Übersetzung: Die wunderbare Schöpfungskraft in der Leere vergeht nie — dies nennt man das „Geheimnisvolle Weibliche" (玄牝) — den tiefen und geheimnisvollen Mutterschoß der Schöpfung.
Deutung: Die am weitesten verbreitete Deutung. „谷" (Tal) trägt die Bedeutung der Leere und symbolisiert die Eigenschaft des Tao (道), leer zu sein und doch alle Dinge aufnehmen zu können; „神" (Geist) trägt die Bedeutung der Schöpfungskraft — in der Leere wohnt eine unerschöpfliche zeugende Kraft. „玄" bedeutet tief und unergründlich, „牝" bezeichnet einen Mutterschoß, der empfängt und gebiert. „谷神" bezeichnet zusammen die Eigenschaft des Tao, seinem Wesen nach leer zu sein und doch über wunderbare Schöpfungskraft zu verfügen. Wang Bis Kommentar: „谷神,谷中央无。谷也,无形无影……此至物也" („Der Geist des Tals — im Zentrum des Tals ist nichts. Das Tal ist ohne Gestalt und ohne Schatten… dies ist das höchste Wesen") — mit Betonung darauf, dass das Wesentliche des Tals in seiner Leere liegt.
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „谷神,谷中央无。谷也,无形无影,无逆无违,处卑不动,守静不衰……此至物也" („Der Geist des Tals — im Zentrum des Tals ist nichts. Das Tal ist ohne Gestalt und ohne Schatten, weder widerständig noch widerspenstig, verweilt in der Niedrigkeit ohne sich zu regen, bewahrt die Stille ohne zu schwinden… dies ist das höchste Wesen").
Übersetzung: Den Geist nähren, damit er nicht vergehe — dies nennt man das „Geheimnisvolle Weibliche" (玄牝) — den tiefen Mutterschoß.
Deutung: Heshanggongs Deutung unter dem Gesichtspunkt der Lebenspflege. „谷" ist austauschbar mit „穀" und trägt die Bedeutung „nähren"; „神" bezeichnet „den Geist, die Geister der fünf Organe". Diese Deutung versteht das gesamte Kapitel als eine Abhandlung über den Weg der Lebenspflege und Selbstvervollkommnung: Wenn man seinen eigenen Geist zu nähren vermag, zerstreuen sich die Geister der fünf Organe nicht und das Leben vergeht nicht. Heshanggongs Kommentar: „谷,养也。人能养神则不死也。神,谓五藏之神也。肝藏魂,肺藏魄,心藏神,肾藏精,脾藏志" („谷 bedeutet nähren. Wer den Geist zu nähren versteht, stirbt nicht. 神 bezeichnet die Geister der fünf Organe: Die Leber birgt die Wanderseele, die Lunge birgt die Körperseele, das Herz birgt den Geist, die Nieren bergen die Essenz, die Milz birgt den Willen"). Dies ist eine wichtige textuelle Grundlage des taoistischen Lebenspflegegedankens.
Ähnliche Ansichten: Heshanggong: „谷,养也。人能养神则不死也" („谷 bedeutet nähren. Wer den Geist zu nähren versteht, stirbt nicht").
Übersetzung: Der in der Bergschlucht weilende Geist stirbt nie — dies nennt man das „Geheimnisvolle Weibliche" (玄牝) — den tiefen Mutterschoß.
Deutung: „谷" nimmt seine Grundbedeutung Bergtal an, „神" die Bedeutung himmlische Gottheit. Die Menschen des Altertums betrachteten Bergtäler als Wohnstätten der Geister; die Gottheit im Tal vergeht nie — sie ist der geheimnisvolle Mutterschoß, der alle Dinge des Universums erschafft. Diese Deutung bewahrt die Bildsprache der Urreligion — Bergtäler sind tief und dunkel, die Orte, an denen das Leben empfangen wird — und so symbolisiert der Geist im Tal, unsterblich und unvergänglich, die Ewigkeit der kosmischen Schöpfungskraft.
Ähnliche Ansichten: Deutungen einiger Gelehrter aus mythologischer Perspektive.
Übersetzung: Das geheimnisvolle Wunder der Leere wird nie erschöpft — dies nennt man den tiefen Mutterschoß.
