Übersetzung: In alter Zeit waren jene, die im Praktizieren des Tao (道) bewandert waren, fein und wundersam, tiefgründig und durchdringend — so unergründlich, dass man sie nicht ermessen konnte.
Deutung: Die gängigste Deutung. „士" (shì) bezeichnet die Praktizierenden des Tao. Die vier Zeichen „微妙玄通" beschreiben gemeinsam die geistige Sphäre des Tao-Verwirklichten: fein, wundersam, geheimnisvoll und durchdringend. „深不可识" — ihre Tiefe ist unermesslich. Heshang Gong (河上公) kommentiert: „其志节玄妙,精与天通也。道德深远,不可识知" — „Ihre Bestrebungen sind geheimnisvoll und wundersam; ihr Wesen kommuniziert mit dem Himmel. Ihre Tugend und das Tao sind tief und weitreichend, jenseits aller Erkenntnis."
Ähnliche Ansichten: Heshang Gong: „玄,天也。言其志节玄妙,精与天通也。道德深远,不可识知" — „Xuan bedeutet Himmel. Das heißt, ihre Bestrebungen sind geheimnisvoll und wundersam; ihr Wesen kommuniziert mit dem Himmel. Ihre Tugend und das Tao sind tief und weitreichend, jenseits aller Erkenntnis."
Übersetzung: In alter Zeit waren jene, die sich als Gelehrte bewährten, verborgen und wundersam, tief durchdringend — so unergründlich, dass man sie nicht erkennen konnte.
Deutung: „为士" wird als „als Gelehrter wirken" verstanden, „微" als „verborgen". Der Schwerpunkt liegt darauf, dass der Tao-Verwirklichte äußerlich gewöhnlich erscheint, seine Fähigkeiten verbirgt und tief verborgen bleibt. Andere sehen nur sein Gewöhnliches, nicht seine Tiefgründigkeit. Diese Deutung betont die Lebensweisheit des Adepten im „Verbergen des Lichts und Nähren in der Verborgenheit".
Ähnliche Ansichten: Heshang Gong: „内视若盲,反听若聋,莫知所长" — „Nach innen schauend wie blind, nach innen hörend wie taub — niemand kennt ihre Stärken."
Übersetzung: In der fernen Urzeit waren jene, die geschickt in der Führung der Geschäfte waren, fein und wundersam, in Verbindung mit dem Weg des Himmels — so tiefgründig, dass man sie nicht ermessen konnte.
Deutung: „古" wird als „weit zurückliegend" verstanden, „士" als Lehnzeichen für „事" (Geschäfte), „玄" als „Himmel" und „通" als „in Verbindung stehen mit". Diese Deutung betont, dass die Menschen der Urzeit Geschäfte mit Feinheit führten, ihr Geist mit dem Weg des Himmels in Verbindung stand und ihre Tiefe jenseits aller Ermessung lag.
Ähnliche Ansichten: Heshang Gong: „精与天通也" — „Ihr Wesen kommuniziert mit dem Himmel."
Übersetzung: Eben weil sie unergründlich waren, kann man sie nur notdürftig beschreiben.
Deutung: Die gängigste Deutung. „强" wird als „notdürftig, mit Mühe" verstanden, „容" als „beschreiben". Die Sphäre des Tao-Verwirklichten ist zu tief, als dass die Sprache sie vollständig erfassen könnte; man kann daher nur widerstrebend Gleichnisse verwenden, um sie darzustellen. Dieser Satz dient als Einleitung zu den folgenden sieben Gleichnissen.
Ähnliche Ansichten: Sowohl Wang Bi (王弼) als auch Heshang Gong betrachten diesen Satz als Rahmen für die folgenden sieben Gleichnisse.
Übersetzung: Eben weil man sie nicht ermessen konnte, bemüht man sich nach Kräften, ihre Erscheinung und Haltung zu portraitieren.
