es sich zum Herrn macht — man kann es ‚das Große' nennen").
Ähnliche Ansichten: Wang Bi verbindet das „Kleine" mit der Eigenschaft des Tao, „shī" („den Dingen nichts zu gewähren") — die zehntausend Dinge finden jeweils ihren rechten Platz, ohne die Anwesenheit des Tao wahrzunehmen.

[Satz 4] wànguīyānérwèizhǔmíngwèi。(Die zehntausend Dinge kehren zu ihm zurück, und doch macht es sich nicht zu ihrem Herrn — man kann es das Große nennen.)

Kapitel 34 · Satz 4: wànguīyānérwèizhǔmíngwèi

[Deutung 1] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: wànguīA-yānA-míngwèiA
Übersetzung: Die zehntausend Dinge kehren alle zu ihm zurück, und doch macht es sich nicht zu ihrem Herrn — man kann es „das Große" nennen.
Deutung: Dies bildet einen meisterhaften Kontrast zum vorhergehenden Satz: Jener besagte, das Tao sei ohne Begehren und könne „das Kleine" genannt werden; dieser besagt, die zehntausend Dinge kehren zu ihm zurück und es könne „das Große" genannt werden. „Klein" und „Groß" stehen nicht im Widerspruch, sondern bilden eine Einheit — das Tao verwirklicht seine „Größe" gerade durch seine „Kleinheit" (Begehrenslosigkeit und Bescheidenheit). „wèizhǔ" („sich nicht zum Herrn machen") erscheint hier erneut und unterstreicht die für Laozi wesentlichste Eigenschaft des Tao.
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „wànjiēguīzhīshēngér使shǐzhīsuǒyóuwèixiǎomíng" („Die zehntausend Dinge kehren alle zu ihm zurück, um zu leben, und werden veranlasst, ihren Ursprung nicht zu kennen; dies ist kein Klein-Sein, daher kann es wiederum ‚das Große' genannt werden").
Kapitel 34 · Satz 4: wànguīyānérwèizhǔmíngwèi

[Deutung 2] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: guīA-yānA
Übersetzung: Die zehntausend Dinge kehren letztlich zu ihm zurück, und doch macht es sich nicht zum Herrn — man kann es „das Große" nennen.
Deutung: guī" nimmt hier die Bedeutung „zurückkehren" an. Die zehntausend Dinge sind nicht nur vom Tao abhängig, um zu leben (shìzhīérshēng), sondern kehren letztlich zum Tao zurück. Das Tao ist zugleich Ursprung und Ziel aller Dinge. Und selbst im Augenblick, da die zehntausend Dinge zurückkehren, nimmt das Tao nicht die Rolle des Herrn ein. Diese Auslegung knüpft an Kapitel 16 an: „wànbìngzuòguān" („Die zehntausend Dinge entstehen gemeinsam, und ich betrachte ihre Rückkehr") und an Kapitel 40: „fǎnzhědàozhīdòng" („Die Umkehr ist die Bewegung des Tao").
Ähnliche Ansichten: Heshanggong: „wànjiēguīdàoshòu" („Die zehntausend Dinge kehren alle zum Tao zurück, um Qi () zu empfangen").
Kapitel 34 · Satz 4: wànguīyānérwèizhǔmíngwèi

[Deutung 3] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: 'xiǎo'''debiànzhèngtǒng
Übersetzung: (Aus der Perspektive, dass die zehntausend Dinge zu ihm zurückkehren) kann man es „das Große" nennen.
Deutung: Der Schlüssel dieses Satzes liegt in der Dialektik von „klein" und „groß": Das Tao erscheint „klein" wegen seiner Begehrenslosigkeit, ist aber wahrhaft „groß", weil alle Dinge zu ihm zurückkehren. Die „Größe" des Tao verwirklicht sich gerade durch seine „Kleinheit" (Begehrenslosigkeit, Nicht-Herr-Sein). Dies ist eine anschauliche Darstellung von Laozis Grundsatz „fǎnzhědàozhīdòng" („Die Umkehr ist die Bewegung des Tao") — Vorankommen durch Zurückweichen, Größe durch Kleinheit erlangen, Herr aller Dinge werden, indem man sich nicht zum Herrn macht. Heshanggong beschreibt die „Größe" des Tao mit der Wendung „wànhéngláihéng使shǐmíngzài" („Die zehntausend Dinge kommen und gehen frei, jedes findet seinen eigenen Platz") — so groß, dass es allen Dingen freie Bewegung gewährt.
Ähnliche Ansichten: Heshanggong: „wànhéngláihéng使shǐmíngzàimíng" („Die zehntausend Dinge kommen und gehen frei, jedes findet seinen eigenen Platz, daher kann man es ‚das Große' nennen").

