Tao Te Ching Kapitel 6: Der vollständige Kommentar

Der folgende Inhalt bietet eine multiperspektivische Tiefenanalyse jedes Satzes dieses Kapitels, die traditionelle Kommentare, philologische Analysen, philosophische Interpretationen und weitere Dimensionen umfasst. Grundtext: Wang Bis Kommentar zum Daode Zhenjing, Ausgabe des Zhengtong Daozang
Die „Kombination"-Bezeichnung jeder Deutung folgt dem Format „Zeichen + Bedeutungsnummer" (z.B. „dàoC-A"), d.h. diese Deutung verwendet Bedeutung C von „dào" und Bedeutung A von „". Das vollständige Glossar finden Sie am Ende dieses Kapitels: [Anhang: Glossar der Schlüsselzeichen].

[Satz 1] shénshìwèixuánpìn。(Der Geist des Tals stirbt nie; dies nennt man das Geheimnisvolle Weibliche.)

Kapitel 6 · Satz 1: shénshìwèixuánpìn

[Deutung 1] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: B-shénD-A-A-shìA-wèiA-xuánA-pìnB
Übersetzung: Die wunderbare Schöpfungskraft in der Leere vergeht nie — dies nennt man das „Geheimnisvolle Weibliche" (xuánpìn) — den tiefen und geheimnisvollen Mutterschoß der Schöpfung.
Deutung: Die am weitesten verbreitete Deutung. „" (Tal) trägt die Bedeutung der Leere und symbolisiert die Eigenschaft des Tao (dào), leer zu sein und doch alle Dinge aufnehmen zu können; „shén" (Geist) trägt die Bedeutung der Schöpfungskraft — in der Leere wohnt eine unerschöpfliche zeugende Kraft. „xuán" bedeutet tief und unergründlich, „pìn" bezeichnet einen Mutterschoß, der empfängt und gebiert. „shén" bezeichnet zusammen die Eigenschaft des Tao, seinem Wesen nach leer zu sein und doch über wunderbare Schöpfungskraft zu verfügen. Wang Bis Kommentar: „shénzhōngyāngxíngyǐng……zhì" („Der Geist des Tals — im Zentrum des Tals ist nichts. Das Tal ist ohne Gestalt und ohne Schatten… dies ist das höchste Wesen") — mit Betonung darauf, dass das Wesentliche des Tals in seiner Leere liegt.
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „shénzhōngyāngxíngyǐngwéichùbēidòngshǒujìngshuāi……zhì" („Der Geist des Tals — im Zentrum des Tals ist nichts. Das Tal ist ohne Gestalt und ohne Schatten, weder widerständig noch widerspenstig, verweilt in der Niedrigkeit ohne sich zu regen, bewahrt die Stille ohne zu schwinden… dies ist das höchste Wesen").
Kapitel 6 · Satz 1: shénshìwèixuánpìn

[Deutung 2] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: C-shénB-A-A-shìA-wèiA-xuánA-pìnB
Übersetzung: Den Geist nähren, damit er nicht vergehe — dies nennt man das „Geheimnisvolle Weibliche" (xuánpìn) — den tiefen Mutterschoß.
Deutung: Heshanggongs Deutung unter dem Gesichtspunkt der Lebenspflege. „" ist austauschbar mit „" und trägt die Bedeutung „nähren"; „shén" bezeichnet „den Geist, die Geister der fünf Organe". Diese Deutung versteht das gesamte Kapitel als eine Abhandlung über den Weg der Lebenspflege und Selbstvervollkommnung: Wenn man seinen eigenen Geist zu nähren vermag, zerstreuen sich die Geister der fünf Organe nicht und das Leben vergeht nicht. Heshanggongs Kommentar: „yǎngrénnéngyǎngshénshénwèicángzhīshéngāncánghúnfèicángxīncángshénshèncángjīngcángzhì" („ bedeutet nähren. Wer den Geist zu nähren versteht, stirbt nicht. shén bezeichnet die Geister der fünf Organe: Die Leber birgt die Wanderseele, die Lunge birgt die Körperseele, das Herz birgt den Geist, die Nieren bergen die Essenz, die Milz birgt den Willen"). Dies ist eine wichtige textuelle Grundlage des taoistischen Lebenspflegegedankens.
Ähnliche Ansichten: Heshanggong: „yǎngrénnéngyǎngshén" („ bedeutet nähren. Wer den Geist zu nähren versteht, stirbt nicht").
Kapitel 6 · Satz 1: shénshìwèixuánpìn

