Übersetzung: Der Allerhöchste (unter den Herrschern) — das Volk unten weiß nur, dass er existiert.
Deutung: Die gängigste traditionelle Auslegung. „太上" bildet ein zusammengesetztes Wort, das den höchsten Rang, den erhabensten Herrscher bezeichnet. Das Volk „weiß nur, dass er existiert" — es fühlt sich ihm weder nahe noch preist es ihn, fürchtet ihn nicht und verachtet ihn nicht — denn dieser Herrscher praktiziert die Regierung des Nicht-Handelns (無為): Er belästigt das Volk nicht, tritt nicht hervor und handelt nicht absichtsvoll. Das Volk lebt in natürlichem Frieden und Zufriedenheit und nimmt den Einfluss des Herrschers kaum wahr.
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „大人在上,居无为之事,行不言之教,万物作焉而不为始,故下知有之而已。" — „Der große Mensch ist oben, verweilt in den Angelegenheiten des Nicht-Handelns, praktiziert die Lehre ohne Worte. Die zehntausend Dinge entstehen, und doch gibt er ihnen keinen Anfang: So wissen die Unteren lediglich, dass er existiert."
Übersetzung: Der Höchste (der namenlose Herrscher des hohen Altertums) — die Unteren wissen, dass er existiert (dienen ihm aber nicht nach den Riten der Untertanenschaft).
Deutung: Heshanggong identifiziert „太上" als den namenlosen Herrscher der Urzeit — die Weisenkönige der alten Zeit, als die Sitten einfach und rein waren. Das Volk wusste, dass ein Herrscher existierte, brauchte ihm aber nicht mit aufwendigen Untertanenritualen zu dienen. Es handelt sich um eine historisierende Lesart, die die ideale Regierung in ein fernes Goldenes Zeitalter verlegt.
Ähnliche Ansichten: Heshanggong: „太上,谓太古无名之君。下知有之者,下知上有君,而不臣事,质朴也。" — „Der Höchste bezeichnet den namenlosen Herrscher des hohen Altertums. Dass die Unteren wissen, dass er existiert, bedeutet: Sie wissen, dass es einen Herrscher oben gibt, aber dienen ihm nicht als Untertanen — so schlicht waren sie."
Übersetzung: Der große Mensch, der die obere Stellung einnimmt — das Volk unten weiß (nur), dass er existiert.
Deutung: Wang Bi deutet „太上" als „der große Mensch oben" (大人在上) — die größte Persönlichkeit in der höchsten Position. Sein besonderer Beitrag liegt in der Betonung der „Folgsamkeit" (言从上也): Das Volk ist sich der Existenz des Herrschers durchaus bewusst, folgt ihm aber natürlich und von selbst — ohne Zwang, ohne Widerstand. Die Regierung vollzieht sich so lautlos und unausweichlich wie ein Naturgesetz.
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „大上,谓大人也。大人在上,故曰大上。" — „Der große Höchste bezeichnet den großen Menschen. Der große Mensch ist oben, daher der Ausdruck ‚großer Höchster'."
Übersetzung: Der höchste Grad (der Selbstkultivierung) — die anderen wissen nur, dass diese Person existiert.
Deutung: Nicht auf den politischen Bereich beschränkt, kann dieser Abschnitt auch als der höchste Grad der persönlichen Kultivierung gelesen werden — ein Mensch, der das Tao (道) wahrhaft erlangt hat, brüstet sich nicht und stellt seine Fähigkeiten unter den Menschen nicht zur Schau. Die Leute wissen nur, dass er existiert, nehmen aber nicht wahr, dass er etwas Besonderes getan hat. Dies findet seinen Widerhall in der Beschreibung des Kapitels 15: „diejenigen, die im Altertum geschickt waren, das Tao zu praktizieren".
Ähnliche Ansichten: Spiegelt die Darstellung dessen, der das Tao erlangt hat, in Kapitel 15 wider.
Übersetzung: Der Nächstbeste (Herrscher) — das Volk fühlt sich ihm nahe und preist ihn.