[Satz 5] zhōngwèinéngchéng。(Weil es sich selbst nie für groß hält, kann es seine Größe verwirklichen.)

Kapitel 34 · Satz 5: zhōngwèinéngchéng

[Deutung 1] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: A-zhōngA-A-wèiA-A-néngchéngA-A
Übersetzung: Gerade weil es sich selbst nie für groß hält, ist es daher fähig, seine Größe zu verwirklichen.
Deutung: Die abschließende These des gesamten Kapitels und ein klassischer Ausdruck von Laozis dialektischem Denken. Das Tao ist groß, gerade weil es sich nie für groß hält. Dies folgt einer paradoxen Logik: Wer Größe anstrebt, kann nicht groß werden, während der, der sie nicht anstrebt, wahre Größe erlangt. Dieses Prinzip durchzieht das gesamte Tao Te Ching — „hòushēnérshēnxiān" („Indem er sich zurückstellt, kommt er an die Spitze"), „shēngnéngzhǎngshēng" („Indem es nicht für sich selbst lebt, erlangt es Dauer"), „yǒugōng" („Indem es sich nicht rühmt, erwirbt es Verdienst").
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „wèinán" („Das Große durch das Feine vollbringen; das Schwierige durch das Leichte angehen").
Kapitel 34 · Satz 5: zhōngwèinéngchéng

[Deutung 2] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: wèiB-A
Übersetzung: Gerade weil es nie danach strebt, groß zu sein, ist es daher fähig, seine Größe zu verwirklichen.
Deutung: wèi" nimmt hier die Bedeutung „tun, anstreben" an. Es handelt sich nicht um „sich nicht für groß halten" (kognitive Bescheidenheit), sondern um „nicht danach streben, Großes zu tun" (Nicht-Handeln (wèi) im Verhalten). Das Tao strebt nie bewusst nach großen Taten, und doch strömen die zehntausend Dinge ihm von Natur aus zu — nicht streben und dennoch erlangen, das ist die Kernlogik von Laozis Grundsatz „Nicht-Handeln (wèi) und doch bleibt nichts ungetan" (wèiérwèi).
Ähnliche Ansichten: Dies steht im Einklang mit Kapitel 63: „nánwèi" („Das Schwierige durch das Leichte angehen; das Große durch das Feine vollbringen").
Kapitel 34 · Satz 5: zhōngwèinéngchéng

[Deutung 3] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: shànggōngwén:'shìshèngrénzhōngwèi'
Übersetzung: Daher hält sich der Weise (shèngrén) nie für groß, und so ist er fähig, seine Größe zu verwirklichen.
Deutung: Eine wichtige Textvariante. Heshanggongs Text lautet „shìshèngrénzhōngwèinéngchéng" („Daher hält sich der Weise nie für groß, und so kann er seine Größe verwirklichen") — das Subjekt wechselt vom „Tao" () zum „Weisen" (shèngrén). Diese Variante verwandelt das gesamte Kapitel: von einer Beschreibung der Eigenschaften des Tao hin zu einer Vorschrift für den Weisen (shèngrén): Dieser ahmt die Tugenden () des Tao nach — „cángmíngwèimǎn" („die Tugend verbergen und den Namen verhüllen, nicht nach Fülle und Größe streben") — durch persönliches Vorbild führen, ohne Worte verwandeln, und so große Werke vollbringen.
Ähnliche Ansichten: Heshanggong: „shèngréndàocángmíngwèimǎnshèngrénshēnshīdǎoyánérhuàwànshìxiūzhìnéngchéng" („Der Weise ahmt das Tao nach: Er verbirgt seine Tugend und verhüllt seinen Namen, strebt nie nach Fülle und Größe. Der Weise führt durch persönliches Vorbild, verwandelt ohne Worte und lenkt alle Angelegenheiten wohl — so kann er seine Größe verwirklichen").
Kapitel 34 · Satz 5: zhōngwèinéngchéng