[Deutung 3] Traditionell · Mittlere Glaubwürdigkeit

Kombination: A-shénA-A-A-shìA-wèiA-xuánA-pìnB
Übersetzung: Der in der Bergschlucht weilende Geist stirbt nie — dies nennt man das „Geheimnisvolle Weibliche" (xuánpìn) — den tiefen Mutterschoß.
Deutung:" nimmt seine Grundbedeutung Bergtal an, „shén" die Bedeutung himmlische Gottheit. Die Menschen des Altertums betrachteten Bergtäler als Wohnstätten der Geister; die Gottheit im Tal vergeht nie — sie ist der geheimnisvolle Mutterschoß, der alle Dinge des Universums erschafft. Diese Deutung bewahrt die Bildsprache der Urreligion — Bergtäler sind tief und dunkel, die Orte, an denen das Leben empfangen wird — und so symbolisiert der Geist im Tal, unsterblich und unvergänglich, die Ewigkeit der kosmischen Schöpfungskraft.
Ähnliche Ansichten: Deutungen einiger Gelehrter aus mythologischer Perspektive.
Kapitel 6 · Satz 1: shénshìwèixuánpìn

[Deutung 4] Neuartig · Mittlere Glaubwürdigkeit

Kombination: B-shénC-A-B-shìA-wèiA-xuánA-pìnB
Übersetzung: Das geheimnisvolle Wunder der Leere wird nie erschöpft — dies nennt man den tiefen Mutterschoß.
Deutung:" trägt die Bedeutung Leere, „shén" nimmt die adjektivische Bedeutung „geheimnisvoll, wundersam" an, und „" die Bedeutung „Erschöpfung". Diese Deutung versteht „shén" nicht als den Namen eines Wesens, sondern als eine Zustandsbeschreibung: Die wundersame Eigenschaft der Leere wird niemals erschöpft — gerade weil sie hohl und leer ist, kann sie niemals versiegen. Darin liegt das Wunder der Leere des Tao: Gestalthafte Dinge nutzen sich ab, allein die Leere bleibt ewig erfüllt.
Ähnliche Ansichten: Steht im Einklang mit Kapitel 4 des Laozi: „dàochōngéryòngzhīhuòyíng" („Das Tao ist wie ein Gefäß, das man gebraucht, aber nie gefüllt wird").
Kapitel 6 · Satz 1: shénshìwèixuánpìn

[Deutung 5] Traditionell · Mittlere Glaubwürdigkeit

Kombination: B-shénD-A-A-shìA-wèiA-xuánC-pìnA
Übersetzung: Die Schöpfungskraft in der Leere vergeht nie — dies nennt man den weiblichen Aspekt des Himmels (die Quelle von allem).
Deutung: Heshanggong deutet „xuán" als „Himmel", und „pìn" behält seine Grundbedeutung „weiblich". Der Himmel ist Yang und männlich, die Erde ist Yin und weiblich. Doch hier heißt es „xuánpìn" — der weibliche Aspekt des Himmels, also die geschmeidige, empfangende Seite des Himmels. Diese Deutung impliziert: Die grundlegendste Schöpfungskraft des Universums liegt nicht im Männlich-Durchsetzenden, sondern im Weiblich-Nachgiebigen. Das stille Yin, das in der Leere verweilt, ist das Geheimnis der ewigen Schöpfung. Heshanggongs Kommentar: „xuántiānrénwèipìnrénwèikǒu" („xuán ist der Himmel, im menschlichen Körper entspricht er der Nase. pìn ist die Erde, im menschlichen Körper entspricht sie dem Mund").
Ähnliche Ansichten: Heshanggong: „xuántiānpìn" („xuán ist der Himmel. pìn ist die Erde").
Kapitel 6 · Satz 1: shénshìwèixuánpìn

[Deutung 6] Neuartig · Geringe Glaubwürdigkeit

Kombination: A-shénD-A-A-shìA-wèiA-xuánA-pìnC
Übersetzung: Die Schöpfungskraft in der Bergschlucht vergeht nie — dies nennt man die geheimnisvolle Talschlucht.
Deutung: Hier nimmt „pìn" die Bedeutung „Tal, Schlucht, Vertiefung" an. Im Altertum bildeten „pìn" und „" ein Paar: pìn ist konkav, talähnlich, Yin. „shén" zeigt an, dass in der Bergschlucht eine unsterbliche zeugende Kraft wohnt, und diese Kraft gleicht einer geheimnisvollen, tiefen Schlucht — ewig leer und empfänglich, ewig tiefliegend und aufnahmefähig. Diese Deutung versteht „xuánpìn" als Rückverweis auf und Vertiefung von „".
Ähnliche Ansichten: Analysen einiger Philologen unter dem Gesichtspunkt des Begriffspaares „pìn/".
Kapitel 6 · Satz 1: shénshìwèixuánpìn

