Tao Te Ching Kapitel 31: Der vollständige Kommentar

Der folgende Inhalt bietet eine multiperspektivische Tiefenanalyse jedes Satzes dieses Kapitels, die traditionelle Kommentare, philologische Analysen, philosophische Interpretationen und weitere Dimensionen umfasst. Grundtext: Wang Bis Kommentar zum Daode Zhenjing, Ausgabe des Zhengtong Daozang
Die „Kombination"-Bezeichnung jeder Deutung folgt dem Format „Zeichen + Bedeutungsnummer" (z.B. „dàoC-A"), d.h. diese Deutung verwendet Bedeutung C von „dào" und Bedeutung A von „". Das vollständige Glossar finden Sie am Ende dieses Kapitels: [Anhang: Glossar der Schlüsselzeichen].

[Satz 1] jiābīngzhěxiángzhīhuòèzhīyǒudàozhěchù。(Vorzügliche Waffen sind Geräte des Unheils; alle Wesen verabscheuen sie, und daher bedient sich der, der das Tao besitzt, ihrer nicht.)

Kapitel 31 · Satz 1: jiābīngzhěxiángzhīhuòèzhīyǒudàozhěchù

[Deutung 1] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: jiāA-bīngA-chùB
Übersetzung: Vorzügliche Waffen sind Geräte des Unheils; alle Wesen verabscheuen sie, und daher bedient sich der, der das Tao (dào) besitzt, ihrer nicht.
Deutung: Die am weitesten verbreitete Deutung. Wie vorzüglich die Waffen auch sein mögen — ihrem Wesen nach bleiben sie Werkzeuge des Tötens und stehen damit im grundlegenden Widerspruch zur Tugend () des Tao, die alle Wesen nährt. Wer das Tao besitzt, stützt sich nicht auf militärische Gewalt und greift nicht von sich aus zur Gewalt. Dies ist der Leitgedanke von Laozis friedensethischem Denken.
Ähnliche Ansichten: Kapitel 30: „dàozuǒrénzhǔzhěbīngqiángtiānxià" — „Wer dem Herrscher mit dem Tao beisteht, beherrscht die Welt nicht durch Waffengewalt."
Kapitel 31 · Satz 1: jiābīngzhěxiángzhīhuòèzhīyǒudàozhěchù

[Deutung 2] Traditionell · Mittlere Glaubwürdigkeit

Kombination: jiāB-bīngA-chùA
Übersetzung: Wer Waffen schmückt, besitzt Geräte des Unheils; alle Wesen verabscheuen solche Dinge, und daher verweilt der, der das Tao besitzt, nicht an einem solchen Ort.
Deutung: Die Glosse von Heshang Gong. Er deutet „jiā" als „shì" (schmücken) — Waffen zu schmücken bedeutet, an Krieg Freude zu haben und Gewalt zu verherrlichen. „chù" bedeutet, dass der Besitzer des Tao nicht in einem Staat verweilt, der militärische Stärke verherrlicht. Diese Deutung richtet ihre Kritik gegen kriegslüsterne Herrscher und militaristische Bestrebungen.
Ähnliche Ansichten: Kommentar von Heshang Gong: „bīngzhějīngjīngshénzhuóshànrénzhīdāngxiūshìzhī" — „Waffen erschrecken den Geist und trüben das harmonische Qi (); sie sind Geräte, die guten Menschen nicht anstehen, und man sollte sie nicht schmücken."
Kapitel 31 · Satz 1: jiābīngzhěxiángzhīhuòèzhīyǒudàozhěchù