Deutung: „强" wird als „mit aller Kraft, nach Kräften" verstanden, „容" als „Erscheinung". Diese Deutung bedeutet nicht „widerstrebend" (mit einem Ton bescheidener Unzulänglichkeit), sondern „nach Kräften" (mit einer Haltung aktiven Bemühens). Laozi wendet seine ganze Kraft auf, um mit Worten das Wesen des Tao-Verwirklichten einzufangen.
Ähnliche Ansichten: Eine positive Lesart, die von einigen modernen Gelehrten bevorzugt wird.
Übersetzung: Vorsichtig und bedächtig, wie beim Überqueren eines zugefrorenen Flusses im Winter.
Deutung: Die gängigste Deutung. „豫" wird als „zögernd, vorsichtig" verstanden. Im Winter ist die Flussoberfläche zugefroren; wer sie durchwatet, weiß nicht, ob das Eis dick oder dünn ist, weshalb jeder Schritt ein Versuch ist — zitternd vor Befangenheit. Der Tao-Verwirklichte handelt mit eben solcher Vorsicht und wagt niemals unbesonnen zu sein. Wang Bi (王弼) kommentiert: „冬之涉川,豫然若欲度,若不欲度,其情不可得见之貌也" — „Beim Überqueren eines Flusses im Winter zögert man, als wolle man überqueren und zugleich nicht überqueren — ein Erscheinungsbild, dessen wahre Gefühle nicht erkennbar sind."
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „冬之涉川,豫然若欲度,若不欲度,其情不可得见之貌也" — „Beim Überqueren eines Flusses im Winter zögert man, als wolle man überqueren und zugleich nicht — ein Erscheinungsbild, dessen wahre Gefühle nicht erkennbar sind."
Übersetzung: Im Voraus wachsam, so vorsichtig wie beim Überqueren eines Flusses im Winter.
Deutung: „豫" wird als Lehnzeichen für „预" (vorausschauend) gelesen, im Sinne von vorbereitend und wachsam. Der Tao-Verwirklichte plant für alle Eventualitäten voraus und trifft im Vorfeld Vorkehrungen, so wie man das Eis erkundet und prüft, bevor man einen Fluss im Winter überquert.
Ähnliche Ansichten: Heshang Gong: „举事辄加重慎。心难之也" — „Bei der Durchführung von Angelegenheiten übt man stets besondere Vorsicht. Dem Herzen fällt es schwer."
Übersetzung: Wachsam und aufmerksam, als würde man sich gegen Angriffe der Nachbarstaaten von allen vier Seiten wappnen.
Deutung: „犹" wird als „unschlüssig und unsicher" verstanden, „四邻" als „die vier Nachbarstaaten". Wang Bi (王弼) kommentiert: „四邻合攻,中央之主,犹然不知所趣向者也。上德之人,其端兆不可覩,德趣不可见,亦犹此也" — „Wenn vier Nachbarn gemeinsam angreifen, zögert der Herrscher in der Mitte und weiß nicht, wohin er sich wenden soll. Ein Mensch höchster Tugend ist ebenso — seine Vorzeichen sind nicht zu erkennen, seine tugendhaften Absichten nicht wahrzunehmen." Der Tao-Verwirklichte hält stets Wachsamkeit aufrecht und zeigt niemals seine Schärfe.
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „四邻合攻,中央之主,犹然不知所趣向者也" — „Wenn vier Nachbarn gemeinsam angreifen, zögert der Herrscher in der Mitte und weiß nicht, wohin er sich wenden soll."
Übersetzung: Zögernd und vorsichtig, als zeige man Ehrfurcht vor allen Nachbarn ringsum.
Deutung: Deutung von Heshang Gong. „畏" wird als „Ehrfurcht zeigen" verstanden, „四邻" als „Nachbarn". Wie jemand, der das Gesetz gebrochen hat und fürchtet, dass die Nachbarn es erfahren, handelt der Tao-Verwirklichte mit Zurückhaltung und Ehrerbietung und wagt niemals, sich gehen zu lassen. Heshang Gong kommentiert: „其进退犹犹如拘制,若人犯法,畏四邻知之也" — „Sein Vor- und Zurückgehen ist so zurückhaltend, als stünde er unter Zwang, wie jemand, der das Gesetz gebrochen hat und fürchtet, dass die Nachbarn es erfahren."