[Deutung 7] Neuartig · Mittlere Glaubwürdigkeit

Kombination: D-shénD-A-A-shìA-wèiA-xuánA-pìnB
Übersetzung: Die geheimnisvolle Kraft, die alle Dinge nährt, vergeht nie — dies nennt man den tiefen Mutterschoß.
Deutung:" ist austauschbar mit „" in der Bedeutung „Getreide, lebenserhaltendes Nahrungsmittel", erweitert zu „nähren"; „shén" trägt die Bedeutung der Schöpfungskraft. Die nährende Kraft, von der alle Dinge für ihr Überleben abhängen, versiegt nie — sie ist der schöpferische Mutterschoß tief im Kosmos. Diese Deutung betont die nährende Natur des Tao — das Tao ist kein erhabener Herrscher, sondern eine still versorgende, mütterliche Kraft, die alle Dinge nährt.
Ähnliche Ansichten: Verbindet Heshanggongs Lesart „yǎng" („ bedeutet nähren") mit dem Verständnis von „xuánpìn" als Mutterschoß der Schöpfung.

[Satz 2] xuánpìnzhīménshìwèitiāngēn。(Das Tor des Geheimnisvollen Weiblichen nennt man die Wurzel von Himmel und Erde.)

Kapitel 6 · Satz 2: xuánpìnzhīménshìwèitiāngēn

[Deutung 1] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: xuánA-pìnB-zhīA-ménA-shìA-wèiA-tiānA-A-gēnB
Übersetzung: Das Tor des tiefen schöpferischen Mutterschoßes — dies nennt man die Wurzel und den Ursprung von Himmel und Erde.
Deutung: Die am weitesten verbreitete Deutung. Das „Tor" des „Geheimnisvollen Weiblichen" (xuánpìn) ist der Ausgang der kosmischen Schöpfung — alle Dinge strömen aus diesem Tor hervor. Dieses Tor ist die Wurzel und der Ursprung von Himmel, Erde und allen Dingen. „mén" nimmt seine Grundbedeutung „Tor, Ein-/Ausgang" an, „gēn" die Bedeutung „Wurzel, Ursprung". Wang Bis Kommentar: „ménxuánpìnzhīsuǒyóuběnsuǒyóutóngwèizhītiānzhīgēn" („Das Tor ist die Quelle, aus der das Geheimnisvolle Weibliche hervorgeht. Verfolgt man diese Quelle zurück, ist sie eins mit dem Höchsten, daher nennt man es die Wurzel von Himmel und Erde"). Der letzte Ursprung aller Existenz liegt hier.
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „ménxuánpìnzhīsuǒyóuběnsuǒyóutóngwèizhītiānzhīgēn" („Das Tor ist die Quelle, aus der das Geheimnisvolle Weibliche hervorgeht. Verfolgt man diese Quelle zurück, ist sie eins mit dem Höchsten, daher nennt man es die Wurzel von Himmel und Erde").
Kapitel 6 · Satz 2: xuánpìnzhīménshìwèitiāngēn

[Deutung 2] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: xuánA-pìnA-zhīA-ménA-shìA-wèiA-tiānA-A-gēnC
Übersetzung: Das Tor des geheimnisvollen Mutterschoßes — dies nennt man das ursprüngliche Qi () von Himmel und Erde.
Deutung: Heshanggongs Deutung. „pìn" behält die Bildsprache der weiblichen Fortpflanzung — das Tor des Mutterschoßes (der Geburtskanal) ist das Ur-Qi von Himmel und Erde. Heshanggongs Kommentar: „gēnyuányánkǒuzhīménshìnǎitōngtiānzhīyuánsuǒcóngwǎnglái" („gēn bedeutet ursprünglich. Das Tor von Nase und Mund ist der Durchgang, durch welchen das Ur-Qi von Himmel und Erde ein- und ausströmt"). In Heshanggongs Lebenspflegesystem bezeichnet das „Tor des Geheimnisvollen Weiblichen" Nase und Mund des Menschen — den Kanal, durch den das Ur-Qi ein- und austritt, und das Tor zum Ur-Qi von Himmel und Erde.
Ähnliche Ansichten: Heshanggong: „gēnyuányánkǒuzhīménshìnǎitōngtiānzhīyuánsuǒcóngwǎnglái" („gēn bedeutet ursprünglich. Das Tor von Nase und Mund ist der Durchgang, durch welchen das Ur-Qi von Himmel und Erde ein- und ausströmt").
Kapitel 6 · Satz 2: xuánpìnzhīménshìwèitiāngēn