[Deutung 3] Neuartig · Mittlere Glaubwürdigkeit

Kombination: jiāA-bīngB-chùB
Übersetzung: Eine mächtige Streitmacht ist etwas Unheilvolles; alle Wesen verabscheuen sie, und daher stützt sich der, der das Tao besitzt, nicht darauf.
Deutung: Diese Lesart versteht „bīng" als die militärische Macht im Ganzen. Ein wahrhaft erleuchteter Herrscher ist nicht stolz auf seine militärische Stärke und gründet die Stärke seines Staates nicht auf Waffengewalt. Dies steht in Einklang mit der Lehre des dreißigsten Kapitels, dass „shìhǎohái" — „militärische Unternehmungen unweigerlich Vergeltung nach sich ziehen".
Ähnliche Ansichten: Kapitel 30: „shīzhīsuǒchùjīngshēngyānjūnzhīhòuyǒuxiōngnián" — „Wo Heere lagern, wachsen Dornen und Disteln. Nach dem Durchzug großer Heere folgen unweigerlich Hungerjahre."

[Satz 2] jūnziguìzuǒyòngbīngguìyòu。(Der Edle ehrt im Alltag die linke Seite; wenn er die Waffen gebraucht, ehrt er die rechte Seite.)

Kapitel 31 · Satz 2: jūnziguìzuǒyòngbīngguìyòu

[Deutung 1] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: zuǒA-yòuA
Übersetzung: Der Edle ehrt im Alltag die linke Seite; wenn er die Waffen gebraucht, ehrt er die rechte Seite.
Deutung: Anhand der alten rituellen Unterscheidung von links und rechts wird der grundlegende Unterschied zwischen Frieden und Krieg veranschaulicht. Die Alten betrachteten die linke Seite als Yang (yáng) — Symbol für Leben, Wachstum und Glück; die rechte Seite als Yin (yīn) — Symbol für Tod, Töten und Unheil. Im Alltag schätzt der Edle die Lebenskraft (links), doch im Krieg geht es um das Töten (rechts). Die beiden Wertordnungen stehen einander diametral entgegen — was andeutet, dass das Militärische dem Weg des Edlen wesenhaft entgegengesetzt ist.
Ähnliche Ansichten: Kommentar von Heshang Gong: „yánbīngdàojūnzizhīdàofǎnsuǒguìzhě" — „Dies besagt, dass der Weg der Waffen und der Weg des Edlen einander entgegengesetzt sind; was sie hochschätzen, ist jeweils verschieden."
Kapitel 31 · Satz 2: jūnziguìzuǒyòngbīngguìyòu

[Deutung 2] Traditionell · Mittlere Glaubwürdigkeit

Kombination: zuǒB-yòuB
Übersetzung: Der Edle schätzt im Alltag das Weiche und Nachgebende; wenn er die Waffen gebraucht, schätzt er das Harte und Starke.
Deutung: Heshang Gong setzt links und rechts unmittelbar mit weich und hart gleich. Der Weg des Edlen schätzt das Weiche und Schwache (d.h. Laozis Grundsatz „das Weiche und Schwache überwindet das Harte und Starke"), während der Weg der Waffen das Harte und Starke schätzt. Beide Wertorientierungen sind genau entgegengesetzt. Der Waffengebrauch bedeutet, gezwungenermaßen vorübergehend vom Weg des Weichen und Schwachen abzuweichen.
Ähnliche Ansichten: Kommentar von Heshang Gong: „guìróuruò" — „Er schätzt das Weiche und Schwache." „guìgāngqiáng" — „Er schätzt das Harte und Starke."

[Satz 3] bīngzhěxiángzhīfēijūnzizhīéryòngzhītiándànwèishàng。(Waffen sind Geräte des Unheils, nicht Geräte des Edlen; er gebraucht sie nur, wenn es unvermeidlich ist, und gelassene Gleichmut ist das Höchste.)

