Tao Te Ching Kapitel 15: Der vollständige Kommentar

Der folgende Inhalt bietet eine multiperspektivische Tiefenanalyse jedes Satzes dieses Kapitels, die traditionelle Kommentare, philologische Analysen, philosophische Interpretationen und weitere Dimensionen umfasst. Grundtext: Wang Bis Kommentar zum Daode Zhenjing, Ausgabe des Zhengtong Daozang
Die „Kombination"-Bezeichnung jeder Deutung folgt dem Format „Zeichen + Bedeutungsnummer" (z.B. „dàoC-A"), d.h. diese Deutung verwendet Bedeutung C von „dào" und Bedeutung A von „". Das vollständige Glossar finden Sie am Ende dieses Kapitels: [Anhang: Glossar der Schlüsselzeichen].

[Satz 1] zhīshànwèishìzhěwēimiàoxuántōngshēnshí。(Die geschickten Praktizierenden des Tao in alter Zeit waren fein, wundersam, tiefgründig und durchdringend — so unergründlich, dass man sie nicht erkennen konnte.)

Kapitel 15 · Satz 1: zhīshànwèishìzhěwēimiàoxuántōngshēnshí

[Deutung 1] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: A-shànA-wèiA-shìA-wēiA-miàoA-xuánA-tōngA-shēnA-A-A-shíB
Übersetzung: In alter Zeit waren jene, die im Praktizieren des Tao (dào) bewandert waren, fein und wundersam, tiefgründig und durchdringend — so unergründlich, dass man sie nicht ermessen konnte.
Deutung: Die gängigste Deutung. „shì" (shì) bezeichnet die Praktizierenden des Tao. Die vier Zeichen „wēimiàoxuántōng" beschreiben gemeinsam die geistige Sphäre des Tao-Verwirklichten: fein, wundersam, geheimnisvoll und durchdringend. „shēnshí" — ihre Tiefe ist unermesslich. Heshang Gong (shànggōng) kommentiert: „zhìjiéxuánmiàojīngtiāntōngdàoshēnyuǎnshízhī" — „Ihre Bestrebungen sind geheimnisvoll und wundersam; ihr Wesen kommuniziert mit dem Himmel. Ihre Tugend und das Tao sind tief und weitreichend, jenseits aller Erkenntnis."
Ähnliche Ansichten: Heshang Gong: „xuántiānyánzhìjiéxuánmiàojīngtiāntōngdàoshēnyuǎnshízhī" — „Xuan bedeutet Himmel. Das heißt, ihre Bestrebungen sind geheimnisvoll und wundersam; ihr Wesen kommuniziert mit dem Himmel. Ihre Tugend und das Tao sind tief und weitreichend, jenseits aller Erkenntnis."
Kapitel 15 · Satz 1: zhīshànwèishìzhěwēimiàoxuántōngshēnshí

[Deutung 2] Traditionell · Mittlere Glaubwürdigkeit

Kombination: A-shànA-wèiB-shìB-wēiB-miàoA-xuánA-tōngA-shēnA-A-A-shíA
Übersetzung: In alter Zeit waren jene, die sich als Gelehrte bewährten, verborgen und wundersam, tief durchdringend — so unergründlich, dass man sie nicht erkennen konnte.
Deutung:wèishì" wird als „als Gelehrter wirken" verstanden, „wēi" als „verborgen". Der Schwerpunkt liegt darauf, dass der Tao-Verwirklichte äußerlich gewöhnlich erscheint, seine Fähigkeiten verbirgt und tief verborgen bleibt. Andere sehen nur sein Gewöhnliches, nicht seine Tiefgründigkeit. Diese Deutung betont die Lebensweisheit des Adepten im „Verbergen des Lichts und Nähren in der Verborgenheit".
Ähnliche Ansichten: Heshang Gong: „nèishìruòmángfǎntīngruòlóngzhīsuǒzhǎng" — „Nach innen schauend wie blind, nach innen hörend wie taub — niemand kennt ihre Stärken."
Kapitel 15 · Satz 1: zhīshànwèishìzhěwēimiàoxuántōngshēnshí

[Deutung 3] Neuartig · Geringe Glaubwürdigkeit

Kombination: B-shànA-wèiA-shìC-wēiA-miàoA-xuánB-tōngB-shēnA-A-A-shíB
Übersetzung: In der fernen Urzeit waren jene, die geschickt in der Führung der Geschäfte waren, fein und wundersam, in Verbindung mit dem Weg des Himmels — so tiefgründig, dass man sie nicht ermessen konnte.
Deutung:" wird als „weit zurückliegend" verstanden, „shì" als Lehnzeichen für „shì" (Geschäfte), „xuán" als „Himmel" und „tōng" als „in Verbindung stehen mit". Diese Deutung betont, dass die Menschen der Urzeit Geschäfte mit Feinheit führten, ihr Geist mit dem Weg des Himmels in Verbindung stand und ihre Tiefe jenseits aller Ermessung lag.
Ähnliche Ansichten: Heshang Gong: „jīngtiāntōng" — „Ihr Wesen kommuniziert mit dem Himmel."

[Satz 2] wéishíqiángwèizhīróng。(Eben weil man sie nicht ergründen konnte, kann man nur versuchen, ihr Erscheinungsbild zu beschreiben.)

Kapitel 15 · Satz 2: wéishíqiángwèizhīróng

[Deutung 1] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: A-wéiA-qiángA-wèiA-zhīA-róngB
Übersetzung: Eben weil sie unergründlich waren, kann man sie nur notdürftig beschreiben.
Deutung: Die gängigste Deutung. „qiáng" wird als „notdürftig, mit Mühe" verstanden, „róng" als „beschreiben". Die Sphäre des Tao-Verwirklichten ist zu tief, als dass die Sprache sie vollständig erfassen könnte; man kann daher nur widerstrebend Gleichnisse verwenden, um sie darzustellen. Dieser Satz dient als Einleitung zu den folgenden sieben Gleichnissen.
Ähnliche Ansichten: Sowohl Wang Bi (wáng) als auch Heshang Gong betrachten diesen Satz als Rahmen für die folgenden sieben Gleichnisse.
Kapitel 15 · Satz 2: wéishíqiángwèizhīróng

[Deutung 2] Neuartig · Mittlere Glaubwürdigkeit

Kombination: A-wéiA-qiángB-wèiB-zhīA-róngA
Übersetzung: Eben weil man sie nicht ermessen konnte, bemüht man sich nach Kräften, ihre Erscheinung und Haltung zu portraitieren.
Deutung:qiáng" wird als „mit aller Kraft, nach Kräften" verstanden, „róng" als „Erscheinung". Diese Deutung bedeutet nicht „widerstrebend" (mit einem Ton bescheidener Unzulänglichkeit), sondern „nach Kräften" (mit einer Haltung aktiven Bemühens). Laozi wendet seine ganze Kraft auf, um mit Worten das Wesen des Tao-Verwirklichten einzufangen.
Ähnliche Ansichten: Eine positive Lesart, die von einigen modernen Gelehrten bevorzugt wird.

