Übersetzung: Es gab etwas, das sich zu einem ungeteilten Ganzen geformt hatte und bereits vor der Entstehung von Himmel und Erde existierte.
Deutung: Die gängigste Deutung. Laozi führt die Beschreibung des Tao (道) mit „es gab etwas" ein — das Tao ist ein Urquell, der vor Himmel und Erde existierte. „混成" (im Chaos geformt) betont die undifferenzierte Einheit des Tao, ein unteilbares Ganzes. Dieser Satz begründet die Vorzeitigkeit und Ursprünglichkeit des Tao: Es ist kein Erzeugnis von Himmel und Erde, sondern deren Ursprung.
Ähnliche Ansichten: Wang Bi (王弼): „混然不可得而知,而万物由之以成,故曰混成也" — „Undifferenziert und unerkennbar, und doch kommen alle Dinge durch es ins Sein — deshalb heißt es ‚im Chaos geformt'." Heshanggong (河上公): „谓道无形,混沌而成万物,乃在天地之前" — „Das Tao hat keine Form; im Chaos erzeugt es alle Dinge und existierte vor Himmel und Erde."
Übersetzung: Es gab eine ununterscheidbare Seinsweise, in ihrer undifferenzierten Ganzheit selbstgenügsam, bereits vor Himmel und Erde geformt.
Deutung: Die von Wang Bi bevorzugte Deutung. „物" wird als „Seinsweise" verstanden, „混" als „ununterscheidbar" und „成" als „selbstgenügsame Ganzheit". Diese Lesart betont die Unerkennbarkeit des Tao — es ist kein „Ding" (物) im gewöhnlichen Sinne, sondern eine ursprüngliche Existenz jenseits aller Erkenntniskategorien. Wang Bi merkt weiter an, dass „man nicht weiß, wessen Kind es ist", womit selbst die Herkunft des Tao unergründlich bleibt.
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „混然不可得而知,而万物由之以成。不知其谁之子,故先天地生" — „Undifferenziert und unerkennbar, und doch kommen alle Dinge durch es ins Sein. Da man nicht weiß, wessen Kind es ist, wurde es vor Himmel und Erde geboren."
Übersetzung: Es gab etwas, das im Chaos (alle Dinge) hervorbrachte und vor Himmel und Erde existierte.
Deutung: Die Deutung von Heshanggong. „混成" bezeichnet nicht nur die selbstgenügsame undifferenzierte Ganzheit des Tao, sondern vor allem seine Hervorbringung aller Dinge aus dem Chaos — „im Chaos erzeugte es alle Dinge". Diese Lesart versteht das implizite Objekt von „成" (erzeugen) als alle Dinge: Das Tao erschuf alles auf chaotische, undifferenzierte Weise.
Ähnliche Ansichten: Heshanggong: „谓道无形,混沌而成万物" — „Das Tao hat keine Form; im Chaos erzeugte es alle Dinge."
Übersetzung: Still und leer, steht es allein und verändert sich nicht, kreist überall ohne zu ermüden, und kann als Mutter aller Dinge unter dem Himmel gelten.
Deutung: Die gängigste Deutung. Vier Merkmale beschreiben das Wesen des Tao: (1) „still und leer" — ohne Laut und ohne Form; (2) „steht allein und verändert sich nicht" — einzigartig und beständig; (3) „kreist überall ohne zu ermüden" — alle Dinge durchdringend ohne Erschöpfung; (4) „Mutter aller Dinge unter dem Himmel" — die erzeugende Quelle aller Dinge. Diese vier Ebenen schreiten von Ruhe zu Bewegung, von Substanz zu Funktion fort und zeichnen ein vollständiges Bild der Existenzweise des Tao.
Ähnliche Ansichten: Heshanggong: „寂者,无音声。寥者,空无形。独立者,无匹双。不改者,化有常" — „‚Still' bedeutet ohne Laut. ‚Leer' bedeutet leer und formlos. ‚Allein stehend' bedeutet ohne Ebenbild. ‚Unwandelbar' bedeutet, dass seine Wandlungen einem beständigen Muster folgen."