Ähnliche Ansichten: Heshang Gong: „其进退犹犹如拘制,若人犯法,畏四邻知之也" — „Sein Vor- und Zurückgehen ist so zurückhaltend, als stünde er unter Zwang, wie jemand, der das Gesetz gebrochen hat und fürchtet, dass die Nachbarn es erfahren."
Übersetzung: Würdevoll und ehrerbietig, so höflich wie ein Gast.
Deutung: „容" ist ein Lehnzeichen für „客" (Gast) (einige Ausgaben schreiben direkt „客"). Der Tao-Verwirklichte geht mit anderen um wie ein Gast — niemals überschreitend, niemals anmaßend, stets eine demütige Haltung bewahrend. Heshang Gong kommentiert: „如客畏主人,俨然无所造作也" — „Wie ein Gast, der dem Gastgeber Ehrerbietung zeigt, feierlich und ohne Verstellung."
Ähnliche Ansichten: Heshang Gong: „如客畏主人,俨然无所造作也" — „Wie ein Gast, der dem Gastgeber Ehrerbietung zeigt, feierlich und ohne Verstellung."
Übersetzung: Aufrecht und gefasst, eine ehrfürchtige Haltung zeigend.
Deutung: „俨" wird als „aufrecht, geordnet" verstanden, „容" als „Haltung, Gebaren". Diese Deutung liest „若容" als „eine ehrfürchtige Haltung zeigend" statt als Vergleich. Der Tao-Verwirklichte ist äußerlich aufrecht und gefasst, sein Auftreten natürlich ehrerbietig ohne jede bewusste Anstrengung.
Ähnliche Ansichten: Grammatisch wird „若" als „so/derart" gelesen statt als „wie".
Übersetzung: Offen und ungezwungen, wie Eis, das kurz vor dem Schmelzen steht.
Deutung: Die häufigste Deutung. In dem Moment, in dem das Eis kurz vor dem Schmelzen steht, aber noch nicht vollständig geschmolzen ist, beginnt seine starre Hülle sich zu erweichen und aufzulösen — der Tao-Verwirklichte ist zwar äußerlich würdevoll, aber innerlich frei und sanft. Alle Starrheit, Steifheit und Voreingenommenheit lösen sich allmählich auf.
Ähnliche Ansichten: Heshang Gong: „涣者,解散。释者,消亡。除情去欲,日以空虚" — „Huan bedeutet sich zerstreuen. Shi bedeutet vergehen. Leidenschaften beseitigen und Begierden aufgeben, von Tag zu Tag leerer werdend."
Übersetzung: Sich auflösend ohne Anhaftung, wie Eis, das kurz davor steht, sich aufzulösen und freizugeben.
Deutung: „涣" wird als „sich auflösend" verstanden, „释" als „loslassen, freigeben". Der Tao-Verwirklichte hat keine Anhaftungen im Geist — wie Eis, das sich in Wasser verwandelt, werden alle festen Fixierungen und starren Positionen losgelassen. Diese Deutung betont den geistigen Zustand der „Nicht-Anhaftung" beim Praktizierenden.
Ähnliche Ansichten: Heshang Gong: „除情去欲,日以空虚" — „Leidenschaften beseitigen und Begierden aufgeben, von Tag zu Tag leerer werdend."
Übersetzung: Aufrichtig und gediegen, wie unbehauenes Holz.