[Satz 3] ruòdōngshèchuān;(Vorsichtig und zögernd, wie beim Durchqueren eines Flusses im Winter;)

Kapitel 15 · Satz 3: ruòdōngshèchuān

[Deutung 1] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: A-ruòA-dōngA-shèA-chuānA
Übersetzung: Vorsichtig und bedächtig, wie beim Überqueren eines zugefrorenen Flusses im Winter.
Deutung: Die gängigste Deutung. „" wird als „zögernd, vorsichtig" verstanden. Im Winter ist die Flussoberfläche zugefroren; wer sie durchwatet, weiß nicht, ob das Eis dick oder dünn ist, weshalb jeder Schritt ein Versuch ist — zitternd vor Befangenheit. Der Tao-Verwirklichte handelt mit eben solcher Vorsicht und wagt niemals unbesonnen zu sein. Wang Bi (wáng) kommentiert: „dōngzhīshèchuānránruòruòqíngjiànzhīmào" — „Beim Überqueren eines Flusses im Winter zögert man, als wolle man überqueren und zugleich nicht überqueren — ein Erscheinungsbild, dessen wahre Gefühle nicht erkennbar sind."
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „dōngzhīshèchuānránruòruòqíngjiànzhīmào" — „Beim Überqueren eines Flusses im Winter zögert man, als wolle man überqueren und zugleich nicht — ein Erscheinungsbild, dessen wahre Gefühle nicht erkennbar sind."
Kapitel 15 · Satz 3: ruòdōngshèchuān

[Deutung 2] Neuartig · Mittlere Glaubwürdigkeit

Kombination: B-ruòA-dōngA-shèA-chuānA
Übersetzung: Im Voraus wachsam, so vorsichtig wie beim Überqueren eines Flusses im Winter.
Deutung:" wird als Lehnzeichen für „" (vorausschauend) gelesen, im Sinne von vorbereitend und wachsam. Der Tao-Verwirklichte plant für alle Eventualitäten voraus und trifft im Vorfeld Vorkehrungen, so wie man das Eis erkundet und prüft, bevor man einen Fluss im Winter überquert.
Ähnliche Ansichten: Heshang Gong: „shìzhéjiāzhòngshènxīnnánzhī" — „Bei der Durchführung von Angelegenheiten übt man stets besondere Vorsicht. Dem Herzen fällt es schwer."

[Satz 4] yóuruòwèilín;(Wachsam und auf der Hut, wie in Furcht vor Angriffen von allen Seiten;)

Kapitel 15 · Satz 4: yóuruòwèilín

[Deutung 1] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: yóuA-ruòA-wèiA-A-línA
Übersetzung: Wachsam und aufmerksam, als würde man sich gegen Angriffe der Nachbarstaaten von allen vier Seiten wappnen.
Deutung:yóu" wird als „unschlüssig und unsicher" verstanden, „lín" als „die vier Nachbarstaaten". Wang Bi (wáng) kommentiert: „língōngzhōngyāngzhīzhǔyóuránzhīsuǒxiàngzhěshàngzhīrénduānzhàojiànyóu" — „Wenn vier Nachbarn gemeinsam angreifen, zögert der Herrscher in der Mitte und weiß nicht, wohin er sich wenden soll. Ein Mensch höchster Tugend ist ebenso — seine Vorzeichen sind nicht zu erkennen, seine tugendhaften Absichten nicht wahrzunehmen." Der Tao-Verwirklichte hält stets Wachsamkeit aufrecht und zeigt niemals seine Schärfe.
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „língōngzhōngyāngzhīzhǔyóuránzhīsuǒxiàngzhě" — „Wenn vier Nachbarn gemeinsam angreifen, zögert der Herrscher in der Mitte und weiß nicht, wohin er sich wenden soll."
Kapitel 15 · Satz 4: yóuruòwèilín

[Deutung 2] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: yóuA-ruòA-wèiB-A-línB
Übersetzung: Zögernd und vorsichtig, als zeige man Ehrfurcht vor allen Nachbarn ringsum.
Deutung: Deutung von Heshang Gong. „wèi" wird als „Ehrfurcht zeigen" verstanden, „lín" als „Nachbarn". Wie jemand, der das Gesetz gebrochen hat und fürchtet, dass die Nachbarn es erfahren, handelt der Tao-Verwirklichte mit Zurückhaltung und Ehrerbietung und wagt niemals, sich gehen zu lassen. Heshang Gong kommentiert: „jìn退tuìyóuyóuzhìruòrénfànwèilínzhīzhī" — „Sein Vor- und Zurückgehen ist so zurückhaltend, als stünde er unter Zwang, wie jemand, der das Gesetz gebrochen hat und fürchtet, dass die Nachbarn es erfahren."
Ähnliche Ansichten: Heshang Gong: „jìn退tuìyóuyóuzhìruòrénfànwèilínzhīzhī" — „Sein Vor- und Zurückgehen ist so zurückhaltend, als stünde er unter Zwang, wie jemand, der das Gesetz gebrochen hat und fürchtet, dass die Nachbarn es erfahren."