Deutung: „谷" trägt die Bedeutung Leere, „神" nimmt die adjektivische Bedeutung „geheimnisvoll, wundersam" an, und „死" die Bedeutung „Erschöpfung". Diese Deutung versteht „谷神" nicht als den Namen eines Wesens, sondern als eine Zustandsbeschreibung: Die wundersame Eigenschaft der Leere wird niemals erschöpft — gerade weil sie hohl und leer ist, kann sie niemals versiegen. Darin liegt das Wunder der Leere des Tao: Gestalthafte Dinge nutzen sich ab, allein die Leere bleibt ewig erfüllt.
Ähnliche Ansichten: Steht im Einklang mit Kapitel 4 des Laozi: „道冲而用之或不盈" („Das Tao ist wie ein Gefäß, das man gebraucht, aber nie gefüllt wird").
Übersetzung: Die Schöpfungskraft in der Leere vergeht nie — dies nennt man den weiblichen Aspekt des Himmels (die Quelle von allem).
Deutung: Heshanggong deutet „玄" als „Himmel", und „牝" behält seine Grundbedeutung „weiblich". Der Himmel ist Yang und männlich, die Erde ist Yin und weiblich. Doch hier heißt es „玄牝" — der weibliche Aspekt des Himmels, also die geschmeidige, empfangende Seite des Himmels. Diese Deutung impliziert: Die grundlegendste Schöpfungskraft des Universums liegt nicht im Männlich-Durchsetzenden, sondern im Weiblich-Nachgiebigen. Das stille Yin, das in der Leere verweilt, ist das Geheimnis der ewigen Schöpfung. Heshanggongs Kommentar: „玄,天也,于人为鼻。牝,地也,于人为口" („玄 ist der Himmel, im menschlichen Körper entspricht er der Nase. 牝 ist die Erde, im menschlichen Körper entspricht sie dem Mund").
Ähnliche Ansichten: Heshanggong: „玄,天也。牝,地也" („玄 ist der Himmel. 牝 ist die Erde").
Übersetzung: Die Schöpfungskraft in der Bergschlucht vergeht nie — dies nennt man die geheimnisvolle Talschlucht.
Deutung: Hier nimmt „牝" die Bedeutung „Tal, Schlucht, Vertiefung" an. Im Altertum bildeten „牝" und „牡" ein Paar: 牝 ist konkav, talähnlich, Yin. „谷神不死" zeigt an, dass in der Bergschlucht eine unsterbliche zeugende Kraft wohnt, und diese Kraft gleicht einer geheimnisvollen, tiefen Schlucht — ewig leer und empfänglich, ewig tiefliegend und aufnahmefähig. Diese Deutung versteht „玄牝" als Rückverweis auf und Vertiefung von „谷".
Ähnliche Ansichten: Analysen einiger Philologen unter dem Gesichtspunkt des Begriffspaares „牝/牡".
Übersetzung: Die geheimnisvolle Kraft, die alle Dinge nährt, vergeht nie — dies nennt man den tiefen Mutterschoß.
Deutung: „谷" ist austauschbar mit „穀" in der Bedeutung „Getreide, lebenserhaltendes Nahrungsmittel", erweitert zu „nähren"; „神" trägt die Bedeutung der Schöpfungskraft. Die nährende Kraft, von der alle Dinge für ihr Überleben abhängen, versiegt nie — sie ist der schöpferische Mutterschoß tief im Kosmos. Diese Deutung betont die nährende Natur des Tao — das Tao ist kein erhabener Herrscher, sondern eine still versorgende, mütterliche Kraft, die alle Dinge nährt.
Ähnliche Ansichten: Verbindet Heshanggongs Lesart „谷,养也" („谷 bedeutet nähren") mit dem Verständnis von „玄牝" als Mutterschoß der Schöpfung.
Übersetzung: Das Tor des tiefen schöpferischen Mutterschoßes — dies nennt man die Wurzel und den Ursprung von Himmel und Erde.
Deutung: Die am weitesten verbreitete Deutung. Das „Tor" des „Geheimnisvollen Weiblichen" (玄牝) ist der Ausgang der kosmischen Schöpfung — alle Dinge strömen aus diesem Tor hervor. Dieses Tor ist die Wurzel und der Ursprung von Himmel, Erde und allen Dingen. „门" nimmt seine Grundbedeutung „Tor, Ein-/Ausgang" an, „根" die Bedeutung „Wurzel, Ursprung". Wang Bis Kommentar: „门,玄牝之所由也。本其所由,与极同体,故谓之天地之根也" („Das Tor ist die Quelle, aus der das Geheimnisvolle Weibliche hervorgeht. Verfolgt man diese Quelle zurück, ist sie eins mit dem Höchsten, daher nennt man es die Wurzel von Himmel und Erde"). Der letzte Ursprung aller Existenz liegt hier.