Deutung: Die verbreitetste Auslegung. Dieser Herrscher „errichtet Tugend und spendet Güte" (Wang Bis Worte), übt Wohlwollen und Gerechtigkeit und verteilt Wohltaten, sodass das Volk seine tugendhafte Regierung wahrnimmt. Es fühlt sich ihm daher nahe und preist ihn. Obwohl die Ergebnisse ausgezeichnet sind, sind im Vergleich zum „Höchsten" bereits Spuren des „absichtsvollen Handelns" (有為) aufgetreten — die Handlungen des Herrschers sind dem Volk wahrnehmbar geworden.
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „不能以无为居事,不言为教,立善行施,使下得亲而誉之也。" — „Nicht fähig, in den Angelegenheiten durch Nicht-Handeln zu verweilen oder durch Nicht-Reden zu lehren, errichtet er Tugend und spendet Güte, sodass die Unteren sich ihm nahe fühlen und ihn preisen."
Übersetzung: Der Nächstbeste — das Volk schließt sich ihm aus Dankbarkeit an und rühmt ihn.
Deutung: „亲" wird im Sinne von „sich anschließen, sich unterordnen" verstanden. Diese Lesart betont die kausale Kette: Der Herrscher spendet Güte → das Volk empfindet Dankbarkeit → es schließt sich ihm daher an und rühmt ihn. Dies ist keine spontane Regierung mehr, sondern eine durch „Geben und Empfangen" strukturierte Regierung. Sobald ein Rahmen von „Gnadenerweisen" und „Dankbarkeit" existiert, hat man sich bereits vom Nicht-Handeln (無為) des „Höchsten" entfernt.
Ähnliche Ansichten: Heshanggong: „其德可见,恩惠可称,故亲爱而誉之。" — „Seine Tugend ist sichtbar, seine Güte lobenswert; darum lieben sie ihn und preisen ihn."
Übersetzung: Der Nächstbeste — das Volk fühlt sich ihm nahe, und er erlangt dadurch einen guten Ruf.
Deutung: „誉" wird im substantivischen Sinne von „Ruf, Ansehen" verstanden. Obwohl der Herrscher die Herzen des Volkes gewinnen und einen guten Namen erlangen kann, ist „Ruhm" (名) selbst ein Produkt des „absichtsvollen Handelns" — Laozi hat bereits in Kapitel 2 festgestellt, dass „wenn alle unter dem Himmel das Schöne als schön erkennen, das Hässliche bereits entstanden ist" (天下皆知美之为美,斯恶已). Die bloße Existenz eines „guten Rufes" impliziert Unterscheidung und entfernt einen Schritt weiter vom wahren Tao.
Ähnliche Ansichten: Entspricht dem dialektischen Denken in Kapitel 2: „天下皆知美之为美,斯恶已" — „Wenn alle unter dem Himmel das Schöne als schön erkennen, ist das Hässliche bereits entstanden."
Übersetzung: Noch niedriger — das Volk fürchtet ihn.
Deutung: Die verbreitetste Auslegung. Dieser Herrscher kann das Volk nicht durch Güte gewinnen und kann seine Herrschaft nur durch die Stütze von Autorität und Strafe aufrechterhalten. Das Volk gehorcht aus Furcht. Die Ordnung wird aufrechterhalten, aber nur durch Zwangsgewalt und nicht durch natürliche Ergebenheit.
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „不能复以恩仁令物,而赖威权也。" — „Nicht mehr fähig, die Dinge durch Gnade und Güte zu lenken, stützt er sich auf Autorität und Macht." Heshanggong: „设刑法以治之。" — „Er errichtet das Strafrecht, um sie zu regieren."
Übersetzung: Noch niedriger — das Volk begegnet ihm mit Ehrfurcht.
Deutung: „畏" wird im Sinne von „Ehrfurcht" verstanden, mit einer Komponente des Respekts. Diese Lesart ist etwas milder — obwohl der Herrscher strenge Maßnahmen einsetzt, bewahrt das Volk einen gewissen Respekt vor ihm; nur gründet dieser Respekt auf Furcht. Dies kann dem legalistischen Ideal des „erleuchteten Herrschers" (明主) entsprechen — in Besitz sowohl von Autorität als auch Gnade, aber bereits weit vom daoistischen Ideal des Nicht-Handelns (無為) entfernt.
Ähnliche Ansichten: Das positive Verständnis von „畏" (Ehrfurcht) im legalistischen Konzept des „erleuchteten Herrschers" (明主).
Übersetzung: Der Schlechteste — das Volk verachtet und verhöhnt ihn.