Deutung: Die gängigste Deutung. „朴" (pǔ) ist ein Kernbegriff bei Laozi — der natürliche Zustand des unbehauenen Holzes, Symbol der ursprünglichen Authentizität, die von Zivilisation und Wissen unberührt ist. Der Tao-Verwirklichte bewahrt diese ursprüngliche Schlichtheit, ohne Schmuck und ohne Verstellung. Heshang Gong kommentiert: „敦者,质厚。朴者,形未分。内守精神,外无文采也" — „Dun bedeutet gediegen in der Substanz. Pu bedeutet eine Form, die noch nicht ausdifferenziert ist. Innerlich den Geist bewahrend, äußerlich ohne Verzierung."
Ähnliche Ansichten: Heshang Gong: „敦者,质厚。朴者,形未分。内守精神,外无文采也" — „Dun bedeutet gediegen in der Substanz. Pu bedeutet eine Form, die noch nicht ausdifferenziert ist. Innerlich den Geist bewahrend, äußerlich ohne Verzierung."
Übersetzung: Ernsthaft und schlicht, wie von Natur aus unverziert.
Deutung: „敦" wird als „ernsthaft, aufrichtig" verstanden, „朴" als „schlicht, natürlich". Diese Deutung nähert sich dem Thema aus dem Blickwinkel des zwischenmenschlichen Umgangs: Der Tao-Verwirklichte behandelt Menschen mit Aufrichtigkeit, ohne Verstellung oder Künstlichkeit, und bewahrt seinen natürlichen Charakter.
Ähnliche Ansichten: Im Einklang mit Laozis Gedanken „Einfachheit zeigen, das Unbehauene umarmen" (见素抱朴).
Übersetzung: Weit und offen, wie ein tiefes Gebirgstal.
Deutung: Die gängigste Deutung. Ein Gebirgstal ist geräumig und weit, fähig, alle Dinge aufzunehmen — der Tao-Verwirklichte besitzt einen weiten und großmütigen Geist, demütig wie ein Tal, alles umfassend. Heshang Gong kommentiert: „旷者,宽大。谷者,空虚。不有德功名,无所不包也" — „Kuang bedeutet weit und breit. Gu bedeutet leer und hohl. Ohne Tugend, Verdienst oder Ruhm zu besitzen — es gibt nichts, was es nicht umfasst." Dies korrespondiert mit dem „谷" (Tal) in Kapitel 6: „谷神不死" (Der Geist des Tals stirbt nicht).
Ähnliche Ansichten: Heshang Gong: „旷者,宽大。谷者,空虚。不有德功名,无所不包也" — „Kuang bedeutet weit und breit. Gu bedeutet leer und hohl. Ohne Tugend, Verdienst oder Ruhm zu besitzen — es gibt nichts, was es nicht umfasst."
Übersetzung: Weiten Geistes und offen, wie eine leere Schlucht.
Deutung: „旷" wird als „weiten Geistes" verstanden, „谷" als „Leere, Hohlraum". Diese Deutung konzentriert sich auf die Beschreibung der geistigen Sphäre: Der Geist des Tao-Verwirklichten ist wie ein leeres Tal — weil es leer ist, kann es aufnehmen; weil es aufnimmt, ist es großmütig.
Ähnliche Ansichten: Sinngleich mit der chinesischen Redewendung „虚怀若谷" (so demütig und aufnahmefähig wie ein Tal).
Übersetzung: Sich vermischend und verschmelzend, wie trübes Wasser.
Deutung: Die gängigste Deutung. Der Tao-Verwirklichte hebt sich nicht als rein und erhaben ab, stellt seine Überlegenheit nicht zur Schau, sondern mischt sich unter die gewöhnlichen Menschen, wie schlammiges Wasser — unauffällig, ohne zu glänzen, ohne zu unterscheiden. Heshang Gong kommentiert: „浑者,守本真,浊者,不照然。与众合同,不自专也" — „Hun bedeutet die ursprüngliche Authentizität bewahren; zhuo bedeutet nicht hell leuchten. Sich unter die Menge mischend, sich selbst nicht behauptend." Diese Metapher bereitet die spätere Zeile vor: „孰能浊以静之徐清" (Wer kann das Trübe durch Ruhe langsam klären lassen).
