Tao Te Ching Kapitel 21: Der vollständige Kommentar

Der folgende Inhalt bietet eine multiperspektivische Tiefenanalyse jedes Satzes dieses Kapitels, die traditionelle Kommentare, philologische Analysen, philosophische Interpretationen und weitere Dimensionen umfasst. Grundtext: Wang Bis Kommentar zum Daode Zhenjing, Ausgabe des Zhengtong Daozang
Die „Kombination"-Bezeichnung jeder Deutung folgt dem Format „Zeichen + Bedeutungsnummer" (z.B. „dàoC-A"), d.h. diese Deutung verwendet Bedeutung C von „dào" und Bedeutung A von „". Das vollständige Glossar finden Sie am Ende dieses Kapitels: [Anhang: Glossar der Schlüsselzeichen].

[Satz 1] kǒngzhīróngwéidàoshìcóng。(Die Erscheinung der höchsten Tugend folgt einzig dem Tao.)

Kapitel 21 · Satz 1: kǒngzhīróngwéidàoshìcóng

[Deutung 1] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: kǒngA-A-róngA-wéiC-cóngA
Übersetzung: Die Form und Erscheinung der großen Tugend () folgt vollständig den Prinzipien des Tao (dào).
Deutung: Heshang Gong glossiert „kǒng" als „groß". Die Erscheinung der erhabensten Tugend folgt gänzlich dem Tao — es handelt sich nicht um eine künstlich geformte Tugend, sondern um eine, die sich natürlich dem Wirken des Tao anpasst. Diese Deutung versteht „" als erhabenen sittlichen Charakter und „róng" als dessen äußere Erscheinung.
Ähnliche Ansichten: Heshang Gong: „kǒngyǒuzhīrénsuǒróngnéngshòugòuzhuóchùqiānbēiwéizhīrénsuíshìsuǒxíngcóngdào" — „kǒng bedeutet ‚groß'. Ein Mensch von großer Tugend () umfasst alle Dinge, nimmt Unreinheit an und verweilt in Demut. wéi bedeutet ‚allein'. Ein Mensch von großer Tugend folgt nicht den Wegen der Welt, sondern folgt allein dem Tao (dào)."
Kapitel 21 · Satz 1: kǒngzhīróngwéidàoshìcóng

[Deutung 2] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: kǒngB-B-róngC-wéiA-cóngA
Übersetzung: Die Wirkungsweise der leeren Tugend () besteht schlicht darin, dem Tao (dào) zu folgen.
Deutung: Wang Bi glossiert „kǒng" als „leer". Wahre Tugend ist nicht überfließend, sondern leer — gerade weil der Geist leer und frei von Anhaftung ist, kann er alle Dinge aufnehmen und der Führung des Tao folgen. „wéikōngwèiránhòunǎinéngdòngzuòcóngdào" („Erst wenn man die Leere zur Tugend macht, kann man im Einklang mit dem Tao handeln"). Diese Deutung ist bemerkenswert subtil: Es geht nicht um die „große Tugend", sondern um die „leere Tugend" — die Leere selbst ist die größte Tugend.
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „kǒngkōngwéikōngwèiránhòunǎinéngdòngzuòcóngdào" — „kǒng bedeutet ‚leer'. Erst wenn man die Leere zur Tugend () macht, kann man im Einklang mit dem Tao (dào) handeln und sich bewegen."
Kapitel 21 · Satz 1: kǒngzhīróngwéidàoshìcóng

[Deutung 3] Neuartig · Mittlere Glaubwürdigkeit

Kombination: kǒngA-C-róngB-wéiB-cóngB
Übersetzung: Die allumfassende Kraft der größten Tugend () stammt einzig vom Tao (dào).
Deutung: Hier wird „" als verwandt mit „" (das vom Tao Empfangene) gelesen, „róng" nimmt die Bedeutung von „umfassen/enthalten" an und „cóng" die von „herrühren von". Der Grund, warum die große Tugend alles ohne Ausnahme umfassen kann, liegt darin, dass sie ihren Ursprung im Tao hat. Diese Deutung betont die genetische Beziehung zwischen Tugend und Tao — die Tugend existiert nicht unabhängig; sie ist ein Zufluss des Tao.
Ähnliche Ansichten: Dies korrespondiert mit Kapitel 51: „dàoshēngzhīchùzhī" („Das Tao gibt ihnen Leben; die Tugend nährt sie").

[Satz 2] dàozhīwèiwéihuǎngwéi。(Das Tao als Seiendes ist schattenhaft und unfassbar.)