[Deutung 3] Neuartig · Mittlere Glaubwürdigkeit

Kombination: xuánA-pìnB-zhīA-ménB-shìA-wèiA-tiānB-A-gēnB
Übersetzung: Die Drehachse des tiefen schöpferischen Mutterschoßes — dies nennt man das Fundament der Natur und der Erde.
Deutung:mén" nimmt die Bedeutung „Dreh- und Angelpunkt" an, „tiān" die Bedeutung „Natur, natürliche Ordnung" und „gēn" die Bedeutung „Fundament". Diese Deutung versteht das „Tor des Geheimnisvollen Weiblichen" nicht bloß als Ein-/Ausgang, sondern als die Drehachse des gesamten Schöpfungsmechanismus — den zentralen Drehpunkt, um den der Kosmos kreist. Die gesamte natürliche Ordnung und alles auf der Erde entfaltet sich um diese Achse.
Ähnliche Ansichten: Moderne philosophische Deutungen, die „mén" als Dreh- und Angelpunkt lesen.
Kapitel 6 · Satz 2: xuánpìnzhīménshìwèitiāngēn

[Deutung 4] Neuartig · Mittlere Glaubwürdigkeit

Kombination: xuánA-pìnB-zhīA-ménC-shìA-wèiA-tiānA-A-gēnA
Übersetzung: Der Zugangsweg zum tiefen schöpferischen Mutterschoß — dies nennt man die Wurzel von Himmel und Erde.
Deutung:mén" nimmt die Bedeutung „Weg, der zu einem bestimmten Zustand führt" an, „gēn" behält die konkrete Grundbedeutung „Wurzel einer Pflanze". Diese Deutung ist von großer Bildhaftigkeit: Alle Dinge sind wie ein großer Baum; Himmel und Erde sind seine Äste und Blätter, während der Weg zum Geheimnisvollen Weiblichen (dem tiefen Mutterschoß) seine tief in die Erde getriebene Wurzel ist. Die unsichtbare Wurzel ist grundlegender als die sichtbaren Äste und Blätter.
Ähnliche Ansichten: Steht im Einklang mit Kapitel 59 des Laozi: „shìwèishēngēnzhǎngshēngjiǔshìzhīdào" („Dies nennt man tiefe Wurzeln und festes Fundament, den Weg des langen Lebens und der dauernden Schau").
Kapitel 6 · Satz 2: xuánpìnzhīménshìwèitiāngēn

[Deutung 5] Traditionell · Mittlere Glaubwürdigkeit

Kombination: xuánB-pìnA-zhīA-ménA-shìA-wèiA-tiānA-A-gēnB
Übersetzung: Das Tor, an dem Himmel (Yang) und Erde (Yin) zusammentreffen — dies nennt man die Wurzel und den Ursprung von Himmel und Erde.
Deutung: Ausgehend von Heshanggongs Gleichung „xuán = Himmel", während „pìn" seine Grundbedeutung „weiblich" behält. „xuánpìn" bedeutet somit den weiblichen Aspekt des Himmels, das Yin des Yang — den Knotenpunkt, an dem Yin und Yang von Himmel und Erde zusammentreffen. Dieses Tor ist die Wurzel und der Ursprung der Wechselwirkung und gegenseitigen Hervorbringung von Himmel und Erde. Diese Deutung trägt kosmologische Obertöne: Das Qi von Yin und Yang strömt durch dieses Tor, und alle Dinge werden dadurch hervorgebracht.
Ähnliche Ansichten: Die kosmologische Yin-Yang-Deutung innerhalb von Heshanggongs Kommentarsystem, in dem „xuán = Himmel, pìn = Erde".

[Satz 3] miánmiánruòcúnyòngzhīqín。(Zart und fein, als ob es da wäre; man schöpft daraus und es erschöpft sich nie.)