[Satz 5] yǎnruòróng;(Feierlich und würdevoll, wie ein Gast;)

Kapitel 15 · Satz 5: yǎnruòróng

[Deutung 1] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: yǎnA-A-ruòA-róngB
Übersetzung: Würdevoll und ehrerbietig, so höflich wie ein Gast.
Deutung:róng" ist ein Lehnzeichen für „" (Gast) (einige Ausgaben schreiben direkt „"). Der Tao-Verwirklichte geht mit anderen um wie ein Gast — niemals überschreitend, niemals anmaßend, stets eine demütige Haltung bewahrend. Heshang Gong kommentiert: „wèizhǔrényǎnránsuǒzàozuò" — „Wie ein Gast, der dem Gastgeber Ehrerbietung zeigt, feierlich und ohne Verstellung."
Ähnliche Ansichten: Heshang Gong: „wèizhǔrényǎnránsuǒzàozuò" — „Wie ein Gast, der dem Gastgeber Ehrerbietung zeigt, feierlich und ohne Verstellung."
Kapitel 15 · Satz 5: yǎnruòróng

[Deutung 2] Neuartig · Geringe Glaubwürdigkeit

Kombination: yǎnB-A-ruòA-róngA
Übersetzung: Aufrecht und gefasst, eine ehrfürchtige Haltung zeigend.
Deutung:yǎn" wird als „aufrecht, geordnet" verstanden, „róng" als „Haltung, Gebaren". Diese Deutung liest „ruòróng" als „eine ehrfürchtige Haltung zeigend" statt als Vergleich. Der Tao-Verwirklichte ist äußerlich aufrecht und gefasst, sein Auftreten natürlich ehrerbietig ohne jede bewusste Anstrengung.
Ähnliche Ansichten: Grammatisch wird „ruò" als „so/derart" gelesen statt als „wie".

[Satz 6] huànruòbīngzhījiāngshì;(Sich auflösend und frei, wie Eis, das kurz vor dem Schmelzen steht;)

Kapitel 15 · Satz 6: huànruòbīngzhījiāngshì

[Deutung 1] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: huànB-ruòA-bīngA-jiāngA-shìA
Übersetzung: Offen und ungezwungen, wie Eis, das kurz vor dem Schmelzen steht.
Deutung: Die häufigste Deutung. In dem Moment, in dem das Eis kurz vor dem Schmelzen steht, aber noch nicht vollständig geschmolzen ist, beginnt seine starre Hülle sich zu erweichen und aufzulösen — der Tao-Verwirklichte ist zwar äußerlich würdevoll, aber innerlich frei und sanft. Alle Starrheit, Steifheit und Voreingenommenheit lösen sich allmählich auf.
Ähnliche Ansichten: Heshang Gong: „huànzhějiěsànshìzhěxiāowángchúqíngkōng" — „Huan bedeutet sich zerstreuen. Shi bedeutet vergehen. Leidenschaften beseitigen und Begierden aufgeben, von Tag zu Tag leerer werdend."
Kapitel 15 · Satz 6: huànruòbīngzhījiāngshì

[Deutung 2] Traditionell · Mittlere Glaubwürdigkeit

Kombination: huànA-ruòA-bīngA-jiāngA-shìB
Übersetzung: Sich auflösend ohne Anhaftung, wie Eis, das kurz davor steht, sich aufzulösen und freizugeben.
Deutung:huàn" wird als „sich auflösend" verstanden, „shì" als „loslassen, freigeben". Der Tao-Verwirklichte hat keine Anhaftungen im Geist — wie Eis, das sich in Wasser verwandelt, werden alle festen Fixierungen und starren Positionen losgelassen. Diese Deutung betont den geistigen Zustand der „Nicht-Anhaftung" beim Praktizierenden.
Ähnliche Ansichten: Heshang Gong: „chúqíngkōng" — „Leidenschaften beseitigen und Begierden aufgeben, von Tag zu Tag leerer werdend."

[Satz 7] dūnruò;(Aufrichtig und echt, wie ein unbehauener Holzblock;)

Kapitel 15 · Satz 7: dūnruò

[Deutung 1] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: dūnA-ruòA-A
Übersetzung: Aufrichtig und gediegen, wie unbehauenes Holz.
Deutung: Die gängigste Deutung. „" (pǔ) ist ein Kernbegriff bei Laozi — der natürliche Zustand des unbehauenen Holzes, Symbol der ursprünglichen Authentizität, die von Zivilisation und Wissen unberührt ist. Der Tao-Verwirklichte bewahrt diese ursprüngliche Schlichtheit, ohne Schmuck und ohne Verstellung. Heshang Gong kommentiert: „dūnzhězhìhòuzhěxíngwèifēnnèishǒujīngshénwàiwéncǎi" — „Dun bedeutet gediegen in der Substanz. Pu bedeutet eine Form, die noch nicht ausdifferenziert ist. Innerlich den Geist bewahrend, äußerlich ohne Verzierung."
Ähnliche Ansichten: Heshang Gong: „dūnzhězhìhòuzhěxíngwèifēnnèishǒujīngshénwàiwéncǎi" — „Dun bedeutet gediegen in der Substanz. Pu bedeutet eine Form, die noch nicht ausdifferenziert ist. Innerlich den Geist bewahrend, äußerlich ohne Verzierung."
Kapitel 15 · Satz 7: dūnruò

[Deutung 2] Traditionell · Mittlere Glaubwürdigkeit

Kombination: dūnB-ruòA-B
Übersetzung: Ernsthaft und schlicht, wie von Natur aus unverziert.
Deutung:dūn" wird als „ernsthaft, aufrichtig" verstanden, „" als „schlicht, natürlich". Diese Deutung nähert sich dem Thema aus dem Blickwinkel des zwischenmenschlichen Umgangs: Der Tao-Verwirklichte behandelt Menschen mit Aufrichtigkeit, ohne Verstellung oder Künstlichkeit, und bewahrt seinen natürlichen Charakter.
Ähnliche Ansichten: Im Einklang mit Laozis Gedanken „Einfachheit zeigen, das Unbehauene umarmen" (jiànbào).