Kapitel 21 · Satz 2: dàozhīwèiwéihuǎngwéi

[Deutung 1] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: wèiA-A-huǎngA-A
Übersetzung: Das Tao (dào) als Seinsweise lässt sich nur als schattenhaft und unfassbar beschreiben — als ob es zugleich existiere und nicht existiere, verschwommen und undeutlich.
Deutung: Die geläufigste Deutung. Das Tao ist kein konkretes, wahrnehmbares Objekt; es befindet sich in einem Zustand des Zwielichts zwischen „Sein" und „Nicht-Sein". Man kann nicht sagen, dass es nicht existiert (denn alle Dinge entspringen ihm), noch kann man sagen, dass es existiert (denn es ist weder sichtbar noch greifbar). „Schattenhaft und unfassbar" (huǎng) ist kein abwertender Ausdruck der Verwirrung, sondern beschreibt die Transzendenz des Tao über den binären Gegensatz von Sein und Nicht-Sein.
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „huǎngxíngzhītàn" — „Schattenhaft und unfassbar, formlos — ein Ausruf darüber, dass es nicht festgehalten werden kann."
Kapitel 21 · Satz 2: dàozhīwèiwéihuǎngwéi

[Deutung 2] Traditionell · Mittlere Glaubwürdigkeit

Kombination: wèiB-B-huǎngB-B
Übersetzung: Im Prozess, in dem das Tao (dào) sich in konkrete Dinge verwandelt, manifestiert es sich als flackerndes Licht und Schatten, bald erscheinend, bald verschwindend.
Deutung: Diese Lesart versteht „wèi" als den Prozess, in dem das Tao „zu Dingen wird". Wenn sich das Tao in konkrete Objekte verwandelt, zeigt es Merkmale flimmernden Lichts und intermittierenden Erscheinens. Diese Deutung betont den dynamischen Prozess der Manifestation des Tao und nicht eine statische Beschreibung. Heshang Gongs Kommentar — „dàozhīwànhuǎngwǎnglái" („Das Tao kommt und geht unter allen Dingen in schattenhafter Weise") — stützt diesen Sinn.
Ähnliche Ansichten: Heshang Gong: „dàozhīwànhuǎngwǎngláisuǒdìng" — „Das Tao (dào) kommt und geht unter allen Dingen in schattenhafter und unfassbarer Weise und lässt sich auf nichts Bestimmtes fest."

[Satz 3] huǎngzhōngyǒuxiàng;(Unfassbar und schattenhaft — doch in ihm sind Bilder.)

Kapitel 21 · Satz 3: huǎngzhōngyǒuxiàng

[Deutung 1] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: xiàngA
Übersetzung: Im Schattenhaften und Unfassbaren existieren dennoch Bilder.
Deutung: Obwohl das Tao schattenhaft und unfassbar ist, ist es keineswegs völlig leer — in ihm sind die Bilder (Muster) aller Dinge enthalten. Obwohl das Tao formlos ist, enthält es die Blaupausen, aus denen geformte Dinge hervorgebracht werden. Dieser Satz eröffnet eine Schicht für Schicht fortschreitende Beschreibung des „Inhalts" des Tao: Bild (xiàng) → Substanz () → Essenz (jīng) → Beweis (xìn), vom Vagen zum Feinen, vom Abstrakten zum Realen.
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „xíngshǐchéngwànshǐchéngérzhīsuǒrán" — „Dinge aus dem Formlosen hervorbringend, nicht an die Vollendung der Dinge gebunden — alle Dinge beginnen und vollenden sich durch es, ohne zu wissen, wie."
Kapitel 21 · Satz 3: huǎngzhōngyǒuxiàng

[Deutung 2] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: xiàngC
Übersetzung: Im Schattenhaften und Unfassbaren existieren dennoch archetypische Muster und Gesetzmäßigkeiten aller Dinge.
Deutung: Heshang Gong deutet „xiàng" als „xiàng" (archetypische Muster) — nicht konkrete Bilder, sondern die Prinzipien und Paradigmen, die die Entstehung aller Dinge bestimmen. Obwohl das Tao ohne Form und Bild ist, liegt der Grund, warum alle Dinge ihre jeweilige Erscheinung zeigen, genau darin, dass das Tao diese archetypischen Muster enthält. Diese Deutung trägt tiefere metaphysische Bedeutung.
Ähnliche Ansichten: Heshang Gong: „dàowéihuǎngxíngzhīzhōngyǒuwànxiàng" — „Das Tao (dào), schattenhaft, unfassbar und formlos, enthält allein in sich die archetypischen Muster aller Dinge."
Kapitel 21 · Satz 3: huǎngzhōngyǒuxiàng