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „门,玄牝之所由也。本其所由,与极同体,故谓之天地之根也" („Das Tor ist die Quelle, aus der das Geheimnisvolle Weibliche hervorgeht. Verfolgt man diese Quelle zurück, ist sie eins mit dem Höchsten, daher nennt man es die Wurzel von Himmel und Erde").
Übersetzung: Das Tor des geheimnisvollen Mutterschoßes — dies nennt man das ursprüngliche Qi (气) von Himmel und Erde.
Deutung: Heshanggongs Deutung. „牝" behält die Bildsprache der weiblichen Fortpflanzung — das Tor des Mutterschoßes (der Geburtskanal) ist das Ur-Qi von Himmel und Erde. Heshanggongs Kommentar: „根,元也。言鼻口之门,是乃通天地之元气所从往来也" („根 bedeutet ursprünglich. Das Tor von Nase und Mund ist der Durchgang, durch welchen das Ur-Qi von Himmel und Erde ein- und ausströmt"). In Heshanggongs Lebenspflegesystem bezeichnet das „Tor des Geheimnisvollen Weiblichen" Nase und Mund des Menschen — den Kanal, durch den das Ur-Qi ein- und austritt, und das Tor zum Ur-Qi von Himmel und Erde.
Ähnliche Ansichten: Heshanggong: „根,元也。言鼻口之门,是乃通天地之元气所从往来也" („根 bedeutet ursprünglich. Das Tor von Nase und Mund ist der Durchgang, durch welchen das Ur-Qi von Himmel und Erde ein- und ausströmt").
Übersetzung: Die Drehachse des tiefen schöpferischen Mutterschoßes — dies nennt man das Fundament der Natur und der Erde.
Deutung: „门" nimmt die Bedeutung „Dreh- und Angelpunkt" an, „天" die Bedeutung „Natur, natürliche Ordnung" und „根" die Bedeutung „Fundament". Diese Deutung versteht das „Tor des Geheimnisvollen Weiblichen" nicht bloß als Ein-/Ausgang, sondern als die Drehachse des gesamten Schöpfungsmechanismus — den zentralen Drehpunkt, um den der Kosmos kreist. Die gesamte natürliche Ordnung und alles auf der Erde entfaltet sich um diese Achse.
Ähnliche Ansichten: Moderne philosophische Deutungen, die „门" als Dreh- und Angelpunkt lesen.
Übersetzung: Der Zugangsweg zum tiefen schöpferischen Mutterschoß — dies nennt man die Wurzel von Himmel und Erde.
Deutung: „门" nimmt die Bedeutung „Weg, der zu einem bestimmten Zustand führt" an, „根" behält die konkrete Grundbedeutung „Wurzel einer Pflanze". Diese Deutung ist von großer Bildhaftigkeit: Alle Dinge sind wie ein großer Baum; Himmel und Erde sind seine Äste und Blätter, während der Weg zum Geheimnisvollen Weiblichen (dem tiefen Mutterschoß) seine tief in die Erde getriebene Wurzel ist. Die unsichtbare Wurzel ist grundlegender als die sichtbaren Äste und Blätter.
Ähnliche Ansichten: Steht im Einklang mit Kapitel 59 des Laozi: „是谓深根固柢,长生久视之道也" („Dies nennt man tiefe Wurzeln und festes Fundament, den Weg des langen Lebens und der dauernden Schau").
Übersetzung: Das Tor, an dem Himmel (Yang) und Erde (Yin) zusammentreffen — dies nennt man die Wurzel und den Ursprung von Himmel und Erde.
Deutung: Ausgehend von Heshanggongs Gleichung „玄 = Himmel", während „牝" seine Grundbedeutung „weiblich" behält. „玄牝" bedeutet somit den weiblichen Aspekt des Himmels, das Yin des Yang — den Knotenpunkt, an dem Yin und Yang von Himmel und Erde zusammentreffen. Dieses Tor ist die Wurzel und der Ursprung der Wechselwirkung und gegenseitigen Hervorbringung von Himmel und Erde. Diese Deutung trägt kosmologische Obertöne: Das Qi von Yin und Yang strömt durch dieses Tor, und alle Dinge werden dadurch hervorgebracht.
