Übersetzung: Vorzügliche Waffen sind Geräte des Unheils; alle Wesen verabscheuen sie, und daher bedient sich der, der das Tao (道) besitzt, ihrer nicht.
Deutung: Die am weitesten verbreitete Deutung. Wie vorzüglich die Waffen auch sein mögen — ihrem Wesen nach bleiben sie Werkzeuge des Tötens und stehen damit im grundlegenden Widerspruch zur Tugend (德) des Tao, die alle Wesen nährt. Wer das Tao besitzt, stützt sich nicht auf militärische Gewalt und greift nicht von sich aus zur Gewalt. Dies ist der Leitgedanke von Laozis friedensethischem Denken.
Ähnliche Ansichten: Kapitel 30: „以道佐人主者,不以兵强天下" — „Wer dem Herrscher mit dem Tao beisteht, beherrscht die Welt nicht durch Waffengewalt."
Übersetzung: Wer Waffen schmückt, besitzt Geräte des Unheils; alle Wesen verabscheuen solche Dinge, und daher verweilt der, der das Tao besitzt, nicht an einem solchen Ort.
Deutung: Die Glosse von Heshang Gong. Er deutet „佳" als „饰" (schmücken) — Waffen zu schmücken bedeutet, an Krieg Freude zu haben und Gewalt zu verherrlichen. „不处" bedeutet, dass der Besitzer des Tao nicht in einem Staat verweilt, der militärische Stärke verherrlicht. Diese Deutung richtet ihre Kritik gegen kriegslüsterne Herrscher und militaristische Bestrebungen.
Ähnliche Ansichten: Kommentar von Heshang Gong: „兵者,惊精神,浊和气,不善人之器也,不当修饰之" — „Waffen erschrecken den Geist und trüben das harmonische Qi (气); sie sind Geräte, die guten Menschen nicht anstehen, und man sollte sie nicht schmücken."
Übersetzung: Eine mächtige Streitmacht ist etwas Unheilvolles; alle Wesen verabscheuen sie, und daher stützt sich der, der das Tao besitzt, nicht darauf.
Deutung: Diese Lesart versteht „兵" als die militärische Macht im Ganzen. Ein wahrhaft erleuchteter Herrscher ist nicht stolz auf seine militärische Stärke und gründet die Stärke seines Staates nicht auf Waffengewalt. Dies steht in Einklang mit der Lehre des dreißigsten Kapitels, dass „其事好还" — „militärische Unternehmungen unweigerlich Vergeltung nach sich ziehen".
Ähnliche Ansichten: Kapitel 30: „师之所处,荆棘生焉。大军之后,必有凶年" — „Wo Heere lagern, wachsen Dornen und Disteln. Nach dem Durchzug großer Heere folgen unweigerlich Hungerjahre."
Übersetzung: Der Edle ehrt im Alltag die linke Seite; wenn er die Waffen gebraucht, ehrt er die rechte Seite.
Deutung: Anhand der alten rituellen Unterscheidung von links und rechts wird der grundlegende Unterschied zwischen Frieden und Krieg veranschaulicht. Die Alten betrachteten die linke Seite als Yang (阳) — Symbol für Leben, Wachstum und Glück; die rechte Seite als Yin (阴) — Symbol für Tod, Töten und Unheil. Im Alltag schätzt der Edle die Lebenskraft (links), doch im Krieg geht es um das Töten (rechts). Die beiden Wertordnungen stehen einander diametral entgegen — was andeutet, dass das Militärische dem Weg des Edlen wesenhaft entgegengesetzt ist.
Ähnliche Ansichten: Kommentar von Heshang Gong: „此言兵道与君子之道反,所贵者异也" — „Dies besagt, dass der Weg der Waffen und der Weg des Edlen einander entgegengesetzt sind; was sie hochschätzen, ist jeweils verschieden."
Übersetzung: Der Edle schätzt im Alltag das Weiche und Nachgebende; wenn er die Waffen gebraucht, schätzt er das Harte und Starke.