Übersetzung: Still und leer, allein stehend und unwandelbar, in ewigem Kreislauf umlaufend ohne zu ermüden, kann es als Mutter aller Dinge unter dem Himmel gelten.
Deutung: „周行" wird als „in ewigem Kreislauf umlaufen" verstanden. Die Bewegung des Tao ist nicht einseitig gerichtet, sondern zyklisch und wiederkehrend — in Übereinstimmung mit der Idee in Kapitel 16, „alle Dinge blühen, und ich beobachte ihre Wiederkehr" (万物并作,吾以观复), und in Kapitel 40, „Umkehr ist die Bewegung des Tao" (反者道之动). Die Kraft des Tao liegt in seinem ewigen Kreislauf, der niemals aufhört.
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „返化终始,不失其常。周行无所不至而免殆" — „Rückkehr und Wandlung von Anfang bis Ende, niemals seine Beständigkeit verlierend. Überall kreisend ohne Grenze, entgeht es der Erschöpfung."
Übersetzung: Still und leer, allein stehend und unwandelbar, überall kreisend ohne nachzulassen, kann es als Urquell aller Dinge unter dem Himmel gelten.
Deutung: „殆" wird als phonetische Entlehnung für „怠" (nachlassen, ermüden) gelesen, und „母" wird als „Urquell" verstanden. Diese Deutung betont, dass die Bewegung des Tao niemals nachlässt — es ist nicht, dass es der Gefahr ohne Furcht begegnet, sondern dass es niemals müde wird oder nachlässt. Das Tao erhält die Existenz aller Dinge durch seine unermüdliche, ewige Tätigkeit.
Ähnliche Ansichten: Heshanggong: „道通行天地,无所不入,在阳不焦,托荫不腐,无不贯穿,而不危怠也" — „Das Tao durchdringt Himmel und Erde, dringt überall ein; in der Sonne verbrennt es nicht, im Schatten verwest es nicht; es durchdringt alles ohne Gefahr oder Ermüdung."
Übersetzung: Ich kenne seinen Namen nicht; ich gebe ihm den Beinamen „Tao" und nenne es widerwillig „das Große".
Deutung: Die gängigste Deutung. Laozi unterscheidet „名" (Name) und „字" (Beiname): Ein „Name" definiert präzise eine Form, ein „Beiname" ist eine provisorische Bezeichnung. Da das Tao formlos und unbenennbar ist, kann man es nur provisorisch „Tao" (als Beiname) nennen und ihm widerwillig die Bezeichnung „Groß" geben. Die doppelte „Widerwilligkeit" impliziert, dass jede Benennung des Tao ein Kompromiss der Sprache ist — das Tao selbst transzendiert alle Bezeichnungen.
Ähnliche Ansichten: Heshanggong: „我不见道之形容,不知当何以名之,见万物皆从道所生,故字之曰道" — „Ich erkenne weder Form noch Aussehen des Tao und weiß nicht, welchen Namen ich ihm geben soll; da ich sehe, dass alle Dinge aus dem Tao geboren werden, gebe ich ihm den Beinamen ‚Tao'."
Übersetzung: Ich kenne seinen formdefinierenden Namen nicht; ich bezeichne es provisorisch als „Tao" und nenne es widerwillig „das Große".
Deutung: Wang Bis präzise philosophische Deutung. „名以定形" — ein Name entspricht präzise einer Form; das Tao hat keine Form, also keinen Namen. „字以称可" — ein Beiname bezeichnet provisorisch das Sagbare. „Tao" wird gewählt, weil „nichts existiert, das nicht durch es geht" (无物而不由) — „Tao" ist die größte unter den aussprechbaren Bezeichnungen. Doch sobald „Groß" zum Namen wird, erhält es Grenzen („大有系,则必有分" — „das Große, einmal fixiert, hat notwendig Teilungen"), und ist nicht mehr das Äußerste — daher „widerwillig benannt".