[Deutung 3] Neuartig · Mittlere Glaubwürdigkeit

Kombination: xiàngB
Übersetzung: Im Schattenhaften und Unfassbaren existieren dennoch schwache Anzeichen und erste Spuren.
Deutung: Hier nimmt „xiàng" die Bedeutung von „Anzeichen" oder „Spur" an. Obwohl das Tao schattenhaft und unfassbar ist, ist es nicht gänzlich unwahrnehmbar — wer achtsam ist, kann in der Unbestimmtheit seine Spuren und schwachen Zeichen erkennen. Diese Deutung stimmt mit der Erfahrung der Übenden überein: In tiefer Meditation kann man die feinen Signale des Tao wahrnehmen.
Ähnliche Ansichten: Dies korrespondiert mit Kapitel 14: „zhuàngzhīzhuàngzhīxiàng" („Die Gestalt des Gestaltlosen, das Bild des Bildlosen").

[Satz 4] huǎngzhōngyǒu。(Schattenhaft und unfassbar — doch in ihm ist Substanz.)

Kapitel 21 · Satz 4: huǎngzhōngyǒu

[Deutung 1] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: A
Übersetzung: Im Schattenhaften und Unfassbaren existiert dennoch ein substanzieller Inhalt.
Deutung: Dieser Abschnitt schreitet vom vorigen Satz „yǒuxiàng" (es gibt Bilder) fort — das Tao enthält nicht nur Bilder (Muster), sondern auch konkreten substanziellen Inhalt. Obwohl das Tao formlos ist, birgt es die substanziellen Elemente, die alle Dinge ausmachen. Von „xiàng" (Bild) zu „" (Substanz) ist eine Vertiefung von der Form zur Materie.
Ähnliche Ansichten: Wang Bis Kommentar behandelt diesen Satz zusammen mit dem vorigen und betont, dass das Tao „xíngshǐ" („Dinge aus dem Formlosen hervorbringt").
Kapitel 21 · Satz 4: huǎngzhōngyǒu

[Deutung 2] Traditionell · Mittlere Glaubwürdigkeit

Kombination: B
Übersetzung: Im Schattenhaften und Unfassbaren existiert dennoch das „Eine" — der Urquell des Qi (), der in ihm wirkt und gebiert.
Deutung: Heshang Gong identifiziert „" mit dem „Einen" — dem ursprünglichen harmonischen Qi, das vom Tao hervorgebracht wird. Im Tao waltet das „Eine"; es wirkt und gebiert Verwandlung im Schattenhaften und errichtet die materielle Form durch das Qi. Diese Deutung überträgt die abstrakte philosophische Beschreibung in eine Kosmogonie der Qi-Verwandlung, im Einklang mit Heshang Gongs System der Selbstkultivierung und Lebenspflege.
Ähnliche Ansichten: Heshang Gong: „dàowéihuǎngzhōngyǒujīngyíngshēnghuàyīnzhì" — „Das Tao (dào), schattenhaft und unfassbar, enthält in sich das Eine, das wirkt und Verwandlung gebiert und die materielle Form durch das Qi () errichtet."

[Satz 5] yǎomíngzhōngyǒujīng;(Tief und dunkel — doch in ihm ist Essenz.)

Kapitel 21 · Satz 5: yǎomíngzhōngyǒujīng

[Deutung 1] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: yǎoA-míngB-jīngA
Übersetzung: In der tiefen Dunkelheit existiert dennoch eine feine Essenz.
Deutung: Wang Bi kommentiert: „yǎomíngshēnyuǎnzhītàn" („yǎo und míng sind Ausrufe der Tiefe und Ferne"). In seinen tiefsten Tiefen birgt das Tao die Lebensessenz, die alle Dinge hervorbringt — hier bezeichnet „jīng" das grundlegendste konstitutive Element aller Dinge. Von „xiàng" (Form) zu „" (Materie) zu „jīng" (Essenz) dringt der Text Schicht um Schicht zum Kern des Tao vor.
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „yǎomíngshēnyuǎnzhītànshēnyuǎnérjiànránérwànyóuzhījiàndìngzhēn" — „yǎo und míng sind Ausrufe der Tiefe — so tief und fern, dass man es nicht sehen kann. Doch alle Dinge gehen daraus hervor, und was gesehen werden kann, dient dazu, seine Wahrheit zu bestimmen."
Kapitel 21 · Satz 5: yǎomíngzhōngyǒujīng