Ähnliche Ansichten: Die kosmologische Yin-Yang-Deutung innerhalb von Heshanggongs Kommentarsystem, in dem „玄 = Himmel, 牝 = Erde".
Übersetzung: Es zieht sich endlos hin, als ob es da wäre; man schöpft daraus und es wird nie erschöpft.
Deutung: Die am weitesten verbreitete Deutung. „绵绵" beschreibt das Wirken des Tao als fortwährend und ungebrochen, zwischen Sein und Nichtsein schwebend. „若存" — es scheint da zu sein und kann doch weder gesehen noch ergriffen werden, was genau die Eigenschaft der Gestaltlosigkeit des Tao ist. „勤" ist austauschbar mit „尽" in der Bedeutung „Erschöpfung": Daraus zu schöpfen wird es nie erschöpfen. Wang Bis Kommentar: „欲言存邪,则不见其形;欲言亡邪,万物以之生。故绵绵若存也。无物不成,用而不劳也。故曰用而不勤也" („Will man sagen, es existiere, so sieht man seine Gestalt nicht; will man sagen, es existiere nicht, so werden alle Dinge durch es geboren. Daher ‚zart und fein, als ob es da wäre'. Nichts bleibt unvollbracht, und sein Gebrauch erfordert keine Mühe. Daher ‚man schöpft daraus und es erschöpft sich nie'").
Ähnliche Ansichten: Wang Bi: „欲言存邪,则不见其形;欲言亡邪,万物以之生。故绵绵若存也。无物不成,用而不劳也" („Will man sagen, es existiere, so sieht man seine Gestalt nicht; will man sagen, es existiere nicht, so werden alle Dinge durch es geboren. Daher ‚zart und fein, als ob es da wäre'. Nichts bleibt unvollbracht, und sein Gebrauch erfordert keine Mühe").
Übersetzung: Es ist fein und zart, als ob es da wäre; daraus zu schöpfen erfordert keine Anstrengung.
Deutung: „绵绵" nimmt den Sinn von „fein und zart" an, „勤" seine Grundbedeutung „Mühe, Anstrengung". Das Wirken des Tao ist äußerst fein und zart, kaum wahrnehmbar — es scheint da zu sein und doch nicht da zu sein. Doch wenn man daraus schöpft, bedarf es keiner Anstrengung; es wirkt von selbst, ganz natürlich. Heshanggongs Kommentar: „鼻口呼噏喘息,当绵绵微妙,若可存,复若无有。用气当宽舒,不当急疾勤劳也" („Das Ein- und Ausatmen durch Nase und Mund soll hauchfein und subtil sein, als ob es da wäre und doch als ob es nicht da wäre. Der Gebrauch des Qi soll entspannt und gelassen sein, nicht hastig und nicht mühevoll").
Ähnliche Ansichten: Heshanggong: „鼻口呼噏喘息,当绵绵微妙。用气当宽舒,不当急疾勤劳也" („Das Ein- und Ausatmen durch Nase und Mund soll hauchfein und subtil sein. Der Gebrauch des Qi soll entspannt und gelassen sein, nicht hastig und nicht mühevoll").
Übersetzung: Es erstreckt sich weit und dauert fort, als ob es sich fortsetze; man schöpft daraus und es wird nie erschöpft.
Deutung: „绵绵" nimmt die Bedeutung „lang andauernd, weit reichend" an, „存" die Bedeutung „fortbestehen, fortdauern". Diese Deutung betont die zeitliche Dimension des Tao — es erstreckt sich von der Urzeit bis in die Gegenwart, ohne je abgerissen zu sein. Wie viel man auch daraus schöpft, es kann nie versiegen. Dies steht im Einklang mit Kapitel 4: „道冲而用之或不盈" („Das Tao ist wie ein Gefäß, das man gebraucht, aber nie gefüllt wird") — die Leere des Tao ist genau der Grund, warum es nie erschöpft werden kann.
Ähnliche Ansichten: Bedeutungsgleich mit Kapitel 4 des Laozi: „道冲而用之或不盈" („Das Tao ist wie ein Gefäß, das man gebraucht, aber nie gefüllt wird").
Übersetzung: Es zieht sich endlos hin, als ob es da wäre; seine Wirkung bedarf keiner Anstrengung.