Kapitel 31 · Satz 3: bīngzhěxiángzhīfēijūnzizhīéryòngzhītiándànwèishàng

[Deutung 1] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: A
Übersetzung: Waffen sind Geräte des Unheils, nicht Geräte für den Edlen; er gebraucht sie nur, wenn es unvermeidlich ist, und gelassene Gleichmut ist die beste Haltung.
Deutung: Die am weitesten verbreitete Deutung. Selbst wenn man gezwungen ist, zu den Waffen zu greifen, sollte man eine Haltung gelassener Gleichmut bewahren — weder nach Kriegsruhm gieren noch Gefallen am Töten finden und schon gar kein Vergnügen daran haben. Die drei Zeichen „" (nur wenn es unvermeidlich ist) sind von entscheidender Bedeutung: Sie zeigen, dass Laozi den Einsatz militärischer Gewalt nicht grundsätzlich ablehnt, aber darauf besteht, dass er nur ein letztes Mittel ist und man niemals selbst einen Krieg beginnen darf.
Ähnliche Ansichten: Kapitel 30: „shànyǒuguǒérgǎnqiáng" — „Der gute Feldherr erzielt sein Ergebnis und hält inne; er wagt es nicht, damit nach Vormacht zu greifen."
Kapitel 31 · Satz 3: bīngzhěxiángzhīfēijūnzizhīéryòngzhītiándànwèishàng

[Deutung 2] Traditionell · Mittlere Glaubwürdigkeit

Kombination: B
Übersetzung: Das Militärische ist ein unheilvolles Mittel, nicht das Mittel des Edlen; man gebraucht es nur, wenn es unvermeidlich ist, und nicht nach Land und Schätzen zu gieren ist das Höchste.
Deutung: Heshang Gong gibt der „gelassenen Gleichmut" einen konkreten Inhalt: „nicht nach Territorium gieren und nicht die Reichtümer anderer plündern". Selbst wenn man gezwungen ist, zu den Waffen zu greifen, sollte man die Gelegenheit nicht nutzen, um die Ländereien und Reichtümer eines anderen Staates an sich zu reißen. Dies verleiht dem Gedanken „gelassene Gleichmut ist das Höchste" eine konkrete politische Bedeutung — Ablehnung von Gebietserweiterung und wirtschaftlicher Plünderung durch Krieg.
Ähnliche Ansichten: Kommentar von Heshang Gong: „tānréncáibǎo" — „Nicht nach Territorium gieren und nicht von den Reichtümern und Schätzen anderer profitieren."

[Satz 4] shèngérměiérměizhīzhěshìshārénshārénzhězhìtiānxià。(Siegen, ohne es zu verherrlichen — wer es verherrlicht, hat Freude am Töten. Und wer Freude am Töten hat, kann seine Ziele in der Welt nicht verwirklichen.)

Kapitel 31 · Satz 4: shèngérměiérměizhīzhěshìshārénshārénzhězhìtiānxià

[Deutung 1] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: měiA-zhìA
Übersetzung: Siegen und den Sieg dennoch nicht verherrlichen — wer ihn verherrlicht, hat Freude am Töten. Wer Freude am Töten hat, kann seine Ziele in der Welt nicht verwirklichen.
Deutung: Die zentrale These. Laozi setzt die „Verherrlichung des Krieges" mit der „Freude am Töten" gleich — ein außerordentlich tiefgreifendes Urteil. Jede Feier oder Verherrlichung eines militärischen Sieges ist im Kern eine Verherrlichung des Verlustes von Menschenleben. Ein Herrscher, der Freude am Töten hat, wird unweigerlich die Herzen der Menschen verlieren und kann die Welt nicht dauerhaft regieren.
Ähnliche Ansichten: Kommentar von Heshang Gong: „měishèngzhěshìwèishārénzhě" — „Wer den Sieg verherrlicht, ist einer, der Freude am Töten hat."
Kapitel 31 · Satz 4: shèngérměiérměizhīzhěshìshārénshārénzhězhìtiānxià