Deutung: Heshang Gong setzt links und rechts unmittelbar mit weich und hart gleich. Der Weg des Edlen schätzt das Weiche und Schwache (d.h. Laozis Grundsatz „das Weiche und Schwache überwindet das Harte und Starke"), während der Weg der Waffen das Harte und Starke schätzt. Beide Wertorientierungen sind genau entgegengesetzt. Der Waffengebrauch bedeutet, gezwungenermaßen vorübergehend vom Weg des Weichen und Schwachen abzuweichen.
Ähnliche Ansichten: Kommentar von Heshang Gong: „贵柔弱也" — „Er schätzt das Weiche und Schwache." „贵刚强也" — „Er schätzt das Harte und Starke."
Übersetzung: Waffen sind Geräte des Unheils, nicht Geräte für den Edlen; er gebraucht sie nur, wenn es unvermeidlich ist, und gelassene Gleichmut ist die beste Haltung.
Deutung: Die am weitesten verbreitete Deutung. Selbst wenn man gezwungen ist, zu den Waffen zu greifen, sollte man eine Haltung gelassener Gleichmut bewahren — weder nach Kriegsruhm gieren noch Gefallen am Töten finden und schon gar kein Vergnügen daran haben. Die drei Zeichen „不得已" (nur wenn es unvermeidlich ist) sind von entscheidender Bedeutung: Sie zeigen, dass Laozi den Einsatz militärischer Gewalt nicht grundsätzlich ablehnt, aber darauf besteht, dass er nur ein letztes Mittel ist und man niemals selbst einen Krieg beginnen darf.
Ähnliche Ansichten: Kapitel 30: „善有果而已,不敢以取强" — „Der gute Feldherr erzielt sein Ergebnis und hält inne; er wagt es nicht, damit nach Vormacht zu greifen."
Übersetzung: Das Militärische ist ein unheilvolles Mittel, nicht das Mittel des Edlen; man gebraucht es nur, wenn es unvermeidlich ist, und nicht nach Land und Schätzen zu gieren ist das Höchste.
Deutung: Heshang Gong gibt der „gelassenen Gleichmut" einen konkreten Inhalt: „nicht nach Territorium gieren und nicht die Reichtümer anderer plündern". Selbst wenn man gezwungen ist, zu den Waffen zu greifen, sollte man die Gelegenheit nicht nutzen, um die Ländereien und Reichtümer eines anderen Staates an sich zu reißen. Dies verleiht dem Gedanken „gelassene Gleichmut ist das Höchste" eine konkrete politische Bedeutung — Ablehnung von Gebietserweiterung und wirtschaftlicher Plünderung durch Krieg.
Ähnliche Ansichten: Kommentar von Heshang Gong: „不贪土地,利人财宝" — „Nicht nach Territorium gieren und nicht von den Reichtümern und Schätzen anderer profitieren."
Übersetzung: Siegen und den Sieg dennoch nicht verherrlichen — wer ihn verherrlicht, hat Freude am Töten. Wer Freude am Töten hat, kann seine Ziele in der Welt nicht verwirklichen.
Deutung: Die zentrale These. Laozi setzt die „Verherrlichung des Krieges" mit der „Freude am Töten" gleich — ein außerordentlich tiefgreifendes Urteil. Jede Feier oder Verherrlichung eines militärischen Sieges ist im Kern eine Verherrlichung des Verlustes von Menschenleben. Ein Herrscher, der Freude am Töten hat, wird unweigerlich die Herzen der Menschen verlieren und kann die Welt nicht dauerhaft regieren.
Ähnliche Ansichten: Kommentar von Heshang Gong: „美得胜者,是为喜乐杀人者也" — „Wer den Sieg verherrlicht, ist einer, der Freude am Töten hat."
Übersetzung: Siegen und dennoch keinen Stolz darüber empfinden — wer Stolz darüber empfindet, hat Freude am Töten. Wer Freude am Töten hat, kann nicht die Unterstützung aller unter dem Himmel gewinnen.
Deutung: Diese Lesart versteht „得志" als „die Herzen des Volkes gewinnen". Ein kriegslüsterner Herrscher mag sich eine Zeitlang durchsetzen, wird aber letztlich die Unterstützung aller unter dem Himmel verlieren. Denn der Krieg schadet dem Volk, und das Volk wird keinen Herrscher unterstützen, der Freude daran hat, ihm zu schaden. Diese Deutung betont den grundlegenden Widerspruch zwischen Krieg und Volkswille.