Ähnliche Ansichten: Heshang Gong: „浑者,守本真,浊者,不照然。与众合同,不自专也" — „Hun bedeutet die ursprüngliche Authentizität bewahren; zhuo bedeutet nicht hell leuchten. Sich unter die Menge mischend, sich selbst nicht behauptend."
Übersetzung: Gediegen und anspruchslos, als sei er in die weltliche Welt eingetaucht.
Deutung: „混" wird als „gediegen, ungeschliffen" verstanden, „浊" als „weltlich, profan". Der Tao-Verwirklichte unterscheidet sich äußerlich in nichts von gewöhnlichen Menschen, wirkt sogar etwas grob — er strebt nicht nach äußerer Eleganz oder Reinheit, sondern lebt natürlich in der Welt, so wie er ist. Diese Bedeutung steht im Einklang mit Laozis Gedanken „Sein Licht dämpfen und sich dem Staub angleichen" (和光同尘).
Ähnliche Ansichten: Im Einklang mit Kapitel 4 des Tao Te Ching: „和其光,同其尘" — „Dämpfe dein Licht und gleiche dich dem Staub an."
Übersetzung: Wer kann trübes Wasser durch Stille sich langsam klären lassen?
Deutung: Die gängigste Deutung. Lässt man schlammiges Wasser in Ruhe, sinkt der Bodensatz von selbst ab und das Wasser wird von Natur aus klar — es bedarf keiner äußeren Kraft, um es gewaltsam zu reinigen. Dieses Gleichnis beschreibt die Methode des Tao-Verwirklichten zur Kultivierung des Geistes: Statt störende Gedanken gewaltsam zu vertreiben, lässt man den Geist einfach zur Ruhe kommen, und die störenden Gedanken weichen von selbst zurück. Wang Bi (王弼) kommentiert: „浊以静物则得清……此自然之道也" — „Das Trübe erlangt, wenn es beruhigt wird, Klarheit… dies ist der natürliche Weg." Heshang Gong kommentiert: „谁能知水之浊止而静之,徐徐自清也" — „Wer kann wissen, dass man die Trübheit des Wassers anhalten und es beruhigen muss, damit es sich allmählich von selbst klärt."
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „浊以静物则得清,此自然之道也。孰能者,言其难也" — „Das Trübe erlangt, wenn es beruhigt wird, Klarheit; dies ist der natürliche Weg. ‚Wer kann' drückt die Schwierigkeit aus."
Übersetzung: Wer kann inmitten von Aufruhr und Verwirrung durch Gelassenheit allmählich zur Klarheit gelangen?
Deutung: „浊" wird als „ein aufgewühlter Gemütszustand" verstanden, „以" als „mittels", „静" als „ein Zustand der Gelassenheit". Diese Deutung liest „浊" als den Zustand des Lebens in einer chaotischen Welt — in unruhigen Zeiten leben und sich auf innere Gelassenheit stützen, um allmählich lichte Klarheit zu erlangen. Sie betont die Kultivierung des Praktizierenden inmitten des Staubes der Welt.
Ähnliche Ansichten: Korrespondiert mit dem früheren Satz „混兮其若浊" — der Tao-Verwirklichte sucht Klarheit inmitten der Trübheit.
Übersetzung: Wer kann aus einem Zustand der Ruhe die Bewegung über die Zeit aufrechterhalten und allmählich neues Leben hervorbringen?
Deutung: Die gängigste Deutung, die einen Parallelismus mit dem vorhergehenden Satz „浊以静之徐清" bildet. Ruhe ist kein Stillstand — in langanhaltender Ruhe sammelt sich Lebenskraft an, und schließlich sprießt neues Leben hervor. Wang Bi (王弼) kommentiert: „安以动物则得生,此自然之道也" — „Das Ruhende erlangt, wenn es bewegt wird, Leben; dies ist der natürliche Weg." Dies ist genau der dialektische Gedanke: „Aus dem Äußersten der Ruhe entsteht Bewegung."