[Deutung 2] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: yǎoB-míngA-jīngB
Übersetzung: Im Feinsten und Verborgensten existiert Lebensessenz — wo geistige Kräfte aufeinandertreffen und Yin und Yang zusammenfließen.
Deutung: Heshang Gongs Deutung durch die Kosmologie der Qi-Verwandlung: „jīng" ist substanzielle Lebensessenz. In den tiefsten Tiefen des Tao liegt die Lebensessenz, die durch das Zusammenfließen von Yin und Yang entsteht. Diese Deutung verwandelt die taoistische Ontologie in Kosmogonie — die Tiefen des Tao sind der Ort, an dem die Lebensessenzen von Yin und Yang sich vereinen. Für die Selbstkultivierung bedeutet das Bewahren und Nähren der Lebensessenz, sich mit dem Tao in Einklang zu bringen.
Ähnliche Ansichten: Heshang Gong: „dàowéiyǎomíngxíngzhōngyǒujīngshíshénmíngxiāngbáoyīnyángjiāohuì" — „Das Tao (dào), tief, dunkel und formlos, enthält in sich substanzielle Lebensessenz, wo geistige Kräfte aufeinandertreffen und Yin und Yang zusammenfließen."

[Satz 6] jīngshènzhēnzhōngyǒuxìn。(Seine Essenz ist zutiefst wahr; in ihr ist verlässlicher Beweis.)

Kapitel 21 · Satz 6: jīngshènzhēnzhōngyǒuxìn

[Deutung 1] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: zhēnA-xìnA
Übersetzung: Diese Lebensessenz ist zutiefst wahr, und in ihr ist ein verlässlicher Beweis.
Deutung: Obwohl das Tao schwer direkt wahrzunehmen ist, ist die Lebensessenz, die es birgt, real, und es gibt einen überprüfbaren Beleg dafür. Wang Bi kommentiert: „xìnxìnyànfǎnyǎomíngzhēnjīngzhīwànzhīxìngdìng" („xìn bedeutet ‚überprüfbarer Beweis'. Wenn die Dinge in die tiefe Dunkelheit zurückkehren, wird das Äußerste der wahren Essenz erlangt und die Natur aller Dinge bestimmt"). Die Wirklichkeit des Tao beruht nicht auf Glauben, sondern wird durch die Existenz aller Dinge selbst bestätigt.
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „xìnxìnyànfǎnyǎomíngzhēnjīngzhīwànzhīxìngdìngyuējīngshènzhēnzhōngyǒuxìn" — „xìn bedeutet ‚überprüfbarer Beweis'. Wenn die Dinge in die tiefe Dunkelheit zurückkehren, wird das Äußerste der wahren Essenz erlangt und die Natur aller Dinge bestimmt. Daher heißt es: ‚Seine Essenz ist zutiefst wahr; in ihr ist verlässlicher Beweis.'"
Kapitel 21 · Satz 6: jīngshènzhēnzhōngyǒuxìn

[Deutung 2] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: zhēnB-xìnC
Übersetzung: Diese Lebensessenz ist im höchsten Maße authentisch und rein, und in ihr ist ein wahrhaft verlässlicher Beleg.
Deutung: Hier nimmt „zhēn" die Bedeutung von „authentisch, natürlich" an. Die Lebensessenz im Tao ist nicht künstlich erzeugt, sondern von Natur aus authentisch — „yáncúnjīngmiàoshènzhēnfēiyǒushì" (Heshang Gong: „Die bewahrte Lebensessenz ist wunderbar authentisch, ohne jede Künstlichkeit"). „xìnzàizhōng" — die Verlässlichkeit des Tao liegt in seinem Inneren; sie wird nicht äußerlich verkündet, sondern ist innerlich wahr. Diese Deutung betont die Eigenschaft des Tao, ungeschmückt zu sein.
Ähnliche Ansichten: Heshang Gong: „yáncúnjīngmiàoshènzhēnfēiyǒushìdàogōngcángmíngxìnzàizhōng" — „Die bewahrte Lebensessenz des Qi () ist wunderbar authentisch, ohne jede Künstlichkeit. Das Tao (dào) verbirgt sein Verdienst und versteckt seinen Namen; seine Verlässlichkeit liegt in seinem Inneren."
Kapitel 21 · Satz 6: jīngshènzhēnzhōngyǒuxìn

[Deutung 3] Neuartig · Mittlere Glaubwürdigkeit

Kombination: zhēnA-xìnB
Übersetzung: Diese Lebensessenz ist zutiefst wahr, und in ihr ist untrügliche Aufrichtigkeit.
Deutung: Hier nimmt „xìn" die Bedeutung von „Aufrichtigkeit, Treue" an. Das Tao täuscht niemals — die Lebensessenz, die es birgt, ist absolut wahr. Das Tao der Natur lügt nie; Werden, Vergehen und Wandlung aller Dinge sind selbst die Verkörperung der Aufrichtigkeit des Tao. Diese Deutung bildet einen Kontrast zu Kapitel 17: „xìnyānyǒuxìnyān" („Wenn das Vertrauen nicht ausreicht, entsteht Misstrauen") — menschliche Aufrichtigkeit mag unzureichend sein, aber das Tao bricht niemals sein Wort.
Ähnliche Ansichten: Dies korrespondiert mit dem Thema „xìnyān" in den Kapiteln 17 und 23.