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „名以定形,字以称可。言道取于无物而不由也。责其字定之所由,则系于大。大有系,则必有分,有分则失其极矣" — „Ein Name definiert eine Form; ein Beiname bezeichnet das Sagbare. ‚Tao' wird gewählt, weil nichts existiert, das nicht durch es geht. Verfolgt man die Grundlage dieses Beinamens, so ist er an ‚Groß' gebunden. Doch das Große, einmal fixiert, hat notwendig Teilungen; mit Teilungen verliert es seine äußerste Natur."
Übersetzung: Ich kenne seinen (des Tao) wahren Namen nicht — nennen wir es provisorisch „Tao" und geben ihm widerwillig die Bezeichnung „Groß".
Deutung: Die tiefere Bedeutung dieses Satzes liegt in seiner sprachlichen Selbstreflexivität: Laozi erklärt gleichzeitig, dass „das Tao nicht benannt werden kann", während er gezwungen ist, die Bezeichnungen „Tao" und „Groß" zu verwenden, um darauf zu verweisen. Dieser Akt des „Benennens dessen, was als unbenennbar bekannt ist" ist selbst die lebendigste Demonstration der Grenzen der Sprache. Der Geist von Kapitel 1 — „Das Tao, das ausgesprochen werden kann, ist nicht das ewige Tao" — wird hier weiter konkretisiert.
Ähnliche Ansichten: Steht im Echo zur Sprachphilosophie von Kapitel 1: „道可道,非常道;名可名,非常名" — „Das Tao, das ausgesprochen werden kann, ist nicht das ewige Tao; der Name, der genannt werden kann, ist nicht der ewige Name."
Übersetzung: Groß zu sein bedeutet unaufhörlich dahinfließen; unaufhörlich dahinfließen bedeutet die äußerste Ferne erreichen; die äußerste Ferne erreichen bedeutet zur Quelle zurückkehren.
Deutung: Die gängigste Deutung. Die Bewegung des Tao zeigt sich als vollständiger Kreislauf: Groß → Dahingehen (unaufhörlich fließen) → Fern (bis zum Äußersten ausdehnen) → Umkehren (zur Quelle zurückkehren). Dies ist das Kernschema von Laozis Kosmologie — alle Dinge gehen vom Tao aus, dehnen sich nach außen bis zum Äußersten aus und kehren schließlich zum Tao zurück. Die drei aufeinanderfolgenden „曰" (bedeutet) zeichnen die dynamische Bahn des Tao in fortschreitenden Stufen nach.
Ähnliche Ansichten: Heshanggong: „远者,穷乎无穷" — „Fern bedeutet das endlos Grenzenlose erreichen." „言其远不越绝,乃复反在人身也" — „Obwohl es die Ferne erreicht, trennt es sich nicht ab, sondern kehrt zurück, um im menschlichen Körper zu wohnen."
Übersetzung: „Groß" kann als unaufhörliches Dahinfließen beschrieben werden; bis zum äußersten Extrem fließen kann als „fern" beschrieben werden; das äußerste Extrem erreichen und zur eigenen Substanz zurückkehren kann als „Umkehr" beschrieben werden.
Deutung: Wang Bis präzise Deutung. Das Tao „verharrt nicht bloß in seinem Zustand der Größe" (不守一大体而已), sondern durchdringt alle Dinge (Dahingehen), erreicht jeden Extrempunkt (fern), folgt aber nicht dorthin, wohin es gelangt, sondern kehrt unabhängig zurück (Umkehr). „远" (fern) wird als „极" (äußerstes Extrem) verstanden: Das Tao wirkt bis an die äußerste Grenze jedes Dinges, wird aber von keinem besonderen Extrem begrenzt — es kehrt stets zu seiner unabhängigen Substanz zurück.
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „不守一大体而已。周行无所不至,故曰逝也。远,极也。不随于所适,其体独立,故曰反也" — „Es verharrt nicht bloß in seinem Zustand der Größe. Überall kreisend ohne Grenze, nennt man es daher ‚Dahingehen'. ‚Fern' bedeutet ‚das äußerste Extrem'. Dem Ziel nicht folgend, steht seine Substanz unabhängig, deshalb nennt man es ‚Umkehren'."