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „安以动物则得生,此自然之道也。孰能者,言其难也" — „Das Ruhende erlangt, wenn es bewegt wird, Leben; dies ist der natürliche Weg. ‚Wer kann' drückt die Schwierigkeit aus."
Übersetzung: Wer kann die Ruhe bewahren und durch langandauerndes Handeln allmählich Langlebigkeit erlangen?
Deutung: Deutung von Heshang Gong, die die Pflege der Gesundheit und Langlebigkeit betont: Durch langandauernde Bewahrung der Ruhe kann man langsam ein langes Leben erlangen. „生" wird als „Überleben, Langlebigkeit" verstanden. Heshang Gong kommentiert: „谁能安静以久,徐徐以长生也" — „Wer kann lange Zeit in Ruhe verharren und allmählich ein langes Leben erlangen." Diese Deutung ordnet den gesamten Satz dem Rahmen der Lebenspflege und Gesundheitskultivierung zu.
Ähnliche Ansichten: Heshang Gong: „谁能安静以久,徐徐以长生也" — „Wer kann lange Zeit in Ruhe verharren und allmählich ein langes Leben erlangen."
Übersetzung: Wer dieses Tao (道) bewahrt, strebt nicht nach Fülle.
Deutung: Die gängigste Deutung. „盈" bedeutet voll — der Mond nimmt ab, wenn er voll ist; das Wasser strömt über, wenn es voll ist. Der Tao-Verwirklichte versteht zutiefst, dass Übermaß zum Gegenteil führt, und strebt daher nicht nach Überfluss oder Überfließen. Wang Bi (王弼) kommentiert: „盈必溢也" — „Was voll ist, muss überfließen." Heshang Gong kommentiert: „保此徐生之道,不欲奢泰盈溢" — „Bewahre dieses Tao des allmählichen Lebens und begehre nicht Verschwendung, Exzess oder Überfluss." Dies ist der Gedanke von Kapitel 9: „持而盈之,不如其已" — „Halten und bis zum Rand füllen ist nicht so gut wie rechtzeitig aufhören."
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „盈必溢也" — „Was voll ist, muss überfließen." Heshang Gong: „保此徐生之道,不欲奢泰盈溢" — „Bewahre dieses Tao des allmählichen Lebens und begehre nicht Verschwendung, Exzess oder Überfluss."
Übersetzung: Wer das große Tao bewahrt, strebt nicht nach Selbstzufriedenheit.
Deutung: „保" wird als „schützen" verstanden, „盈" als „Selbstzufriedenheit, Überheblichkeit". Diese Deutung konzentriert sich auf die moralische Kultivierung: Der Tao-Verwirklichte schützt das Wesen des Tao und muss sich zu jeder Zeit vor Überheblichkeit hüten — denn sobald man selbstzufrieden wird, beginnt man, vom Tao abzuweichen.
Ähnliche Ansichten: Verbunden mit dem Gedanken von Kapitel 9 des Tao Te Ching: „功遂身退,天之道也" — „Sich zurückziehen, wenn das Werk vollendet ist, das ist der Weg des Himmels."
Übersetzung: Eben weil sie nicht nach Fülle streben, können sie in ihrem alten Zustand verbleiben, ohne dass Erneuerung oder Renovierung nötig wäre.
Deutung: „蔽" ist ein Lehnzeichen für „敝" (abgenutzt, alt), „新成" bedeutet „erneuern, renovieren". Eben weil sie nicht voll werden, gibt es keinen Verschleiß, keinen Bedarf an Reparatur oder Erneuerung — sie bewahren für immer ihren ursprünglichen Zustand, ohne ständig neue Errungenschaften anstreben zu müssen. Diese Deutung steht im Einklang mit Laozis Plädoyer für Schlichtheit und gegen Verzierung.
Ähnliche Ansichten: Wang Bis Kommentar impliziert diese Bedeutung: Weil sie nicht nach Fülle streben, müssen sie das Alte nicht überdecken, um neue Errungenschaften zu suchen.