[Satz 8] kuàngruò;(Weit und offen, wie ein Tal;)

Kapitel 15 · Satz 8: kuàngruò

[Deutung 1] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: kuàngA-ruòA-A
Übersetzung: Weit und offen, wie ein tiefes Gebirgstal.
Deutung: Die gängigste Deutung. Ein Gebirgstal ist geräumig und weit, fähig, alle Dinge aufzunehmen — der Tao-Verwirklichte besitzt einen weiten und großmütigen Geist, demütig wie ein Tal, alles umfassend. Heshang Gong kommentiert: „kuàngzhěkuānzhěkōngyǒugōngmíngsuǒbāo" — „Kuang bedeutet weit und breit. Gu bedeutet leer und hohl. Ohne Tugend, Verdienst oder Ruhm zu besitzen — es gibt nichts, was es nicht umfasst." Dies korrespondiert mit dem „" (Tal) in Kapitel 6: „shén" (Der Geist des Tals stirbt nicht).
Ähnliche Ansichten: Heshang Gong: „kuàngzhěkuānzhěkōngyǒugōngmíngsuǒbāo" — „Kuang bedeutet weit und breit. Gu bedeutet leer und hohl. Ohne Tugend, Verdienst oder Ruhm zu besitzen — es gibt nichts, was es nicht umfasst."
Kapitel 15 · Satz 8: kuàngruò

[Deutung 2] Traditionell · Mittlere Glaubwürdigkeit

Kombination: kuàngB-ruòA-B
Übersetzung: Weiten Geistes und offen, wie eine leere Schlucht.
Deutung:kuàng" wird als „weiten Geistes" verstanden, „" als „Leere, Hohlraum". Diese Deutung konzentriert sich auf die Beschreibung der geistigen Sphäre: Der Geist des Tao-Verwirklichten ist wie ein leeres Tal — weil es leer ist, kann es aufnehmen; weil es aufnimmt, ist es großmütig.
Ähnliche Ansichten: Sinngleich mit der chinesischen Redewendung „怀huáiruò" (so demütig und aufnahmefähig wie ein Tal).

[Satz 9] hùnruòzhuó;(Sich vermischend, wie trübes Wasser;)

Kapitel 15 · Satz 9: hùnruòzhuó

[Deutung 1] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: hùnA-ruòA-zhuóA
Übersetzung: Sich vermischend und verschmelzend, wie trübes Wasser.
Deutung: Die gängigste Deutung. Der Tao-Verwirklichte hebt sich nicht als rein und erhaben ab, stellt seine Überlegenheit nicht zur Schau, sondern mischt sich unter die gewöhnlichen Menschen, wie schlammiges Wasser — unauffällig, ohne zu glänzen, ohne zu unterscheiden. Heshang Gong kommentiert: „húnzhěshǒuběnzhēnzhuózhězhàoránzhòngtóngzhuān" — „Hun bedeutet die ursprüngliche Authentizität bewahren; zhuo bedeutet nicht hell leuchten. Sich unter die Menge mischend, sich selbst nicht behauptend." Diese Metapher bereitet die spätere Zeile vor: „shúnéngzhuójìngzhīqīng" (Wer kann das Trübe durch Ruhe langsam klären lassen).
Ähnliche Ansichten: Heshang Gong: „húnzhěshǒuběnzhēnzhuózhězhàoránzhòngtóngzhuān" — „Hun bedeutet die ursprüngliche Authentizität bewahren; zhuo bedeutet nicht hell leuchten. Sich unter die Menge mischend, sich selbst nicht behauptend."
Kapitel 15 · Satz 9: hùnruòzhuó

[Deutung 2] Traditionell · Mittlere Glaubwürdigkeit

Kombination: hùnB-ruòA-zhuóB
Übersetzung: Gediegen und anspruchslos, als sei er in die weltliche Welt eingetaucht.
Deutung:hùn" wird als „gediegen, ungeschliffen" verstanden, „zhuó" als „weltlich, profan". Der Tao-Verwirklichte unterscheidet sich äußerlich in nichts von gewöhnlichen Menschen, wirkt sogar etwas grob — er strebt nicht nach äußerer Eleganz oder Reinheit, sondern lebt natürlich in der Welt, so wie er ist. Diese Bedeutung steht im Einklang mit Laozis Gedanken „Sein Licht dämpfen und sich dem Staub angleichen" (guāngtóngchén).
Ähnliche Ansichten: Im Einklang mit Kapitel 4 des Tao Te Ching: „guāngtóngchén" — „Dämpfe dein Licht und gleiche dich dem Staub an."

[Satz 10] shúnéngzhuójìngzhīqīng?(Wer kann das Trübe durch Stille sich langsam klären lassen?)

Kapitel 15 · Satz 10: shúnéngzhuójìngzhīqīng

[Deutung 1] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: shúA-zhuóA-A-jìngA-zhīA-A-qīngB
Übersetzung: Wer kann trübes Wasser durch Stille sich langsam klären lassen?
Deutung: Die gängigste Deutung. Lässt man schlammiges Wasser in Ruhe, sinkt der Bodensatz von selbst ab und das Wasser wird von Natur aus klar — es bedarf keiner äußeren Kraft, um es gewaltsam zu reinigen. Dieses Gleichnis beschreibt die Methode des Tao-Verwirklichten zur Kultivierung des Geistes: Statt störende Gedanken gewaltsam zu vertreiben, lässt man den Geist einfach zur Ruhe kommen, und die störenden Gedanken weichen von selbst zurück. Wang Bi (wáng) kommentiert: „zhuójìngqīng……ránzhīdào" — „Das Trübe erlangt, wenn es beruhigt wird, Klarheit… dies ist der natürliche Weg." Heshang Gong kommentiert: „shuínéngzhīshuǐzhīzhuózhǐérjìngzhīqīng" — „Wer kann wissen, dass man die Trübheit des Wassers anhalten und es beruhigen muss, damit es sich allmählich von selbst klärt."
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „zhuójìngqīngránzhīdàoshúnéngzhěyánnán" — „Das Trübe erlangt, wenn es beruhigt wird, Klarheit; dies ist der natürliche Weg. ‚Wer kann' drückt die Schwierigkeit aus."
Kapitel 15 · Satz 10: shúnéngzhuójìngzhīqīng

[Deutung 2] Traditionell · Mittlere Glaubwürdigkeit

Kombination: shúA-zhuóB-B-jìngB-zhīB-A-qīngA
Übersetzung: Wer kann inmitten von Aufruhr und Verwirrung durch Gelassenheit allmählich zur Klarheit gelangen?
Deutung:zhuó" wird als „ein aufgewühlter Gemütszustand" verstanden, „" als „mittels", „jìng" als „ein Zustand der Gelassenheit". Diese Deutung liest „zhuó" als den Zustand des Lebens in einer chaotischen Welt — in unruhigen Zeiten leben und sich auf innere Gelassenheit stützen, um allmählich lichte Klarheit zu erlangen. Sie betont die Kultivierung des Praktizierenden inmitten des Staubes der Welt.
Ähnliche Ansichten: Korrespondiert mit dem früheren Satz „hùnruòzhuó" — der Tao-Verwirklichte sucht Klarheit inmitten der Trübheit.