Kapitel 6 · Satz 3: miánmiánruòcúnyòngzhīqín

[Deutung 1] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: miánmiánA-ruòA-cúnA-yòngA-zhīA-A-qínB
Übersetzung: Es zieht sich endlos hin, als ob es da wäre; man schöpft daraus und es wird nie erschöpft.
Deutung: Die am weitesten verbreitete Deutung. „miánmián" beschreibt das Wirken des Tao als fortwährend und ungebrochen, zwischen Sein und Nichtsein schwebend. „ruòcún" — es scheint da zu sein und kann doch weder gesehen noch ergriffen werden, was genau die Eigenschaft der Gestaltlosigkeit des Tao ist. „qín" ist austauschbar mit „jǐn" in der Bedeutung „Erschöpfung": Daraus zu schöpfen wird es nie erschöpfen. Wang Bis Kommentar: „yáncúnxiéjiànxíngyánwángxiéwànzhīshēngmiánmiánruòcúnchéngyòngérláoyuēyòngérqín" („Will man sagen, es existiere, so sieht man seine Gestalt nicht; will man sagen, es existiere nicht, so werden alle Dinge durch es geboren. Daher ‚zart und fein, als ob es da wäre'. Nichts bleibt unvollbracht, und sein Gebrauch erfordert keine Mühe. Daher ‚man schöpft daraus und es erschöpft sich nie'").
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „yáncúnxiéjiànxíngyánwángxiéwànzhīshēngmiánmiánruòcúnchéngyòngérláo" („Will man sagen, es existiere, so sieht man seine Gestalt nicht; will man sagen, es existiere nicht, so werden alle Dinge durch es geboren. Daher ‚zart und fein, als ob es da wäre'. Nichts bleibt unvollbracht, und sein Gebrauch erfordert keine Mühe").
Kapitel 6 · Satz 3: miánmiánruòcúnyòngzhīqín

[Deutung 2] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: miánmiánB-ruòA-cúnA-yòngA-zhīA-A-qínA
Übersetzung: Es ist fein und zart, als ob es da wäre; daraus zu schöpfen erfordert keine Anstrengung.
Deutung:miánmián" nimmt den Sinn von „fein und zart" an, „qín" seine Grundbedeutung „Mühe, Anstrengung". Das Wirken des Tao ist äußerst fein und zart, kaum wahrnehmbar — es scheint da zu sein und doch nicht da zu sein. Doch wenn man daraus schöpft, bedarf es keiner Anstrengung; es wirkt von selbst, ganz natürlich. Heshanggongs Kommentar: „kǒuchuǎndāngmiánmiánwēimiàoruòcúnruòyǒuyòngdāngkuānshūdāngqínláo" („Das Ein- und Ausatmen durch Nase und Mund soll hauchfein und subtil sein, als ob es da wäre und doch als ob es nicht da wäre. Der Gebrauch des Qi soll entspannt und gelassen sein, nicht hastig und nicht mühevoll").
Ähnliche Ansichten: Heshanggong: „kǒuchuǎndāngmiánmiánwēimiàoyòngdāngkuānshūdāngqínláo" („Das Ein- und Ausatmen durch Nase und Mund soll hauchfein und subtil sein. Der Gebrauch des Qi soll entspannt und gelassen sein, nicht hastig und nicht mühevoll").
Kapitel 6 · Satz 3: miánmiánruòcúnyòngzhīqín

[Deutung 3] Traditionell · Hohe Glaubwürdigkeit

Kombination: miánmiánC-ruòA-cúnB-yòngA-zhīA-A-qínB
Übersetzung: Es erstreckt sich weit und dauert fort, als ob es sich fortsetze; man schöpft daraus und es wird nie erschöpft.
Deutung:miánmián" nimmt die Bedeutung „lang andauernd, weit reichend" an, „cún" die Bedeutung „fortbestehen, fortdauern". Diese Deutung betont die zeitliche Dimension des Tao — es erstreckt sich von der Urzeit bis in die Gegenwart, ohne je abgerissen zu sein. Wie viel man auch daraus schöpft, es kann nie versiegen. Dies steht im Einklang mit Kapitel 4: „dàochōngéryòngzhīhuòyíng" („Das Tao ist wie ein Gefäß, das man gebraucht, aber nie gefüllt wird") — die Leere des Tao ist genau der Grund, warum es nie erschöpft werden kann.
Ähnliche Ansichten: Bedeutungsgleich mit Kapitel 4 des Laozi: „dàochōngéryòngzhīhuòyíng" („Das Tao ist wie ein Gefäß, das man gebraucht, aber nie gefüllt wird").
Kapitel 6 · Satz 3: miánmiánruòcúnyòngzhīqín

[Deutung 4] Neuartig · Mittlere Glaubwürdigkeit

Kombination: miánmiánA-ruòA-cúnA-yòngB-zhīA-A-qínA
Übersetzung: Es zieht sich endlos hin, als ob es da wäre; seine Wirkung bedarf keiner Anstrengung.
Deutung:yòng" nimmt die substantivische Bedeutung „Wirkung, Funktion" an. Diese Deutung betont: Die Wirkung des Tao ist spontan und natürlich (rán) — sie bedarf keiner äußeren Kraft als Antrieb, keiner Mühe und keiner bewussten Absicht. Blumen blühen auf und fallen ab, die vier Jahreszeiten kreisen — all dies ist die Wirkung des Tao, die sich natürlich entfaltet, ohne mühsame Arbeit. Diese Bedeutung stimmt in hohem Maße mit Laozis Gedanken des „Nicht-Handelns und doch ist nichts ungetan" (wèiérwèi) überein.
Ähnliche Ansichten: Stimmt überein mit der Philosophie des Laozi des „Nicht-Handelns und doch ist nichts ungetan" (wèiérwèi).
Kapitel 6 · Satz 3: miánmiánruòcúnyòngzhīqín