Übersetzung: Groß zu sein bedeutet unaufhörlich dahinfließen; bis zur extremen Ferne zu fließen bedeutet „fern"; das Extrem zu erreichen bedeutet „Umkehr" — Dinge kehren sich am Höhepunkt um.
Deutung: „反" wird im Sinne von „Umkehr am Höhepunkt" (物极必反) verstanden. Diese Lesart sieht „大曰逝,逝曰远,远曰反" als Offenbarung des universellen Gesetzes kosmischer Bewegung: Alle Dinge wenden sich, wenn sie ihr Extrem erreichen, ins Gegenteil. Dies steht im Echo zu Kapitel 40: „Umkehr ist die Bewegung des Tao" (反者道之动) — Umkehr (oder Rückkehr) ist die fundamentale Bewegungsweise des Tao.
Ähnliche Ansichten: Steht in direktem Echo zu Kapitel 40: „反者道之动" — „Umkehr ist die Bewegung des Tao."
Übersetzung: Obwohl das Tao die äußerste Ferne erreicht, kehrt es zurück, um im menschlichen Körper zu wohnen.
Deutung: Heshanggongs einzigartige Deutung der „Rückkehr in den menschlichen Körper" (反在人身). Obwohl sich das Tao „endlos grenzenlos" (穷乎无穷) bis an die fernsten Enden des Kosmos erstreckt, trennt es sich nicht ab, sondern „kehrt zurück, um im menschlichen Körper zu wohnen" (复反在人身也). Diese Lesart verankert die Kosmologie in der Selbstkultivierung: Das Tao ist dem Menschen nicht fern — es existiert in Körper und Geist jedes Einzelnen.
Ähnliche Ansichten: Heshanggong: „言其远不越绝,乃复反在人身也" — „Obwohl es die Ferne erreicht, trennt es sich nicht ab, sondern kehrt zurück, um im menschlichen Körper zu wohnen."
Übersetzung: Daher ist das Tao groß, der Himmel groß, die Erde groß, und auch der König ist groß.
Deutung: Die gängigste Deutung. Vier große Existenzen im Kosmos werden in Rangfolge aufgestellt: Tao → Himmel → Erde → König. Der „König" (王) repräsentiert den höchsten Herrscher der Menschenwelt. Das Wort „auch" (亦) deutet subtil an, dass der König nicht auf derselben Stufe steht wie Tao, Himmel und Erde — deren Größe ist natürlich und inhärent, die Größe des Königs dagegen ist bedingt (sie erfordert die Nachahmung von Tao, Himmel und Erde).
Ähnliche Ansichten: Heshanggong: „道大者,包罗天地。天大者,无所不盖。地大者,无所不载。王大者,无所不制" — „Das Tao ist groß, weil es Himmel und Erde umfasst. Der Himmel ist groß, weil nichts von ihm unbedeckt bleibt. Die Erde ist groß, weil nichts von ihr ungetragen bleibt. Der König ist groß, weil nichts von ihm unregiert bleibt."
Übersetzung: Daher ist das Tao groß, der Himmel groß, die Erde groß, und auch der Mensch ist groß.
Deutung: Wang Bis Deutung. „王" (König) steht hier für die gesamte Menschheit — „unter den Naturen von Himmel und Erde ist der Mensch der edelste, und der König ist der Herr der Menschheit" (天地之性,人为贵,而王是人之主也). Obwohl der Mensch klein ist, ist er als bewusstes Wesen, das Tao, Himmel und Erde nachahmen kann, würdig, zu den „Vier Großen" gezählt zu werden. Das Wort „auch" (亦) drückt Bescheidenheit aus — die Größe des Menschen unterscheidet sich von der des Tao, des Himmels und der Erde; es ist, dass er „obwohl er die Größe nicht von Natur aus innehat, dennoch groß ist" (虽不职大,亦复为大).