[Satz 11] shúnéngānjiǔdòngzhīshēng?(Wer kann aus langanhaltender Ruhe allmählich neues Leben hervorbringen?)

Kapitel 15 · Satz 11: shúnéngānjiǔdòngzhīshēng

[Deutung 1] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: shúA-ānA-A-jiǔA-dòngB-zhīB-A-shēngA
Übersetzung: Wer kann aus einem Zustand der Ruhe die Bewegung über die Zeit aufrechterhalten und allmählich neues Leben hervorbringen?
Deutung: Die gängigste Deutung, die einen Parallelismus mit dem vorhergehenden Satz „zhuójìngzhīqīng" bildet. Ruhe ist kein Stillstand — in langanhaltender Ruhe sammelt sich Lebenskraft an, und schließlich sprießt neues Leben hervor. Wang Bi (wáng) kommentiert: „āndòngshēngránzhīdào" — „Das Ruhende erlangt, wenn es bewegt wird, Leben; dies ist der natürliche Weg." Dies ist genau der dialektische Gedanke: „Aus dem Äußersten der Ruhe entsteht Bewegung."
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „āndòngshēngránzhīdàoshúnéngzhěyánnán" — „Das Ruhende erlangt, wenn es bewegt wird, Leben; dies ist der natürliche Weg. ‚Wer kann' drückt die Schwierigkeit aus."
Kapitel 15 · Satz 11: shúnéngānjiǔdòngzhīshēng

[Deutung 2] Traditionell · Mittlere Glaubwürdigkeit

Kombination: shúA-ānA-B-jiǔA-dòngA-zhīA-A-shēngB
Übersetzung: Wer kann die Ruhe bewahren und durch langandauerndes Handeln allmählich Langlebigkeit erlangen?
Deutung: Deutung von Heshang Gong, die die Pflege der Gesundheit und Langlebigkeit betont: Durch langandauernde Bewahrung der Ruhe kann man langsam ein langes Leben erlangen. „shēng" wird als „Überleben, Langlebigkeit" verstanden. Heshang Gong kommentiert: „shuínéngānjìngjiǔzhǎngshēng" — „Wer kann lange Zeit in Ruhe verharren und allmählich ein langes Leben erlangen." Diese Deutung ordnet den gesamten Satz dem Rahmen der Lebenspflege und Gesundheitskultivierung zu.
Ähnliche Ansichten: Heshang Gong: „shuínéngānjìngjiǔzhǎngshēng" — „Wer kann lange Zeit in Ruhe verharren und allmählich ein langes Leben erlangen."

[Satz 12] bǎodàozhěyíng。(Wer dieses Tao bewahrt, strebt nicht nach Fülle.)

Kapitel 15 · Satz 12: bǎodàozhěyíng

[Deutung 1] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: bǎoA-A-dàoA-A-A-yíngA
Übersetzung: Wer dieses Tao (dào) bewahrt, strebt nicht nach Fülle.
Deutung: Die gängigste Deutung. „yíng" bedeutet voll — der Mond nimmt ab, wenn er voll ist; das Wasser strömt über, wenn es voll ist. Der Tao-Verwirklichte versteht zutiefst, dass Übermaß zum Gegenteil führt, und strebt daher nicht nach Überfluss oder Überfließen. Wang Bi (wáng) kommentiert: „yíng" — „Was voll ist, muss überfließen." Heshang Gong kommentiert: „bǎoshēngzhīdàoshētàiyíng" — „Bewahre dieses Tao des allmählichen Lebens und begehre nicht Verschwendung, Exzess oder Überfluss." Dies ist der Gedanke von Kapitel 9: „chíéryíngzhī" — „Halten und bis zum Rand füllen ist nicht so gut wie rechtzeitig aufhören."
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „yíng" — „Was voll ist, muss überfließen." Heshang Gong: „bǎoshēngzhīdàoshētàiyíng" — „Bewahre dieses Tao des allmählichen Lebens und begehre nicht Verschwendung, Exzess oder Überfluss."
Kapitel 15 · Satz 12: bǎodàozhěyíng

[Deutung 2] Traditionell · Mittlere Glaubwürdigkeit

Kombination: bǎoB-A-dàoB-A-A-yíngB
Übersetzung: Wer das große Tao bewahrt, strebt nicht nach Selbstzufriedenheit.
Deutung:bǎo" wird als „schützen" verstanden, „yíng" als „Selbstzufriedenheit, Überheblichkeit". Diese Deutung konzentriert sich auf die moralische Kultivierung: Der Tao-Verwirklichte schützt das Wesen des Tao und muss sich zu jeder Zeit vor Überheblichkeit hüten — denn sobald man selbstzufrieden wird, beginnt man, vom Tao abzuweichen.
Ähnliche Ansichten: Verbunden mit dem Gedanken von Kapitel 9 des Tao Te Ching: „gōngsuìshēn退tuìtiānzhīdào" — „Sich zurückziehen, wenn das Werk vollendet ist, das ist der Weg des Himmels."

[Satz 13] wéiyíngnéngxīnchéng。(Eben weil sie nicht nach Fülle streben, können sie abgenutzt bleiben und brauchen keine Erneuerung.)