[Deutung 5] Traditionell · Mittlere Glaubwürdigkeit

Kombination: miánmiánB-ruòA-cúnA-yòngA-zhīA-A-qínC
Übersetzung: Es ist fein und zart, als ob es da wäre; man braucht nicht hastig oder häufig daraus zu schöpfen.
Deutung:miánmián" nimmt den Sinn von fein und zart an, „qín" die Bedeutung „häufig, hastig". Unter dem Gesichtspunkt der Lebenspflege und Selbstvervollkommnung verstanden: Das Atmen und Lenken des Qi soll hauchfein und subtil sein wie der Tao-Leib selbst, zwischen Sein und Nichtsein schwebend. Man darf den Atem nicht hastig oder häufig gebrauchen; es soll entspannt und natürlich sein. Diese Deutung stellt das gesamte Kapitel in den Rahmen der Atemübungen und stimmt am engsten mit Heshanggongs Kommentar überein.
Ähnliche Ansichten: Heshanggong: „yòngdāngkuānshūdāngqínláo" („Der Gebrauch des Qi soll entspannt und gelassen sein, nicht hastig und nicht mühevoll").
Kapitel 6 · Satz 3: miánmiánruòcúnyòngzhīqín

[Deutung 6] Umstritten · Geringe Glaubwürdigkeit

Kombination: miánmiánA-ruòB-cúnA-yòngA-zhīA-A-qínB
Übersetzung: Endlos sich erstreckend und wahrhaft existierend; man schöpft daraus und es wird nie erschöpft.
Deutung:ruò" nimmt die Bedeutung „und, ferner" (Konjunktion) an, nicht „als ob". Diese Deutung verändert den Tonfall des gesamten Satzes: „miánmiánruòcún" ist nicht mehr die unsichere Beschreibung „als ob es da wäre", sondern die bekräftigende Aussage „endlos sich erstreckend und wahrhaft existierend". Das Tao ist sowohl unendlich als auch wirklich — es ist keine ätherische Schimäre, sondern die substantiellste Kraft im Kosmos.
Ähnliche Ansichten: Eine alternative philologische Lesart von „ruò" durch eine Minderheit von Gelehrten.

Zusammenfassung des Kapitels

Dieses Kapitel enthält 18 Deutungskombinationen.

[Kerndifferenzen]

Das sechste Kapitel stellt die Kernmerkmale des Tao-Leibes durch ein äußerst spannungsreiches Bild dar — den „Geist des Tals" (shén). Ein Bergtal ist leer und doch fähig, alles aufzunehmen, geheimnisvoll und doch nicht zu fassen, ewig und doch nie dem Verfall unterworfen; wenn diese beiden Eigenschaften eins werden, haben wir die weibliche Schöpfungskraft des Tao. Laozi nennt dies das „Geheimnisvolle Weibliche" (xuánpìn) — den tiefen Mutterschoß — und verleiht der kosmischen Schöpfungskraft die feminisierte Bildsprache nachgiebiger Empfänglichkeit, im Einklang mit der Aussage des ersten Kapitels, dass „das Benannte die Mutter aller Dinge ist" (yǒumíngwànzhī). „Das Tor des Geheimnisvollen Weiblichen nennt man die Wurzel von Himmel und Erde" — dieses unsichtbare Tor ist die wahre Wurzel und der Ursprung von Himmel, Erde und allen Dingen, grundlegender als alles Sichtbare und Greifbare. „Zart und fein, als ob es da wäre; man schöpft daraus und es erschöpft sich nie" beschließt das Kapitel: Das Wirken des Tao schwebt zwischen Sein und Nichtsein, zieht sich ungebrochen hin — gerade weil es nicht zu sein scheint, kann es nie versiegen. Wang Bi deutet vom ontologischen Standpunkt, Heshanggong vom Standpunkt der Lebenspflege — sie bilden die beiden klassischen Traditionen der Laozi-Kommentierung. Dieses Kapitel ist ein klassischer Ausdruck von Laozis weiblicher Kosmologie und hat tiefgreifenden und nachhaltigen Einfluss auf die spätere taoistische Verehrung des Weiblichen und den Glauben an die „Muttergottheit" ausgeübt.