[Satz 7] jīnmíngyuèzhòng。(Von der Antike bis heute ist sein Name nicht vergangen; durch ihn erkennt man den Ursprung aller Dinge.)

Kapitel 21 · Satz 7: jīnmíngyuèzhòng

[Deutung 1] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: míngA-yuèA-A
Übersetzung: Von der Antike bis heute ist der Name des Tao (dào) nie verschwunden; durch ihn beobachten die Menschen den Ursprung aller Dinge.
Deutung: Die geläufigste Deutung. Das Tao durchzieht alle Zeitalter und existiert ewig. „yuèzhòng" bedeutet, dass man durch das Tao beobachtet, wie alle Dinge entstanden sind — das Tao ist der Schlüssel zum Verständnis der Ursprünge aller Dinge.
Ähnliche Ansichten: Die Deutung der meisten traditionellen Kommentare.
Kapitel 21 · Satz 7: jīnmíngyuèzhòng

[Deutung 2] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: míngB-yuèB-A
Übersetzung: Von der Antike bis heute hat sich das Tao (dào) — dessen Name „das Namenlose" ist — nie entfernt; es hat den Anfang aller Dinge miterlebt.
Deutung: Wang Bis Deutung: „zhìzhēnzhīmíngmíngshìmíngjīnyóuérchéng" („Am äußersten Gipfel der Authentizität kann es nicht benannt werden; ‚das Namenlose' ist sein Name. Von der Antike bis heute ist nichts entstanden, ohne durch es hindurchgegangen zu sein"). „Das Namenlose" ist der Name des Tao selbst — denn das Tao transzendiert jede Definition. Das Tao hat die Geburt aller Dinge von alters her bezeugt und daran teilgehabt.
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „zhìzhēnzhīmíngmíngshìmíngjīnyóuérchéng" — „Am äußersten Gipfel der Authentizität kann es nicht benannt werden; ‚das Namenlose' ist sein Name. Von der Antike bis heute ist nichts entstanden, ohne durch es hindurchgegangen zu sein."
Kapitel 21 · Satz 7: jīnmíngyuèzhòng

[Deutung 3] Traditionell · Mittlere Glaubwürdigkeit

Kombination: míngA-yuèC-A
Übersetzung: Von der Antike bis heute ist der Name des Tao (dào) nie verschwunden; das Tao verleiht allen Dingen ihr ursprüngliches Qi () bei ihrer Entstehung.
Deutung: Heshang Gong glossiert „yuè" als „bǐng" (verleihen, austatten). Das Tao wird nicht nur passiv beobachtet; es verleiht aktiv allen Dingen ihr anfängliches Qi. „yándàobǐngwànshǐshēngcóngdàoshòu" („Das Tao verleiht und stattet aus; alle Dinge empfangen bei ihrer anfänglichen Entstehung ihr Qi vom Tao"). Diese Deutung macht das Tao aktiver schöpferisch: Das Tao ist der Spender am Ursprung aller Dinge.
Ähnliche Ansichten: Heshang Gong: „yuèbǐngshǐyándàobǐngwànshǐshēngcóngdàoshòu" — „yuè bedeutet ‚verleihen'. bedeutet ‚Anfang'. Das Tao (dào) verleiht und stattet aus; alle Dinge empfangen bei ihrer anfänglichen Entstehung ihr Qi () vom Tao."

[Satz 8] zhīzhòngzhīzhuàngzāi?(Wie kann ich die Beschaffenheit der Ursprünge aller Dinge erkennen?)

Kapitel 21 · Satz 8: zhīzhòngzhīzhuàngzāi

[Deutung 1] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: zhuàngA
Übersetzung: Wie kann ich den Zustand der Ursprünge aller Dinge erkennen?
Deutung: Laozi stellt eine rhetorische Frage: Da das Tao schattenhaft und formlos ist — wie kann ich wissen, wie alle Dinge angefangen haben? Diese Frage dient als abschließende Erkundigung für das gesamte Kapitel und führt zu einem knappen und kraftvollen Schluss.
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „yánzhīwànzhīshǐzāi" — „Er sagt: Woher weiß ich, dass alle Dinge aus dem Nichts begonnen haben?"

[Satz 9] 。(Durch dieses.)