[Deutung 2] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: měiB-zhìB
Übersetzung: Siegen und dennoch keinen Stolz darüber empfinden — wer Stolz darüber empfindet, hat Freude am Töten. Wer Freude am Töten hat, kann nicht die Unterstützung aller unter dem Himmel gewinnen.
Deutung: Diese Lesart versteht „zhì" als „die Herzen des Volkes gewinnen". Ein kriegslüsterner Herrscher mag sich eine Zeitlang durchsetzen, wird aber letztlich die Unterstützung aller unter dem Himmel verlieren. Denn der Krieg schadet dem Volk, und das Volk wird keinen Herrscher unterstützen, der Freude daran hat, ihm zu schaden. Diese Deutung betont den grundlegenden Widerspruch zwischen Krieg und Volkswille.
Ähnliche Ansichten: Kommentar von Heshang Gong: „wèirénjūnérshārénzhě使shǐzhìtiānxià" — „Ein Herrscher, der Freude am Töten hat, darf nicht in die Lage gebracht werden, seine Ziele in der Welt zu verwirklichen."

[Satz 5] shìshàngzuǒxiōngshìshàngyòupiānjiāngjūnzuǒshàngjiāngjūnyòuyánsàngchùzhī。(Bei glückverheißenden Angelegenheiten ehrt man die linke Seite; bei unheilvollen Angelegenheiten ehrt man die rechte Seite. Der Unterfeldherr steht links, der Oberfeldherr steht rechts — das bedeutet, dass der Krieg nach den Riten der Totenfeier behandelt wird.)

Kapitel 31 · Satz 5: shìshàngzuǒxiōngshìshàngyòupiānjiāngjūnzuǒshàngjiāngjūnyòuyánsàngchùzhī

[Deutung 1] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: piānA-sàngA
Übersetzung: Bei glückverheißenden Angelegenheiten ehrt man die linke Seite; bei unheilvollen Angelegenheiten ehrt man die rechte Seite. Der Unterfeldherr nimmt die linke Seite ein, und der Oberfeldherr nimmt die rechte Seite ein — das bedeutet, dass der Krieg nach den Riten der Totenfeier behandelt werden soll.
Deutung: Die am weitesten verbreitete Deutung. In den alten Trauerzeremonien war die rechte Seite der Ehrenplatz, und die Position des Oberfeldherrn ist rechts — dies enthält eine tiefgreifende Analogie: Krieg ist Trauer. Als höchster militärischer Befehlshaber nimmt der Oberfeldherr dieselbe Position ein wie der Zelebrant bei einer Totenfeier. Dies ist kein bloßer Zufall, sondern spiegelt das tiefe Verständnis der Alten für das Wesen des Krieges wider: Krieg führen heißt Menschen in den Tod schicken.
Ähnliche Ansichten: Kommentar von Heshang Gong: „shàngjiāngjūnzūnéryīnzhězhuānzhǔshā" — „Der Oberfeldherr bekleidet den Ehrenplatz, nimmt aber die Yin-Position ein, weil er ausschließlich über das Töten gebietet." „shàngjiāngjūnyòusàngshàngyòurénguìyīn" — „Der Oberfeldherr steht rechts; bei Totenriten ehrt man die rechte Seite, denn die Toten gehören zum Yin."
Kapitel 31 · Satz 5: shìshàngzuǒxiōngshìshàngyòupiānjiāngjūnzuǒshàngjiāngjūnyòuyánsàngchùzhī