Anhang: Glossar der Schlüsselzeichen

A. [Subst.] Bergtal; der leere Raum zwischen zwei Bergen
Quelle: Grundbedeutung. Shuowen Jiezi: „quánchūtōngchuānwèi" (Ein Tal ist dort, wo Quellen hervorsprudeln und sich zu Wasserläufen vereinen).
B. [Subst.] Leere, Hohlraum (Metapher für die Eigenschaft der Leere des Tao)
Quelle: Erweiterte Bedeutung. Das Wesen des Tals liegt darin, dass es hohl ist und aufnehmen kann; daher wird es als Metapher für die Leere verwendet.
C. [Verb] Nähren, pflegen
Quelle: Heshanggongs Kommentar: „yǎng" ( bedeutet nähren). ist austauschbar mit „" und trägt die Bedeutung des Nährens.
D. [Subst.] Getreide, Nahrungsmittel (austauschbar mit „")
Quelle: Guangya: „shēng" ( bedeutet Leben/Wachstum). Die fünf Getreidesorten erhalten das menschliche Leben, erweitert zur Bedeutung unaufhörlicher Hervorbringung.
shén
A. [Subst.] Gottheit, himmlischer Geist
Quelle: Shuowen Jiezi: „shéntiānshényǐnchūwànzhě" (shén ist der himmlische Geist, der alle Dinge hervorbringt).
B. [Subst.] Geist, Bewusstsein; die wunderbare Fähigkeit des Geistes
Quelle: Heshanggongs Kommentar: „shénwèicángzhīshén" (shén bezeichnet die Geister der fünf Organe).
C. [Adj.] Geheimnisvoll, wundersam, unbegreiflich
Quelle: Yijing, Xici: „yīnyángzhīwèishén" (Das unergründliche Wechselspiel von Yin und Yang nennt man shén).
D. [Subst.] Die Funktion der Schöpfung; die geheimnisvolle Kraft der Natur
Quelle: Erweiterte Bedeutung. Die zeugende Funktion, durch die alle Dinge verwandelt und geboren werden.
A. [Adv.] Nicht, wird nicht
Quelle: Grundbedeutung
A. [Verb] Sterben, vergehen
Quelle: Shuowen Jiezi: „rénsuǒ" ( bedeutet erlöschen; es ist das Scheiden eines Menschen).
B. [Verb] Sich erschöpfen, versiegen
Quelle: Erweiterte Bedeutung. Das Aufhören oder Versiegen von etwas.
shì
A. [Pron.] Dies, dieses
Quelle: Mengzi: „shìxīnwáng" (Dieses Herz genügt, um als König zu herrschen).
wèi
A. [Verb] Genannt werden, bezeichnet werden als
Quelle: Shuowen Jiezi: „wèibào" (wèi bedeutet berichten). Erweitert zur Bedeutung „bezeichnen, nennen".
xuán
A. [Adj.] Tiefgründig und fern; dunkel und unergründlich
Quelle: Shuowen Jiezi: „xuányōuyuǎn" (xuán bedeutet tiefgründig und fern).
B. [Adj.] Schwarz, dunkel gefärbt
Quelle: Yijing: „tiānxuánérhuáng" (Der Himmel ist dunkel und die Erde ist gelb).
C. [Subst.] Der Himmel, der Weg des Himmels
Quelle: Heshanggongs Kommentar: „xuántiānrénwèi" (xuán ist der Himmel; im menschlichen Körper entspricht er der Nase). Weil die Farbe des Himmels dunkel (xuán) ist, wird xuán zur Bezeichnung des Himmels verwendet.
pìn
A. [Subst.] Weiblich; Muttertier (weibliches Tier oder weibliches Fortpflanzungsorgan)
Quelle: Shuowen Jiezi: „pìnchù" (pìn ist die Mutter des Viehs).
B. [Subst.] Mutterschoß; Urquelle mit der Funktion der Empfängnis und Schöpfung
Quelle: Erweiterte Bedeutung, bezeichnet jede Quelle der Empfängnis und Schöpfung.
C. [Subst.] Talschlucht, Vertiefung (Gegenteil von „")
Quelle: Laozi, Kapitel 61: „guózhěxiàliútiānxiàzhījiāotiānxiàzhīpìn" (Ein großer Staat ist wie der Unterlauf eines Flusses — der Zusammenfluss alles Unter-dem-Himmel-Befindlichen, das Weibliche alles Unter-dem-Himmel-Befindlichen). pìn ist Metapher für die geschmeidige, tiefliegende, empfangende Position.