Ähnliche Ansichten: Kommentar von Heshang Gong: „为人君而乐杀人者,此不可使得志于天下矣" — „Ein Herrscher, der Freude am Töten hat, darf nicht in die Lage gebracht werden, seine Ziele in der Welt zu verwirklichen."
Übersetzung: Bei glückverheißenden Angelegenheiten ehrt man die linke Seite; bei unheilvollen Angelegenheiten ehrt man die rechte Seite. Der Unterfeldherr nimmt die linke Seite ein, und der Oberfeldherr nimmt die rechte Seite ein — das bedeutet, dass der Krieg nach den Riten der Totenfeier behandelt werden soll.
Deutung: Die am weitesten verbreitete Deutung. In den alten Trauerzeremonien war die rechte Seite der Ehrenplatz, und die Position des Oberfeldherrn ist rechts — dies enthält eine tiefgreifende Analogie: Krieg ist Trauer. Als höchster militärischer Befehlshaber nimmt der Oberfeldherr dieselbe Position ein wie der Zelebrant bei einer Totenfeier. Dies ist kein bloßer Zufall, sondern spiegelt das tiefe Verständnis der Alten für das Wesen des Krieges wider: Krieg führen heißt Menschen in den Tod schicken.
Ähnliche Ansichten: Kommentar von Heshang Gong: „上将军尊而居阴者,以其专主杀也" — „Der Oberfeldherr bekleidet den Ehrenplatz, nimmt aber die Yin-Position ein, weil er ausschließlich über das Töten gebietet." „上将军居右,丧礼尚右,死人贵阴也" — „Der Oberfeldherr steht rechts; bei Totenriten ehrt man die rechte Seite, denn die Toten gehören zum Yin."
Übersetzung: Glückverheißende Angelegenheiten ehren die linke Seite (Yang); unheilvolle Angelegenheiten ehren die rechte Seite (Yin). Der Unterfeldherr nimmt die linke Seite ein — weil er nicht ausschließlich über das Töten gebietet; der Oberfeldherr nimmt die rechte Seite ein — weil er ausschließlich über das Töten gebietet. Das bedeutet, dass der Krieg als Trauerfeier behandelt werden soll.
Deutung: Heshang Gong erklärt die Anordnung mit der Theorie von Yin und Yang (阴阳). Der Unterfeldherr steht im Rang niedriger (ein Stellvertreter), nimmt aber die Yang-Position (links) ein, weil er nicht ausschließlich über das Töten gebietet; der Oberfeldherr hat den höchsten Rang (der Oberbefehlshaber), nimmt aber die Yin-Position (rechts) ein, weil er ausschließlich dem Schlachten vorsteht — und das Töten gehört zum Yin. Diese Anordnung selbst deutet an, dass das Wesen des Militärischen Yin, Tod und Unheil ist — das genaue Gegenteil des Yang, des Lebens und des Glücks der alltäglichen Angelegenheiten.
Ähnliche Ansichten: Kommentar von Heshang Gong: „偏将军卑而居阳者,以其不专杀也" — „Der Unterfeldherr steht im Rang niedriger, nimmt aber die Yang-Position ein, weil er nicht ausschließlich über das Töten gebietet." „上将军尊而居阴者,以其专主杀也" — „Der Oberfeldherr steht im Rang höher, nimmt aber die Yin-Position ein, weil er ausschließlich über das Töten gebietet."
Übersetzung: Wenn viele Menschen getötet wurden, soll man dem mit Trauer und Tränen begegnen; ein Sieg im Kampf soll mit den Riten der Totenfeier begangen werden.
Deutung: Der am tiefsten ergreifende Schluss des gesamten Kapitels. Selbst der Sieger sollte angesichts der aufgehäuften Leichen auf dem Schlachtfeld tief betrübt sein und das Geschehen mit den Riten der Totenfeier begehen. Hier geht es nicht um die Vorschrift bloßer zeremonieller Förmlichkeit, sondern um eine Forderung des moralischen Gewissens — jeder Tote war ein Mensch aus Fleisch und Blut; der Sieg verdient keinerlei Feier. Dies ist eine der frühesten humanistischen Erklärungen gegen den Krieg in der Menschheitsgeschichte.