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „天地之性,人为贵,而王是人之主也。虽不职大,亦复为大,与三匹" — „Unter den Naturen von Himmel und Erde ist der Mensch der edelste, und der König ist der Herr der Menschheit. Obwohl er die Größe nicht von Natur aus innehat, ist er dennoch groß, den dreien gleichgestellt."
Übersetzung: Im Kosmos gibt es vier Große, und der König (die Menschheit) nimmt einen davon ein.
Deutung: Die vorherrschende Deutung. „域" (Bereich) bezeichnet den Kosmos — den Gesamtumfang aller Existenz. Die Vier Großen (Tao, Himmel, Erde, König) sind darin aufgestellt. Dieser Satz betont besonders die einzigartige Stellung der Menschheit (des Königs) im Kosmos: Obwohl der Mensch nicht die ewige Weite von Tao, Himmel und Erde besitzt, ist die Menschheit einer der Vier Großen und verfügt über eine unersetzliche Würde und Verantwortung.
Ähnliche Ansichten: Heshanggong: „八极之内有四大,王居其一也" — „Innerhalb der acht Horizonte gibt es vier Große, und der König nimmt einen davon ein."
Übersetzung: In jenem unbennenbaren Bereich gibt es vier Große, und der König nimmt einen davon ein.
Deutung: Wang Bis präzise Deutung. „域" ist kein gewöhnlicher Raum, sondern eine transzendente Kategorie, die „unbezeichenbar und unbenennbar" (无称不可得而名) ist — selbst der Name „Bereich" ist nur eine unvermeidliche provisorische Bezeichnung. Tao, Himmel, Erde und König existieren alle in diesem „Bereich des Unbezeichenbaren". Diese Lesart impliziert, dass selbst „das Tao" nur „das Größte unter den bezeichenbaren Begriffen" (称中之大) ist, während „Bereich" die wahrhaft „unbezeichenbare Größe" (无称之大) darstellt, die alle Bezeichnungen einschließlich des Tao selbst transzendiert.
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „凡物有称有名则非其极也。无称不可得而名曰域也。道天地王皆在乎无称之内" — „Alles, was eine Bezeichnung oder einen Namen hat, ist nicht das Äußerste. Was unbezeichenbar und unbenennbar ist, wird ‚Bereich' genannt. Tao, Himmel, Erde und König existieren alle im Bereich des Unbezeichenbaren."
Übersetzung: Der Mensch nimmt die Erde zum Vorbild, die Erde den Himmel, der Himmel das Tao, das Tao das Von-selbst-so-Sein (自然 — seine eigene inhärente Natur).
Deutung: Die tiefgründigste und gängigste Deutung. „自然" (zìrán) ist kein äußeres Objekt (nicht „die Natur" als Naturwelt), sondern „Von-sich-aus-so-Sein" — die Dinge, wie sie ihrem Wesen nach sind. Woran das Tao sich orientiert, ist nicht etwas jenseits des Tao, sondern seine eigene Natur — spontan, ohne Künstlichkeit. Mensch → Erde → Himmel → Tao → zìrán bildet eine große Kette der Orientierung, deren letzter Bezugspunkt die „Natürlichkeit" (自然) ist — die Dinge, die nach ihrer eigenen inhärenten Natur wirken.
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „道不违自然,乃得其性。法自然者,在方而法方,在圆而法圆,于自然无所违也。自然者,无称之言,穷极之辞也" — „Das Tao geht nicht gegen das Von-selbst-so-Sein und erlangt so seine wahre Natur. Das Von-selbst-so-Sein zum Vorbild nehmen bedeutet: im Eckigen dem Eckigen folgen, im Runden dem Runden folgen — in nichts dem Von-selbst-so-Sein zuwiderhandeln. ‚Natürlichkeit' ist das Wort für das Unbezeichenbare, der Ausdruck des Äußersten."