[Deutung 4] Neuartig · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: quánzhāngbiànzhèngjiégòuxiǎo
Übersetzung: Das Tao verwirklicht Größe, indem es nicht nach Größe strebt — das Große durch das Kleine vollbringen.
Deutung: Dieser Satz ist der dialektische Abschluss des gesamten Kapitels. Die Logik des Kapitels entfaltet sich wie folgt: Das Tao strömt überallhin (groß) → verweigert nicht, beansprucht nicht (selbstlos) → macht sich nicht zum Herrn, ohne Begehren (klein) → die zehntausend Dinge kehren zu ihm zurück (groß) → hält sich nicht für groß (klein) → verwirklicht seine Größe (groß). „Klein" und „groß" wechseln sich ab und kehren sich um in einem dialektischen Kreislauf. Wang Bis Formulierung „wèi" („das Große durch das Feine vollbringen") deutet an, dass wahre Größe aus dem Feinen und Geringfügigen erwächst — sie ist nie das Ergebnis eines bewussten Strebens nach Grandiosität.
Ähnliche Ansichten: Dies stimmt überein mit Kapitel 63, „tiānxiàshìzuò" („Alle großen Angelegenheiten unter dem Himmel müssen beim Feinen beginnen"), und Kapitel 7, „shēngnéngzhǎngshēng" („Weil es nicht für sich selbst lebt, kann es Dauer erlangen").

Zusammenfassung des Kapitels

Dieses Kapitel enthält 14 Deutungskombinationen.

[Kerndifferenzen]

Kapitel 34 ist der konzentrierteste Lobgesang auf die Tugenden des Tao im gesamten Tao Te Ching. Das Kapitel kreist um ein zentrales Paradoxon: Die „Größe" des Tao verwirklicht sich gerade durch die „Kleinheit". Die Struktur des Kapitels ist von erlesener Eleganz: (1) Die Allgegenwart des Tao — weit strömend, überall hinreichend; (2) Die Tugend des Tao — hervorbringend ohne zu verweigern, vollbringend ohne zu beanspruchen; (3) Die „Kleinheit" des Tao — nährend ohne sich zum Herrn zu machen, stets ohne Begehren; (4) Die „Größe" des Tao — die zehntausend Dinge kehren zu ihm zurück; (5) Die Vollendung des Tao — sich nicht für groß haltend, dadurch Größe verwirklichend. Die Kerndifferenz zwischen Wang Bi und Heshanggong liegt in zwei Aspekten: (1) Wang Bi erklärt „klein" und „groß" aus ontologischer Perspektive — wenn das Tao „ohne Begehren" ist, findet jedes der zehntausend Dinge seinen Platz und das Tao scheint nichts zu gewähren (klein); wenn alle Dinge zu ihm zurückkehren, manifestiert sich das Tao als groß; (2) Heshanggong versteht es aus der Perspektive der Selbstkultivierung — die „Kleinheit" des Tao rührt daher, dass es „seine Tugend verbirgt und seinen Namen verhüllt", und der Weise soll diese Eigenschaft nachahmen. Die bedeutendste Textvariante findet sich im letzten Satz: Die überlieferte Fassung nimmt „das Tao" als Subjekt, Heshanggong nimmt „den Weisen" — dies entscheidet, ob das Kapitel rein kosmologisch ist oder sich auf die Praxis menschlicher Kultivierung erstreckt. Die Dialektik von „klein" und „groß" in diesem Kapitel gehört zu Laozis brillantesten Denkweisen und bildet eine geistige Dreiheit mit Kapitel 7, „indem er sich zurückstellt, kommt er an die Spitze", und Kapitel 22, „indem es sich beugt, wird es ganz".