Deutung: „用" nimmt die substantivische Bedeutung „Wirkung, Funktion" an. Diese Deutung betont: Die Wirkung des Tao ist spontan und natürlich (自然) — sie bedarf keiner äußeren Kraft als Antrieb, keiner Mühe und keiner bewussten Absicht. Blumen blühen auf und fallen ab, die vier Jahreszeiten kreisen — all dies ist die Wirkung des Tao, die sich natürlich entfaltet, ohne mühsame Arbeit. Diese Bedeutung stimmt in hohem Maße mit Laozis Gedanken des „Nicht-Handelns und doch ist nichts ungetan" (无为而无不为) überein.
Ähnliche Ansichten: Stimmt überein mit der Philosophie des Laozi des „Nicht-Handelns und doch ist nichts ungetan" (无为而无不为).
Übersetzung: Es ist fein und zart, als ob es da wäre; man braucht nicht hastig oder häufig daraus zu schöpfen.
Deutung: „绵绵" nimmt den Sinn von fein und zart an, „勤" die Bedeutung „häufig, hastig". Unter dem Gesichtspunkt der Lebenspflege und Selbstvervollkommnung verstanden: Das Atmen und Lenken des Qi soll hauchfein und subtil sein wie der Tao-Leib selbst, zwischen Sein und Nichtsein schwebend. Man darf den Atem nicht hastig oder häufig gebrauchen; es soll entspannt und natürlich sein. Diese Deutung stellt das gesamte Kapitel in den Rahmen der Atemübungen und stimmt am engsten mit Heshanggongs Kommentar überein.
Ähnliche Ansichten: Heshanggong: „用气当宽舒,不当急疾勤劳也" („Der Gebrauch des Qi soll entspannt und gelassen sein, nicht hastig und nicht mühevoll").
Übersetzung: Endlos sich erstreckend und wahrhaft existierend; man schöpft daraus und es wird nie erschöpft.
Deutung: „若" nimmt die Bedeutung „und, ferner" (Konjunktion) an, nicht „als ob". Diese Deutung verändert den Tonfall des gesamten Satzes: „绵绵若存" ist nicht mehr die unsichere Beschreibung „als ob es da wäre", sondern die bekräftigende Aussage „endlos sich erstreckend und wahrhaft existierend". Das Tao ist sowohl unendlich als auch wirklich — es ist keine ätherische Schimäre, sondern die substantiellste Kraft im Kosmos.
Ähnliche Ansichten: Eine alternative philologische Lesart von „若" durch eine Minderheit von Gelehrten.
Dieses Kapitel enthält 18 Deutungskombinationen.
[Kerndifferenzen]
Das sechste Kapitel stellt die Kernmerkmale des Tao-Leibes durch ein äußerst spannungsreiches Bild dar — den „Geist des Tals" (谷神). Ein Bergtal ist leer und doch fähig, alles aufzunehmen, geheimnisvoll und doch nicht zu fassen, ewig und doch nie dem Verfall unterworfen; wenn diese beiden Eigenschaften eins werden, haben wir die weibliche Schöpfungskraft des Tao. Laozi nennt dies das „Geheimnisvolle Weibliche" (玄牝) — den tiefen Mutterschoß — und verleiht der kosmischen Schöpfungskraft die feminisierte Bildsprache nachgiebiger Empfänglichkeit, im Einklang mit der Aussage des ersten Kapitels, dass „das Benannte die Mutter aller Dinge ist" (有名万物之母). „Das Tor des Geheimnisvollen Weiblichen nennt man die Wurzel von Himmel und Erde" — dieses unsichtbare Tor ist die wahre Wurzel und der Ursprung von Himmel, Erde und allen Dingen, grundlegender als alles Sichtbare und Greifbare. „Zart und fein, als ob es da wäre; man schöpft daraus und es erschöpft sich nie" beschließt das Kapitel: Das Wirken des Tao schwebt zwischen Sein und Nichtsein, zieht sich ungebrochen hin — gerade weil es nicht zu sein scheint, kann es nie versiegen. Wang Bi deutet vom ontologischen Standpunkt, Heshanggong vom Standpunkt der Lebenspflege — sie bilden die beiden klassischen Traditionen der Laozi-Kommentierung. Dieses Kapitel ist ein klassischer Ausdruck von Laozis weiblicher Kosmologie und hat tiefgreifenden und nachhaltigen Einfluss auf die spätere taoistische Verehrung des Weiblichen und den Glauben an die „Muttergottheit" ausgeübt.