[Deutung 2] Traditionell · Mittlere Glaubwürdigkeit

Kombination: piānA-sàngA
Übersetzung: Glückverheißende Angelegenheiten ehren die linke Seite (Yang); unheilvolle Angelegenheiten ehren die rechte Seite (Yin). Der Unterfeldherr nimmt die linke Seite ein — weil er nicht ausschließlich über das Töten gebietet; der Oberfeldherr nimmt die rechte Seite ein — weil er ausschließlich über das Töten gebietet. Das bedeutet, dass der Krieg als Trauerfeier behandelt werden soll.
Deutung: Heshang Gong erklärt die Anordnung mit der Theorie von Yin und Yang (yīnyáng). Der Unterfeldherr steht im Rang niedriger (ein Stellvertreter), nimmt aber die Yang-Position (links) ein, weil er nicht ausschließlich über das Töten gebietet; der Oberfeldherr hat den höchsten Rang (der Oberbefehlshaber), nimmt aber die Yin-Position (rechts) ein, weil er ausschließlich dem Schlachten vorsteht — und das Töten gehört zum Yin. Diese Anordnung selbst deutet an, dass das Wesen des Militärischen Yin, Tod und Unheil ist — das genaue Gegenteil des Yang, des Lebens und des Glücks der alltäglichen Angelegenheiten.
Ähnliche Ansichten: Kommentar von Heshang Gong: „piānjiāngjūnbēiéryángzhězhuānshā" — „Der Unterfeldherr steht im Rang niedriger, nimmt aber die Yang-Position ein, weil er nicht ausschließlich über das Töten gebietet." „shàngjiāngjūnzūnéryīnzhězhuānzhǔshā" — „Der Oberfeldherr steht im Rang höher, nimmt aber die Yin-Position ein, weil er ausschließlich über das Töten gebietet."

[Satz 6] shārénzhīzhòngāibēizhīzhànshèngsàngchùzhī。(Wenn viele Menschen getötet wurden, soll man sie mit Trauer und Tränen beklagen; ein Sieg im Kampf soll mit den Riten der Totenfeier begangen werden.)

Kapitel 31 · Satz 6: shārénzhīzhòngāibēizhīzhànshèngsàngchùzhī

[Deutung 1] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: āiA-A
Übersetzung: Wenn viele Menschen getötet wurden, soll man dem mit Trauer und Tränen begegnen; ein Sieg im Kampf soll mit den Riten der Totenfeier begangen werden.
Deutung: Der am tiefsten ergreifende Schluss des gesamten Kapitels. Selbst der Sieger sollte angesichts der aufgehäuften Leichen auf dem Schlachtfeld tief betrübt sein und das Geschehen mit den Riten der Totenfeier begehen. Hier geht es nicht um die Vorschrift bloßer zeremonieller Förmlichkeit, sondern um eine Forderung des moralischen Gewissens — jeder Tote war ein Mensch aus Fleisch und Blut; der Sieg verdient keinerlei Feier. Dies ist eine der frühesten humanistischen Erklärungen gegen den Krieg in der Menschheitsgeschichte.
Ähnliche Ansichten: Kommentar von Heshang Gong: „zhězhànshèngjiāngjūnsàngzhǔzhīwèiérzhīmíngjūnziguìérjiànbīng" — „In alter Zeit nahm der Feldherr nach einem Sieg die Stellung des Zelebranten der Totenriten ein, legte schlichte Gewänder an und weinte — womit er zeigte, dass der Edle die Tugend () hochschätzt und die Waffen geringachtet."
Kapitel 31 · Satz 6: shārénzhīzhòngāibēizhīzhànshèngsàngchùzhī

[Deutung 2] Traditionell · Mittlere Glaubwürdigkeit

Kombination: āiA-A
Übersetzung: Wenn viele Menschen getötet wurden, soll man sie mit Trauer und Tränen beweinen; ein Sieg im Kampf soll mit den Riten der Totenfeier begangen werden.
Deutung: Heshang Gong benennt den Grund für die Trauer: Es ist nicht nur der Kummer um die Toten, sondern der Kummer über die eigene moralische Unzulänglichkeit — „shāngbáonéngdàohuàrénérhàizhīmín" — „Er leidet darunter, dass seine eigene Tugend () zu gering war, um die Menschen durch das Tao (dào) zu verwandeln, und dass er unschuldige Menschen geschädigt hat." Der Grund, warum der Herrscher weinen muss, ist, dass der Griff zu den Waffen bedeutet, dass seine moralische Kraft nicht ausgereicht hat, um die Verwandlung durch das Tao zu bewirken — und dies selbst stellt ein Scheitern dar.
Ähnliche Ansichten: Kommentar von Heshang Gong: „shāngbáonéngdàohuàrénérhàizhīmín" — „Er leidet darunter, dass seine Tugend zu gering war; er konnte die Menschen nicht durch das Tao verwandeln und hat die Unschuldigen geschädigt." „zhīhòushìyòngbīngbēitòngzhī" — „Wissend, dass spätere Generationen ohne Unterlass Krieg führen würden, trauerte er zutiefst."