Deutung: Die grundlegendste Auslegung. Der Herrscher hat seine moralische Legitimität vollständig verloren; das Volk verachtet ihn aus tiefstem Herzen. Dies ist die niedrigste Stufe der Regierung — selbst die Zwangsgewalt kann nicht mehr aufrechterhalten werden, und der Herrscher wird zum Gegenstand des Spotts. Dies ist der letzte der vier Ränge.
Ähnliche Ansichten: Das Kapitel insgesamt stellt eine absteigende Folge von vier Rängen der Herrscher dar.
Übersetzung: Der Schlechteste — das Volk betrügt und täuscht ihn.
Deutung: „侮" wird im Sinne von „betrügen, täuschen" verstanden (Lesart Heshanggongs). Der Herrscher regiert durch listige Kniffe und erlässt übermäßig viele Verbote; das Volk lernt, ihnen auszuweichen und ihn zu betrügen. Dies ist ein wechselseitiger Verfall — der Herrscher behandelt das Volk mit List, und das Volk antwortet in gleicher Weise, was einen Teufelskreis erzeugt.
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „以智治国,下知避之,其令不从,故曰侮之也。" — „Regiert er den Staat durch Pfiffigkeit, lernen die Unteren auszuweichen; seine Befehle werden nicht befolgt — daher ‚sie verhöhnen ihn'." Heshanggong: „禁多令烦,不可归诚,故欺侮之。" — „Verbote sind zahlreich und Erlasse lästig; Aufrichtigkeit kann nicht wiederhergestellt werden, darum betrügen und verhöhnen sie ihn."
Übersetzung: (Die) Vertrauenswürdigkeit (des Herrschers) ist ungenügend, ach — und so entsteht Misstrauen, ach.
Deutung: Wang Bi interpunktiert als „信不足焉,有不信焉" (die Vertrauenswürdigkeit ist ungenügend, daher gibt es Misstrauen). Dieser Satz folgt der vorangegangenen Erörterung der vier Herrscher-Ränge und identifiziert, warum die Situationen des „Fürchtens" und „Verachtens" eintreten — die Ursache liegt in der mangelnden Vertrauenswürdigkeit des Herrschers selbst. Wang Bi führt weiter aus: „辅物失真则疵衅作" — wenn die Lenkung der Dinge ihre Echtheit verliert, brechen Mängel und Konflikte aus. Sobald die Regierung ihr wahrhaftiges Wesen verliert, ist der Zusammenbruch des Vertrauens eine natürliche Folge.
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „信不足焉,则有不信,此自然之道也。已处不足,非智之所齐也。" — „Wenn die Vertrauenswürdigkeit ungenügend ist, folgt Misstrauen — dies ist der natürliche Weg. Ist man einmal im Zustand des Mangels, kann keine Klugheit dies beheben."
Übersetzung: Wenn das Vertrauen des Herrschers (gegenüber seinen Untertanen) unzureichend ist, antwortet das Volk mit Misstrauen.
Deutung: Heshanggong betont besonders die Wechselseitigkeit: Wenn der Herrscher seinen Untertanen nicht mit Vertrauen begegnet, antworten diese mit Misstrauen und sogar Betrug. Vertrauen ist ein Spiegel — was man gibt, empfängt man. Diese Auslegung verdeutlicht die Symmetrie der Vertrauensbeziehung.
Ähnliche Ansichten: Heshanggong: „君信不足于下,下则应之以不信,而欺其君也。" — „Wenn das Vertrauen des Herrschers gegenüber den Unteren unzureichend ist, antworten sie mit Misstrauen und betrügen ihren Herrscher."
Übersetzung: (Wenn die) Vertrauenswürdigkeit (des Herrschers) unzureichend ist, hört der Geist des Vertrauens in der Gesellschaft auf zu existieren.
Deutung: Das abschließende „不信" wird als Substantiv verstanden, das den allgemeinen Zustand der Vertrauenswürdigkeit in der Gesellschaft bezeichnet. Diese Auslegung betrachtet das Problem aus soziologischer Perspektive: Der Mangel an Vertrauenswürdigkeit des Herrschers führt nicht nur zum Verlust des persönlichen Vertrauens, sondern zerstört das gesamte gesellschaftliche Kreditsystem. Es ist eine systemische Auflösung — von oben nach unten ist der Zusammenbruch des Vertrauens eine Kettenreaktion.