Kapitel 21 · Satz 9:

[Deutung 1] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: A
Übersetzung: Durch all das Vorstehende — das Schattenhafte des Tao, das Bilder, Substanz, Essenz und verlässlichen Beweis enthält.
Deutung: Wang Bis Deutung: „shàngzhīsuǒyúnyánzhīwànzhīshǐzāizhīzhī" („‚Dieses' verweist auf das oben Gesagte. Er sagt: Woher weiß ich, dass alle Dinge aus dem Nichts begonnen haben? Durch dieses weiß ich es"). Laozi erkennt den Ursprung aller Dinge durch sein schichtweises Erfassen des Schattenhaften, der Bilder, der Substanz, der Essenz und des Beweises des Tao. Die Methode, das Tao zu erkennen, ist das Tao selbst. Der Schluss in zwei Zeichen ist von schneidender Kürze und Kraft.
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „shàngzhīsuǒyúnyánzhīwànzhīshǐzāizhīzhī" — „‚Dieses' verweist auf das oben Gesagte. Er sagt: Woher weiß ich, dass alle Dinge aus dem Nichts begonnen haben? Durch dieses weiß ich es."
Kapitel 21 · Satz 9:

[Deutung 2] Traditionell · Mittlere Glaubwürdigkeit

Kombination: B
Übersetzung: Durch die Gegenwart — durch die Beobachtung der Existenz aller Dinge, wie sie jetzt sind.
Deutung: Heshang Gongs Deutung: „jīnjīnwànjiēdàojīngérshēngdòngzuòfēidàorán" („‚Dieses' bedeutet ‚die Gegenwart'. Indem man beobachtet, dass alle Dinge jetzt das vitale Qi des Tao empfangen und geboren werden, und dass alle ihre Bewegungen und Tätigkeiten ohne das Tao unmöglich wären"). Es ist nicht nötig, in die ferne Vergangenheit zurückzugehen — man betrachte einfach die Existenz und das Wirken aller Dinge in der Gegenwart und weiß, dass sie alle vom vitalen Qi des Tao stammen. Dies ist eine empiristische Erkenntnismethode: Die Wirklichkeit des Tao wird durch die gegenwärtige Existenz aller Dinge bewiesen.
Ähnliche Ansichten: Heshang Gong: „jīnjīnwànjiēdàojīngérshēngdòngzuòfēidàorán" — „‚Dieses' bedeutet ‚die Gegenwart'. Indem man beobachtet, dass alle Dinge jetzt das vitale Qi () des Tao (dào) empfangen und geboren werden, und dass alle ihre Bewegungen und Tätigkeiten ohne das Tao unmöglich wären."

Zusammenfassung des Kapitels

Dieses Kapitel enthält 21 Deutungskombinationen.

[Kerndifferenzen]

Kapitel 21 ist dasjenige Kapitel im Tao Te Ching, das den „Inhalt" des Tao am ausführlichsten beschreibt. Wenn Kapitel 1 verkündet „dàodàofēichángdào" — dass das Tao nicht ausgesprochen werden kann —, so ist Kapitel 21 gerade Laozis Versuch, das Unaussprechliche auszusprechen. Das Kapitel folgt einer schichtweise fortschreitenden Struktur: das Schattenhafte (Gesamteindruck) → Bild (Ebene der Form) → Substanz (Ebene der Materie) → Essenz (Ebene der Quintessenz) → Beweis (Ebene der Verifikation), vom Vagen zum Bestimmten, von der Peripherie zum Kern, Schritt für Schritt dem Wesen des Tao näherkommend. Die zentrale Divergenz liegt im Eingangsausdruck „kǒngzhīróng" und dem Zeichen „kǒng": Wang Bi glossiert es als „leer", wodurch das gesamte Kapitel zu einem philosophischen Text wird, der zeigt, dass „die Leere die größte Tugend ist" — nur ein leerer Geist (frei von Anhaftung und Vorurteil) kann die Bilder, Substanz, Essenz und Beweise im Schattenhaften wahrnehmen. Heshang Gong glossiert es als „groß", wodurch das Kapitel zu einem Leitfaden der Kultivierung wird, der beschreibt, „wie ein Mensch von großer Tugend das Tao verkörpert". Beide Deutungen sind von tiefer Bedeutung: Die erste begründete die Wei-Jin-Xuanxue-Tradition des „Das Nichts als Wurzel nehmen" (wèiběn), während die zweite eine theoretische Grundlage für die taoistischen Praktiken der Lebenspflege und Selbstkultivierung lieferte. Bemerkenswert ist, dass das gesamte Kapitel mit den zwei äußerst knappen Zeichen „" (Durch dieses) schließt — Wodurch erkennt man, was am Ursprung aller Dinge steht? Durch dieses. Der entschiedene Ton deutet an, dass die Wirklichkeit des Tao keines äußeren Beweises bedarf; die oben beschriebenen Bilder, Substanz, Essenz und Beweise im Schattenhaften sind selbst der beste Beleg.