Kapitel 15 · Satz 13: wéiyíngnéngxīnchéng

[Deutung 1] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: B-B-xīnB-chéngA
Übersetzung: Eben weil sie nicht nach Fülle streben, können sie in ihrem alten Zustand verbleiben, ohne dass Erneuerung oder Renovierung nötig wäre.
Deutung:" ist ein Lehnzeichen für „" (abgenutzt, alt), „xīnchéng" bedeutet „erneuern, renovieren". Eben weil sie nicht voll werden, gibt es keinen Verschleiß, keinen Bedarf an Reparatur oder Erneuerung — sie bewahren für immer ihren ursprünglichen Zustand, ohne ständig neue Errungenschaften anstreben zu müssen. Diese Deutung steht im Einklang mit Laozis Plädoyer für Schlichtheit und gegen Verzierung.
Ähnliche Ansichten: Wang Bis Kommentar impliziert diese Bedeutung: Weil sie nicht nach Fülle streben, müssen sie das Alte nicht überdecken, um neue Errungenschaften zu suchen.
Kapitel 15 · Satz 13: wéiyíngnéngxīnchéng

[Deutung 2] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: A-A-xīnA-chéngB
Übersetzung: Eben weil sie nicht nach Fülle streben, können sie sich verbergen und nicht nach neuem Ruhm und neuen Errungenschaften streben.
Deutung: Deutung von Heshang Gong. „" wird als „verbergen, verstecken" verstanden, „xīnchéng" als „Ruhm und Errungenschaften". Der Tao-Verwirklichte verbirgt seinen Glanz und strebt nicht nach neuen Errungenschaften. Heshang Gong kommentiert: „néngshǒuwèixīnchéngzhěguāngróngxīnchéngzhěguìgōngmíng" — „Er kann die Verborgenheit bewahren und nicht nach neuen Errungenschaften streben. Bi bedeutet seinen Ruhm verbergen. Xin cheng bedeutet Verdienst und Ruhm schätzen." Weil sie nicht voll sind, begnügen sie sich damit, verborgen zu bleiben und ihre Errungenschaften nicht zur Schau zu stellen.
Ähnliche Ansichten: Heshang Gong: „zhěguāngróngxīnchéngzhěguìgōngmíng" — „Bi bedeutet seinen Ruhm verbergen. Xin cheng bedeutet Verdienst und Ruhm schätzen."
Kapitel 15 · Satz 13: wéiyíngnéngxīnchéng

[Deutung 3] Neuartig · Mittlere Glaubwürdigkeit

Kombination: C-B-xīnB-chéngA
Übersetzung: Eben weil sie nicht nach Fülle streben, können sie alle Dinge beschirmen, ohne von Neuem erschaffen zu müssen.
Deutung:" wird im Sinne Wang Bis als „bedecken, beschirmen" verstanden. Weil das Tao nicht nach Fülle strebt, kann es alle Dinge beschirmen — wie das Dach des Himmels, wie die Umarmung eines Tals — und muss niemals das Alte zerstören, um Neues aufzubauen. Diese Deutung hat kosmologische Untertöne: Die schöpferische Verwandlung des Tao ist ewig und fortwährend, kein Prozess der Zerstörung des Alten zugunsten des Neuen.
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „gài" — „Bi bedeutet bedecken."

Zusammenfassung des Kapitels

Dieses Kapitel enthält 28 Deutungskombinationen.

[Kerndifferenzen]

Kapitel 15 ist Laozis klassisches Porträt des Tao-Verwirklichten. Es beginnt mit der Identifizierung der grundlegenden Eigenschaft der versierten Praktizierenden der Antike: „wēimiàoxuántōngshēnshí" (fein, wundersam, geheimnisvoll und durchdringend — so tiefgründig, dass man sie nicht ergründen kann). Laozi skizziert dann ihr Bild durch sieben erlesene Gleichnisse: ruòdōngshèchuān (vorsichtig wie auf dünnem Eis im Winter), yóuruòwèilín (wachsam wie von allen Seiten bedrängt), yǎnruòróng (feierlich wie ein Gast, der die Etikette beachtet), huànruòbīngzhījiāngshì (sich natürlich auflösend wie schmelzendes Eis), dūnruò (aufrichtig und gediegen wie unbehauenes Holz), kuàngruò (weit und offen wie ein leeres Tal), hùnruòzhuó (sich mit der Welt mischend wie trübes Wasser). Diese sieben Gleichnisse zeigen die paradoxe Ästhetik des Adepten: vorsichtig, aber nicht ängstlich; wachsam, aber nicht paranoid; feierlich, aber nicht starr; sich auflösend, aber prinzipientreu; schlicht, aber nicht unwissend; weit, aber nicht hohl; trüb, aber nicht verdorben. Die letzten beiden Sätze schließen mit rhetorischen Fragen: Wer kann das Trübe durch Stille langsam klären lassen? Wer kann aus der Ruhe Bewegung und allmählich neues Leben hervorbringen? Wer an diesem Tao festhält, strebt nicht nach Fülle; eben weil sie nicht voll sind, können sie abgenutzt bleiben und brauchen keine Erneuerung, überdauernd durch die Zeiten. Dieses Kapitel präsentiert Laozis Ideal des menschlichen Charakters in der Sprache der Bilder und ist eine der literarisch kraftvollsten Passagen im Tao Te Ching.