Ähnliche Ansichten: Identisch mit dem Ausdruck „信不足焉,有不信焉" in Kapitel 23, was ein textuelles Echo (互文) bildet.
Übersetzung: Wenn die Vertrauenswürdigkeit unzureichend ist — wie sollte es Vertrauen geben können?
Deutung: Das erste „焉" wird als Interrogativum „wie" gelesen: „焉有不信焉" bedeutet entweder „wie könnte es kein Misstrauen geben?" (rhetorische Frage = es wird gewiss Misstrauen geben) oder alternativ „wie könnte es einen Grund geben, vertrauenswürdig zu sein?". Diese Interpunktion verwandelt den gesamten Satz in eine rhetorische Frage — wenn man selbst nicht aufrichtig ist, wie kann man erwarten, dass andere einem vertrauen?
Ähnliche Ansichten: Diskussionen einiger Philologen zur Interpunktion von „焉".
Übersetzung: Gelassen und besonnen — er schätzt seine Worte (und gibt nicht leichtfertig Befehle).
Deutung: Die verbreitetste Auslegung. „悠" beschreibt das gelassene und besonnene Wesen des höchsten Herrschers; „贵言" bedeutet, die Worte zu schätzen, nicht leichtfertig zu sprechen. Dies steht im Einklang mit „die Lehre ohne Worte praktizieren" (行不言之教) — der beste Herrscher ist nicht derjenige, der viel redet, sondern derjenige, der sparsam spricht und wenige Befehle erteilt und die Dinge ihren natürlichen Lauf nehmen lässt. Gerade weil er seine Worte schätzt, „finden seine Worte stets Antwort" (Wang Bi: 言必有应) — jedes Wort hat Gewicht.
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „无物可以易其言,言必有应,故曰悠兮其贵言也。" — „Nichts kann seine Worte verändern; seine Rede findet stets Antwort — daher ‚gelassen, schätzt er seine Worte'."
Übersetzung: Behutsam und bedächtig — er schätzt seine Worte mit großer Sorgfalt.
Deutung: Heshanggongs Text liest „犹兮" (yóu xī); „犹" trägt die Bedeutung des Zögerns und der Vorsicht. Der höchste Herrscher handelt mit bedachter Vorsicht (nicht Unentschlossenheit, sondern gründliches Durchdenken), schätzt seine Worte mit größter Sorgfalt, aus Furcht, vom Tao abzuweichen oder den Zustand der Natürlichkeit zu verlieren. „犹" betont eine umsichtige Haltung.
Ähnliche Ansichten: Heshanggong: „说太上之君,举事犹,贵重于言,恐离道失自然也。" — „Vom höchsten Herrscher sprechend: Er handelt mit Bedacht und schätzt seine Worte, aus Furcht, vom Tao abzuweichen und die Natürlichkeit zu verlieren." Gleiche Verwendung wie „犹兮若畏四邻" in Kapitel 15.
Übersetzung: (Sein Sinn ist) tiefgründig und weitreichend; er schätzt seine Lehrenworte.
Deutung: „悠" wird im Sinne von „tiefgründig und weitreichend" verstanden; „言" im Sinne von „Lehrenworte, Belehrungen". Diese Auslegung betont die unergründliche Tiefe des höchsten Herrschers — jedes Wort, das er spricht, ist eingehend durchdacht und trägt eine weitreichende erzieherische Bedeutung. Gerade weil es so tiefgründig ist, spricht er nicht leichtfertig; wenn er spricht, trifft jedes Wort ins Herz der Sache.
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „自然,其端兆不可得而见也,其意趣不可得而覩也。" — „Die Natürlichkeit: Ihre ersten Anzeichen können nicht wahrgenommen werden, ihr Sinn und ihre Absicht können nicht erblickt werden."
Übersetzung: Gelassen und unbefangen — seine Worte sind selten und kostbar.
Deutung: „贵" wird als Adjektiv „kostbar, selten" verstanden. Die Gelassenheit des höchsten Herrschers rührt daher, dass er nicht häufig Befehle erteilen muss — gerade weil seine Worte selten sind, ist jedes einzelne von unschätzbarem Wert. Seine Wortkargheit entsteht nicht aus dem Fehlen von Dingen, die zu sagen wären, sondern weil die zehntausend Dinge sich bereits durch das Nicht-Handeln von selbst wandeln und Worte überflüssig machen.