Anhang: Glossar der Schlüsselzeichen

kǒng
A. [Adj.] Groß; sehr groß
Quelle: Heshang Gongs Kommentar: „kǒng" („kǒng bedeutet ‚groß'"). Shijing (Buch der Lieder): „kǒngyǒu" („Mächtig stark und voller Kraft").
B. [Adj.] Leer; hohl
Quelle: Wang Bis Kommentar: „kǒngkōng" („kǒng bedeutet ‚leer'"). Die Grundbedeutung ist „ein kleines Loch", erweitert zu Leere/Hohlheit.
A. [Subst.] Tugend; sittlicher Charakter
Quelle: Grundbedeutung. „Die Normen und Grundsätze des gemeinschaftlichen Lebens und Handelns."
B. [Subst.] Die Tugend/Te () — Manifestation und Wirkung des Tao
Quelle: Philosophischer Begriff Laozis. Die Wirkung und Manifestation des Tao in allen Dingen ist die Tugend/Te.
C. [Subst.] Verwandt mit „" (empfangen); die vom Tao empfangene innere Natur
Quelle: Phonetische Entlehnung. (Tugend) ist verwandt mit (empfangen) — das, was jedes Ding vom Tao empfängt.
róng
A. [Subst.] Erscheinung; Form; Manifestation
Quelle: Grundbedeutung. „Aussehen, Haltung, Zustand."
B. [Subst.] Umfassen; Enthalten
Quelle: Erweiterte Bedeutung. „Enthalten, fassen." Heshang Gongs Kommentar: „suǒróng" („Es umfasst alle Dinge ohne Ausnahme").
C. [Subst.] Dynamische Handlungsweise; Wirkungsweise
Quelle: Erweiterte Bedeutung. Bezeichnet die Art und Weise, wie die Tugend wirkt und sich manifestiert.
wéi
A. [Adv.] Nur; lediglich
Quelle: Grundbedeutung. „Nur, einzig."
B. [Adv.] Allein; eigenständig
Quelle: Heshang Gongs Kommentar: „wéi" („wéi bedeutet ‚allein'").
C. [Adv.] Gänzlich; vollständig
Quelle: Erweiterte Bedeutung. Drückt die Vollständigkeit des Grades aus.
cóng
A. [Verb] Folgen; sich fügen
Quelle: Grundbedeutung. „Sich fügen, entsprechen."
B. [Verb] Herrühren von; stammen aus
Quelle: Erweiterte Bedeutung. Herkunft oder Ursprung angebend.
wèi
A. [Verb] Sein, als (Seinsweise)
Quelle: „Das Tao als Seinsweise."
B. [Verb] Sich verwandeln in; sich manifestieren als
Quelle: Erweiterte Bedeutung. Der Prozess der Verwandlung des Tao in Dinge.
A. [Subst.] Seiendes; Ding (allgemein für alles Existierende)
Quelle: Grundbedeutung. Nicht auf greifbare Entitäten beschränkt.
B. [Subst.] Konkretes materielles Gebilde
Quelle: Engere Bedeutung. Etwas mit greifbarer Form und Substanz.
huǎng
A. [Adj.] Wie; schattenhaft; scheinbar existierend und doch nicht
Quelle: Grundbedeutung. „Wie, als ob."
B. [Adj.] Mit flackerndem Licht und Schatten; in ungewisser Helligkeit
Quelle: Assoziative Erweiterung aus dem Element „guāng" (Licht) des Zeichens. Licht, das da ist, aber unstetig.
A. [Adj.] Verschwommen; undeutlich; benommen
Quelle: Grundbedeutung. „Benommen, zerstreut."
B. [Adj.] Plötzlich erscheinend und plötzlich verschwindend
Quelle: Assoziative Erweiterung aus dem Element „" (plötzlich) des Zeichens. Bald sichtbar, bald verborgen.
xiàng
A. [Subst.] Bild; Form; Grundmuster aller Dinge in Bewegung
Quelle: Grundbedeutung. „Gestalt, Aussehen." Erweitert auf die archetypischen Muster, die von allen Dingen manifestiert werden.
B. [Subst.] Anzeichen; Spur; erstes Zeichen
Quelle: Erweiterte Bedeutung. Schwache Hinweise, die wahrgenommen werden können.
C. [Subst.] Archetypisches Muster; normatives Schema