Zusammenfassung des Kapitels

Dieses Kapitel enthält 13 Deutungskombinationen.

[Kerndifferenzen]

Kapitel 31 ist das am unmittelbarsten gegen den Krieg gerichtete Kapitel des Tao Te Ching und eine der frühesten Erklärungen gegen den Krieg in der Geschichte des chinesischen Denkens. Das Kapitel entfaltet sich in vier Schichten: (1) Die allgemeine These — Waffen sind Geräte des Unheils, und wer das Tao besitzt, gebraucht sie nicht; (2) Die Links-Rechts-Analogie zum Wesen des Krieges — der Waffengebrauch gleicht einer unheilvollen Angelegenheit; (3) Der Weg des Waffengebrauchs — nur im äußersten Notfall, mit gelassener Gleichmut und ohne den Sieg zu verherrlichen; (4) Die erschütterndste Schlussfolgerung — „Wenn viele Menschen getötet wurden, soll man sie mit Trauer und Tränen beklagen; ein Sieg im Kampf soll mit den Riten der Totenfeier begangen werden." Laozi ist kein naiver Pazifist: Er anerkennt, dass Krieg manchmal unvermeidlich ist. Doch seine Haltung ist unmissverständlich: (a) jede Verherrlichung des Krieges kommt der Freude am Töten gleich; (b) ein kriegslüsterner Herrscher wird am Ende die Herzen der Menschen verlieren; (c) selbst der Sieg sollte als Trauerfeier begangen werden, denn hinter jedem Sieg steht der Verlust unzähliger Menschenleben. Bemerkenswert ist, dass Wang Bi keinen Kommentar zu diesem Kapitel hinterlassen hat; einige Gelehrte sehen darin Vorbehalte gegenüber seiner Echtheit. Der Kommentar von Heshang Gong hingegen ist von außerordentlichem Reichtum: Er erklärt die Links-Rechts-Unterscheidung systematisch durch die Yin-und-Yang-Theorie und betont insbesondere, dass der Herrscher sich zutiefst vorwerfen sollte, „zu gering an Tugend zu sein, um die Menschen durch das Tao zu verwandeln" — und erhebt damit das Argument gegen den Krieg von bloßem Humanismus auf die Ebene der moralischen Selbstprüfung.