Ähnliche Ansichten: Im Einklang mit Laozis Spruch „seltene Worte sind dem Natürlichen gemäß" (希言自然) in Kapitel 23.
Übersetzung: Wenn die Verdienste vollendet und die Angelegenheiten erfolgreich abgeschlossen sind, sagt das Volk: „Wir sind schon immer so gewesen" (es ist natürlicherweise so).
Deutung: Die gängigste und tiefgründigste Auslegung. „自然" wird zerlegt in „自+然" — „von sich selbst so", „natürlicherweise so". Der höchste Herrscher praktiziert die Regierung des Nicht-Handelns (無為); nach Vollendung der Verdienste und Abschluss der Angelegenheiten bleibt das Volk völlig unwissend über jeglichen regierenden Einfluss und nimmt an, alle guten Dinge seien natürlich geschehen, von ihnen selbst vollbracht. Dies ist der höchste Bereich der Regierung des Nicht-Handelns — das Verdienst wird vollständig unsichtbar, dem Volk selbst zugeschrieben.
Ähnliche Ansichten: Heshanggong: „百姓不知君上之德淳厚,反以为己自当然也。" — „Das Volk erkennt nicht, dass die Tugend seines Herrschers tief und reichhaltig ist; im Gegenteil, es hält es für selbstverständlich." Wang Bi: „故功成事遂,而百姓不知其所以然也。" — „So werden die Verdienste vollendet und die Angelegenheiten abgeschlossen, und doch weiß das Volk nicht, warum es so ist."
Übersetzung: Wenn das Werk vollbracht und die Angelegenheiten reibungslos verlaufen, glaubt das Volk, es habe dies selbst getan.
Deutung: „谓" wird im Sinne von „glauben, meinen" verstanden; „自" im Sinne von „selbst". Diese Auslegung betont stärker die „Selbstzuschreibung" des Volkes — es glaubt aufrichtig, die Errungenschaften seien ihre eigenen und kein Geschenk des Herrschers. Für den Herrscher ist dies der größte Erfolg: Man hat alles getan, aber niemand weiß, dass man es war; jeder glaubt, es sei seine eigene Fähigkeit gewesen.
Ähnliche Ansichten: Heshanggong: „反以为己自当然也。" — „Im Gegenteil, sie halten es für selbstverständlich." Betonung der Selbstwahrnehmung des Volkes.
Übersetzung: Wenn die Verdienste vollendet und die Angelegenheiten abgeschlossen sind, sagt das Volk, dies sei „Natürlichkeit" (ein spontanes und natürliches Ergebnis).
Deutung: „自然" wird ganzheitlich als ein Kernbegriff in Laozis Philosophie verstanden — nicht in „selbst + so" zerlegt, sondern als der philosophische Terminus „Natürlichkeit" (zìrán) aufgefasst. Was das Volk wahrnimmt, ist eine spontane und harmonische Ordnung, frei von jeder Spur künstlicher Machenschaften. Dies bildet ein Echo zu Kapitel 25: „das Tao richtet sich nach der Natürlichkeit" (道法自然) — die höchste Regierung ist eine Rückkehr zur Natürlichkeit.
Ähnliche Ansichten: Bildet eine Rahmenstruktur mit Kapitel 25: „人法地,地法天,天法道,道法自然" — „Der Mensch richtet sich nach der Erde, die Erde richtet sich nach dem Himmel, der Himmel richtet sich nach dem Tao, und das Tao richtet sich nach der Natürlichkeit."
Übersetzung: Wenn die Verdienste vollendet und die Angelegenheiten abgeschlossen sind, sagt das Volk: „Das ist das Ergebnis der Natürlichkeit (des Nicht-Handelns) unseres Herrschers."
Deutung: Eine Minderheit von Gelehrten versteht „我" (ich/wir) als den Herrscher — das Volk erkennt die Errungenschaften als Produkt der „Natürlichkeit" (zìrán) des Herrschers, seiner Regierung des Nicht-Handelns (無為). Diese Auslegung ist das Gegenteil der vorherrschenden: Das Volk ist sich des Beitrags des Herrschers durchaus bewusst und versteht ihn als seinen natürlich nicht-interventionistischen Stil. Diese Lesart ist logisch schwächer, da sie mit dem Ton des einleitenden Satzes „下知有之" (die Unteren wissen nur, dass er existiert) in Widerspruch steht.