Übersetzung: Wenn der Mensch der Erde nicht zuwiderhandelt, findet er Sicherheit; wenn die Erde dem Himmel nicht zuwiderhandelt, kann sie alle Dinge tragen; wenn der Himmel dem Tao nicht zuwiderhandelt, kann er alle Dinge bedecken; wenn das Tao seinem eigenen Wesen nicht zuwiderhandelt, ist es von-selbst-so.
Deutung: Wang Bis Deutung durch „Nicht-Zuwiderhandeln" (不违). „法" bedeutet nicht aktives Nachahmen, sondern „nicht zuwiderhandeln" — wenn der Mensch die Gesetze der Erde nicht verletzt, erlangt er Sicherheit; wenn die Erde dem Himmel nicht zuwiderhandelt, kann sie alle Dinge tragen; wenn der Himmel dem Tao nicht zuwiderhandelt, kann er alle Dinge bedecken; wenn das Tao seinem eigenen Wesen nicht zuwiderhandelt, bewahrt es sein Wesen. „道法自然" bedeutet, dass das Tao seinem eigenen Wesen nicht zuwiderhandelt — das Wesen des Tao ist Natürlichkeit. Diese Lesart beseitigt das Missverständnis, dass „es oberhalb des Tao etwas Höheres gäbe, das ‚Natur' genannt wird".
Ähnliche Ansichten: Heshanggong: „道性自然,无所法也" — „Das Wesen des Tao ist Natürlichkeit; es hat nichts, woran es sich orientiert." Wang Bi: „人不违地,乃得全安,法地也" — „Wenn der Mensch der Erde nicht zuwiderhandelt, erlangt er vollständige Sicherheit — dies ist ‚die Erde zum Vorbild nehmen'."
Übersetzung: Der Mensch nimmt die Stille und Sanftheit der Erde zum Vorbild, die Erde die freigebige Anspruchslosigkeit des Himmels, der Himmel die stille Gelassenheit des Tao, das Tao das Von-selbst-so-Sein.
Deutung: Heshanggongs konkretisierte Deutung. Jede Ebene der Orientierung hat einen bestimmten Inhalt: Der Mensch nimmt die Erde zum Vorbild — Stille und Sanftheit, Verdienste erwerben ohne sie zu beanspruchen; die Erde den Himmel — heitere Unbeweglichkeit, Geben ohne Gegenleistung zu fordern; der Himmel das Tao — stille Gelassenheit und Wortlosigkeit, im Verborgenen die Lebenskraft zirkulierend, sodass alle Dinge von selbst entstehen. Diese Lesart übersetzt das abstrakte „Vorbild nehmen" in konkrete, praktizierbare Tugenden: Stille → Freigebigkeit → Gelassenheit → Natürlichkeit.
Ähnliche Ansichten: Heshanggong: „人当法地安静和柔也" — „Der Mensch sollte die Ruhe und Sanftheit der Erde zum Vorbild nehmen." „天澹泊不动,施而不求报" — „Der Himmel ist heiter und unbewegt, gebend ohne Gegenleistung zu fordern." „道清静不言,阴行精气,万物自成也" — „Das Tao ist still und gelassen, im Verborgenen die Lebenskraft zirkulierend, und alle Dinge entstehen von selbst."
Übersetzung: Der Mensch nimmt die Erde zum Vorbild, die Erde den Himmel, der Himmel das Tao, das Tao das Von-selbst-so-Sein — stufenweise absteigend, mit Nicht-Handeln (无为) als höchstem Prinzip.
Deutung: Wang Bis absteigende Ontologie. „Der Gebrauch der Vernunft ist dem Unwissen unterlegen, die körperliche Form dem feinen Bild, das feine Bild der Formlosigkeit, das Muster der Musterlosigkeit" (用智不及无知,形魄不及精象,精象不及无形,有仪不及无仪) — in absteigender Folge: das Geformte ist dem Formlosen unterlegen, das absichtliche Handeln dem Nicht-Handeln (无为). „Das Tao nimmt das Von-selbst-so-Sein zum Vorbild" ist der Endpunkt dieser absteigenden Kette: Das äußerste Ziel aller Orientierung ist „Nicht-Handeln" (无为) und „das Unbezeichenbare" (无称). Mensch → Erde → Himmel → Tao → Natürlichkeit — jede Stufe führt vom Handeln zum Nicht-Handeln, vom Benannten zum Namenlosen.