Ähnliche Ansichten: Kommentar von Heshang Gong: „古者战胜,将军居丧主礼之位,素服而哭之,明君子贵德而贱兵" — „In alter Zeit nahm der Feldherr nach einem Sieg die Stellung des Zelebranten der Totenriten ein, legte schlichte Gewänder an und weinte — womit er zeigte, dass der Edle die Tugend (德) hochschätzt und die Waffen geringachtet."
Übersetzung: Wenn viele Menschen getötet wurden, soll man sie mit Trauer und Tränen beweinen; ein Sieg im Kampf soll mit den Riten der Totenfeier begangen werden.
Deutung: Heshang Gong benennt den Grund für die Trauer: Es ist nicht nur der Kummer um die Toten, sondern der Kummer über die eigene moralische Unzulänglichkeit — „伤己德薄,不能以道化人,而害无辜之民" — „Er leidet darunter, dass seine eigene Tugend (德) zu gering war, um die Menschen durch das Tao (道) zu verwandeln, und dass er unschuldige Menschen geschädigt hat." Der Grund, warum der Herrscher weinen muss, ist, dass der Griff zu den Waffen bedeutet, dass seine moralische Kraft nicht ausgereicht hat, um die Verwandlung durch das Tao zu bewirken — und dies selbst stellt ein Scheitern dar.
Ähnliche Ansichten: Kommentar von Heshang Gong: „伤己德薄,不能以道化人,而害无辜之民" — „Er leidet darunter, dass seine Tugend zu gering war; er konnte die Menschen nicht durch das Tao verwandeln und hat die Unschuldigen geschädigt." „知后世用兵不已故悲痛之" — „Wissend, dass spätere Generationen ohne Unterlass Krieg führen würden, trauerte er zutiefst."
Dieses Kapitel enthält 13 Deutungskombinationen.
[Kerndifferenzen]
Kapitel 31 ist das am unmittelbarsten gegen den Krieg gerichtete Kapitel des Tao Te Ching und eine der frühesten Erklärungen gegen den Krieg in der Geschichte des chinesischen Denkens. Das Kapitel entfaltet sich in vier Schichten: (1) Die allgemeine These — Waffen sind Geräte des Unheils, und wer das Tao besitzt, gebraucht sie nicht; (2) Die Links-Rechts-Analogie zum Wesen des Krieges — der Waffengebrauch gleicht einer unheilvollen Angelegenheit; (3) Der Weg des Waffengebrauchs — nur im äußersten Notfall, mit gelassener Gleichmut und ohne den Sieg zu verherrlichen; (4) Die erschütterndste Schlussfolgerung — „Wenn viele Menschen getötet wurden, soll man sie mit Trauer und Tränen beklagen; ein Sieg im Kampf soll mit den Riten der Totenfeier begangen werden." Laozi ist kein naiver Pazifist: Er anerkennt, dass Krieg manchmal unvermeidlich ist. Doch seine Haltung ist unmissverständlich: (a) jede Verherrlichung des Krieges kommt der Freude am Töten gleich; (b) ein kriegslüsterner Herrscher wird am Ende die Herzen der Menschen verlieren; (c) selbst der Sieg sollte als Trauerfeier begangen werden, denn hinter jedem Sieg steht der Verlust unzähliger Menschenleben. Bemerkenswert ist, dass Wang Bi keinen Kommentar zu diesem Kapitel hinterlassen hat; einige Gelehrte sehen darin Vorbehalte gegenüber seiner Echtheit. Der Kommentar von Heshang Gong hingegen ist von außerordentlichem Reichtum: Er erklärt die Links-Rechts-Unterscheidung systematisch durch die Yin-und-Yang-Theorie und betont insbesondere, dass der Herrscher sich zutiefst vorwerfen sollte, „zu gering an Tugend zu sein, um die Menschen durch das Tao zu verwandeln" — und erhebt damit das Argument gegen den Krieg von bloßem Humanismus auf die Ebene der moralischen Selbstprüfung.