zhī
A. [Part.] Des/der (Strukturpartikel, die Attribut und Bezugswort verbindet)
Quelle: Grundbedeutung
mén
A. [Subst.] Tor, Pforte; Ein-/Ausgang
Quelle: Shuowen Jiezi: „ménwéncóngèr" (mén bedeutet „vernehmen". Es besteht aus zwei Flügeln).
B. [Subst.] Dreh- und Angelpunkt, Schlüsselstelle
Quelle: Erweiterte Bedeutung. Die kritische, wesentliche Stelle einer Sache.
C. [Subst.] Zugangsweg, Portal (Durchgang, der zu einem bestimmten Zustand führt)
Quelle: Laozi, Kapitel 1: „xuánzhīyòuxuánzhòngmiàozhīmén" (Geheimnis über Geheimnis — das Tor zu allen Wundern).
tiān
A. [Subst.] Himmel, Firmament
Quelle: Grundbedeutung. Shuowen Jiezi: „tiāndiān" (tiān bedeutet Scheitel, Spitze).
B. [Subst.] Natur, natürliche Ordnung
Quelle: Zhuangzi: „tiānzhīcāngcāngzhèngxié?" (Das weite Blau des Himmels — ist das seine wahre Farbe?).
A. [Subst.] Erde, Erdboden
Quelle: Shuowen Jiezi: „yuánchūfēnqīngqīngyángwèitiānzhòngzhuóyīnwèi" (Erde: Als das Ur-Qi sich erstmals teilte, wurde das Leichte, Reine, Yang-hafte zum Himmel, und das Schwere, Trübe, Yin-hafte zur Erde).
gēn
A. [Subst.] Wurzel einer Pflanze
Quelle: Grundbedeutung. Shuowen Jiezi: „gēnzhū" (gēn ist die Basis/Wurzel eines Baumes).
B. [Subst.] Wurzel, Ursprung; grundlegende Quelle
Quelle: Guangya: „gēnshǐ" (gēn bedeutet Anfang). Das, woraus alle Dinge geboren werden.
C. [Subst.] Urgrund; die ursprüngliche Quelle
Quelle: Heshanggongs Kommentar: „gēnyuán" (gēn bedeutet Urgrund).
mián
A. [Adj.] Fortwährend, ununterbrochen, unaufhörlich
Quelle: Shijing, Daya: „miánmiánguādié" (Ununterbrochen wie die Ranken der Kürbisse und Melonen). Guangya: „miánlián" (mián bedeutet zusammenhängend).
B. [Adj.] Fein, zart, hauchfein
Quelle: Hanshu: „yuèrénmiánbáocái" (Die Menschen von Yue sind von zarter Kraft und geringer Konstitution). Trägt die Bedeutung fein und zart.
C. [Adj.] Lang andauernd, weit reichend, beständig
Quelle: Wenxuan, Zhang Heng: „miányuèérshuāi" (Beständig durch Sonne und Mond, ohne zu schwinden).
ruò
A. [Verb] Als ob, gleichsam
Quelle: Erya: „ruò" (ruò bedeutet „wie, gleich").
B. [Konj.] Oder, und; ferner
Quelle: Erweiterte Bedeutung. Verbindet gleichgeordnete Elemente.
cún
A. [Verb] Existieren, am Leben sein
Quelle: Erya: „cúncúnzài" (cún bedeutet existieren).
B. [Verb] Bewahren, fortbestehen, fortdauern
Quelle: Erweiterte Bedeutung
yòng
A. [Verb] Gebrauchen, verwenden
Quelle: Shuowen Jiezi: „yòngshīxíng" (yòng bedeutet das, was ausgeführt werden kann).
B. [Subst.] Funktion, Wirkung
Quelle: Erweiterte Bedeutung. „xiǎosuǒyòng" (Kleine Riten haben keinen praktischen Nutzen).
qín
A. [Adj.] Mühevoll, beschwerlich
Quelle: Shuowen Jiezi: „qínláo" (qín bedeutet Mühe). Die Grundbedeutung ist Ermüdung, Anstrengung.
B. [Verb] Erschöpfen, versiegen lassen, aufbrauchen
Quelle: Austauschbar mit „jǐn" (erschöpfen). Huainanzi: „qínkuì" (Wenn die Kraft erschöpft ist, herrscht Mangel). Kommentare zitieren diese Laozi-Stelle und glossieren sie als „versiegen".
C. [Adj.] Häufig, hastig
Quelle: Adverbiale Verwendung: „láiwǎnghěnqín" (sehr häufig kommen und gehen). Heshanggongs Kommentar: „yòngdāngkuānshūdāngqínláo" (Der Gebrauch des Qi soll entspannt und gelassen sein, nicht hastig und nicht mühevoll).