Quelle: Heshang Gongs Kommentar: „dàowéihuǎngxíngzhīzhōngyǒuwànxiàng" („Das Tao, schattenhaft, unfassbar und formlos, enthält allein in sich die archetypischen Muster aller Dinge").
yǎo
A. [Adj.] Tief; weit und abgelegen
Quelle: Grundbedeutung. „Tief, fern, still."
B. [Adj.] Subtil; so fein, dass es unwahrnehmbar ist
Quelle: Erweiterte Bedeutung. So tief, dass es unwahrnehmbar wird.
míng
A. [Adj.] Dunkel; finster
Quelle: Grundbedeutung. „Dunkel, finster."
B. [Adj.] Zutiefst tief; unergründlich
Quelle: Erweiterte Bedeutung. „Tiefgründig, tief."
jīng
A. [Subst.] Lebensessenz; Quintessenz (das grundlegendste konstitutive Element aller Dinge)
Quelle: Grundbedeutung. „Der reinste Teil einer Substanz."
B. [Subst.] Lebensessenz (jīng) im Kontext der Selbstkultivierung und Lebenspflege
Quelle: Heshang Gongs Kommentar: „zhōngyǒujīngshíshénmíngxiāngbáoyīnyángjiāohuì" („In ihm ist substanzielle Lebensessenz, wo geistige Kräfte aufeinandertreffen und Yin und Yang zusammenfließen").
zhēn
A. [Adj.] Wahr; nicht falsch
Quelle: Grundbedeutung. „Mit den objektiven Tatsachen übereinstimmend."
B. [Adj.] Authentisch; natürlich (nicht künstlich hergestellt)
Quelle: Erweiterte Bedeutung. „Ursprüngliches Wesen, Urquell."
xìn
A. [Subst.] Überprüfbarer Beweis; Beleg
Quelle: Wang Bis Kommentar: „xìnxìnyàn" („xìn bedeutet ‚überprüfbarer Beweis'").
B. [Subst.] Aufrichtigkeit; Treue; untrügliche Zuverlässigkeit
Quelle: Grundbedeutung. „Ehrlich, nicht betrügend."
C. [Subst.] Echte Verlässlichkeit; vertrauenswürdiger Beleg
Quelle: Heshang Gongs Kommentar: „dàogōngcángmíngxìnzàizhōng" („Das Tao verbirgt sein Verdienst und versteckt seinen Namen; seine Verlässlichkeit liegt in seinem Inneren").
míng
A. [Subst.] Name; Bezeichnung (den Namen des Tao bezeichnend)
Quelle: Grundbedeutung.
B. [Subst.] Das Tao selbst (der Name steht für die Sache)
Quelle: Wang Bis Kommentar: „zhìzhēnzhīmíngmíngshìmíng" („Am äußersten Gipfel der Authentizität kann es nicht benannt werden; ‚das Namenlose' ist sein Name").
A. [Verb] Fortgehen; verschwinden
Quelle: Grundbedeutung.
yuè
A. [Verb] Beobachten; prüfen
Quelle: Grundbedeutung. „Ansehen, untersuchen."
B. [Verb] Erfahren; durchlebt haben
Quelle: Erweiterte Bedeutung. „Erfahren haben." Das Tao hat die Geburt aller Dinge miterlebt.
C. [Verb] Verleihen; ausstatten
Quelle: Heshang Gongs Kommentar: „yuèbǐng" („yuè bedeutet ‚verleihen'"). Das Tao stattet alle Dinge aus.
zhòng
A. [Subst.] Die Ursprünge aller Dinge; der Anfang aller Dinge
Quelle: Wang Bis Kommentar: „zhòngzhīshǐ" („zhòng bedeutet ‚der Anfang der Dinge'"). Heshang Gongs Kommentar: „shǐ" („ bedeutet ‚Anfang'").
B. [Subst.] Der Beginn der Vielheit der Dinge
Quelle: Erweiterte Bedeutung. Der ursprüngliche Zustand aller Dinge.
zhuàng
A. [Subst.] Zustand; Beschaffenheit
Quelle: Grundbedeutung. „Lage, Zustand."
A. [Pron.] Dieses (verweisend auf die vorstehende Beschreibung des schattenhaften Tao, das Bilder, Substanz, Essenz und Beweis enthält)
Quelle: Wang Bis Kommentar: „shàngzhīsuǒyún" („‚Dieses' verweist auf das oben Gesagte").
B. [Pron.] Dieses (verweisend auf die gegenwärtige Existenz aller Dinge)
Quelle: Heshang Gongs Kommentar: „jīnjīnwànjiēdàojīngérshēng" („‚Dieses' bedeutet ‚die Gegenwart'. Alle Dinge empfangen jetzt das vitale Qi des Tao und werden geboren").