Anhang: Glossar der Schlüsselzeichen

A. [Subst.] Altertum; hohes Altertum
Quelle: Grundbedeutung. Shuowen Jiezi: „" (Gǔ bedeutet Vergangenheit).
B. [Adj.] Uraltig; ursprünglich
Quelle: Erweiterte Bedeutung
zhī
A. [Part.] Des/der (Possessivpartikel)
Quelle: Strukturpartikel
B. [Part.] Modalpartikel; ohne substanzielle Bedeutung
Quelle: Partikel
shàn
A. [Adj.] Geschickt in; bewandert in
Quelle: Menzius: „shànzhànzhěshàngxíng" (Die im Krieg Geschickten verdienen die schwerste Strafe).
wèi
A. [Verb] Praktizieren; kultivieren; verfolgen
Quelle: Analekten: „wèirényóu" (Menschlichkeit zu praktizieren liegt an einem selbst).
B. [Verb] Als etwas dienen; fungieren als
Quelle: Grundbedeutung
shì
A. [Subst.] Praktizierender des Tao; einer, der das Tao verwirklicht hat
Quelle: Spezifische Bezeichnung für Tao-Kultivierende. Heshang Gong kommentiert: „wèidàozhījūn" (Bezeichnet einen Herrscher, der das Tao erlangt hat).
B. [Subst.] Ein Mensch von Gelehrsamkeit und Tugend; Gelehrter
Quelle: Analekten: „shìhóng" (Ein Gelehrter muss weitsichtig und entschlossen sein).
C. [Subst.] Angelegenheiten; Unternehmungen (Lehnzeichen für „shì")
Quelle: Einige Gelehrte betrachten „shì" als Lehnzeichen für „shì" (Angelegenheiten); „shànwèishì" bedeutet dann „geschickt im Führen von Angelegenheiten"
zhě
A. [Part.] Derjenige, der…; diejenigen, die…
Quelle: Grundbedeutung
wēi
A. [Adj.] Fein; subtil
Quelle: Guangya: „wēixiǎo" (Wēi bedeutet klein). Erweitert zum Sinne von subtil
B. [Adj.] Verborgen; versteckt
Quelle: Shuowen Jiezi: „wēiyǐnxíng" (Wēi bedeutet im Verborgenen handeln). Die Grundbedeutung enthält den Sinn von Verborgenheit
miào
A. [Adj.] Wundersam; wunderbar
Quelle: Wang Bi kommentiert: „miàozhěwēizhī" (Das Wundersame ist das Äußerste des Feinen).
xuán
A. [Adj.] Tiefgründig und dunkel; fern und geheimnisvoll
Quelle: Shuowen Jiezi: „xuányōuyuǎn" (Xuán bedeutet tief und fernliegend).
B. [Adj.] Himmel; Weg des Himmels
Quelle: Heshang Gong kommentiert: „xuántiān" (Xuán bedeutet Himmel).
tōng
A. [Adj.] Durchdringend; tiefgehend verstehend
Quelle: Grundbedeutung. Ohne Hindernis oder Blockade
B. [Verb] In Verbindung stehen mit; kommunizieren mit
Quelle: Heshang Gong kommentiert: „jīngtiāntōng" (Das Wesen kommuniziert mit dem Himmel).
shēn
A. [Adj.] Tiefgründig; weitreichend tief
Quelle: Kommentar zum Tao Te Ching: „shēn" (So tief, dass es nicht zu messen ist).
A. [Adv.] Nicht; kann nicht
Quelle: Grundbedeutung
B. [Konj.] Und nicht; ohne (Konjunktion)
Quelle: Verbindung zweier aufeinanderfolgender Handlungen
A. [Verb] Können; imstande sein
Quelle: Grundbedeutung
shí
A. [Verb] Erkennen; unterscheiden
Quelle: Shuowen Jiezi: „shízhī" (Shí bedeutet wissen).
B. [Verb] Ergründen; ermessen
Quelle: Erweiterte Bedeutung. Die innere Natur tiefgehend verstehen
A. [Part.] Einleitungspartikel; leitet eine Erörterung ein
Quelle: Grundbedeutung
wéi
A. [Adv.] Eben weil; nur weil
Quelle: Kausales Adverb
A. [Konj.] Daher; folglich
Quelle: Grundbedeutung
qiáng
A. [Adv.] Widerstrebend; mit Mühe
Quelle: Grundbedeutung ist ein starker Bogen; erweitert zum Sinne von sich anstrengen
B. [Adv.] Mit aller Kraft; nach Kräften
Quelle: Erweiterte Bedeutung
róng
A. [Subst.] Erscheinung; äußeres Auftreten; Haltung
Quelle: Shuowen Jiezi: „róngshèng" (Róng bedeutet enthalten). Erweitert zum Sinne von Haltung und Erscheinung
B. [Verb] Beschreiben; darstellen
Quelle: Erweiterte Bedeutung. Mit Worten umreißen
A. [Adj.] Zögernd; bedächtig vorsichtig
Quelle: Wang Bi kommentiert: „ránruòruò" (Zögernd, als wolle man überqueren und zugleich nicht).
B. [Adj.] Im Voraus vorbereitet; wachsam
Quelle: Lehnzeichen für „" (vorbereiten). Enthält den Sinn von Vorsorge
A. [Part.] Modalpartikel
Quelle: Grundbedeutung
ruò
A. [Verb] Als ob; wie
Quelle: Erya: „ruò" (Ruò bedeutet wie).
dōng
A. [Subst.] Winter; die Winterzeit
Quelle: Grundbedeutung
shè
A. [Verb] Durchwaten; einen Fluss zu Fuß überqueren
Quelle: Shuowen Jiezi: „shèxíngshuǐ" (Shè bedeutet tiefes Wasser zu Fuß durchqueren).
chuān
A. [Subst.] Fluss; Wasserlauf
Quelle: Shuowen Jiezi: „chuānguàn穿chuāntōngliúshuǐ" (Chuān bedeutet durchfließendes Wasser).
yóu
A. [Adj.] Unschlüssig und unsicher; vorsichtig wachsam
Quelle: „yóu" bezeichnet ursprünglich eine Art Primat, der für seine misstrauische Natur bekannt ist; erweitert zu unschlüssig
wèi
A. [Verb] Fürchten; sich scheuen
Quelle: Shuowen Jiezi: „wèiè" (Wèi bedeutet verabscheuen/fürchten).
B. [Verb] Ehrfurcht zeigen; in Ehrfurcht halten
Quelle: Erweiterte Bedeutung. Enthält den Sinn von Respekt
A. [Num.] Vier; auf allen vier Seiten
Quelle: Grundbedeutung
lín
A. [Subst.] Nachbarstaaten; Staaten auf allen vier Seiten
Quelle: Wang Bi kommentiert: „língōngzhōngyāngzhīzhǔ" (Die vier Nachbarn greifen gemeinsam an; der Herrscher in der Mitte).
B. [Subst.] Nachbarn; Menschen in der Umgebung
Quelle: Heshang Gong kommentiert: „ruòrénfànwèilínzhīzhī" (Wie jemand, der das Gesetz gebrochen hat und fürchtet, dass die Nachbarn es erfahren).