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „用智不及无知,而形魄不及精象,精象不及无形,有仪不及无仪,故转相法也" — „Der Gebrauch der Vernunft ist dem Unwissen unterlegen, die körperliche Form dem feinen Bild, das feine Bild der Formlosigkeit, das Muster der Musterlosigkeit — so nehmen sie einander stufenweise zum Vorbild."
Übersetzung: Der Mensch nimmt die Erde zum Vorbild, die Erde den Himmel, der Himmel das Tao, das Tao die Natur (die natürliche Welt).
Deutung: Eine spätere Ableitung. „自然" wird als objektive Naturwelt verstanden — das Tao nimmt die gesamte Naturwelt als Maßstab. Obwohl diese Lesart im modernen Chinesisch am intuitivsten ist, entspricht sie nicht der ursprünglichen Bedeutung von „自然" im vor-Qin-Sprachgebrauch — zu Laozis Zeit bezeichnete „自然" nicht die objektive Naturwelt, sondern den Zustand des „Von-sich-aus-so-Seins". Obwohl dieser Deutung philologische Präzision fehlt, hat sie heuristischen Wert: Sie erinnert daran, objektive Gesetzmäßigkeiten zu achten.
Ähnliche Ansichten: Einige moderne populäre Deutungen. Strenge Philologen weisen darauf hin, dass diese Bedeutung eine spätere Fehldeutung darstellt.
Dieses Kapitel enthält 22 Deutungskombinationen.
[Kerndifferenzen]
Kapitel 25 ist das bedeutendste kosmologische Kapitel des Tao Te Ching und die systematischste Darlegung des Begriffs „Tao" (道) in der Geschichte der chinesischen Philosophie. Die Struktur des Kapitels ist präzise: (1) Die Substanz des Tao — „es gab etwas im Chaos Geformtes, geboren vor Himmel und Erde" (Ursprünglichkeit); (2) Die Attribute des Tao — „still und leer, allein stehend und unwandelbar" (Beständigkeit); (3) Die Funktion des Tao — „überall kreisend ohne zu ermüden, kann es als Mutter aller Dinge unter dem Himmel gelten" (Schöpferkraft); (4) Der Name des Tao — „ich gebe ihm den Beinamen ‚Tao' und nenne es widerwillig ‚das Große'" (Unbenennbarkeit); (5) Die Bewegung des Tao — „Groß bedeutet Dahingehen, Dahingehen bedeutet Fernesein, Fernesein bedeutet Umkehren" (Zyklizität); (6) Die Stellung des Tao — „im Weltall gibt es vier Große" (kosmische Hierarchie); (7) Das Vorbild des Tao — „der Mensch nimmt die Erde zum Vorbild… das Tao das Von-selbst-so-Sein" (Kette der Orientierung). Die Kerndifferenz zwischen Wang Bi und Heshanggong liegt darin: Wang Bi treibt alles zum Äußersten des „Unbezeichenbaren" (无称) — das Tao ist nur „das Größte unter den Bezeichenbaren" und nicht „die unbezeichenbare Größe", und Natürlichkeit ist „der Ausdruck des Äußersten" — ein Weg radikaler negativer Theologie; Heshanggong verankert die Kosmologie in der Selbstkultivierung — das Tao kehrt zurück, um im menschlichen Körper zu wohnen, und die Stille und Sanftheit der Erde zum Vorbild zu nehmen ist praktizierbare Kultivierung. Der Schlusssatz „das Tao nimmt das Von-selbst-so-Sein zum Vorbild" (道法自然) ist der höchste Lehrsatz des gesamten Buches und begründet die „Natürlichkeit" (自然 — Von-sich-aus-so-Sein) als den äußersten Wert der Philosophie Laozis.