Anhang: Glossar der Schlüsselzeichen

jiā
A. [Adj.] Vorzüglich; ausgezeichnet
Quelle: Grundbedeutung. Vorzüglich und von guter Qualität.
B. [Verb] Schmücken; verzieren
Quelle: Kommentar von Heshang Gong: „jiāshì" — „'jiā' bedeutet 'schmücken'." Man sollte Waffen nicht schmücken.
bīng
A. [Subst.] Waffen; Rüstzeug
Quelle: Grundbedeutung. Sammelbegriff für Kriegsgerät.
B. [Subst.] Streitkräfte; Militär
Quelle: Erweiterte Bedeutung. Die militärische Macht als Ganzes.
xiáng
A. [Adj.] Glückverheißend; günstig
Quelle: Grundbedeutung. Kommentar von Heshang Gong: „xiángshàn" — „'xiáng' bedeutet 'gut'." „xiáng" bedeutet unheilbringend.
è
A. [Verb] Verabscheuen; hassen
Quelle: Grundbedeutung. Ausgesprochen wù. Alle Wesen verabscheuen Waffen.
chù
A. [Verb] Verweilen; sich aufhalten
Quelle: Grundbedeutung. Wer das Tao besitzt, verweilt nicht am Ort der Waffen.
B. [Verb] Gebrauchen; sich bedienen
Quelle: Erweiterte Bedeutung. Wer das Tao besitzt, bedient sich keiner Waffen.
guì
A. [Verb] Hochschätzen; ehren
Quelle: Grundbedeutung. Etwas als kostbar und bedeutsam betrachten.
zuǒ
A. [Subst.] Die linke Seite, Symbol für Yang, Leben und Glück
Quelle: Alte rituelle Konvention. Die linke Seite ist die Yang-Position, Symbol für Lebenskraft und Glück. Kommentar von Heshang Gong: „zuǒshēngwèi" — „Links ist die Position des Lebens."
B. [Subst.] Die Position der Weichheit und Nachgiebigkeit
Quelle: Kommentar von Heshang Gong: „guìróuruò" — „Er schätzt das Weiche und Schwache." Links steht für die Weichheit.
yòu
A. [Subst.] Die rechte Seite, Symbol für Yin, Töten und Unheil
Quelle: Alte rituelle Konvention. Die rechte Seite ist die Yin-Position, Symbol für Strenge und unheilvolle Angelegenheiten. Kommentar von Heshang Gong: „yīndàoshārén" — „Der Weg des Yin ist das Töten."
B. [Subst.] Die Position der Härte und Stärke
Quelle: Kommentar von Heshang Gong: „guìgāngqiáng" — „Er schätzt das Harte und Starke." Rechts steht für die Härte.
A. [Subst.] Gerät; Werkzeug
Quelle: Grundbedeutung. Waffen sind eine Art von Gerät.
B. [Subst.] Ein Mittel, auf das sich die Tugend stützt
Quelle: Erweiterte Bedeutung. „fēijūnzizhī" bedeutet „kein Mittel, dessen sich der Edle bedienen sollte".
tián
A. [Adj.] Gelassen; ruhig
Quelle: Grundbedeutung. Ein ruhiger und ungetrübter Geisteszustand.
dàn
A. [Adj.] Gleichmütig; uninteressiert
Quelle: Grundbedeutung. Verbunden mit „tián" zum Ausdruck „tiándàn" — gelassene Gleichmut; ruhiges Nicht-Handeln (wèi) ohne Begierde.
měi
A. [Verb] Verherrlichen; preisen
Quelle: Kausativer Gebrauch. Etwas für schön halten; loben und preisen.
B. [Verb] Sich rühmen; als ruhmreich betrachten
Quelle: Erweiterte Bedeutung. Etwas innerlich als etwas Schönes und Ruhmreiches betrachten.
A. [Verb] Freude haben an; sich erfreuen an
Quelle: Grundbedeutung. Ausgesprochen lè. Freude am Töten haben.
zhì
A. [Subst.] Ziel; Streben
Quelle: Grundbedeutung. Sein Ziel verwirklichen, die Welt zu regieren.
B. [Subst.] Die Herzen des Volkes; Unterstützung des Volkes
Quelle: Erweiterte Bedeutung. „zhìtiānxià" bedeutet „die Unterstützung aller unter dem Himmel gewinnen".
shàng
A. [Verb] Hochschätzen; ehren
Quelle: Grundbedeutung. Synonym zu „guì" oben.
piān
A. [Adj.] Stellvertretend; untergeordnet
Quelle: Grundbedeutung. Ein „piānjiāngjūn" (Unterfeldherr) ist ein stellvertretender Befehlshaber.
sàng
A. [Subst.] Trauer; Totenriten
Quelle: Grundbedeutung. Die Riten und Zeremonien für die Verstorbenen.
āi
A. [Subst./Adj.] Trauer; Kummer
Quelle: Grundbedeutung. Tiefer und aufrichtiger Kummer.
A. [Verb] Weinen; Tränen vergießen
Quelle: Grundbedeutung. In Stille Tränen vergießen.