yǎn
A. [Adj.] Feierlich und ehrerbietig im Erscheinen
Quelle: Shuowen Jiezi: „yǎnángtóu" (Yǎn bedeutet den Kopf erheben). Erweitert zu würdevoll
B. [Adj.] Aufrecht und geordnet
Quelle: Erweiterte Bedeutung
A. [Part.] Modalpartikel; den beschreibenden Ton verstärkend
Quelle: Grundbedeutung
huàn
A. [Adj.] Sich zerstreuend; sich auflösend
Quelle: Heshang Gong kommentiert: „huànzhějiěsàn" (Huàn bedeutet sich zerstreuen).
B. [Adj.] Frei und ungezwungen; ungebunden
Quelle: Erweiterte Bedeutung. Die freie Art des schmelzenden Eises
bīng
A. [Subst.] Eis
Quelle: Grundbedeutung
jiāng
A. [Adv.] Im Begriff; kurz davor
Quelle: Grundbedeutung
shì
A. [Verb] Schmelzen; sich auflösen
Quelle: Heshang Gong kommentiert: „shìzhěxiāowáng" (Shì bedeutet vergehen/sich auflösen).
B. [Verb] Loslassen; freigeben
Quelle: Shuowen Jiezi: „shìjiě" (Shì bedeutet lösen).
dūn
A. [Adj.] Aufrichtig und gediegen; solide und anspruchslos
Quelle: Heshang Gong kommentiert: „dūnzhězhìhòu" (Dūn bedeutet gediegen in der Substanz).
B. [Adj.] Ernsthaft; aufrichtig
Quelle: Erweiterte Bedeutung
A. [Subst.] Unbehauenes Holz; Holz in seinem natürlichen Zustand
Quelle: Shuowen Jiezi: „" (Pǔ bedeutet schlichtes Holz). Also Holz in seiner ursprünglichen Farbe
B. [Adj.] Schlicht; natürlich und unverziert
Quelle: Erweiterte Bedeutung. Der natürliche Zustand, unberührt von menschlicher Kunstfertigkeit
kuàng
A. [Adj.] Weit; geräumig
Quelle: Heshang Gong kommentiert: „kuàngzhěkuān" (Kuàng bedeutet weit und breit).
B. [Adj.] Weiten Geistes; großmütig
Quelle: Erweiterte Bedeutung
A. [Subst.] Gebirgstal; leeres Tal
Quelle: Heshang Gong kommentiert: „zhěkōng" (Gǔ bedeutet leer und hohl).
B. [Subst.] Ort der Leere (Metapher für die Leere des Tao)
Quelle: In Laozis Philosophie symbolisiert „" (Tal) leere Aufnahmefähigkeit
hùn
A. [Adj.] Sich vermischend; ohne Unterscheidung verschmelzend
Quelle: Heshang Gong kommentiert: „húnzhěshǒuběnzhēn" (Hún bedeutet die ursprüngliche Authentizität bewahren). hún und hùn sind austauschbar
B. [Adj.] Gediegen und ungeschliffen; robust in seiner Schlichtheit
Quelle: Erweiterte Bedeutung. Ein einheitliches Ganzes ohne Differenzierung
zhuó
A. [Adj.] Trüb; schlammig
Quelle: Das Gegenteil von „qīng" (klar)
B. [Adj.] Weltlich; sich nicht als rein und erhaben darstellend
Quelle: Erweiterte Bedeutung. Sich mit der Welt vermischend
shú
A. [Pron.] Wer
Quelle: Heshang Gong kommentiert: „shúshuí" (Shú bedeutet wer).
néng
A. [Verb] Können; imstande sein
Quelle: Grundbedeutung
A. [Konj.] Und; um zu (Mittel und Zweck verbindend)
Quelle: Konjunktion
B. [Präp.] Mittels; durch
Quelle: Präposition
jìng
A. [Verb] Beruhigen; zur Ruhe bringen (kausativer Gebrauch)
Quelle: Kausativer Gebrauch
B. [Adj.] Still; ruhig
Quelle: Ursprüngliche Bedeutung
A. [Adv.] Langsam; allmählich
Quelle: Wang Bi kommentiert: „zhěxiángshèn" (Xú bedeutet sorgfältig und bedächtig).
qīng
A. [Adj.] Klar; lauter
Quelle: Das Gegenteil von „zhuó" (trüb)
B. [Verb] Klar werden; sich klären
Quelle: Adjektiv als Verb verwendet
ān
A. [Adj.] Ruhig; in Ruhe
Quelle: Grundbedeutung
jiǔ
A. [Adv.] Lange; ausdauernd
Quelle: Grundbedeutung
dòng
A. [Verb] Handeln; sich bewegen
Quelle: Das Gegenteil von „jìng" (still)
B. [Verb] Sich regen; aufkeimen (Lebenskraft)
Quelle: Erweitert zum Sinne des Aufkeimens von Lebenskraft
shēng
A. [Verb] Entstehen; hervorkommen
Quelle: Shuowen Jiezi: „shēngjìnxiàngcǎoshēngchūshàng" (Shēng bedeutet vorwärtskommen. Piktogramm von Pflanzen, die aus der Erde sprießen).
B. [Verb] Leben; überleben
Quelle: Erweiterte Bedeutung
bǎo
A. [Verb] Bewahren; aufrechterhalten
Quelle: Erweiterte Bedeutung aus Shuowen Jiezi
B. [Verb] Schützen; behüten
Quelle: Grundbedeutung
A. [Pron.] Dies; diese
Quelle: Grundbedeutung
dào
A. [Subst.] Das Tao; das vorgenannte Prinzip (bezieht sich auf das Prinzip, das Trübe zur Klarheit kommen und das Ruhige zum Leben erwachen zu lassen)
Quelle: Bezugnahme auf den vorangehenden Inhalt
B. [Subst.] Das Tao; die letztliche Wirklichkeit und das Prinzip des Universums
Quelle: Kernbegriff der Philosophie Laozis
A. [Verb] Begehren; anstreben
Quelle: Grundbedeutung
yíng
A. [Adj.] Voll; übervoll
Quelle: Shuowen Jiezi: „yíngmǎn" (Yíng bedeutet ein bis zum Rand gefülltes Gefäß).
B. [Adj.] Selbstzufrieden; überheblich
Quelle: Erweiterte Bedeutung
A. [Verb] Verbergen; verstecken
Quelle: Heshang Gong kommentiert: „zhěguāngróng" (Bì bedeutet seinen Ruhm verbergen).
B. [Adj.] Abgenutzt; alt (Lehnzeichen für „")
Quelle: Lehnzeichen für „". „" ist austauschbar mit „" und bedeutet abgenutzt und alt
C. [Verb] Bedecken; beschirmen
Quelle: Wang Bi kommentiert: „gài" (Bì bedeutet bedecken).
xīn
A. [Adj.] Neu; brandneu
Quelle: Das Gegenteil von „jiù" (alt)
B. [Verb] Erneuern; renovieren
Quelle: Verbaler Gebrauch
chéng
A. [Verb] Vollbringen; erreichen
Quelle: Grundbedeutung
B. [Subst.] Errungenschaften; Ruhm und Verdienst
Quelle: Erweiterte Bedeutung