Anhang: Glossar der Schlüsselzeichen

A. [Adj.] Groß; weit
Quelle: Grundbedeutung. Beschreibt die Erhabenheit des Tao.
dào
A. [Subst.] Das Tao; der kosmische Ursprung und das universelle Prinzip
Quelle: Zentraler Begriff der Philosophie Laozis.
fàn
A. [Adj./Verb] Weit strömen; überfluten
Quelle: Grundbedeutung. Wie Wasser, das überflutet und überall hinreicht. Wang Bi: „yándàofànlànsuǒshì" („Das Tao ergießt sich überallhin, allem angemessen").
B. [Adj.] Dahintreibend; bald auftauchend, bald versinkend (unfest und unfassbar)
Quelle: Heshanggong: „yándàofànfànruòruòchénruòyǒuruò" („Das Tao treibt dahin, bald auftauchend, bald versinkend, bald seiend, bald nicht seiend"). Beschreibt das unfassbare und geheimnisvolle Wesen des Tao.
A. [Verb] Können; imstande sein
Quelle: Grundbedeutung.
zuǒ
A. [Subst.] Die linke Seite
Quelle: Grundbedeutung. Gepaart mit „rechts" zur Bezeichnung aller Richtungen.
yòu
A. [Subst.] Die rechte Seite
Quelle: Grundbedeutung.
shì
A. [Verb] Abhängen von; sich stützen auf
Quelle: Grundbedeutung. Sich stützen auf, abhängen von. Heshanggong: „shìdàiwànjiēdàidàoérshēng" („shì bedeutet abhängen von. Die zehntausend Dinge hängen alle vom Tao ab, um zu leben").
A. [Verb] Verweigern; ablehnen
Quelle: Grundbedeutung. Das Tao verweigert die Abhängigkeit der zehntausend Dinge nicht.
B. [Verb] Fortgehen; Abschied nehmen
Quelle: Abgeleitete Bedeutung. Das Tao verlässt die zehntausend Dinge nicht.
gōng
A. [Subst.] Verdienst; Leistung
Quelle: Grundbedeutung. Das Verdienst, die zehntausend Dinge hervorgebracht zu haben.
míng
A. [Subst.] Name; Ruhm
Quelle: Grundbedeutung. Ruhm besitzen.
yǒu
A. [Verb] Besitzen; haben
Quelle: Grundbedeutung. Sich aneignen.
A. [Verb] Bedecken; schützen (wie ein Gewand den Körper bedeckt)
Quelle: Verbaler Gebrauch. Ausgesprochen yì. Bedecken wie mit einem Gewand; Metapher für den Schutz der zehntausend Dinge.
B. [Verb] Lieben (austauschbar mit „ài" oder als „àiyǎng" wiedergegeben)
Quelle: Heshanggongs Text liest „àiyǎngwàn" („die zehntausend Dinge liebend nähren").
yǎng
A. [Verb] Nähren; pflegen
Quelle: Grundbedeutung. Die zehntausend Dinge nähren, damit sie wachsen können.
zhǔ
A. [Subst.] Herr; Gebieter
Quelle: Grundbedeutung. Eine Stellung der Kontrolle und Herrschaft.
B. [Subst.] Weltlicher Herrscher (zeitlicher Gebieter)
Quelle: Heshanggong: „rénzhǔyǒusuǒshōu" („Im Unterschied zu einem weltlichen Herrscher, der Tribut fordert"). Kontrast zu irdischen Herrschern.
A. [Subst.] Begehren; Verlangen
Quelle: Grundbedeutung. Verlangen nach Belohnung, Ruhm oder Gewinn.
xiǎo
A. [Adj.] Klein; unscheinbar
Quelle: Grundbedeutung. Das Tao verbirgt sich und wirkt unbedeutend.
guī
A. [Verb] Zurückkehren; heimkehren zu
Quelle: Abgeleitete Bedeutung. Die zehntausend Dinge kehren letztlich zum Tao zurück.
yān
A. [Pron.] Dorthin; zu ihm
Quelle: Pronomen und Modalpartikel. Bezieht sich auf das Tao.
A. [Konj.] Weil; aufgrund von
Quelle: Grundbedeutung. Gibt den Grund an.
zhōng
A. [Adv.] Stets; von Anfang bis Ende
Quelle: Grundbedeutung. Durchgehend; vom Anfang bis zum Ende.
A. [Pron.] Selbst
Quelle: Grundbedeutung. Das eigene Selbst.
wèi
A. [Verb] Halten für; betrachten als
Quelle: Grundbedeutung. Subjektives Urteil.
B. [Verb] Tun; anstreben
Quelle: Grundbedeutung. Aktiv handeln oder anstreben.
chéng
A. [Verb] Verwirklichen; vollenden
Quelle: Grundbedeutung. Erreichen; zustandebringen.