Ähnliche Ansichten: Eine alternative Lesart einer kleinen Zahl von Kommentatoren.
Übersetzung: Wenn die Verdienste vollendet und die Angelegenheiten abgeschlossen sind, sagt das Volk: „Wir sind von Natur aus schon immer so gewesen."
Deutung: Dieser Satz ist die Pointe des gesamten Kapitels und bildet eine Klammer mit dem Eingangssatz „太上,下知有之" (Der höchste Herrscher — die Unteren wissen nur, dass er existiert). Die absteigende Folge der vier Herrscher-Ränge — nur gewusst → gelobt → gefürchtet → verachtet — zeichnet einen Weg vom Nicht-Handeln zum absichtsvollen Handeln, von der Übereinstimmung mit dem Tao zur Abkehr vom Tao. Das Kapitel schließt mit der Rückkehr zum Ideal des „Höchsten" und bietet „百姓皆谓我自然" (das Volk sagt, wir seien natürlicherweise so) als den ultimativen Maßstab der Regierung des Nicht-Handelns. Die politische Philosophie des Kapitels lässt sich folgendermaßen zusammenfassen: Die höchste Form der Regierung ist diejenige, bei der das Volk nicht spürt, dass es regiert wird.
Ähnliche Ansichten: Querverweise mit Kapitel 2: „是以圣人处无为之事,行不言之教" — „Deshalb verweilt der Weise in den Angelegenheiten des Nicht-Handelns und praktiziert die Lehre ohne Worte"; und Kapitel 57: „我无为而民自化" — „Ich praktiziere Nicht-Handeln, und das Volk wandelt sich von selbst."
Dieses Kapitel enthält 24 Deutungskombinationen.
[Kerndifferenzen]
Kapitel 17 ist eines der klassischen Kapitel von Laozis politischer Philosophie. Durch die absteigende Folge der vier Herrscher-Ränge — nur gewusst, gelobt, gefürchtet, verachtet — konstruiert es ein Regierungsspektrum, das vom Nicht-Handeln zum absichtsvollen Handeln, von der Übereinstimmung mit dem Tao zur Abkehr vom Tao reicht. Die Struktur des Kapitels ist streng: zunächst die Aufzählung der vier Ränge (Sätze 1-4), dann die Enthüllung der tieferen Ursache des Verfalls (Satz 5: unzureichende Vertrauenswürdigkeit), sodann die Rückkehr zum Porträt des höchsten Herrschers (Satz 6: „gelassen, schätzt er seine Worte"), und schließlich „das Volk sagt, wir seien natürlicherweise so" als ultimativer Maßstab der Regierung des Nicht-Handelns. Die Kerndifferenzen sind: (1) Wang Bis und Heshanggongs unterschiedliche Identifizierungen von „太上" — Wang Bi sieht darin „den großen Menschen in der oberen Stellung" (einen philosophischen Idealtypus), während Heshanggong darin „den namenlosen Herrscher des hohen Altertums" (ein historisches Goldenes Zeitalter) sieht, was zwei verschiedene exegetische Ansätze widerspiegelt: den metaphysischen (Xuanxue) und den klassizistischen (Jingxue); (2) die textuelle Divergenz zwischen „悠" und „犹" gestaltet unmittelbar das Porträt des geistigen Charakters des höchsten Herrschers — Gelassenheit versus Vorsicht, scheinbar gegensätzlich, tatsächlich aber einander ergänzend; (3) der Schlusssatz „百姓皆谓我自然" ist die Seele des Kapitels und die ultimative Bestätigung der Politik des Nicht-Handelns — die beste Regierung ist diejenige, deren Nutznießer sich ihrer gar nicht bewusst sind. Dieser Gedanke findet ein bemerkenswertes Echo im modernen Managementprinzip, dass „der beste Führer derjenige ist, der das Team das Gefühl hat, die Erfolge seien ihre eigenen". Das Kapitel bildet ein intertextuelles Netzwerk mit Kapitel 2 (Theorie des Nicht-Handelns), Kapitel 23 (seltene Worte sind dem Natürlichen gemäß; unzureichende Vertrauenswürdigkeit) und Kapitel 57 (ich praktiziere Nicht-Handeln und das Volk wandelt sich von selbst).