Übersetzung: Eben weil sie nicht nach Fülle streben, können sie sich verbergen und nicht nach neuem Ruhm und neuen Errungenschaften streben.
Deutung: Deutung von Heshang Gong. „蔽" wird als „verbergen, verstecken" verstanden, „新成" als „Ruhm und Errungenschaften". Der Tao-Verwirklichte verbirgt seinen Glanz und strebt nicht nach neuen Errungenschaften. Heshang Gong kommentiert: „能守蔽不为新成。蔽者,匿光荣也。新成者,贵功名" — „Er kann die Verborgenheit bewahren und nicht nach neuen Errungenschaften streben. Bi bedeutet seinen Ruhm verbergen. Xin cheng bedeutet Verdienst und Ruhm schätzen." Weil sie nicht voll sind, begnügen sie sich damit, verborgen zu bleiben und ihre Errungenschaften nicht zur Schau zu stellen.
Ähnliche Ansichten: Heshang Gong: „蔽者,匿光荣也。新成者,贵功名" — „Bi bedeutet seinen Ruhm verbergen. Xin cheng bedeutet Verdienst und Ruhm schätzen."
Übersetzung: Eben weil sie nicht nach Fülle streben, können sie alle Dinge beschirmen, ohne von Neuem erschaffen zu müssen.
Deutung: „蔽" wird im Sinne Wang Bis als „bedecken, beschirmen" verstanden. Weil das Tao nicht nach Fülle strebt, kann es alle Dinge beschirmen — wie das Dach des Himmels, wie die Umarmung eines Tals — und muss niemals das Alte zerstören, um Neues aufzubauen. Diese Deutung hat kosmologische Untertöne: Die schöpferische Verwandlung des Tao ist ewig und fortwährend, kein Prozess der Zerstörung des Alten zugunsten des Neuen.
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „蔽,覆盖也" — „Bi bedeutet bedecken."
Dieses Kapitel enthält 28 Deutungskombinationen.
[Kerndifferenzen]
Kapitel 15 ist Laozis klassisches Porträt des Tao-Verwirklichten. Es beginnt mit der Identifizierung der grundlegenden Eigenschaft der versierten Praktizierenden der Antike: „微妙玄通,深不可识" (fein, wundersam, geheimnisvoll und durchdringend — so tiefgründig, dass man sie nicht ergründen kann). Laozi skizziert dann ihr Bild durch sieben erlesene Gleichnisse: 豫兮若冬涉川 (vorsichtig wie auf dünnem Eis im Winter), 犹兮若畏四邻 (wachsam wie von allen Seiten bedrängt), 俨兮其若容 (feierlich wie ein Gast, der die Etikette beachtet), 涣兮若冰之将释 (sich natürlich auflösend wie schmelzendes Eis), 敦兮其若朴 (aufrichtig und gediegen wie unbehauenes Holz), 旷兮其若谷 (weit und offen wie ein leeres Tal), 混兮其若浊 (sich mit der Welt mischend wie trübes Wasser). Diese sieben Gleichnisse zeigen die paradoxe Ästhetik des Adepten: vorsichtig, aber nicht ängstlich; wachsam, aber nicht paranoid; feierlich, aber nicht starr; sich auflösend, aber prinzipientreu; schlicht, aber nicht unwissend; weit, aber nicht hohl; trüb, aber nicht verdorben. Die letzten beiden Sätze schließen mit rhetorischen Fragen: Wer kann das Trübe durch Stille langsam klären lassen? Wer kann aus der Ruhe Bewegung und allmählich neues Leben hervorbringen? Wer an diesem Tao festhält, strebt nicht nach Fülle; eben weil sie nicht voll sind, können sie abgenutzt bleiben und brauchen keine Erneuerung, überdauernd durch die Zeiten. Dieses Kapitel präsentiert Laozis Ideal des menschlichen Charakters in der Sprache der Bilder und ist eine der literarisch kraftvollsten Passagen im Tao Te Ching.